Die Neurologie und Psychiatrie sind zwei medizinische Fachgebiete, die sich mit Erkrankungen des Nervensystems bzw. psychischen Erkrankungen befassen. Obwohl es sich um unterschiedliche Disziplinen handelt, gibt es auch viele Überschneidungen und Gemeinsamkeiten, insbesondere in Bezug auf die Diagnostik und Behandlung von Patienten. An der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) arbeiten beide Fachrichtungen eng zusammen, um eine umfassende Versorgung der Patienten zu gewährleisten.
Historische Entwicklung in Deutschland und Greifswald
Die Entwicklung der Neurologie und Psychiatrie in Deutschland verlief nach dem Zweiten Weltkrieg unterschiedlich. Während in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ab den 1960er-Jahren eine zunehmende Abgrenzung der Neurologie gegenüber der Psychiatrie stattfand, blieben in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) beide Fächer eng miteinander verbunden, nicht zuletzt aus ideologischen Gründen. Erst Anfang der 1980er-Jahre führte die zunehmende Profilierung und Spezialisierung der Neurologie zur Sektionsbildung in der Fachgesellschaft für Psychiatrie und Neurologie und so zur Emanzipation des Fachs. Eigenständige Kliniken etablierten sich zumeist erst nach 1990.
In Greifswald hingegen bestand durchgängig eine verbundene Klinik. Eine Forschungsgruppe hat die Entwicklung der Neurologie in Greifswald von den Anfängen bis 1974 untersucht.
Geschlechtsspezifische Aspekte in der Medizin
Ein neues Projekt der Universitätsmedizin und der Universität Greifswald soll den Aspekt des Geschlechts mehr ins Bewusstsein von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der frühen Karrierephase rücken. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert das Vorhaben namens „Inklusive Exzellenz in der Medizin“ über einen Zeitraum von fünf Jahren mit insgesamt 1,5 Millionen Euro. Geschlechtsbezogene Aspekte spielen in der Medizin eine bedeutende Rolle. Das klassische Beispiel sei der Herzinfarkt, der sich bei Männern anders äußere als bei Frauen. Auch im Bereich der mentalen Gesundheit gebe es wesentliche Unterschiede. So seien die genetischen Grundlagen für Depressionen sowie die Symptome bei Frauen und Männern abweichend. Eine geschlechtssensible Perspektive ist für viele verschiedene Fachbereiche unabdingbar und kann Folgen für Diagnostik, Behandlung oder Risikovorhersage haben. Hauptzielgruppe des Projekts sind daher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der frühen Karrierephase, auch „Early Career Researcher“ genannt - das Projekt soll bei ihnen zu einer „realitätsabbildenden Grundlagenforschung“ beitragen. Das Projektteam will dazu eng mit verschiedenen Akteuren der Uni Greifswald zusammenarbeiten, zum Beispiel aus dem Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG).
Neurologie in Greifswald
Die neurologischen Stationen in Greifswald verfügen über eine hochmoderne medizinische Ausstattung. Die Ergotherapie spielt in der Neurologie eine wichtige Rolle, um die Selbstversorgung des Patienten zu verbessern bzw. zu erhalten, so dass dieser seinen Alltag weitestgehend selbstständig und selbstbestimmt bewältigen kann. Therapeutische Maßnahmen richten sich hier auf sensorische und motorische Fertigkeiten, interaktive Kompetenzen sowie die Kommunikation. Darüber hinaus soll der Patient seine kognitiven Fähigkeiten, wie z.B. Konzentration, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Orientierung, Gedächtnis und Handlungsplanung, verbessern bzw. erhalten können. Auch die Förderung sozioemotionaler Kompetenzen (etwa situationsgerechte Verhaltensweisen) oder zwischenmenschlicher Beziehungen kann ein Bestandteil der Therapie sein.
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Die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie ist ebenfalls Teil der Universitätsmedizin Greifswald.
Schlaganfallversorgung
Ein Schlaganfall kann verschiedene Ursachen haben: Gefäßverkalkungen, Arteriosklerose, Hirnblutung.
Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche
Die Kinderklinik der Unimedizin Greifswald (UMG) ist jetzt zertifiziertes Zentrum für Epilepsie bei Kindern und Jugendlichen. Die Zertifizierung erfolgte durch die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie und die Arbeitsgemeinschaft prächirurgische Epilepsiediagnostik und operative Epilepsietherapie. Es ist das erste und einzige Zentrum dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern. In der Kinderklinik leitet Professorin Astrid Bertsche das Epilepsie-Zentrum. Sie ist zugleich Leiterin der Neuropädiatrie. Zu den für eine Zertifizierung erforderlichen Voraussetzungen zählen u.a. Zusatzqualifikationen der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, eine klinikübergreifende Zusammenarbeit und spezialisierte Sprechstunden. Dem Zentrum stehen Betten auf der neuropädiatrischen Station der Kinderklinik und zwei Überwachungsplätze für Kinder in der gemeinsamen Epilepsie-Monitoring-Einheit mit der Neurologie zur Verfügung. Weiteres Ziel des UMG ist der Ausbau eines telemedizinischen Netzwerkes, das kleinere Kinderkliniken bei der Betreuung junger Menschen mit Epilepsie unterstützt. Dieses Regionale Telepädiatrische Netzwerk (RTP-Net) wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) finanziert und vom Institut für Community Medicine der Unimedizin Greifswald koordiniert.
Aktuelle Forschung und Therapieansätze in der Neurologie
- Alzheimer-Krankheit: Mit der Zulassung von Donanemab gibt es nun auch in Europa eine neue kausale Behandlungsoption für die frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit. Das Präparat hat das Potenzial, den kognitiven und funktionellen Abbau im Frühstadium der Erkrankung klinisch signifikant zu verlangsamen.
- Multiple Sklerose (MS): Aktuelle Studien zur Therapie einer Multiplen Sklerose (MS) mit Ocrelizumab belegen, dass der Anti-CD20-Antikörper nicht nur im Langzeitverlauf, sondern auch beim frühen Einsatz wirksam und sicher ist − sowohl bei schubförmiger MS (RMS) als auch bei primär progredienter MS (PPMS). Zudem zeigen neue Daten das Potenzial von Ocrelizumab bei pädiatrischer RRMS. Real-World-Daten bestätigen auch Ofatumumab als Erstlinientherapie bei aktiver RMS.
- Myasthenia gravis: Die European Medicines Agency (EMA) hat die Zulassung für den neonatalen Fc-Rezeptor (FcRn)-Inhibitor Nipocalimab als Zusatz zur Standardtherapie bei generalisierter Myasthenia gravis (gMG) erteilt.
- Migräne: Atogepant zeigt Wirksamkeit bei akuter Migränebehandlung.
- Schlaganfall: Die Phase-III-Studie OCEANIC-STROKE zur Sekundärprävention von Schlaganfällen hat ihre primären Wirksamkeits- und Sicherheitsendpunkte erreicht. Sie zeigte die Überlegenheit von Asundexian in Kombination mit Thrombozytenaggregationshemmung und reduzierte signifikant das Risiko für ischämische Schlaganfälle, ohne die Rate schwerer ISTH-Blutungen im Vergleich zu Placebo mit Thrombozytenaggregationshemmung zu erhöhen.
- Parkinson-Krankheit: Im Mittelpunkt des AbbVie Parkinson-Forums standen praxisrelevante Fragen zur Therapie der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit.
Psychiatrie in Greifswald
Die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist ebenfalls Teil der Universitätsmedizin Greifswald.
Innovative Behandlung von Depressionen
An der Universitätsmedizin Greifswald können Patienten mit Depressionen mit einem innovativen Verfahren behandelt werden. Stationäre Patienten der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie werden dafür täglich nur wenige Minuten mit der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation (TMS) behandelt. Die Behandlung erfolgt mit einer Magnetspule, die auf den Kopf des Patienten gelegt wird. Unterschiedliche Stimulationen führen dann zu einer Erregung oder Hemmung der darunter liegenden Hirnareale. Dies sei bei Depressionen besonders effektiv, wie Prof. Michael Lucht von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie betont. So gebe es Hirnareale, die bei Menschen mit Depressionen nur eingeschränkt funktionsfähig sind. „Dadurch können negative Emotionen und Gedanken nicht eingeordnet werden“, erklärt Lucht. Für die Betroffenen bedeute das, dass es ihnen durch die verringerte Aktivität in dem Hirnareal schwerfalle, negative Informationen zu kontrollieren. Für die Behandlung werden die Patienten in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie stationär aufgenommen. Je nach Schweregrad besteht die Therapie aus bis zu dreißig Sitzungen. Jede Sitzung besteht aus einer 15-minütigen Stimulation in den Behandlungsräumen der Klinik für Neurologie. „Die Behandlung erfolgt täglich jeden Morgen und ist eingebettet in das multimodale Behandlungskonzept innerhalb der Klinik für Psychiatrie“, hebt Matthias Grothe hervor.
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Aktuelle Forschung und Therapieansätze in der Psychiatrie
- Psychosoziale Therapien: Eine umfassend überarbeitete, diagnoseübergreifende S3-Leitlinie „Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen" der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) bündelt Empfehlungen dazu, welche Angebote wirksam sind, für wen sie geeignet sind und wie sie erfolgreich im Versorgungsalltag umgesetzt werden können.
- Depression: Ein Forschungsteam der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg hat einen neuen Mechanismus entdeckt, der die Entwicklung schnell wirksamer Antidepressiva ermöglichen könnte. Im Zentrum der Studie steht der Wirkstoff NAB-14. Jede zweite Person in Deutschland hat im Internet bereits zu Depression recherchiert. Bei den tatsächlich Erkrankten sind es sogar 78%. Je 17% der Betroffenen informieren sich über künstliche Intelligenz (KI) und soziale Medien.
- Chronische Insomnie: Die chronische Insomnie ist eine eigenständige Erkrankung, deren Weiterbestehen mit Folgen für die psychische und physische Gesundheit einhergehen kann. Moderne Therapieoptionen eröffnen innovative Wege, um diesen Zusammenhängen zu begegnen.
- KI-gestützte Diagnostik: Ein Kölner Forschungsteam testete, wie drei große Sprachmodelle Überschneidungen und Redundanzen in klinischen Fragebögen zu psychischen Erkrankungen feststellen können. Große Sprachmodelle können dazu beitragen, die Fragebögen zur Diagnosestellung psychischer Erkrankungen zu verbessern, indem sie die Verallgemeinerbarkeit von Symptomen optimieren und Redundanzen reduzieren.
- ADHS: In einer neuen Studie wurden seltene genetische Varianten identifiziert, die das Risiko für die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) deutlich erhöhen.
- Gewichtszunahme-Risiko: Forschende entwickelten ein KI-Modell, das den Body Mass Index (BMI) aus Gehirnaufnahmen abschätzt. Besonders bei jüngeren Menschen mit einem hohen Psychoserisiko korrelierten die Schätzungen der KI mit späterer Gewichtszunahme.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Obwohl Neurologie und Psychiatrie unterschiedliche Schwerpunkte haben, gibt es auch viele Gemeinsamkeiten. Beide Fachgebiete befassen sich mit Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, und viele Symptome können sowohl neurologische als auch psychiatrische Ursachen haben. So können beispielsweise Depressionen und Angstzustände als Folge neurologischer Erkrankungen auftreten, während neurologische Symptome wie Kopfschmerzen und Schwindel bei psychischen Erkrankungen vorkommen können.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsmedizin Greifswald ermöglicht eine umfassende und interdisziplinäre Versorgung der Patienten. Durch die Kombination der Expertise beider Fachrichtungen können Diagnosen präziser gestellt und Behandlungen individueller auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmt werden.
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