Chronische Nierenerkrankungen (CKD) und Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), die eine Liquordiagnostik erfordern, scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Diagnose von Niereninsuffizienz und stellt die Verbindung zur Liquordiagnostik her, wobei die Bedeutung einer frühzeitigen Erkennung und umfassenden Diagnostik hervorgehoben wird.
Einleitung
Die Niereninsuffizienz, oft auch als Nierenschwäche bezeichnet, ist eine fortschreitende Verschlechterung der Nierenfunktion. Sie entwickelt sich häufig schleichend und bleibt lange unbemerkt. Die Liquordiagnostik hingegen ist ein wichtiges Verfahren zur Untersuchung des Nervenwassers (Liquor cerebrospinalis), das Gehirn und Rückenmark umgibt. Obwohl diese beiden Bereiche unterschiedliche Organe betreffen, können sie in bestimmten Situationen miteinander in Verbindung stehen, beispielsweise bei Entzündungen oder systemischen Erkrankungen.
Chronische Nierenerkrankung (CKD): Eine unterschätzte Gefahr
Chronische Nierenerkrankungen (CKD) werden häufig zu spät erkannt, wodurch ihre tatsächliche Verbreitung (Prävalenz) stark unterschätzt wird. Eine Studie, die auf Daten aus elf Ländern, darunter Deutschland, basiert, zeigt, dass etwa jede/r Zehnte eine CKD hat, wobei zwei Drittel der Fälle unerkannt bleiben. Über Jahre hinweg können Nierenschädigungen ohne erkennbare Symptome oder pathologische Creatinin-Werte fortschreiten.
Ursachen und Risikofaktoren der CKD
Neben bereits bestehenden Nierenschäden, chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus und der Einnahme bestimmter Medikamente spielt auch die Familienanamnese eine wichtige Rolle bei der Einschätzung des Risikos für eine Nierenerkrankung. Zu den Hauptursachen und Risikofaktoren gehören:
- Diabetes mellitus: Bei 20-40 % der Diabetiker entwickelt sich eine diabetische Nephropathie, meist innerhalb von 10 Jahren nach Beginn der Diabetes.
- Bluthochdruck: Erhöhter Blutdruck kann die Nieren schädigen und zu einer CKD führen.
- Metabolisches Syndrom: Das Vorliegen eines metabolischen Syndroms erhöht das Risiko für Nierenerkrankungen.
- Glomerulonephritis: Entzündliche Nierenerkrankungen, wie die IgA-Nephropathie, können zu einer CKD führen.
- Weitere Risikofaktoren: Proteinurie, Rasse/Ethnizität und genetische Prädisposition.
Frühzeitige Erkennung ist entscheidend
In den frühen, symptomfreien Stadien ist die Erkennung einer CKD oft nur durch die regelmäßige Bestimmung der Albumin-Konzentration im Urin möglich. Mit zunehmender Beeinträchtigung der Nierenfunktion steigt der Albumin-Wert im Urin häufig an. Die laborchemisch gemessene Urin-Albumin-Creatinin-Ratio (UACR) ermittelt das Verhältnis zwischen Albumin- und Creatinin-Konzentration im Urin und wird beispielsweise durch variable Trinkmengen weniger beeinflusst. Die quantitative Bestimmung von Albumin im Urin gilt als sensitiver und präziser.
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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass verschiedene Faktoren die Albumin-Ausscheidung im Urin beeinflussen können. Eine schlechte Blutzuckereinstellung, körperliche Anstrengung oder Dehydrierung können eine temporäre Erhöhung verursachen. Daher sollten zur Diagnose einer Mikroalbuminurie mindestens zwei von drei Urinuntersuchungen erhöhte Albuminwerte zeigen. Die parallele Messung von Alpha2-Makroglobulin im Urin kann die diagnostische Aussagekraft erhöhen und eine postrenale Blutbeimengung als Ursache der Albumin- bzw. Proteinurie ausschließen.
Bedeutung der Proteinuriediagnostik
In der quantitativen Proteinuriediagnostik differenziert die zusätzliche Bestimmung von IgG im Urin bei pathologischer Albuminurie zwischen einer selektiven (nur Albumin) und einer unselektiven (Albumin und IgG) glomerulären Proteinurie.
Kreatinin und Cystatin C als Marker der Nierenfunktion
Die Analyse der endogenen Creatinin-Clearance aus 24-Stunden-Sammelurin und parallelem Serum wird aus Gründen der Praktikabilität selten durchgeführt. Bei nur moderater Reduktion der Nierenfiltrationsleistung kommt es allerdings noch nicht zu einem Anstieg des Serum-Creatinins (sog. Creatinin-blinder Bereich). Die Bestimmung des Serum-Creatinins alleine ist somit kein zuverlässiger Marker für eine beginnende Nierenschädigung. Außerdem ist die absolute Creatinin-Menge abhängig von der individuellen Muskelmasse.
Cystatin C wird mit einer stabilen Bildungsrate von nahezu allen kernhaltigen Zellen synthetisiert. Die Elimination aus dem Blut erfolgt ausschließlich über glomeruläre Filtration, sodass die Serumkonzentration allein von der Filtrationsleistung der Niere abhängt. Im Urin lässt sich dieser Parameter nicht nachweisen, da Cystatin C tubulär reabsorbiert und metabolisiert wird. Zudem ist Cystatin C weitgehend unabhängig von extrarenalen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Ernährung und Körperkonstitution. Vor allem bei älteren Menschen und Kindern empfiehlt sich die Abschätzung der Nierenfunktion über die Analyse von Cystatin C.
Seltene Anforderung von Urin-Albumin-Creatinin-Ratio (UACR) bei Diabetes
Die Untersuchungen aus den medizinischen Laboren im LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen von 2013 bis 2019 zeigen, dass bei 148.851 HbA1c-Messungen nur 352-mal zusätzlich die Urin-Albumin-Creatinin-Ratio angefordert wurde. Selbst bei der Diagnose eines Diabetes mellitus wurde die Albumin-Konzentration im Urin nur bei sehr wenigen Patient*innen (142 = 0,34%) bei den Laboren angefordert. Dies verdeutlicht, dass die Früherkennung der diabetischen Nephropathie noch verbessert werden muss.
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Liquordiagnostik: Untersuchung des Nervenwassers
Die Liquordiagnostik, auch Nervenwasseruntersuchung genannt, ist ein wichtiges diagnostisches Verfahren zur Beurteilung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS). Dabei wird durch eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser im Lendenbereich) Liquor cerebrospinalis gewonnen und anschließend im Labor untersucht.
Was ist Liquor cerebrospinalis?
Der Liquor, auch Hirnwasser oder Nervenwasser genannt, umgibt Gehirn und Rückenmark und dient als Nähr- und Puffersubstanz. Er wird in den inneren Nervenwasserräumen an bestimmten Strukturen (Plexus choroideus) aus dem Blut gefiltert und wieder in die Blutbahn aufgenommen, wodurch ein Kreislauf entsteht. Erwachsene haben etwa 100-200 ml Liquor, wobei täglich 500-700 ml neu gebildet werden.
Wann wird eine Liquordiagnostik durchgeführt?
Eine Liquordiagnostik wird bei Verdacht auf verschiedene Erkrankungen des ZNS durchgeführt, darunter:
- Entzündliche Erkrankungen: Bakterielle (Meningitis), virale oder parasitäre/Pilz-bedingte Entzündungen des Gehirns oder der Hirnhäute.
- Autoimmunerkrankungen: Zum Beispiel Multiple Sklerose (MS).
- Blutungen: Nachweis oder Ausschluss einer Hirnblutung.
- Tumorerkrankungen: Nachweis von Tumorzellen im Liquor.
- Demenzen: Diagnostik anderer Hirnerkrankungen wie Demenzen.
Was wird bei einer Lumbalpunktion untersucht?
- Aussehen des Liquors: Normalerweise ist der Liquor klar wie Wasser. Rötliche oder gelbliche Verfärbungen können auf Blutungen hindeuten.
- Zellzahl: Erhöhte Zellzahlen können auf Entzündungen hinweisen.
- Protein: Erhöhte Proteinkonzentrationen können ebenfalls auf Entzündungen oder andere Erkrankungen hindeuten.
- Laktat: Erhöhte Laktatwerte können auf bakterielle Infektionen hinweisen.
- Glukose: Erniedrigte Glukosewerte können ebenfalls auf bakterielle Infektionen hindeuten.
- Weitere Analysen: Erreger, Antikörper, rheumatologische Marker oder Tumorzellen.
Wie läuft eine Lumbalpunktion ab?
Die Lumbalpunktion wird in der Regel im Sitzen oder Liegen durchgeführt. Der Arzt führt eine spezielle Hohlnadel in den Wirbelkanal unterhalb des Rückenmarks ein, um Nervenwasser zu entnehmen. Der Eingriff erfolgt meist unter örtlicher Betäubung und dauert in der Regel 10-15 Minuten.
Mögliche Komplikationen der Lumbalpunktion
Mögliche, aber seltene Nebenwirkungen der Lumbalpunktion sind:
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- Postpunktioneller Kopfschmerz: Dieser tritt nur in aufrechter Körperhaltung auf und heilt meist spontan wieder aus.
- Unspezifischer Schwindel, Unwohlsein, Nackensteifigkeit, Lichtscheu oder Ohrgeräusche.
- Schwere Komplikationen wie Blutungen oder Infektionen sind extrem selten.
Liquordiagnostik bei Multipler Sklerose (MS)
Ein wichtiger Beitrag zur Diagnose von Multipler Sklerose (MS) leistet die Liquordiagnostik. Bei etwa drei Viertel der MS-Patienten lassen sich vermehrt bestimmte Eiweißkörper, sogenannte oligoklonale Banden, im Liquor nachweisen.
Zusammenhang zwischen Niereninsuffizienz und Liquordiagnostik
Obwohl Niereninsuffizienz und Erkrankungen, die eine Liquordiagnostik erfordern, unterschiedliche Bereiche des Körpers betreffen, gibt es dennoch mögliche Zusammenhänge:
- Systemische Erkrankungen: Bestimmte systemische Erkrankungen, wie z.B. Autoimmunerkrankungen oder Infektionen, können sowohl die Nieren als auch das ZNS betreffen und somit sowohl zu einer Niereninsuffizienz als auch zu Auffälligkeiten im Liquor führen.
- Medikamentöse Therapien: Einige Medikamente, die zur Behandlung von Nierenerkrankungen eingesetzt werden, können Nebenwirkungen auf das ZNS haben und umgekehrt. In solchen Fällen kann eine Liquordiagnostik erforderlich sein, um die Ursache neurologischer Symptome abzuklären.
- Differentialdiagnose: In manchen Fällen können ähnliche Symptome sowohl durch eine Nierenerkrankung als auch durch eine Erkrankung des ZNS verursacht werden. Die Liquordiagnostik kann dann helfen, die richtige Diagnose zu stellen.
Akute Nierenschädigung (AKI)
Die akute Nierenschädigung (AKI), auch als akutes Nierenversagen (ARF) bezeichnet, ist ein plötzlicher Verlust der Nierenfunktion, der sich innerhalb von Stunden oder Tagen entwickelt.
Ursachen der AKI
Die häufigsten Ursachen einer AKI sind:
- Toxizität von Arzneimitteln
- Volumenmangel (Dehydratation)
- Sepsis (Blutvergiftung)
- Herzerkrankungen
- Polytrauma (Mehrfachverletzungen)
- Lebererkrankungen
- Obstruktion der Harnwege (z.B. durch Nierensteine oder eine vergrößerte Prostata)
Diagnose der AKI
Die AKI wird diagnostiziert anhand von:
- Anstieg des Serum-Creatinins
- Abfall des Urinvolumens (Oligurie)
- Verminderung der glomerulären Filtrationsrate (GFR)
- Metabolische Störungen (z.B. metabolische Azidose, Hyperkaliämie)
AKI und Leberzirrhose
Die AKI tritt häufig bei Patienten mit Leberzirrhose auf. Die portale Hypertension, die durch die veränderte Leberarchitektur verursacht wird, ist ein wichtiger Faktor in der Pathogenese.
Therapie der Niereninsuffizienz
Die Therapie der Niereninsuffizienz richtet sich nach der Ursache und dem Stadium der Erkrankung. Zu den wichtigsten Behandlungsmaßnahmen gehören:
- Behandlung der Grunderkrankung: Bei einer diabetischen Nephropathie ist beispielsweise eine gute Blutzuckereinstellung entscheidend.
- Blutdruckkontrolle: Eine gute Blutdruckeinstellung ist wichtig, um das Fortschreiten der Nierenschädigung zu verlangsamen.
- Ernährungsumstellung: Eine angepasste Ernährung kann die Nieren entlasten.
- Medikamentöse Therapie: Verschiedene Medikamente können eingesetzt werden, um die Nierenfunktion zu unterstützen und Komplikationen zu behandeln.
- Nierenersatztherapie: Im fortgeschrittenen Stadium der Niereninsuffizienz ist eine Nierenersatztherapie (Dialyse oder Nierentransplantation) erforderlich.
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