Objektive Befunde bei Migräne: Ein umfassender Überblick

Die Migräne ist eine weitverbreitete neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Obwohl die Forschung auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht hat, sind die zugrunde liegenden Mechanismen und objektiven Befunde der Migräne weiterhin Gegenstand intensiver Untersuchungen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zu objektiven Befunden bei Migräne, einschließlich der Pathophysiologie, der Wirksamkeit verschiedener Behandlungen und der Bedeutung einer multimodalen Therapie.

Pathophysiologie der Migräne

Die Pathophysiologie der Migräne ist komplex und multifaktoriell. Es wird angenommen, dass genetische Faktoren, Umwelteinflüsse und Veränderungen in der Gehirnaktivität eine Rolle spielen. Eine wichtige Rolle spielt das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Neuropeptid, das an der Schmerzübertragung und der Vasodilatation beteiligt ist. Während eines Migräneanfalls steigt der CGRP-Spiegel an und normalisiert sich beim Abklingen der Kopfschmerzen.

Kortikale Streudepolarisation

Ein weiteres wichtiges Phänomen in der Pathophysiologie der Migräne ist die kortikale Streudepolarisation (CSD). CSD ist eine sich langsam ausbreitende Welle neuronaler Erregung, gefolgt von einer vorübergehenden Depression der neuronalen Aktivität. Dieses Phänomen wurde erstmals 1944 beschrieben und wird heute als ein möglicher Auslöser der Migräneaura angesehen. Während der CSD werden verschiedene Botenstoffe freigesetzt, die das Schmerzempfinden beeinflussen und neurogene Entzündungen verursachen können.

Hirnnerven und Schmerzwahrnehmung

Bestimmte sensorische Innervationen der Hirnhäute spielen eine wichtige Rolle für das Schmerzgeschehen bei Migräne. Es wird angenommen, dass die Nervenzellen in der Hirnrinde von Migränepatienten besonders leicht erregbar sind und eine gesteigerte Reizverarbeitung besitzen (Hypererregbarkeit). Die Nerven reagieren mit der Sezernierung von entzündungsfördernden Stoffen, wodurch sogenannte neurogene Entzündungen verursacht werden.

Durchblutung des Gehirns

Die Durchblutung des Gehirns und die Sauerstoffversorgung des Nervengewebes spielen ebenfalls eine Rolle bei Migräne. Insbesondere bei Migräne mit Aura kann es während der CSD zu einer Beeinträchtigung der Durchblutung einzelner Hirnareale kommen, was zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff führt.

Lesen Sie auch: Meldepflicht bei MRSA-Befunden

Diagnosestellung bei Migräne

Die Diagnose der Migräne basiert hauptsächlich auf den Angaben des Patienten und der klinischen Untersuchung. Objektive Befunde aus Labor oder Bildgebung gibt es nicht. Es ist wichtig, die Migräne von anderen Kopfschmerzarten, wie z. B. Spannungskopfschmerzen, zu unterscheiden.

Neurologische Untersuchung

Eine sorgfältige neurologische Untersuchung ist wichtig, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. Die Untersuchung umfasst die Prüfung der Pupillenreaktion, der Augenbewegungen, der Muskelkraft, der Sensibilität und der Reflexe. Bei Verdacht auf eine Subarachnoidalblutung oder andere schwerwiegende Erkrankungen können bildgebende Verfahren wie CT oder MRT erforderlich sein.

Migräne-Aura

Bei etwa 20 Prozent der Patienten treten vor Beginn der Kopfschmerzphase neurologische Ausfallerscheinungen auf, die sogenannte Aura. Die Aura kann sich in Form von Sehstörungen (z. B. Flimmern, Zickzacklinien, Gesichtsfeldausfälle),Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen äußern.

Behandlung von Migräne

Die Behandlung der Migräne umfasst sowohl die Akutbehandlung von Migräneanfällen als auch die vorbeugende Behandlung zur Reduktion der Häufigkeit und Intensität der Anfälle.

Akutbehandlung

Zur Akutbehandlung von Migräneanfällen werden in der Regel Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) eingesetzt. Bei stärkeren Anfällen können Triptane erforderlich sein. Triptane sind spezifische Migränemittel, die gefäßverengend, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken. In einigen Fällen kann auch die Verabreichung eines Antiemetikums (gegen Übelkeit) sinnvoll sein.

Lesen Sie auch: Schlaganfall-Rehabilitation: Die Rolle der Physiotherapie

Vorbeugende Behandlung

Die vorbeugende Behandlung der Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneanfälle zu reduzieren. Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Vorbeugung eingesetzt werden können, darunter Betablocker (z. B. Metoprolol oder Propranolol), Antikonvulsiva (z. B. Valproinsäure oder Topiramat) und Antidepressiva (v. a. trizyklische Antidepressiva).

Erenumab (Aimovig®)

Erenumab (Aimovig®) ist ein rekombinanter humaner monoklonaler IgG2-Antikörper, der im Juli 2018 zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat zugelassen wurde. Erenumab bindet an den Calcitonin-Gene-Related-Peptide(CGRP)-Rezeptor und hemmt dadurch seine Funktion. Die empfohlene Dosis beträgt 70 mg Erenumab alle vier Wochen. Zugelassen ist auch eine Dosis von 140 mg, ohne dass ein Vorteil der höheren Dosierung durch Studien belegt ist.

Erenumab wird subkutan am Abdomen, am Oberschenkel oder an der Außenseite des Oberarms appliziert. Patienten sollen nach angemessener Schulung Erenumab selbst verabreichen. Unerwünschte Wirkungen wie Reaktionen an der Injektionsstelle, Obstipation, Muskelspasmen und Juckreiz treten unter Erenumab häufiger als unter Placebo auf und zeigen eine gewisse Dosisabhängigkeit.

Studien zur Wirksamkeit von Erenumab

Erenumab wurde in mehreren klinischen Studien untersucht. In einer Phase-IIb-Studie mit Patienten mit chronischer Migräne (CM) reduzierte Erenumab die durchschnittlichen Migränetage pro Monat signifikant im Vergleich zu Placebo. In einer Phase-III-Studie mit Patienten mit episodischer Migräne (EM) zeigte Erenumab ebenfalls eine signifikante Reduktion der monatlichen Migränetage im Vergleich zu Placebo.

Einschränkungen und Risiken von Erenumab

Obwohl Erenumab eine vielversprechende Option zur Migräneprophylaxe darstellt, gibt es auch einige Einschränkungen und Risiken zu beachten. Patienten > 65 Jahre oder mit kardiovaskulären Ereignissen in der Vorgeschichte wurden von den Zulassungsstudien ausgeschlossen. Die Risiken einer langfristigen Blockade von CGRP mit Erenumab - insbesondere hinsichtlich kardiovaskulärer Nebenwirkungen - können zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend beurteilt werden, da Langzeitdaten zur Anwendung von Erenumab fehlen.

Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie

Multimodale Therapie

Neben der medikamentösen Behandlung spielt auch die multimodale Therapie eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Migräne. Die multimodale Therapie umfasst verschiedene nicht-medikamentöse Verfahren, wie z. B. Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, Physiotherapie, Bewegung und Sport.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie kann Migränepatienten helfen, ihre Auslöser zu identifizieren und Strategien zur Bewältigung von Stress und Anspannung zu entwickeln.

Entspannungsverfahren

Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Biofeedback können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren und die vegetative Funktionen zu regulieren.

Physiotherapie

Die Physiotherapie kann helfen, Muskelverspannungen im Kopf-, Gesichts- und Kieferbereich zu lösen.

Bewegung und Sport

Regelmäßige Bewegung und Sport können helfen, Stress abzubauen und die allgemeine Gesundheit zu verbessern.

Hormonell bedingte Migräne

Bei Frauen kann die Migräne durch hormonelle Veränderungen beeinflusst werden. Insbesondere der Abfall von Östrogen im Blut kann zu Kopfschmerzen führen. Weibliche Geschlechtshormone beeinflussen nach Meinung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft vermutlich auch die Verarbeitung schmerzhafter Reize im Gehirn.

tags: #objektive #befunde #bei #migrane