Op am Hirnstamm durch die Nase: Risiken, Verfahren und Behandlungsansätze

Die Diagnose eines Hirntumors ist für Betroffene oft ein Schock. Glücklicherweise sind viele dieser Geschwülste behandelbar, können verkleinert, im Wachstum gehemmt oder sogar vollständig entfernt werden. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken und verschiedenen Aspekte von Operationen am Hirnstamm, insbesondere durch die Nase, sowie alternative Behandlungsansätze.

Der Hirnstamm: Eine zentrale Struktur

Der Hirnstamm ist ein lebenswichtiger Teil des Gehirns, der das Großhirn mit dem Rückenmark verbindet. Er besteht aus drei Hauptabschnitten:

  • Mittelhirn (Mesencephalon): Begrenzt durch das Zwischenhirn nach oben und die Brücke nach unten, enthält es Nervenzellkörper für Muskelaktivitäten (z.B. Substantia nigra, Nucleus ruber) und die Ursprungsorte des III. und IV. Hirnnervs.
  • Brücke (Pons): Begrenzt durch das verlängerte Mark nach unten, das Mittelhirn nach oben und das Kleinhirn nach hinten, enthält sie Nervenzellkörper für den V. bis VIII. Hirnnerv sowie Teile des Atem-, Kreislauf- und Aktivitätszentrums.
  • Verlängertes Mark (Medulla oblongata): Geht direkt ins Rückenmark über und wird vom Kleinhirn überdeckt. Hier befinden sich die Ursprungsorte für den IX. bis XII. Hirnnerv, und im vorderen Anteil verdickt sich die Pyramidenbahn.

Im Hirnstamm liegen auch die Ursprungsorte der zwölf Hirnnervenpaare, die Hirnnervenkerne. Diese Nerven sind für verschiedene Funktionen im Kopf- und Halsbereich zuständig, wie z.B. Geruch, Sehen, Augenbewegung, Gesichtsempfindung, Hören, Gleichgewicht, Schlucken und Sprechen.

Hirnnerven: Überblick und Funktionen

Es gibt insgesamt zwölf Hirnnervenpaare, die unterschiedliche Funktionen erfüllen:

  1. Nervus olfactorius (Riechnerv): Zuständig für die Geruchswahrnehmung.
  2. Nervus opticus (Sehnerv): Eine Leitungsbahn des Gehirns, die für das Sehen zuständig ist. In der Kinderkrebsheilkunde spielt der Sehnerv eine wichtige Rolle, da er durch Tumoren wie Retinoblastome oder niedriggradig maligne Gliome geschädigt werden kann.
  3. Nervus oculomotorius (Augenmuskelnerv): Zusammen mit dem IV. und VI. Hirnnerv für die Bewegung der Augenmuskeln und die Lichtreaktion der Pupillen zuständig. Ein ZNS-Tumor, der diesen Nerv behindert, kann zu Schielstellung und einer weiten Pupille führen.
  4. Nervus trochlearis: Ebenso wie der III. und VI. Hirnnerv an der Bewegung des Augapfels beteiligt.
  5. Nervus trigeminus: Ein großer Nerv mit vielen Aufgaben, zuständig für die Gefühlsempfindung im Gesicht, die Kaumuskulatur und den Kornealreflex.
  6. Nervus abducens: Zusammen mit dem III. und IV. Hirnnerv für die Bewegung der Augenmuskeln zuständig. Eine Schädigung kann zu einer Einwärtsbewegung des Augapfels führen.
  7. Nervus facialis (Gesichtsnerv): Enthält Nervenfasern für Gefühlsempfindungen, Muskelbewegungen und vegetative Funktionen. Eine Schädigung kann zu einer Fazialisparese (Gesichtslähmung) führen.
  8. Nervus vestibulocochlearis: Zusammengesetzt aus Nervenbahnen für das Hörorgan und das Gleichgewichtsorgan.
  9. Nervus glossopharyngeus: Entspringt im verlängerten Mark und zieht zum Zungengrund. Fällt selten allein aus, sondern gemeinsam mit dem X. und XI. Hirnnerv.
  10. Nervus vagus: Nimmt seinen Ursprung im verlängerten Mark und versorgt unter anderem Ohrmuschel, Gehörgang, Hirnhaut, Kehlkopf und Luftröhre.
  11. Nervus accessorius: Führt Fasern zu verschiedenen Schlund- und Halsmuskeln. Eine Schädigung kann zu einer Schiefhaltung des Kopfes führen.
  12. Nervus hypoglossus (Zungennerv): Ein rein motorischer Nerv für die Zungenbewegung. Eine beidseitige Schädigung kann zu einer kompletten Zungenlähmung führen.

Ursachen für Schädigungen des Hirnstamms und der Hirnnerven

In der Kinderkrebsheilkunde kommen vor allem folgende Ursachen für eine Schädigung des Hirnstamms und damit auch der Hirnnerven in Frage:

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  • Druck durch Tumoren: Wachsende Tumoren im Gehirn können den Druck im Schädelinneren erhöhen und zu einer Massenverschiebung von Hirnanteilen führen, was den Hirnstamm einklemmen kann.
  • Hirnstammgliome: Diese Tumoren können entweder das Gewebe verdrängen (exophytisches Wachstum) oder in das Hirnstammgewebe hineinwachsen (intrinsisches Wachstum) und so die Strukturen schädigen.
  • Hirn- und Schädelbasistumore: Können eine Irritation der Hirnfunktion auslösen, die sich in Form von epileptischen Anfällen oder Fehlwahrnehmungen äußert, oder eine Fehlfunktion verursachen, die in Abhängigkeit der Lage des Tumors zu unterschiedlichen neurologischen Ausfällen führt.

Diagnostik von Hirntumoren

Die Diagnose von Hirntumoren umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Neurologische Untersuchung: Beurteilung der Hirnfunktionen und Feststellung neurologischer Ausfälle.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Magnetresonanztomographie (MRT): Die Untersuchung der Wahl zur Darstellung von Hirntumoren.
    • Computertomographie (CT): Ergänzende Untersuchung, insbesondere zur Beurteilung der Lagebeziehung zu knöchernen Strukturen.
  • Elektroenzephalogramm (EEG): Messung der Hirnströme zur Feststellung epileptischer Anfälle.
  • Augenhintergrundspiegelung: Untersuchung des Sehnervs zur Beurteilung des Hirndrucks.
  • Angiographie (Gefäßdarstellung): Zur Operationsplanung, um die Lagebeziehungen zwischen Tumor und Blutgefäßen zu beurteilen.

Therapie von Hirntumoren

Die Therapie von Hirntumoren ist abhängig von der Art, Größe und Lage des Tumors sowie dem Alter und dem Allgemeinzustand des Patienten. Es gibt verschiedene Behandlungsansätze:

  • Operation:
    • Ziel: Vollständige oder weitestgehende Entfernung des Tumors unter Erhaltung der Hirnfunktionen.
    • Techniken: Mikrochirurgie, endoskopische Chirurgie, Neuronavigation, intraoperatives MRI, fluoreszenzgestützte Resektion, elektrophysiologisches Monitoring.
    • Zugangswege: Je nach Lage des Tumors durch den Schädel, die Nase oder den Mund.
  • Strahlentherapie:
    • Ziel: Zerstörung von Tumorzellen und Verhinderung des Tumorwachstums.
    • Verfahren: Konventionelle Strahlentherapie, stereotaktische Strahlentherapie (z.B. Gamma Knife, Cyber Knife), Protonentherapie.
    • Indikationen: Bei inoperablen Tumoren, Resttumoren nach Operation oder bösartigen Tumoren.
  • Chemotherapie:
    • Ziel: Zerstörung von Tumorzellen mit Medikamenten.
    • Indikationen: Bei bestimmten Arten von Hirntumoren, insbesondere bei bösartigen Gliomen.
  • Beobachtung:
    • Indikationen: Bei kleinen, asymptomatischen Tumoren, die keine Beschwerden verursachen.
    • Vorgehen: Regelmäßige MRT-Kontrollen, um das Tumorwachstum zu überwachen.

Minimalinvasive Neurochirurgie

Die minimalinvasive Neurochirurgie zielt darauf ab, das bestmögliche operative Ergebnis mit der gleichzeitig geringsten Belastung für die Patienten zu erreichen. Dies wird durch die Anwendung moderner Techniken in der Planung und Durchführung des Eingriffes erreicht:

  • Radiologische Bildgebung: Beurteilung der individuellen Lage des Tumors, um kritische Strukturen zu erkennen und den optimalen Zugangsweg zu bestimmen.
  • Neuronavigation: Hilft dem Operateur, den Tumor zu lokalisieren und erhöht die Präzision des Eingriffs.
  • Intraoperatives MRI: Ermöglicht die Erkennung von verbleibendem Tumorgewebe während der Operation.
  • Fluoreszenzgestützte Resektion: Durch die Verabreichung einer speziellen Trinklösung (Gliolan®) vor der Operation werden Tumorzellen unter speziellem Licht sichtbar gemacht.
  • Elektrophysiologisches Monitoring: Überwacht die Integrität der Nervenbahnen während der Operation.
  • Endoskopisch-assistierte Mikrochirurgie: Ermöglicht die Einsicht in versteckte Ecken des Operationsfeldes.

Spezielle Tumorarten und ihre Behandlung

Meningeome

Meningeome sind meist gutartige Tumoren, die von den Hirnhäuten ausgehen. Sie verdrängen das Hirngewebe und können Hirndrucksymptome, neurologische Ausfälle oder Wesensveränderungen verursachen.

  • Diagnostik: MRT mit Kontrastmittelgabe, CT.
  • Therapie:
    • Operation: Ziel ist die komplette Tumorentfernung. Bei Infiltration funktionell wichtiger Strukturen werden kleine Tumorreste belassen und anschließend mit regelmäßiger MRI-Bildgebung kontrolliert.
    • Strahlentherapie: Bei kleinen Tumoren und erheblichen OP-Risiken, bei Resttumoren oder bei schnellwachsenden und unvollständig resezierte Tumoren.
    • Tumor-Embolisation: Bei stark durchbluteten Tumoren kann vor der Operation eine Katheterangiographie und Tumor-Embolisation durchgeführt werden.

Akustikusneurinome (Vestibularisschwannome)

Akustikusneurinome sind gutartige Tumoren, die von den Schwannschen Stützzellen des Gleichgewichtsnerven ausgehen. Sie verursachen häufig Hörstörungen, Tinnitus und Schwindel.

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  • Diagnostik: Hörtest, Prüfung der Gleichgewichtsfunktion, MRT mit Kontrastmittelgabe.
  • Therapie:
    • Beobachtung: Bei älteren Patienten und kleinen Tumoren, die keine Beschwerden verursachen.
    • Mikrochirurgische Tumorentfernung: Insbesondere bei jüngeren Patienten mit symptomatischen oder großen Tumoren.
    • Hochpräzisionsbestrahlung: Bei älteren Patienten mit hohem Narkoserisiko oder wenn keine Operation gewünscht wird.

Hypophysenadenome

Hypophysenadenome sind meist gutartige Tumoren der Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Sie können hormonelle Störungen verursachen oder durch Kompression angrenzender Strukturen auffallen.

  • Diagnostik: Hormonspiegelbestimmung, MRT.
  • Therapie:
    • Medikamentöse Therapie: Bei Prolaktinomen.
    • Operation: Minimal-invasiv durch die Nase.
    • Strahlentherapie: Wenn der Tumor nicht vollständig entfernt werden kann oder Rezidive auftreten. Insbesondere die Protonentherapie hat sich als schonendes Verfahren etabliert.

Risiken einer Operation an der Schädelbasis

Aufgrund der Nähe zu sensiblen Strukturen birgt die Operation an der Schädelbasis einige Risiken:

  • Schädigung der Hirnnerven: Kann zu neurologischen Ausfällen wie Sehstörungen, Gesichtslähmungen oder Hörverlust führen.
  • Verletzung des Rückenmarks: Kann zu Lähmungen führen.
  • Blutungen und Nachblutungen: Können zu Hirnschäden führen.
  • Entzündungen und Wundheilungsstörungen: Können den Heilungsprozess verzögern.
  • Liquorfistel: Austritt von Hirnwasser, der zu einer Verbindung des Hirnwassersystems mit den umliegenden Räumen führen kann.

Spezialisten für Schädelbasischirurgie

Die Schädelbasischirurgie ist eine interdisziplinäre Fachdisziplin, an der Neurochirurgen, HNO-Ärzte, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen und Fachärzte der Strahlentherapie beteiligt sind.

Die Rolle der Protonentherapie

Die Protonentherapie ist eine moderne und besonders schonende Alternative zur konventionellen Strahlentherapie. Durch die Zielgenauigkeit der Protonen wird die Strahlenbelastung von umliegendem Gewebe minimiert. Dies ist besonders wichtig bei der Behandlung von Hirntumoren, da im Kopf- und Schädelbasis-Bereich viele heikle Risikostrukturen liegen.

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