Osteopathie bei Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm: Ursachen, Behandlung und Selbsthilfe

Nackenschmerzen sind heutzutage weit verbreitet und werden oft als Begleiterscheinung des modernen Lebens betrachtet. Viele Menschen betrachten sie fast schon als normal. In vielen Fällen sind Nackenschmerzen jedoch gut behandelbar - besonders dann, wenn die Ursache mit Spannung, Bewegung, Haltung und Stress zusammenhängt. Wenn die Nackenbeschwerden aber in den Arm, oder bis in die Hand ziehen, Kribbeln auslösen oder die Kraft nachlässt, sollte das ernst genommen werden. Dann ist eine sorgfältige Untersuchung wichtig, damit man nicht am Symptom herumarbeitet, während die Ursache unbeachtet bleibt.

Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm, die Rolle der Osteopathie bei der Behandlung und gibt Tipps zur Selbsthilfe.

Was sind Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm?

Treten Rückenschmerzen oder Nackenschmerzen im Bereich der Halswirbelsäule auf, spricht man von einem HWS-Syndrom oder auch Zervikalsyndrom. Beschränken sich die Beschwerden nicht nur auf den Hals, sondern wandern auch in Nacken, Schulter und/oder Arm, spricht man vom sog. Cervicobrachial-Syndrom. Die Betroffenen leiden beim HWS-Syndrom unter Schmerzen, die in den Kopf und bis in die Arme, Hände und Schultern ausstrahlen können. Besonders unangenehm sind neurologische Ausfälle in Armen und Händen. Die Schmerzsymptomatik in den Bereichen von Nacken, Schulter und Arm werden durch Irritationen oder Kompressionen von Nervenwurzeln in der Halswirbelsäule hervorgerufen. Lokale Schmerzen an der Halswirbelsäule sind meist bedingt durch Muskelverspannungen, Gefügestörungen der Facettengelenke oder Bandscheibenproblemen.

Es werden vielen Begriffe synonym für das Gleiche Beschwerdebild verwendet. Das HWS-Syndrom kann viele Ursachen haben und oft ist es eine Kombination mehrerer Faktoren, die zum beschriebenen Beschwerdebild führt.

Ursachen von Nackenschmerzen mit Ausstrahlung

Nackenschmerzen mit Ausstrahlung in den Arm können vielfältige Ursachen haben. Hier sind einige der häufigsten:

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  • Fehlhaltungen und Fehlbelastungen: Häufige Ursachen sind eine falsche Sitzhaltung am Arbeitsplatz oder einseitige Belastungen der Nackenmuskulatur durch monotone Bewegungsmuster. Regelmäßiges langes Sitzen und mangelnde Bewegung gehören zu den Hauptursachen beim funktionellen HWS-Syndrom. Vor allem das Sitzen am PC und eine übermäßige Handynutzung führen zu einer Vorkopfhaltung, bei der der Hals viele Kilos an zusätzlicher Last trägt. Einige Muskeln sind dadurch permanent angespannt, andere werden geschwächt. Es resultiert eine muskuläre Dysbalance, die zu Verspannungen und Durchblutungsstörungen führt und Schmerzen verursachen kann.
  • Degenerative Veränderungen: Degenerative Veränderungen der Halswirbelsäule wie z.B. Arthrose oder Bandscheibenvorwölbungen können das HWS-Syndrom auslösen. Chronische HWS-Syndrome basieren meistens auf degenerativen Veränderungen der tragenden Strukturen im Bereich der Halswirbelsäule.
  • Stress: Stress als Auslöser für fast alle körperlichen Beschwerden, spielt hier eine dominante Rolle. Unter Stress neigen wir dazu unsere Schultern hochzuziehen. Dieser rudimentäre Reflex soll den verletzlichen Hals schützen. Bei manchen Menschen wird diese Position/Haltung mehrere Stunden täglich eingenommen und führt zu einer Überlastung der Muskulatur. Typischerweise sind es folgende Muskeln die sich verspannen: M. levator scapulae, M. trapezius, Mm.
  • Verletzungen: Verletzungen der Halswirbelsäule wie z.B. ein Schleudertrauma können ebenfalls das HWS-Syndrom auslösen. Ein Sturz, ein Auffahrunfall, ein Schleudertrauma - das kann Spuren hinterlassen, auch wenn es damals „gut ausgeheilt“ schien. Manchmal bleibt eine Restspannung oder ein Bewegungsverlust zurück, der erst später bei Stress, Schlafmangel oder Trainingsbeginn auffällt.
  • Blockaden: Eine häufige Ursache des HWS-Syndroms ist die akute Blockade von Wirbelgelenken. Diese Wirbelgelenkblockierungen äußern sich in schmerzhaften Einschränkungen beim Drehen oder Neigen der Halswirbelsäule. Die Folge sind ausstrahlende Schmerzen in die Schulter oder in den Arm. Reflektorisch kommt es zusätzlich zu einer Verspannung der Nackenmuskulatur.
  • Andere Ursachen: Schmerzen in der Halswirbelsäule können ihren Ursprung jedoch auch in anderen Körperregionen haben. Ein Beispiel: Der Zwerchfellnerv (Nervus phrenicus) ist sowohl mit den oberen Bauchorganen (Magen, Gallenblase, Leber) als auch mit Nervenbahnen zur Schulter verbunden. Kiefer (CMD) und ZähneknirschenKiefer und Nacken arbeiten eng zusammen. Pressen oder Knirschen - oft unbemerkt, besonders nachts - kann die Nackenmuskulatur mit hochfahren. Typisch sind morgendliche Beschwerden, Druckgefühl, Spannungskopfschmerz oder ein „zu fester“ Kiefer. Umgekehrt können Nackenprobleme auch die Kieferregion irritieren. Brustwirbelsäule, Schulterblatt und AtmungWenn die Brustwirbelsäule steif ist, muss der Nacken häufig mehr bewegen als eigentlich vorgesehen. Wenn diese Plattform instabil oder ständig hochgezogen ist, wird der Nacken überfordert. Eine flache Stressatmung erhöht die Grundspannung - und die sitzt bei vielen Menschen besonders gern im oberen Rücken.

Osteopathie als Behandlungsansatz

Osteopathen sehen den Körper nicht als Sammlung einzelner Bauteile, sondern als System, in dem alles miteinander verbunden ist gesehen. Im Osteoversum geht es nicht nur darum, den Schmerzpunkt zu behandeln, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Welche Bereiche sind überlastet? Wo fehlt Bewegung? Wo ist zu viel Spannung? Wo kompensiert der Körper?

Als einer der häufigsten Konsultationsgründe in der osteopathischen Praxis, haben wir mit dem HWS-Syndrom viel Erfahrung sammeln können. Unser Ziel ist es die Patient:innen erst einmal von der akuten Schmerzsymptomatik zu befreien. Diese Schmerzen können sonst zu weiteren Verspannungen führen und ein Teufelskreis entsteht.

Als nächster Schritt gilt es herauszufinden, was die Ursache der Beschwerden ist. Gerade bei Funktionellen Störungen, Stress und Verletzungen kann die Osteopathie sehr hilfreich sein. Ein fester Kehlkopf nach Entzündungen im Hals-/Rachenbereich der befreit wird, führt meist du einer Besserung der Beweglichkeit. Kieferverspannungen zu lösen führt auch häufig zu einer Entspannung der HWS. Nach einem Schleudertrauma steckt das Gewebe in einer Art Schock fest. Mit osteopathischen Behandlungstechniken kann der Körper wieder gelockert und in seine Funktion zurückgeführt werden.

Hier ist die Funktion der HWS hervorzuheben. Wie bei jedem anderen Gelenk des Körpers, ist es für dessen Erhalt unabdingbar, dass es genutzt - also bewegt wird. Aus Angst vor Schmerzen oder mangelnder körperlicher Betätigung ist immer wieder zu beobachten, dass sie Betroffene nicht mehr trauen den Kopf in alle Richtungen zu bewegen. Nach dem Entspannen des Gewebes und dem Lösen der Blockaden, ist es von größter Bedeutung, dass Patient:innen ihre Halswirbelsäule wieder in alle Richtungen bewegen. Dem Körper muss zur Regeneration das Signal gegeben werden: „du kannst und darfst dich wieder bewegen!“

Ablauf einer osteopathischen Behandlung

  1. Erstgespräch: Eine gute Behandlung beginnt mit guter Anamnese. Die richtigen Fragen sind oft schon die halbe Diagnose.
  2. Behandlung: Je nach Befund kommen unterschiedliche Techniken infrage: Muskelentspannung, Mobilisation, Arbeit an Faszienzügen. Auch eine Justierung (wird oft als Einrenken bezeichnet) kann in Frage kommen. Allerdings muss nicht jede Behandlung „knacken“.
  3. Anzahl der Sitzungen: Bei akuten, funktionellen Beschwerden reichen manchmal 1-3 Termine. Bei chronischen Mustern braucht es oft mehrere Sitzungen - und fast immer die Kombination mit Eigenübungen und Alltagsanpassung. Auch hier unterstützen wir Sie mit gezielten individuellen Trainingsprogrammen. Wenn die Ursache im Alltag jeden Tag „nachlegt“, kann die beste Behandlung nur begrenzt dagegenhalten.

Was Sie selbst tun können

Zur langfristigen Beschwerdefreiheit gehört auch regelmäßiges Stretching und das Ausführen von Kräftigungsübungen zum Behandlungsplan. Hier sind einige Tipps, was Sie selbst tun können, um Nackenstress zu reduzieren:

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  • Ergonomie am Arbeitsplatz: Menschen, die im Beruf viel sitzen und am Schreibtisch arbeiten, benötigen ergonomisch geformte Stühle und Fußstützen. Außerdem sollte der Monitor in Augenhöhe eingestellt sein.
  • Bewegung: Sinnvoll ist, sich jede Stunde 5 bis 10 Minuten zu bewegen.
  • Mini-Routine gegen Nackenstress: Diese Routine passt in jeden Alltag. Sie bringt Bewegung zurück, entlastet Schultern und hilft Ihrem Nervensystem, runterzufahren. Wichtig: schmerzfrei und sanft.
    1. Reset-Atmung (2-3 Minuten): Aufrecht sitzen, Füße am Boden. Atmen Sie 4 Sekunden lang normal ein. Atmen Sie anschließend ca. 6 Sekunden ruhig aus.
    2. Brustöffner (45-60 Sekunden): Stellen Sie sich in einen Türrahmen. Legen Sie Ihre Unterarme an die Seiten des Türrahmens. Stellen Sie ein Bein vor das andere und dehnen Sie Ihre Brustmuskeln.
    3. Brustwirbelsäulen-Rotation (45-60 Sekunden): Sitzen Sie aufrecht und kreuzen Sie Ihre Arme über der Brust. Drehen Sie langsam Ihren Oberkörper nach rechts und links.
    4. Leichte Nackendehnung (45-60 Sekunden): Legen Sie die Hände an den Hinterkopf. Ziehen Sie den Kopf mit den Händen nach unten zur Brust. Sie spüren eine leichte Dehnung im Nacken und im oberen Rücken.
  • Dehnübung für die Schulter: Stellen Sie sich für die Übung vor eine Wand und legen Sie den betroffenen Arm gestreckt mit der Innenfläche horizontal an der Wand ab. Wichtig ist, dass Ihre Schulter dabei direkten Kontakt zur Wand hat. Drehen Sie sich von der Wand weg und rotieren Sie Ihren Oberkörper so weit wie möglich, ohne die Schulter von der Wand zu nehmen. In dieser Dehnung ca. 30 Sekunden lang bleiben. Drücken Sie den Ellenbogen und die Hand 10 Sekunden lang mit voller Kraft gegen die Wand, ehe Sie diese Anspannung lösen. Verlassen Sie nun Ihre Ausgangsposition und platzieren Sie den Arm etwas höher als zuvor, idealerweise in einem Winkel zwischen 10 und 15 Grad über der Horizontalen. Drehen Sie sich danach wieder von der Wand weg und versuchen Sie, bei jedem Ausatmen noch etwas tiefer in die Dehnung zu gelangen. Falls möglich, legen Sie den Arm noch etwas höher an der Wand ab (in einem 45-Grad-Winkel).
  • Wärme: Wärme (Rotlicht, Wärmeflasche) fördert die Durchblutung und löst Verspannungen. Zudem helfen sanfte Massagen mit entsprechenden Salben (z. B. Arnika, Tigerbalsam).

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Bitte ärztlich abklären (oder im Notfall direkt Hilfe holen), wenn:

  • die Schmerzen plötzlich sehr stark auftreten oder schnell zunehmen
  • Nackenschmerzen nach Unfall/Sturz/Schleudertrauma beginnen (auch verzögert)
  • Fieber, Schüttelfrost oder starkes Krankheitsgefühl dazukommen
  • Sie eine ausgeprägte Nackensteife haben (Kinn kaum Richtung Brust möglich), besonders mit Fieber
  • Taubheit, zunehmendes Kribbeln, Kraftverlust oder Probleme beim Greifen auftreten
  • Gangunsicherheit, Sehstörungen, Sprachprobleme oder andere neurologische Auffälligkeiten dazukommen
  • neue, ungewöhnlich starke Kopfschmerzen auftreten
  • starke nächtliche Ruheschmerzen, ungeklärter Gewichtsverlust oder eine deutliche Verschlechterung bestehen

Merksatz: Wenn es sich „anders“ oder bedrohlich anfühlt - lieber einmal zu viel abklären als einmal zu wenig.

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