Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich oft im jungen Erwachsenenalter und kann eine Vielzahl von neurologischen Symptomen verursachen. Zu diesen Symptomen gehören auch Veränderungen der Reflexe, einschließlich des Patellarsehnenreflexes (PSR). Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Zusammenhänge zwischen dem Patellarsehnenreflex und Multipler Sklerose, unter Berücksichtigung verschiedener Aspekte der neurologischen Untersuchung und der Pathophysiologie der MS.
Einführung in die Multiple Sklerose und ihre neurologischen Auswirkungen
Multiple Sklerose ist durch Entzündungen und Schädigungen der Myelinscheiden gekennzeichnet, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Myelinschäden können die Nervenleitgeschwindigkeit beeinträchtigen und zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen, je nachdem, welche Bereiche des ZNS betroffen sind. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein und reichen von sensorischen Störungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühlen bis hin zu motorischen Beeinträchtigungen wie Muskelschwäche und Spastik.
Der Patellarsehnenreflex (PSR)
Der Patellarsehnenreflex, auch bekannt als Kniesehnenreflex, ist ein Eigenreflex, der durch einen Schlag auf die Patellasehne unterhalb der Kniescheibe ausgelöst wird. Dieser Schlag dehnt den Musculus quadriceps femoris, einen großen Oberschenkelmuskel, der für die Streckung des Kniegelenks verantwortlich ist. Die Dehnung wird von Muskelspindeln, speziellen Dehnungsrezeptoren im Muskel, erfasst. Diese Rezeptoren senden ein Signal über sensorische Nervenfasern zum Rückenmark. Im Rückenmark wird das Signal direkt auf ein Motoneuron umgeschaltet, das zum Musculus quadriceps femoris zurückkehrt und dessen Kontraktion auslöst. Diese Kontraktion führt zur Streckung des Kniegelenks, was als Reflexantwort sichtbar wird.
Der Patellarsehnenreflex ist ein monosynaptischer Reflex, da der Reflexbogen nur eine Synapse (Schaltstelle) im Rückenmark beinhaltet. Dies ermöglicht eine schnelle und automatische Reaktion auf den Reiz. Der Reflex wird vom Nervus femoralis vermittelt, einem peripheren Nerv, der aus dem Lendennervengeflecht stammt. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts beim Gehen auf unebenem Untergrund, beim Aufspringen und beim Treppensteigen.
Die neurologische Untersuchung und der PSR
Die neurologische Untersuchung ist ein wesentlicher Bestandteil der Diagnose und Beurteilung von neurologischen Erkrankungen wie MS. Sie umfasst die systematische Prüfung verschiedener neurologischer Funktionen, einschließlich der Hirnnerven, der Motorik, der Sensorik, der Koordination und der Reflexe. Die Reflexprüfung, einschließlich des Patellarsehnenreflexes, ist besonders wertvoll, da sie weitgehend unabhängig von der Kooperation des Patienten ist und somit objektive Informationen liefert.
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Bei der Prüfung des Patellarsehnenreflexes sitzt der Patient idealerweise mit frei hängenden oder übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Liege. Der Arzt klopft mit einem Reflexhammer auf die Patellasehne unterhalb der Kniescheibe. Eine normale Reflexantwort ist eine leichte Streckung des Unterschenkels.
Veränderungen des PSR bei Multipler Sklerose
Bei Patienten mit Multipler Sklerose kann der Patellarsehnenreflex verändert sein. Die Veränderungen können sich in Form von gesteigerten, abgeschwächten oder fehlenden Reflexen äußern, abhängig davon, welche Bereiche des ZNS durch die MS-bedingten Läsionen betroffen sind.
Gesteigerter PSR
Ein gesteigerter Patellarsehnenreflex ist ein häufiges Zeichen einer Schädigung der Pyramidenbahn, einer wichtigen Nervenbahn, die vom Gehirn zum Rückenmark verläuft und die willkürlichen Bewegungen steuert. Bei MS können Läsionen in der Pyramidenbahn zu einer Übererregbarkeit der Motoneuronen führen, was sich in gesteigerten Reflexen äußert. Dies kann sich als eine übermäßige oder überschießende Streckung des Unterschenkels äußern. Zusätzlich kann ein Fußklonus auftreten, eine rhythmische Folge von unwillkürlichen Muskelkontraktionen der Wadenmuskulatur, die durch eine ruckartige Dorsalbewegung des Fußes ausgelöst wird.
Abgeschwächter oder fehlender PSR
Ein abgeschwächter oder fehlender Patellarsehnenreflex kann auf eine Schädigung des Reflexbogens selbst hinweisen. Dies kann durch Läsionen im Bereich des Nervus femoralis, des Lendennervengeflechts oder der Muskelspindeln verursacht werden. Bei MS kann dies beispielsweise durch eine Entmarkung im Bereich der Nervenwurzeln oder des peripheren Nervs auftreten. Ein abgeschwächter oder fehlender PSR kann auch ein Hinweis auf eine Neuropathie sein, eine Erkrankung der peripheren Nerven, die bei MS-Patienten als Begleiterkrankung auftreten kann.
Asymmetrie des PSR
Ein wichtiges Beurteilungskriterium bei der Reflexprüfung sind Seitenunterschiede. Asymmetrisch auslösbare Reflexe können ein Hinweis auf eine einseitige Schädigung im ZNS oder im peripheren Nervensystem sein. Bei MS kann eine asymmetrische Reflexantwort auf eine unterschiedliche Verteilung der Läsionen im Gehirn und Rückenmark hindeuten.
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Ursachen für Veränderungen des PSR bei MS
Die Ursachen für Veränderungen des Patellarsehnenreflexes bei Multipler Sklerose sind vielfältig und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der MS-bedingten Läsionen ab.
Läsionen der Pyramidenbahn: Wie bereits erwähnt, können Läsionen in der Pyramidenbahn zu einer gesteigerten Reflexaktivität führen. Die Pyramidenbahn ist für die Hemmung der Reflexe verantwortlich, und ihre Schädigung kann zu einer Übererregbarkeit der Motoneuronen führen.
Läsionen des Rückenmarks: Läsionen im Rückenmark können den Reflexbogen direkt unterbrechen oder verändern. Dies kann zu abgeschwächten oder fehlenden Reflexen führen, wenn der sensorische oder motorische Arm des Reflexbogens betroffen ist.
Periphere Neuropathie: MS-Patienten können auch eine periphere Neuropathie entwickeln, die unabhängig von der MS selbst ist. Eine Neuropathie kann die peripheren Nerven schädigen und zu abgeschwächten oder fehlenden Reflexen führen.
Muskelschwäche und Spastik: Muskelschwäche und Spastik, die häufige Symptome der MS sind, können ebenfalls die Reflexantwort beeinflussen. Eine ausgeprägte Spastik kann zu einer gesteigerten Reflexaktivität führen, während eine Muskelschwäche die Reflexantwort abschwächen kann.
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Differenzialdiagnose
Es ist wichtig zu beachten, dass Veränderungen des Patellarsehnenreflexes nicht spezifisch für Multiple Sklerose sind. Andere Erkrankungen, die das ZNS oder das periphere Nervensystem betreffen, können ebenfalls zu ähnlichen Veränderungen führen. Dazu gehören:
Bandscheibenvorfälle: Ein Bandscheibenvorfall im Bereich der Lendenwirbelsäule kann die Nervenwurzeln komprimieren und zu abgeschwächten oder fehlenden Reflexen führen.
Andere Rückenmarkserkrankungen: Andere Erkrankungen des Rückenmarks, wie z. B. Tumore, Entzündungen oder Gefäßerkrankungen, können ebenfalls die Reflexe beeinflussen.
Periphere Neuropathien anderer Ursache: Diabetes, Alkoholmissbrauch, Vitaminmangel und andere Faktoren können zu peripheren Neuropathien führen, die die Reflexe beeinträchtigen.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): ALS ist eine neurodegenerative Erkrankung, die sowohl die oberen als auch die unteren Motoneuronen betrifft und zu einer Kombination von gesteigerten und abgeschwächten Reflexen führen kann.
Bedeutung des PSR für die MS-Diagnose und -Behandlung
Der Patellarsehnenreflex ist ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Untersuchung bei Patienten mit Verdacht auf Multiple Sklerose. Veränderungen des Reflexes können auf eine Schädigung des ZNS oder des peripheren Nervensystems hindeuten und somit zur Diagnose beitragen. Darüber hinaus kann die regelmäßige Überprüfung des PSR im Verlauf der Erkrankung helfen, den Krankheitsverlauf zu überwachen und die Wirksamkeit der Behandlung zu beurteilen.
Die Behandlung von Veränderungen des Patellarsehnenreflexes bei MS zielt in erster Linie auf die Behandlung der Grunderkrankung ab. Immunmodulatorische Therapien können helfen, die Entzündung im ZNS zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Zusätzlich können symptomatische Therapien eingesetzt werden, um die Begleiterscheinungen wie Spastik und Muskelschwäche zu behandeln. Physiotherapie, Ergotherapie und andere rehabilitative Maßnahmen können ebenfalls dazu beitragen, die Funktion und Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Weitere neurologische Befunde bei MS
Neben Veränderungen des Patellarsehnenreflexes können bei MS-Patienten auch andere neurologische Befunde auftreten, die bei der Diagnose und Beurteilung der Erkrankung hilfreich sind. Dazu gehören:
Veränderungen der Hirnnervenfunktion: MS kann die Funktion der Hirnnerven beeinträchtigen und zu Symptomen wie Sehstörungen, Doppelbildern, Gesichtsschmerzen, Schluckbeschwerden und Sprachstörungen führen.
Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen und andere Sensibilitätsstörungen sind häufige Symptome der MS.
Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik, Koordinationsstörungen und Gangstörungen können die Bewegungsfähigkeit der Patienten beeinträchtigen.
Kognitive Beeinträchtigungen: MS kann auch kognitive Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen beeinträchtigen.
Forschungsperspektiven
Die Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose konzentriert sich weiterhin auf das Verständnis der Pathophysiologie der Erkrankung und die Entwicklung neuer Therapien. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Identifizierung von Biomarkern, die eine frühe Diagnose und eine bessere Vorhersage des Krankheitsverlaufs ermöglichen. Die Untersuchung von Reflexveränderungen, einschließlich des Patellarsehnenreflexes, könnte in Zukunft eine Rolle bei der Entwicklung solcher Biomarker spielen.
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