Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Für viele Frauen, insbesondere solche mit dem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS), kann sie eine erhebliche Belastung darstellen. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen PCOS, Migräne und insbesondere Migräne mit Aura, um ein besseres Verständnis dieser komplexen Beziehung zu ermöglichen.
Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen
Jede fünfte Frau in Deutschland leidet unter Migräne, aber nur etwa die Hälfte der Betroffenen ist sich dessen bewusst. In unserer Leistungsgesellschaft wird Migräne oft als "stärkerer Kopfschmerz" abgetan, obwohl sie viel mehr ist. Migräne signalisiert oft, dass im Körper etwas nicht stimmt. Im Kopf laufen alle Gefäße und Nerven zusammen, und bei Empfindlichkeiten schlagen sie Alarm.
Kopfschmerzen vs. Migräne: Die Unterschiede
Es ist wichtig, Kopfschmerzen von Migräne zu unterscheiden. Migräne zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus:
- Mindestens 5 Attacken: Um eine Migräne zu diagnostizieren, sind mindestens fünf Attacken erforderlich.
- Begleiterscheinungen: Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit oder Geräuschempfindlichkeit begleiten oft die Migräne.
- Dauer: Migräneattacken dauern definitionsgemäß mindestens 4 Stunden, können aber bis zu drei Tage anhalten.
- Prodromalphase: 30-40 % der Migränepatienten durchlaufen eine Prodromalphase mit Müdigkeit, Schlafproblemen und verändertem Essverhalten.
- Verschlimmerung durch Aktivität: Körperliche Aktivität lindert Migräne-Kopfschmerzen nicht, sondern verstärkt sie eher.
Migräne mit Aura
Ein besonderer Typ ist die Migräne mit Aura. Hier treten vor dem eigentlichen Anfall neurologische Symptome auf, die meist visuelle Störungen (Sehstörungen), aber auch sensible Wahrnehmungsstörungen, motorische Störungen oder Wortfindungsstörungen sein können. Diese Aura-Symptome dauern überwiegend weniger als eine Stunde an.
- Sehstörungen: Flackernde Lichter, Punkte oder Linien, Sehverlust.
- Sensible Störungen: Kribbelmissempfindungen oder Taubheitsgefühl.
PCOS: Eine häufige Hormonstörung
Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) ist eine der häufigsten Endokrinopathien bei Frauen im gebärfähigen Alter. In Mitteleuropa sind 5-8 % der Frauen betroffen. Klinisch stehen Blutungsstörungen (Oligo‑/Amenorrhö), Hyperandrogenismus und Infertilität im Vordergrund. Zur Diagnose des PCO-Syndroms müssen zwei der drei sogenannten Rotterdam-Kriterien zutreffen.
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Symptome von PCOS
- Unregelmäßige Menstruation
- Starke Körperbehaarung (Hirsutismus)
- Übergewicht
- Akne
- Unerfüllter Kinderwunsch
- Zyklusstörungen
- Hyperandrogenämie bzw. Hyperandrogenismus
- Vergrößerung des Eierstocks (Ovar) durch Zystenbildung
Der Zusammenhang zwischen PCOS und Migräne
Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen PCOS und Migräne. Studien haben gezeigt, dass Frauen mit Migräne mit Aura ein höheres Risiko für ein metabolisches Syndrom haben, das häufig mit PCOS einhergeht. Das metabolische Syndrom umfasst starkes Übergewicht, Bluthochdruck und eine Störung von Zucker- und Fettstoffwechsel.
Hormonelle Einflüsse
Expertinnen wissen seit Jahren, dass ein Abfall des Hormons Östrogen mit dem Auftreten von menstruationsbedingten Migräneanfällen in Verbindung steht. Initial hohe Östrogenspiegel sind vermutlich eine Voraussetzung für die Entstehung der Migräneattacken. Bei etwa 60 % der Frauen mit Migräne handelt es sich um menstruationsbeeinflusste Anfälle, welche sich meistens erstmals im 2. Lebensjahrzehnt einstellen und um das 40. Lebensjahr ihr Maximum erreichen. Die rein menstruelle Migräne gilt hinsichtlich Attacken-Dauer und -Intensität als die am schwersten zu therapierende Variante. Ursächlich scheint der natürliche prämenstruelle Abfall der Serum-Östrogen- und Serum-Gestagen-Spiegel als Trigger zu fungieren.
PCOS und hormonelle Kontrazeptiva
Für Jugendliche mit PCOS sind kombinierte orale Kontrazeptiva (COC) meist die erste Wahl, um Symptome zu lindern und vor einer Schwangerschaft zu schützen. Durch ihr antiandrogenes Potenzial mildern hormonelle Kombinationspräparate Zyklusschwankungen, Dysmenorrhö, Akne und Hirsutismus - speziell für Jugendliche mit PCOS macht sie das zum idealen Kontrazeptivum. Wegen des erhöhten Ischämierisikos sind sie bei Migräne mit Aura laut WHO-Richtlinien aber kontraindiziert.
Alternativen zu kombinierten Kontrazeptiva
Als Alternative bleiben in erster Linie reine Gestagenpräparate wie Minipille, Implantat, IUD oder DMPA. Sie bieten den Vorteil eines zumindest langfristig verringerten Blutverlusts. Kurzfristige menstruelle Unregelmäßigkeiten nehmen die meisten Patientinnen bei einer entsprechenden Beratung in Kauf. Östrogenfreie orale Kontrazeptiva müssen jedoch sehr regelmäßig eingenommen werden, was bei Jugendlichen nicht immer gewährleistet ist.
Behandlung von Migräne bei PCOS
Die Behandlung von Migräne bei Frauen mit PCOS erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl die Migräne als auch die PCOS-Symptome berücksichtigt.
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Akutbehandlung
- nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen (200-600 mg, z. B. Dolormin Migraene®), Naproxen (500-1000 mg) oder Diclofenac (50-100 mg, z. B. Sylmes 50 mg Pulver®) kombiniert mit einem Antiemetikum (z. B. 10-20 mg Metoclopramid) bei leichter bis mittelschwerer Migräne
- in der nächsten Stufe ein Triptan-Präparat (z. B. Rizatriptan in Form von Maxalt Lingua 10 mg® oder 50-100 mg Sumatriptan).
Prophylaxe
- Naproxen (2x 500 mg/Tag 3-4 Tage vor bis 3 Tage nach der Periode) oder mit einem Triptan (z. B. Frovatriptan 2,5 mg 2x tgl. Kurzzeit-Prophylaxe).
- Auch kann bei Sumatriptan-Einnahme die gleichzeitige Gabe von Naproxen die Rate von Wiederkehr-Kopfschmerzen signifikant senken.
- Die protektive Effizienz von oralen Kontrazeptiva (Antibabypillen) ist individuell auszutesten: Sie können die Migräne verbessern, verschlechtern oder auch unbeeinflusst lassen. Grundsätzlich ist die geringst mögliche Estradiol-Dosis anzustreben. Kombinations-Mikropille als Langzeiteinnahme ohne jede Pillenpause kann dann bei einigen Migränevarianten zur Option der Wahl werden.
Lebensstiländerungen
- Ernährung: Eine Ernährungsumstellung kann bei PCOS-Patientinnen zur Besserung der Symptome führen. Gut orientieren kann man sich hierbei an der LOGI-Pyramide. Als Ernährungsgrundlage werden beim PCO-Syndrom stärkearme Gemüse, Salate und Früchte empfohlen, die mit eiweißreichen Lebensmitteln kombiniert werden sollten. Außerdem spielt die Qualität der Speisefette eine Rolle.
- Gewichtsabnahme: Bei übergewichtigen Frauen führt in vielen Fällen eine Gewichtsabnahme bereits zur Besserung der PCOS-Symptome.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung in Form von mindestens dreimal wöchentlich einer halben Stunde moderater körperlicher Anstrengung (etwa zügiges Spazierengehen) wird empfohlen.
- Psychische Gesundheit: Psychische Belastungen sollten unbedingt ernst genommen und in Selbsthilfegruppen oder beim Arzt besprochen werden.
Differentialdiagnose
Es ist wichtig, Migräne von anderen Kopfschmerzarten zu unterscheiden:
- Spannungskopfschmerz: Der Kopfschmerz tritt im Bereich des gesamten Kopfes auf, ist drückend-ziehend, jedoch nicht pulsierend. Vegetative Begleitsymptome treten in der Regel nicht oder nur sehr selten auf.
- Cluster-Kopfschmerz: Der Kopfschmerz ist streng einseitig und zeichnet sich durch in Attacken auftretende „extremste Kopfschmerzen“ im Bereich von Schläfe und Auge aus. Die heftigen und einseitigen Attacken dauern meist zwischen 15 und 180 Minuten und treten unvermittelt vornehmlich aus dem Schlaf heraus auf.
Langzyklus bei hormonellen Kontrazeptiva
Bei der Entwicklung hormonaler Kontrazeptiva wurde zunächst versucht, den natürlichen Menstruationszyklus zu imitieren. Daher wurden für kombinierte Kontrazeptiva konventionelle Einnahmeschemata entwickelt, bei denen für 21 Tage eine Kombination von Ethinylöstradiol (EE) und einem Gestagen gegeben wird, gefolgt von einem hormonfreien Intervall von 7 Tagen. Im hormonfreien Intervall kommt es typischerweise zur Entzugsblutung. Neben diesem sog.
Vorteile des Langzyklus
- Weniger Menstruationsblutungen
- Bessere ovarielle Suppression
- Einfachere Umsetzung als das klassische Schema
Risiken des Langzyklus
- Kein Anstieg des VTE-Risikos im Vergleich zur zyklischen Anwendung
- Kein Unterschied im Hinblick auf den Lipid‑, Kohlehydrat-, und Gerinnungsstoffwechsel
- Kein pathologischer Effekt auf das Endometrium
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