Die Periduralanästhesie (PDA) und die Spinalanästhesie sind rückenmarksnahe Anästhesieverfahren, die eine wirksame Betäubung bestimmter Körperteile ermöglichen, ohne das Bewusstsein auszuschalten. Um die Unterschiede, die Funktionsweise und die potenziellen Risiken dieser Verfahren zu verstehen, ist es wichtig, die anatomischen Strukturen rund um das Rückenmark und den Spinalraum zu kennen.
Anatomische Grundlagen
Die Wirbelsäule, bestehend aus 24 Wirbelkörpern, die durch Bänder verbunden und von der Rückenmuskulatur stabilisiert werden, schützt das Rückenmark. Die Wirbelkörper bilden den Wirbelkanal, der das Rückenmark umgibt. Das Rückenmark selbst ist von der Dura mater (harte Rückenmarkshaut) umgeben, die mit Liquor cerebrospinalis (Nervenwasser) gefüllt ist. Dieser von der Dura gebildete Raum wird als Spinalraum bezeichnet.
Der Raum zwischen der Dura und den Knochen der Wirbelsäule wird als Periduralraum (Epiduralraum) bezeichnet. Dieser Raum enthält Fettgewebe, Blutgefäße und die Nervenwurzeln, die aus dem Rückenmark austreten und unter anderem für die Schmerzempfindung verantwortlich sind.
Spinalanästhesie vs. Periduralanästhesie: Die Unterschiede
Bei der Spinalanästhesie wird das Betäubungsmittel direkt in den Spinalraum injiziert, während es bei der Periduralanästhesie in den Periduralraum gelangt. Die Spinalanästhesie wirkt schneller und führt in der Regel zu einer vollständigen Blockade der Nervenfunktion, während die Periduralanästhesie langsamer wirkt und eine selektivere Blockade ermöglicht.
Wann kommen Spinalanästhesie und Periduralanästhesie zum Einsatz?
Die Wahl des Anästhesieverfahrens hängt von der Art der Operation und den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab. Die Spinalanästhesie wird häufig bei Operationen am Unterbauch, an der Leiste, am Damm oder an den Beinen eingesetzt. Auch Kaiserschnitte werden heutzutage meistens in Spinalanästhesie durchgeführt. Das hauptsächliche Einsatzgebiet der Periduralanästhesie (PDA) ist die Schmerztherapie. Einen hohen Stellenwert hat sie in der Geburtshilfe zur Linderung des Wehenschmerzes. Bei einem Kaiserschnitt kann die PDA ebenfalls zum Einsatz kommen. Daneben wird die PDA auch für die Schmerztherapie während und nach Operationen eingesetzt, vorwiegend bei großen Eingriffen am Bauch oder im Bereich des Brustkorbes.
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Die Durchführung
Sowohl die Spinalanästhesie als auch die Periduralanästhesie erfordern eine sorgfältige Vorbereitung und Durchführung, um Komplikationen zu vermeiden.
Vorbereitung
Am Tag des Eingriffes sollten Sie 6 Stunden vor der Anästhesie nichts mehr essen und keine trüben Flüssigkeiten mehr trinken! 2 Stunden vor der Anästhesie sollten auch keine klaren Flüssigkeiten mehr getrunken werden. Am Anästhesietag nicht mehr rauchen.
Ablauf
Der Patient sitzt mit vornüber gebeugtem Oberkörper oder liegt mit rundem Rücken und angewinkelten Beinen auf der Seite. Die Einstichstelle wird sorgfältig desinfiziert und örtlich betäubt. Anschließend führt der Arzt eine spezielle Kanüle zwischen zwei Wirbeln ein, bis die Spitze im Periduralraum oder Spinalraum liegt.
Spinalanästhesie
Bei der Spinalanästhesie durchsticht der Narkosearzt die harte Hirnhaut und spritzt die Medikamente durch die Nadel direkt in das Nervenwasser. Der Einstich erfolgt in der Regel im Bereich des dritten und vierten Lendenwirbels.
Periduralanästhesie
Bei der Periduralanästhesie (PDA) verbleibt die Nadel außerhalb der harten Hirnhaut. Der Narkosearzt platziert über die Nadel zunächst einen dünnen Plastikschlauch, der für einige Zeit dort liegen bleibt. Die Nervenblockade bei der PDA setzt erst nach zirka 15 Minuten und damit deutlich langsamer ein als bei der Spinalanästhesie.
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Überwachung
Während des Eingriffs werden die Vitalfunktionen des Patienten, wie Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung, kontinuierlich überwacht. Um während der Operation Infusionen und Medikamente verabreichen zu können, ist die Anlage einer sog. Verweilkanüle in eine Vene an Handrücken oder Unterarm notwendig. Der verantwortliche Narkosearzt bleibt die ganze Zeit beim Patienten und betreut ihn.
Die Wirkung
Die Betäubungsmittel wirken, sobald die Nervenfasern sie aufnehmen. Dabei blockieren sie die Weiterleitung von Sinnesempfindungen und motorischen Funktionen in den von den Nerven versorgten Körpersegmenten. Die Betäubungsmittel binden zuerst an die dünnen Nervenfasern (sympathische Nervenfasern, Fasern für das Temperaturempfinden, Schmerzempfinden und Berührungsempfinden) und zuletzt an die dicken motorischen Nervenfasern. Oft verwendet man zusätzlich zu den örtlichen Betäubungsmitteln Opiate, weil sie die schmerzlindernde Wirkung verstärken.
Spinalanästhesie
Unmittelbar nach der Gabe der Betäubungsmittel setzt die Wirkung zunächst in Form eines Wärmegefühls ein. Es folgt eine zunehmende Taubheit, bis dann innerhalb weniger Minuten auch die Bewegungsfunktion blockiert ist. Die Blockade breitet sich von unten nach oben aus. Die Betäubung beginnt also zum Beispiel bei den Füßen und breitet sich Richtung Bauch aus. Die Rückbildung der Blockade erfolgt in umgekehrter Reihenfolge. Betäubt wird in der Regel die gesamte untere Körperhälfte. Die Dauer der Blockade beträgt je nach Art und Menge des verwendeten Wirkstoffes zwischen 1,5 und 6 Stunden.
Periduralanästhesie
Niedrig konzentrierte Betäubungsmittel blockieren nur die dünneren Nervenfasern, zu denen auch die Schmerzfasern gehören. Für die Blockade von motorischen Nerven sind höhere Konzentrationen notwendig. Wie viele Körpersegmente betäubt werden, kann der Narkosearzt über die Menge der verabreichten Medikamente festlegen.
Mögliche Nebenwirkungen und Risiken
Wie bei jedem medizinischen Eingriff können auch bei der Spinalanästhesie und der Periduralanästhesie Nebenwirkungen und Risiken auftreten.
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Häufige Nebenwirkungen
- Blutdruckabfall: Durch die Betäubung der Nerven, die die Spannung in den Blutgefäßen steuern, kann der Blutdruck sinken.
- Harnverhalt: Eine Blockade der Nerven, welche die Blase steuern, tritt vergleichsweise häufig im Rahmen einer Spinalanästhesie auf.
- Postspinaler Kopfschmerz: Dieser Kopfschmerz kann nach einer Spinalanästhesie auftreten, oder wenn es im Rahmen einer PDA zu einer Verletzung der harten Hirnhaut kommt. Es handelt sich um einen Kopfschmerz, der in aufrechter Position entsteht und im Liegen wieder verschwindet.
Seltene, aber schwerwiegende Komplikationen
- Blutergüsse oder Abszesse im Bereich des Periduralraumes: Sie können zu einer Kompression des Rückenmarkes mit bleibenden Nervenschäden führen.
- Dauerhafte Querschnittslähmung: Diese Komplikation tritt extrem selten auf.
Risikofaktoren
- Störung des Blutgerinnungssystems: Zum Beispiel durch Erkrankungen oder durch bestimmte gerinnungshemmende Medikamente.
- Erhöhtes Risiko für Blutungen oder Infektionen: Bei diesen Patienten dürfen rückenmarksnahe Anästhesieverfahren nur nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko durchgeführt werden.
Maßnahmen zur Risikominimierung
- Sorgfältige Überwachung: Jeder Patient mit oder nach einem rückenmarksnahen Anästhesieverfahren muss auf neurologische Auffälligkeiten hin überwacht werden.
- Einhaltung von Richtlinien und Beachtung von Gegenanzeigen: Werden die entsprechenden Richtlinien eingehalten und Gegenanzeigen beachtet, sind rückenmarksnahe Anästhesieverfahren vorteilhaft und sicher.
- Normalisierung der Gerinnung vor Punktion bzw. Katheterentfernung: Von den weit verbreiteten sog. alternativen Heilmitteln, deren Einnahme oft erst auf Nachfragen mitgeteilt wird, stehen insbesondere Ginkgo biloba, Knoblauch und Ginseng im Verdacht, die Gerinnung zu beeinträchtigen.
Kontraindikationen
Eine Infektion im Bereich der Einstichstelle gilt wegen der potenziellen intrathekalen Keimverschleppung als absolute Kontraindikation für ein rückenmarknahes Verfahren. Eine Bakteriämie stellt eine relative Kontraindikation für ein rückenmarknahes Regionalverfahren dar.
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