Einführung
Die Physiotherapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von Menschen mit Morbus Parkinson. In Heidelberg gibt es spezialisierte Angebote, die auf die besonderen Bedürfnisse dieser Patientengruppe zugeschnitten sind. Ein wichtiger Bestandteil dieser Angebote ist die LSVT-Therapie (Lee Silverman Voice Treatment), ein evidenzbasiertes Behandlungskonzept, das sowohl die motorischen als auch die sprachlichen Fähigkeiten von Parkinson-Patienten verbessert.
LSVT-Therapie: Ein evidenzbasierter Ansatz
LSVT ist eine spezialisierte logopädische Behandlungsmethode, die speziell für Patienten mit Morbus Parkinson entwickelt wurde. Sie basiert auf den Erkenntnissen der Neuroplastizität. Durch Übungen mit hoher Intensität, vielen Wiederholungen und einem hohen Bedeutungsgehalt für den Patienten soll eine Verbesserung der Sprech- und Stimmqualität (Artikulation und Verständlichkeit, Stimmlautstärke, Intonation und Mimik) erreicht werden.
LSVT BIG®: Große Bewegungen für mehr Lebensqualität
LSVT BIG® ist ein Therapieansatz, der sich an Personen mit Morbus Parkinson richtet. Hier werden Sie gezielt Bewegungen mit großen Amplituden üben, um die Geschwindigkeit und das Bewegungsausmaß zu verbessern. Ziel des LSVT®-BIG-Trainings ist der Erhalt und das Wiedererlernen von großräumigen Bewegungen bei Parkinson. Der Therapieansatz zeichnet sich durch eine hohe Wiederholungsanzahl der Übungen und durch kontinuierliche Rückmeldung seitens des Therapeuten aus. Der Patient wird aufgefordert, sich in den Bewegungen selber zu analysieren und diese möglichst großräumig auszuführen. Des Weiteren soll der Patient im Eigentraining und in Alltagssituationen befähigt werden, die Prinzipien des LSVT®-BIG-Ansatzes selbst umzusetzen. Bei der BIG®-Therapie geht es um aktive Bewegungsabfolgen, die täglich bis zu zwei Stunden trainiert werden und in denen auch Eigentraining integriert ist.
Der Paradigmenwechsel in der Neurorehabilitation
In der Neurorehabilitation hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Früher wurden häufig einzelne Gelenke oder Muskeln behandelt, und auch die Art der Bewegung stand im Vordergrund. Heute stehen alltagsrelevante und patientenbezogene Ziele im Vordergrund. Es zählt die Aktivität, die der Betroffene selbst ausführen kann; diese wird beübt und gefördert. Früher wurden Patienten auf der Bank liegend behandelt, wobei die Therapie auf einzelne Funktionen oder Strukturen gerichtet war, heute richtet sich die Therapie auf Alltagsaktivitäten.
Motorisches Lernen und Sportwissenschaft
Viele Erkenntnisse aus dem motorischen Lernen wurden bereits in die Therapie integriert. Man weiß inzwischen, wie der Mensch motorisch lernt, und wendet es auch aktiv in der Therapie an. Auch viele sportwissenschaftliche Erkenntnisse wurden erfolgreich in die Neuroreha übernommen. In diesem Zusammenhang ist beispielweise das Stichwort Wiederholungen wichtig. Ein Sportwissenschaftler weiß, dass es viele Wiederholungen braucht, um motorisch zu lernen und das Gelernte auch in den Alltag umzusetzen. Der Patient lernt besser, wenn wir einen externen Fokus setzen, d. h. dem Patienten eine Aufgabe geben. Früher hätte man gesagt: „Das Knie anbeugen“, und heute sagt man: „Den Ball kicken!“ Es werden konkrete Aufgaben gestellt, diese können die Patienten besser bewältigen und haben auch mehr Spaß daran. Also viele Erfahrungen aus dem motorischen Lernen und den Sportwissenschaften wurden in das Konzept der modernen Neuroreha übernommen.
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Therapie, Sport und Selbsthilfe
Therapie, Sport und Selbsthilfe sind wichtige Schlagwörter in der modernen Neurorehabilitation. Sport spielt eine sehr große Rolle. Ärzte und Therapeuten versuchen heute, Parkinson-Betroffene zu überzeugen, Sport zu treiben. Es können auch Sportarten sein, wie Boule oder Indiaca. Es gibt viele Sportarten, die in der Natur durchgeführt werden können. Dabei muss auch Tanzen erwähnt werden. Dies kann oft von Parkinson-Patienten sehr gut durchgeführt werden. Selbst schwer betroffene Patienten, die schon im Rollstuhl sitzen, können beim Rollstuhltanz aktiv sein. Vor allem bei Parkinson-Patienten weiß man um die fantastische Wirkung von Tanzen, die ebenfalls durch wissenschaftliche Studien bestätigt wurde. Es muss aber nicht unbedingt das Tanzen sein, auch mit Nordic Walking oder gezieltem Training an Geräten kann das gewünschte Ziel erreicht werden. Wichtig ist, dass die Sportart Spaß macht und regelmäßig durchgeführt wird. Auch die Bedeutung der sozialen Aspekte des Sports kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. So wird in der neurologischen Rehabilitation, bei der es um sehr spezifische Ziele geht, der Patient trainiert und aktiviert - das Üben steht auch hier im Vordergrund. Auch in Bezug auf die Parkinson-Erkrankung herrschte früher teilweise die Meinung, Patienten dürfen nur eingeschränkt Sport treiben. Heute weiß man, dass genau das Gegenteil sinnvoll ist: Patienten sollen körperlich aktiv sein.
Selbsthilfe bedeutet, dass der Patient und die Angehörigen selbstverantwortlich in die Therapie mit eingebunden werden, beispielsweise im Eigentraining, aber auch bei Alltagsaktivitäten, den Hobbys oder dem Sport. Selbsthilfe bedeutet aber auch die sinnvolle Nutzung von Hilfsmitteln. Hier gilt es, das Hilfsmittel gezielt zu nutzen, wenn es zur Erweiterung der Alltagsaktivitäten dient. Für Parkinson-Patienten gibt es Hilfsmittel, die die Mobilität weiter erhalten und auch besser ermöglichen, wie z.B. ein Anti-Freezing-Stock.
Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung
Bei Parkinson-Patienten ist wirklich sehr, sehr viel möglich. Ein Problem bei Parkinson stellen jedoch die Depressionen dar. Wenn der Patient depressiv verstimmt ist oder tatsächlich eine Depression hat, kann er nicht aktiv sein. Das kann man dem Patienten nicht vorwerfen, es ist einfach ein gesondertes Problem. Außerdem spielt es natürlich eine Rolle, wie stark der Patient betroffen ist. Wenn er sehr stark betroffen ist und kaum Funktionen hat, dann sind die Grenzen der Neurorehabilitation sicherlich auch erreicht. Hier jedoch verändern sich die Ziele. Es gilt dann, beispielsweise Kontrakturen oder Schmerzen bei schwer betroffenen Patienten zu reduzieren. Bei Parkinson ist es so, dass die medikamentöse Therapie eine wichtige Voraussetzung für die motorische Rehabilitation darstellt. Die Medikamente, bzw. medikamentöse Einstellung, spielen bei dieser Erkrankung eine entscheidende Rolle.
Auswirkungen auf den Alltag
Für die Patienten bedeutet es, dass Funktionen wieder erlangt und verbessert werden können. Das ist für viele Patienten neu. Sie hören immer nur: „Wir sind ja froh, wenn es nicht schlechter wird.“ Und man kann viele Aktivitäten gezielt verbessern, allerdings bedarf es einer genauen Analyse und eines häufigen Trainings. Viele Patienten sind sehr motiviert und bereit, für verbesserte Aktivität auch hart zu trainieren! Man kann Funktionen zurückgewinnen, man kann Gehstrecken erweitern, man kann Alltagsaktionen erweitern.
Es muss ein regelmäßiges Training sein, aber man kann die Übungen in Alltagsaktivitäten verpacken. Wichtig ist, dass Patienten regelmäßig trainieren. Sie sollen aber vor allem auch gezielt trainieren. Ich erlebe es häufig, dass Patienten viel trainieren, jedoch nicht wirklich merkbar Aktivitäten verbessern. Dann trainieren sie meist nicht gezielt an ihren Schwachstellen und funktionellen Hauptproblemen. Auch muss das Training vom Therapeuten gut strukturiert werden. Es ist am besten, wenn ein individueller Trainingsplan erstellt wird. Wirkungsvoll sind eine bis zwei Stunden Training.
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Ratschläge für Betroffene
Es ist wichtig, das Ziel sehr alltagsnah mit dem Patienten abzusprechen. Dann muss genau an diesem Ziel gearbeitet werden. Nehmen wir zum Beispiel ein häufig genanntes Ziel: das Gehen verbessern. Dann sollte ein gezielter Trainingsplan erstellt werden, bei dem entweder an der Ausdauer, an der Schnelligkeit oder am Gleichgewicht gearbeitet wird. Welches Trainingsziel vorrangig ist, muss in einer genauen Analyse erkannt werden. Auch ein strukturiertes Krafttraining kann sinnvoll sein. Es funktioniert nicht so, dass sich der Patient auf die Bank legt und der Therapeut die Arbeit erledigt.
Das Umfeld sollte darüber informiert werden, dass zu viel Unterstützung schadet und nicht immer Hilfe angeboten werden soll. Vielmehr sollen Angehörige helfen, den Patienten zu aktivieren. Selbsthilfegruppen kennen sich oft gut aus. Der Patient kann in eine Praxis gehen, die Trainingsgeräte, zum Beispiel ein Laufband hat. Wichtig ist, dass die Therapeuten etwas Aktives mit dem Patienten machen und den Alltag und ggf. auch Sportarten und Alltagsaktivitäten strukturieren und besprechen. Also Eigenverantwortung an den Patienten und ggf. auch an die Angehörigen abgeben. Zusammengefasst heißt es also - gesunden Menschenverstand einschalten, schauen, ob gezielt aktiviert oder trainiert wird und nicht passiv behandelt, sondern aktiv gearbeitet wird. Selbsthilfegruppen sind oft gute Informationsquellen. Bei Parkinson sind außerdem die Broschüren verschiedener Verbände, u.a. der Deutschen Parkinson Vereinigung sehr hilfreich und informativ.
Weitere Therapieangebote in Heidelberg
Neben der LSVT-Therapie und LSVT BIG® bieten Physiotherapiepraxen in Heidelberg eine Vielzahl weiterer Behandlungen an, die auf die Bedürfnisse von Parkinson-Patienten zugeschnitten sind:
- Spezielle Bewegungstherapie: Diese Therapieform wirkt gegen die krankheitsspezifische Verlangsamung (Bradykinese) und Verkleinerung (Hypokinese) von Alltagsbewegungen, z.B. des Gehens, entgegen.
- Posturale Therapieformen: Diese dienen zur Verbesserung des Gleichgewichts.
- Lokomotionstherapie: Diese zielt auf die Verbesserung der Gehfähigkeit ab.
- Defizitorientiertes Training: Dieses Training von Muskelfunktion, Ausdauer und Bewegungskoordination erfolgt durch eine neurologisch orientierte Medizinische Trainingstherapie.
- Therapieformen auf der Grundlage des „Motorischen Lernens“
Am Anfang steht dabei immer eine individuelle Beurteilung (Assessment) des Patienten mit standardisierten Testverfahren, die auch zur Erfolgskontrolle im Verlauf der Therapie eingesetzt werden. Diese Verfahren dienen nicht nur dazu, Einschränkungen zu kompensieren, sondern zielen darauf ab, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen. Man spricht hier von einer „neuroprotektiven bzw. einer neuroregenerativen Wirkung“.
Funktionelles Gehtraining auf dem Laufband
Das funktionelle Gehtraining auf dem Laufband ist ein zentraler Bestandteil der neurologischen und orthopädischen Rehabilitation geworden. Bei uns können Sie das Gehen bzw. das „wieder Gehen“ auf dem Laufband trainieren.
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Neurophysiologische Verfahren
Innerhalb der Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage gibt es verschiedene Therapieformen, die angewendet werden können.
- Die Bobath-Therapie ist ein spezielles Behandlungskonzept für Erwachsene und Kinder mit Störungen des zentralen Nervensystems und beruht auf dem Verständnis der Entwicklungsphysiologie und Neuropsychologie. Unter diesen Aspekten werden bereits vorhandene Fähigkeiten eingesetzt, um das Erlernen neuer Fertigkeiten zu unterstützen. Innerhalb des Konzeptes werden motorische, perzeptive, kognitive, kommunikative, emotionale und soziale Funktionen in der Wechselwirkung einbezogen.
- Die Abkürzung PNF steht für „propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation“. Es handelt sich dabei um eine dreidimensionale Behandlungsmethode, die bei Patienten aller medizinischer Fachbereiche Anwendung findet. Dies insbesondere bei einem gestörten Bewegungsverhalten durch Verletzungen, Lähmungen, operativen Eingriffen oder Degeneration. Ziel der Methode ist es unter anderem durch taktile Reize, Vordehnung und angepasste Widerstände das Zusammenspiel zwischen Muskeln und Nerven zu fördern und die physiologischen Bewegungsmuster zu erleichtern. PNF ist eine überwiegend aktive Therapiemethode.
- Die Grundlage der Vojta Therapie basiert auf Reflexlokomotion, mit deren Hilfe bei Patienten mit neurologischen Bewegungsstörungen oder orthopädischen Fehlhaltungen normale Bewegungsmuster geweckt werden können. Sie wird in den Bereichen der Rehabilitation, Prävention und z. B. auch in der Pulmologie und Intensivmedizin angewandt. Durch gezielte Reize werden reflektorische Muskelaktivitäten erzeugt, wie sie in der motorischen Entwicklung normalerweise von selbst auftreten. Bei der Reflexlokomotion kommt es zu einer koordinierten, rhythmischen Aktivierung der gesamten Skelettmuskulatur und einer Ansprache unterschiedlicher Schaltungsebenen des zentralen Nervensystems. Die in einer bestimmten Ausgangsstellung durch Druckreize ausgelösten, regelmäßig und zyklisch ablaufenden motorischen Reaktionen sind bereits beim Neugeborenen vollständig auslösbar und beliebig oft reproduzierbar. Durch die Anwendung der Reflexlokomotion sollen die Bestandteile der menschlichen Aufrichtung und Fortbewegung, das heißt, das Gleichgewicht des Körpers bei der Bewegung, die Aufrichtung des Körpers gegen die Schwerkraft und die zielgerichteten Greif- und Schrittbewegungen der Gliedmaßen wieder zugänglich und nutzbar werden.
Physiotherapie am Campus in Heidelberg
Ein Beispiel für eine Physiotherapiepraxis in Heidelberg, die sich auf neurologische Erkrankungen spezialisiert hat, ist die Physiotherapie am Campus, gelegen an der Maria-Probst-Str. Die Praxis befindet sich am SRH Campus Heidelberg und ist mit der Straßenbahn Linie 5 von der Haltestelle SRH Campus erreichbar.
Das HMZ Physiozentrum Mannheim
Das HMZ Physiozentrum Mannheim bietet auf über 500 m² moderne Physiotherapie auf wissenschaftlicher Basis. Der Leiter der Parkinson/Neurologie Unit, Herr Philip Hielbig, ist national und international als Referent im Bereich der Neurorehabilitation tätig. Federführend wurde das Parkinsonnetzwerk Heidelberg mit aufgebaut, das Schlaganfallnetzwerk ist momentan in Planung. Das HMZ Physiozentrum Mannheim eröffent seine Pforten Ende Mai 2025.
Wirbelsäulentherapie Heidelberg
Im Februar 2002 eröffnete die Wirbelsäulentherapie Heidelberg ihre Pforten in der Weberstrasse 6. Als älteste Heidelberger Praxis in der Behandlung von chronischen Rückenschmerzpatienten ist es schon seit 2000 unser Ziel, die Behandlung von chronische Schmerzpatienten zu verbessern. Wir bieten alle etablierten physiotherapeutischen Therapieverfahren.
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