Die Behandlung von Epilepsie hat eine lange und bewegte Geschichte. Über Jahrtausende galt die Krankheit als unbehandelbar. Vor dem Aufkommen moderner Therapien, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, suchten die Menschen nach alternativen Wegen, um die Symptome zu lindern. Auch wenn die Epilepsiechirurgie keine Erfindung des 19. oder 20. Jahrhunderts ist, wurden schon in der Antike und in den darauffolgenden Jahrhunderten Trepanationen durchgeführt, um Epilepsie zu behandeln oder zu lindern.
Historische Behandlungsansätze
Frühe chirurgische Eingriffe waren oft von abergläubisch-mystischen Vorstellungen geprägt. Man glaubte, durch die Schädeleröffnung Krankheitsdämonen ein "Ausschlupfloch" oder giftigen Dämpfen ein "Ausgangs-Ventil" zu schaffen. Gelegentlich basierten operative Maßnahmen aber auch auf den ätiopathogenetischen Vorstellungen der jeweiligen medizinisch-historischen Epoche. In der griechischen und römischen Antike, als die Humoralpathologie das gedankliche Gerüst der Physiologie und Pathophysiologie bildete und man für die Entstehung epileptischer Anfälle ein Übermaß an Schleim (Phlegma) im Gehirn verantwortlich machte, war die Entlastung des Schädelinneren mittels Trepanation durchaus konsequent. Schließlich ist in antiken Schriften zu lesen, dass es sinnvoll sein könne, ein Kalotten-Knochenstück, das durch eine Gewalt-Einwirkung (z. B.
Die "epilepsie-chirurgischen Maßnahmen" früherer Jahrhunderte haben ihren Niederschlag auch in der darstellenden Kunst gefunden - z. B.: "Epilepticus sic curabitur" ("So wird ein Epilepsiekranker geheilt werden") ist die Miniatur in einer lateinisch geschriebenen medizinischen Sammelhandschrift übertitelt. Diese Schrift, die sich im Besitz des British Museum London befindet, kann ins 3. Viertel des 12. Jahrhunderts datiert werden. Die Zeitenwende: Hl. Lukas, anonymes Tafelbild (aus der 1. Hälfte des 15. Auf einem anonymen Altarbild aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts ist der Hl. Lucas (von dem es heißt, er sei Arzt gewesen) abgebildet, wie er einem auffallend klein dargestellten Mann (klein = schwach) mit einem skalpell-artigen Instrument in die Schädelkalotte schneidet. Auf einem Tisch daneben sind mehrere Utensilien erkennbar, wie sie schon zu antiker Zeit für derartige chirurgische Maßnahmen verwendet wurden. 15. / 16. Epilepsiechirurgie im 15./16. "Der Steinschneider": J.S. v. Auch operierende Scharlatane sind als Motive in die darstellende Kunst eingegangen. Schon der große arabische Arzt Rhazes (um 850 - 930) hat angemerkt: "Einige der Wunderheiler behaupten, die Fallsucht zu heilen und machen eine kreuzförmige Öffnung am Hinterkopf und geben an, etwas herauszunehmen, was sie vorher in der Hand gehalten haben." Ein solcher Scharlatan ist auf dem im Madrider Prado aufbewahrten Bild "Der Steinschneider" von Jan Sanders van Hemessen (ca. Epilepsiechirurgie im 15./16. "Das Steinschneiden": H. Etwa ein halbes Jahrhundert zuvor war Hieronymus Bosch’s Werk "Das Steinschneiden", das ebenfalls im Prado hängt und eine vergleichbare Thematik zeigt, entstanden. Trotz des anders lautenden Titels schneidet hier der Quacksalber keinen Stein sondern eine Blume aus dem Kopf des epilepsiekranken (oder auch psychiatrisch kranken) Patienten. In kalligraphischer Schrift heißt es ober- bzw. unterhalb des runden Bildes. "Meester, snyt die keye ras - myne name is lubbert das" ("Meister, schneide die Steine heraus - mein Name ist Lubbert Dachs [entmannter Dachs]"). 17. / 18. Volkstümliche Epilepsiechirurgie im 17./18. Noch im 18. Jahrhundert fanden sich Anhänger der ‚Säftelehre’, die der Meinung waren, dass die Fallsucht durch einen dickflüssigen Saft im Gehirn verursacht werde - ähnlich den hippokratischen humoral-pathologischen Vorstellungen. 20. / 21. Epilepsiechirurgie im 20./21. Jahrhundert: J.Y. Der ‚Hippocampus’ liegt (paarig) in den beiden Schläfenlappen des Großhirns. Er ist u.a. für Gedächtnisleistungen wichtig. Vor allem im Erwachsenenalter ist er nicht selten Ausgangspunkt für epileptische (fokale) Anfälle. In seiner Form erinnert diese Hirnstruktur an ein Seepferdchen. Der biologische Fachausdruck für diesen zu den Fischen zählenden Meerbewohner lautet ‚Hippocampus’ (aus dem Griechischen: ‚hippos’ = Pferd, kampulos = gekrümmt). Die bekannteste, auf Abbildungen am häufigsten dargestellte und auch in dieser Lithografie von J. Y. Auch der ‚Mandelkern’ stellt eine umschriebene Struktur des menschlichen Gehirns dar. Er besteht aus einer Vielzahl von Nervenzellen, liegt in enger Nachbarschaft zum Hippocampus (gehört also ebenfalls zum Schläfenlappen-Bereich) und erinnert in seiner Form tatsächlich an die Frucht des Mandelbaums. Über die Funktion des Mandelkerns, der in Verbindung zur Riechbahn und zu vegetativen Zentren steht, ist noch wenig bekannt. Wie der Hippocampus ist er nicht selten Ausgangspunkt epileptischer (fokaler) Anfälle. Vor dem Zeitalter der Fotografie und der technischen Bild-Reproduktion waren es vor allem eigenhändig gezeichnete oder gemalte Abbildungen, die dem Leser geschriebene Texte erklären und verdeutlichen sollten. Das galt nicht zuletzt auch für medizinische Lehrbücher aus Antike und Mittelalter. In der ‚Medicina antiqua’, dem bekanntesten Arzneibuch des Mittelalters, sind in Bild und Text zahlreiche medizinische Maßnahmen dargestellt und erläutert, die in der ersten Hälfte des 13. Auf der hier gezeigten farbigen Abbildung (Folie 72 des Codex) ist ein gefesselter und im Block eingeschlossener Epilepsiekranker wiedergegeben, um dessen Hals eine Pflanze geschlungen ist. Anonyme Illustration zu dem Roman "Lucilla" von W. Es gehört zu den wesentlichen Vorteilen moderner medizinischer Dokumentation, dass mit Hilfe der Filmtechnik Bewegungsabläufe exakt aufgenommen und beliebig oft wiedergegeben werden können. So ist es heute beispielsweise unschwer möglich, epileptisches Geschehen filmisch festzuhalten, durch wiederholte - auch verlangsamte - Wiedergabe genau zu analysieren, zu archivieren und z. B. zu Demonstrations-, Unterrichts- und Weiterbildungszwecken vorzuführen.Eine solche Filmtechnik stand natürlich in früheren Zeiten nicht zur Verfügung; Dokumentation erfolgte durch das geschriebene Wort und durch Zeichnungen bzw. Gemälde. In aller Regel gaben dabei die Abbildungen mit Zeichenstift oder Pinsel nur Momente, also kurze, eng begrenzte Zeitabschnitte wieder. Gelegentlich kann man aber auch auf Darstellungen stoßen, die einen zeitlichen Ablauf abbilden, so z. B. Im Hintergrund des Bildes ist eine (männliche) Figur in vier aufeinander folgenden Haltungen zu sehen - sie bewegt sich aus der Senkrechten über zwei Schräglagen in eine liegende Position. Eben diese Person, Oskar, ist auch im Vordergrund des Bildes dargestellt - als gut gekleideter junger Mann, der Lucilla, seine Braut, am Arm führt. Auffallend ist die blaue Hautfarbe Oskars. Auch sie vermittelt uns ein sehr interessantes Detail aus der epileptologischen Szenerie der im Roman beschriebenen Zeit (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts): Obwohl zum Zeitpunkt der Handlung die Entdeckung des Bromkaliums als erstes objektiv wirksames Mittel gegen Epilepsie schon einige Jahre zurücklag (1857), wurden - vor allem außerhalb stationärer Einrichtungen - immer noch andere Substanzen als vermeintlich anfallshemmende, in Wirklichkeit aber unwirksame, Medikamente zur Epilepsiebehandlung eingesetzt, so z. B. Argentum nitricum, eine Silberverbindung, die bereits Paracelsus (1493 bis 1541) als "Anfallssuppressivum" in Gebrauch gehabt hatte. Von dieser Substanz war auch zur Zeit der Romanhandlung schon längst bekannt, dass eine ihrer Nebenwirkungen in einer schwarz-blauen Verfärbung der Haut bestand. Aber - leider heilte das Silber die Epilepsie nicht! Man konnte sich bei seiner Anwendung tatsächlich nur auf die Nebenwirkung, auf die Blauverfärbung der Haut, aber keinesfalls auf einen antiepileptischen Effekt verlassen. So war es auch bei Oskar: Die livide Farbe seiner Haut wurde ein großes ästhetisches Problem - allerdings nicht für seine Braut! Sie war nämlich - die unnatürlichen, merkwürdig leeren Augen auf der Zeichnung verraten es - vollkommen blind! Auch die Epilepsie wurde als ‚gichtige’ Krankheit angesehen. Das mittel-hochdeutsche Wort ‚giht’, von dem sich der Begriff ‚gichtig’ ableitet, wird heute am besten mit ‚Besprechung’, ‚Verzauberung’ oder ‚Behexung’ übersetzt. Hilfe gegen dieses angehexte ‚Vergicht’ versprach sich der mittelalterliche Betroffene z. B. von ‚Hexenkreuzen’ (Pentagramm, s. Abb.), Amuletten (meist 9 an der Zahl, auf einem roten Band aufgereiht) oder Hexensprüchen (die im Mittelalter weit verbreitet waren). Solche gegen Hexen gerichtete ‚Heil-Rituale‘ wechselten sich bei der Bekämpfung der ‚fallenden giht‘ häufig mit anderen Maßnahmen der Volksmedizin ab (z. B. Anwendung von Kräutern oder tierischen Produkten) und standen immer wieder in einer gewissen Konkurrenz zu den Fürbitten, mit denen der (aber-)gläubige Christ die Fallsucht-Patrone (z. B. den Hl. Valentin) anzurufen gewohnt war. Dabei ist folgender Unterschied bemerkenswert: Hexensprüche wurden beim Versuch, die Fallsucht zu bekämpfen, eher ‚prophylaktisch', die Gebete zu den Heiligen dagegen eher ‚therapeutisch‘ eingesetzt. Hans Baldung (auch Hans Baldung Grien genannt, 1484-1545) hat nicht nur in wunderbaren Gemälden (z.B. Baldungs letzter, ein Jahr vor seinem Tod entstandene Holzschnitt gilt als einer seiner beindruckendsten, aber auch rätselhaftesten Werke und ist mit ‚Der behexte Stallknecht’ betitelt. Das Bild zeigt einen auf dem Rücken liegenden Mann (der für einen Knecht allerdings zu kostbar gekleidet erscheint!) in perspektivisch stark verkürzter Darstellung, ein Werkzeug ist ihm aus der linken Hand entglitten; eine zweizinkige Heu- oder Mistgabel ist beim vorausgegangen Sturz (denn ein solcher hat zweifellos zu der jetzigen Position des Mannes geführt!) unter den fallenden Körper geraten und wird jetzt von den mächtigen Oberschenkeln des Mannes überkreuzt. In der auf der rechten Seite angedeuteten Fensteröffnung sieht man eine alte barbusige Frau mit schlaffen Brüsten, in der rechten Hand eine brennende Fackel, auf dem Kopf eine Hut-artige Bedeckung. Neben der Fackel ist an der Wand das Baldung-Familienwappen (springendes Einhorn) angebracht, im Vordergrund sind auf einem Buch die Initialen des Künstlernamens, H. Über viele Jahre und Jahrzehnte hinweg rätseln die Fachleute über Inhalt und geistig-spirituellen Hintergrund dieses Meisterwerks. Warum ist der Mann gestürzt und liegt nun offensichtlich bewegungslos auf dem Boden? Hat ihn - wie manche Kunst-Experten vermuten - ein Huftritt des ‚unheimlichen’ Pferdes zu Boden gestreckt? M.E. wirkt das Pferd jedoch weniger unheimlich als erstaunt über das, was sich da hinter ihm (im Augenblick des Sturzes sicher geräuschvoll!) abgespielt hat. Die Vermutung, dass ein epileptisches Geschehen für den Sturz des Mannes verantwortlich war, hat manches für sich: Der Stallknecht muss plötzlich und völlig schutzlos zu Boden gestürzt sein (keinerlei Hinweise auf eine bei einem Sturz übliche Abstützreaktion); der Körper des Gestürzten ist nahezu völlig gestreckt (beide Beine, Nacken, linker Arm) - lediglich der rechte Arm ist von dieser Streckung ausgenommen. Dies könnte dafür sprechen, dass es sich hier um einen fokal betonten und deshalb asymmetrischen tonischen (d.h. mit extrem verspannter Muskulatur einhergehenden) Anfall handelt, der vor allem die linke Körperseite betroffen hat; hierfür könnte auch die deutliche Verkrampfung der linken Hand sprechen (die rechte legt sich eher unauffällig um den Griff der langen Gabel). Und schließlich (s. (Der Original-Holzschnitt ‚Der behexte Stallknecht’ wird unter der Ident.-Nr. 938-2 im Kupferstichkabinett Berlin aufbewahrt.
Beifuß: Eine Pflanze mit Geschichte
Von Monika Schulte-Löbbert / Beifuß, der wilde Verwandte des bekannteren Wermuts, wurde in der Antike zu zahlreichen medizinischen und magischen Zwecken verwendet. Doch die einst hoch geschätzte Pflanze hat in der modernen Phythotherapie kaum noch Bedeutung. Der Gewöhnliche Beifuß, Artemisia vulgaris L., gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die Pflanze ist in den gemäßigten Klimaregionen Europas, Asiens und Nordamerikas weit verbreitet. Artemisia vulgaris gedeiht auf jedem Boden, bevorzugt aber sonnige, trockene Standorte. Wildbestände wachsen vor allem auf Brachflächen und Schutthalden, an Hecken, Böschungen und Bahndämmen. Beifuß ist eine mehrjährige, tief wurzelnde Staude und kann bis über einen Meter hoch werden. Ihr aufrechter, kantiger Stängel ist leicht behaart und rot überlaufen. Die Oberseite der fiederteiligen Laubblätter ist dunkelgrün und kahl, die Unterseite dagegen weißfilzig behaart. Die Pflanze blüht schon im ersten Vegetationsjahr von Juli bis September. Dann stehen viele Blütenkörbchen in einer endständigen Rispe zusammen. Die unscheinbaren, gelblich bis rötlichbraunen Blüten sind von filzig behaarten Hüllkelchblättern umgeben und werden durch den Wind bestäubt. Zur Fruchtreife ab September entstehen aus den Blüten winzige, dunkelbraune bis schwarze Achänen ohne Pappus (Haarkrone).
Die zahlreichen volkstümlichen Namen für Beifuß spiegeln seine ehemals große Bedeutung wider, beispielsweise Besenkraut, Fliegenkraut, Gänsekraut, Johannesgürtelkraut, Jungfernkraut, Sonnenwendkraut und Weiberkraut. Schon in der Antike nutzten die Menschen Beifuß als Arzneipflanze. Plinius der Ältere (24 - 79 n. Chr.) empfahl, das als Artemisia bezeichnete Kraut um den Fuß zu binden, um Müdigkeit beim Laufen zu vertreiben. Der botanische Gattungsname »Artemisia« geht vermutlich auf die Göttin Artemis zurück. Sie gilt in der griechischen Mythologie als Beschützerin der wilden Tiere und Göttin der Jagd. Außerdem ist sie die Schutzgöttin der Gebärenden und zuständig für Heilung und Fruchtbarkeit. Unter der Bezeichnung »Artemisia« beschrieb der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) erstmals die Wirkung und Anwendung von Beifuß. In seiner »De Materia Medica« empfahl er Beifuß als Sitzbad, um die Menstruation, vaginale Sekretion und die Nachgeburt zu fördern.
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Über Jahrhunderte wurde Beifuß als »Mutter aller Kräuter« hoch geschätzt, besonders bei Frauenleiden. Volkstümlich wurde er bei Menstruationsbeschwerden zur Entspannung und Entkrampfung eingesetzt, aber auch um die Wehentätigkeit während der Geburt anzuregen. Deshalb sollten Schwangere Beifuß nicht anwenden. Neben seinem Einsatz bei Magen- und Darmbeschwerden zur Anregung der Verdauung schätzten die Heilkundigen Beifuß auch als Heilpflanze bei Neurosen und Schlaflosigkeit. Seine Wurzel sollte sogar gegen Epilepsie helfen, wie Christoph Wilhelm Hufeland in dem von ihm herausgegebenen »Journal der practischen Heilkunde« (1824) beschrieb.
Im Mittelalter galt Beifuß als sehr wirksames Kraut gegen Hexerei. Daher war er Bestandteil vieler sogenannter magischer Rezepturen. Die Germanen flochten den zu Johanni (24. Diesen Johannis- oder Sonnenwendgürtel trugen sie um den Körper, er sollte sie vor bösen Dämonen und Zauberei schützen. Am Dachfirst befestigte Beifußbüschel, deren Spitzen nach unten zeigten, sollten sogar Blitze abwehren und Krankheiten fernhalten. Das Kraut galt außerdem als wichtiges Räuchermittel zur Abwehr böser Mächte und zur rituellen Reinigung. Ein altenglischer Kräutersegenspruch aus dem 11. Jahrhundert beschreibt die Wirkung von neun wichtigen Kräutern. Gleich die erste Strophe lautet: »Erinnere dich, Beifuß, was du verkündet hast, was du bekräftigt hast bei der großen Verkündung (…vor Gott). Una (dem Urgott angehörig) heißt du, ältestes Kraut. Du hast Macht für drei und gegen dreißig. Du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung. Bereits in der 7. Ausgabe des deutschen Arzneibuches fehlt das Beifußkraut. Das Ergänzungsbuch zum Deutschen Arzneibuch, 6. Ausgabe (Erg.B.6) aus dem Jahr 1953 enthält noch eine Monographie »Herba Artemisiae«. Für die Arzneidroge werden die etwa 60 bis 70 Zentimeter langen, oberen Triebe während der Blütezeit geerntet. Die Droge enthält bis zu 0,3 Prozent ätherisches Öl, das sehr komplex und variabel zusammengesetzt ist. Die Hauptkomponenten sind Campher, Cineol und Thujon. Außerdem enthält das Kraut Flavonoide, Hydroxycumarine, Polyine und Triterpene.
In der modernen Phythotherapie hat Beifuß kaum noch Bedeutung. Seine Anwendung beschränkt sich auf den Einsatz als Magenbitter zur Behandlung von Verdauungsstörungen und Appetitmangel. Die Droge regt wie andere Bitterstoffdrogen die Magensaftsekretion an. Ihre Wirkung ist vergleichbar mit Wermutkraut, jedoch etwas schwächer. Beifußkraut kann als appetitanregendes Mittel bei anazider und subazider Gastritis oder bei dyspeptischen Beschwerden gegeben werden. Zur Teebereitung wird ein Teelöffel Droge (0,5 bis 2 Gramm) mit kochendem Wasser (150 ml) aufgegossen und nach fünf Minuten abgeseiht. Um ihren Appetit anzuregen können Betroffene täglich zwei bis drei Tassen Tee vor den Mahlzeiten trinken. Nebenwirkungen sind in therapeutischen Dosen nicht bekannt, vereinzelt können Allergien auftreten. Wegen der nicht belegten Wirkung für diese Indikationen befürwortet die Kommission E die therapeutische Verwendung jedoch nicht. Daher ist Beifußkraut nur noch ein Bestandteil von Präparaten, die nach § 109a Arzneimittelgesetz als »Traditionelle Arzneimittel« im Handel sind. Das aromatisch bis bittere Beifußkraut wird auch als Gewürz geschätzt. Für Gewürzzwecke dienen die Triebspitzen mit noch geschlossenen Blütenköpfchen. Sobald sie sich öffnen, werden die Blätter bitter und eignen sich nicht mehr zum Würzen. Da das Gewürz die Verdauung fördert, dient es besonders zum Würzen von fettem Fleisch wie Gänse-, Enten- oder Hammelbraten sowie von Fisch- und Hülsenfruchtgerichten oder Kohlspeisen. Zur Entfaltung des vollen Aromas sollte Beifuß bereits zu Beginn des Garens zugesetzt werden, am besten in Form der Triebspitzen, die dann vor dem Servieren wieder entfernt werden. Sehr gut eignen sich dazu auch frische Triebspitzen, die - in Plastiktüten verpackt - einige Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden können.
Weitere Pflanzen und Therapieansätze
Nicht viele Gewächse erfahren zurzeit einen solchen Hype wie Moringa oleifera. Superfood oder Superhype? Moringa, M. oleifera ist vielseitig und kann als Tee, Gewürz oder Öl verwendet werden. Es enthält Antioxidantien, Aminosäuren, Mineralstoffe, Schleimstoffe, Eisen, Fettsäuren, Proteine, Pterygospermin, Schwefel, Selen, Senfölglykoside und sekundäre Pflanzenstoffe. Moringa kann bei Entzündungen, Unterernährung, Skorbut und Vitamin-B1-Mangel eingesetzt werden und sogar zur Wasserklärung dienen.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Akupunktur als Therapieform bei Tieren erfolgreich etabliert. Sie ist nicht nur eine anerkannte Behandlungsmethode, sondern gehört auch zu den sichersten Therapieformen bei chronischen Krankheiten. Vor allem chronische Krankheiten werden durch die einzelnen Nadelstiche häufig erfolgreich therapiert. Je nach Krankheitsbild, Symptomen und Schmerzen finde ich die richtigen Akupunkturpunkte, um Ihrem Tier langfristig zu helfen. Häufig kommt die Therapieform bei chronischen Krankheiten wie Problemen mit dem Herz-Kreislauf-System oder Epilepsie zum Einsatz. Auch wiederkehrende Bauch- und Ohrenschmerzen behandle ich mittels Akupunkturnadeln und Laserakupunktur. Bewegungsstörungen, zum Beispiel Arthrose oder Arthritis sowie Lahmheiten, Sehnenentzündungen oder Rückenschmerzen sind ein weiteres Einsatzgebiet. Ergänzend kommt hinzu, dass die Behandlung mit den kleinen Nadeln bei Allergien, psychischen Problemen, Verhaltensstörungen, Leistungsabfall von Sportpferden oder hormonellen Störungen hilfreich sein können. Für nachhaltige Therapieergebnisse setze ich auf ausgewählte Kräutermedizin. Diese kann oft auf vielfältige Weise positiv bei Hund, Katze und Co. wirken.
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Lorbeer: Mehr als nur ein Gewürz
Laurus nobilis L., der Echte Lorbeer, hat seinen Ursprung in Vorderasien und ist im gesamten Mittelmeerraum sowie den Balkanländern und anderen subtropischen Gebieten verbreitet. Der Lorbeer findet bereits in der griechischen Mythologie vielfach Erwähnung. In der Antike wurde der Lorbeerkranz zum Zeichen der Sieger und man glaubte an seine Fähigkeit, böse Geister zu vertreiben. Dioskurides beschreibt in der Materia medica die Nutzung von Lorbeerblättern und -früchten für therapeutische Zwecke. Das aus den Früchten gepresste gelbgrüne Lorbeeröl wurde zur Behandlung von Neuralgien, Ohrenleiden und katarrhalischen Zuständen eingesetzt. Die Lorbeerblätter nutzte Dioskurides wegen ihrer erweichenden und erwärmenden Wirkung zu Sitzbädern bei Gebärmutter- und Blasenleiden sowie zur Behandlung von Entzündungen, Rheumatismus und Insektenstichen.
Sowohl Blätter als auch Früchte von L. nobilis wurden traditionell in verschiedenen geografischen Regionen vielseitig verwendet, u. a. als Magenmittel, zur Behandlung von Polypen, Amenorrhoe, rheumatischen Schmerzen, Sklerose, Asthma, Kondylomen und Hysterie. Die iranische Volksmedizin setzt die Lorbeerblätter zudem gegen Epilepsie und Neuralgie sowie für die Behandlung von Morbus Parkinson ein. In der griechischen traditionellen Medizin werden Rezepturen unter Verwendung der Blätter als Stärkungsmittel und gegen Magenbeschwerden, wie Krämpfe, Blähungen und Aufstoßen, eingesetzt. Auch in der traditionellen Veterinärphytotherapie werden das ätherische Öl aus den Blättern, das aus den Früchten gepresste Öl und die gepulverten Lorbeerfrüchte bei Hufbeschwerden und Verstauchungen bei Pferden sowie als Eutersalbe genutzt. In der Traditionellen Europäischen Medizin bzw. Phytotherapie dienen die beiden genannten Öle zur Behandlung von Quetschungen, Verstauchungen, Nagelproblemen und rheumatischen Beschwerden.
Das ätherische Öl der Lorbeerblätter wird in der Aromatherapie wegen seiner ausgleichenden, stimmungsaufhellenden und zugleich sedativen Wirkungen geschätzt und bei neurovegetativer Dystonie, Angststörungen, Konzentrationsmangel und Depressionen eingesetzt. Antimikrobielle, antimykotische, antivirale, insektizide, akarizide Wirkungen sind ebenfalls beschrieben. Die entzündungshemmende und immunmodulatorische Wirkung von L. nobilis ist in der Volksmedizin schon sehr lange bekannt. In In-vitro-Versuchen wurden an verschiedenen Tumorzelllinien auch Lorbeerextrakte untersucht und zytotoxische Effekte nachgewiesen. Tierexperimentell und durch verschiedene In-vitro-Methoden konnte die schon in der Antike bekannte Wirksamkeit bei Magenbeschwerden bestätigt werden. In der traditionellen Volksheilkunde wurden Lorbeerblätter auch bei Durchfallerkrankungen eingesetzt. In einem Diabetes-Tiermodell mit Mäusen zeigten die Extrakte aus Lorbeerblättern einen insulinverstärkenden Effekt.
Phytopharmaka: Was ist zu beachten?
Zu den meisten pflanzlichen Präparaten, die aus Heilpflanzen gewonnen werden, fehlen Studien, die ihre klinische Wirksamkeit belegen. Ärzte sollten sich mit Heilpflanzen auskennen, die ihre Herz-Kreislauf-Patienten eventuell zusätzlich zu anderen ärztlich verordneten Medikamenten einnehmen. Denn einer von fünf nutzt Kräuter oder Nahrungsergänzungsmittel während seines Lebens. Ein besonderes Augenmerk legten die Forscher auf die Wechselwirkungen mit anderen Herzmedikamenten. Patienten, die Ginseng, Preiselbeeren, grünen Tee oder Rotwurzel-Salbei in Kombination mit dem Antikoagulanz Warfarin einnehmen, haben ein erhöhtes Blutungsrisiko. Das gleiche Risiko besteht, wenn Ginkgo und Knoblauch zusammen mit Aspirin eingenommen werden. Bei kardiovaskulären Indikationen seien Phytopharmaka und Heilpflanzen zweifelsfrei überfordert.
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