Das Kribbeln in der Hand oder in den Fingerspitzen ist eine Missempfindung oder eine Sensibilitätsstörung, die auch als Parästhesie bezeichnet wird. Überall im Körper befinden sich Nerven, die Signale über Nervenbahnen zum Gehirn leiten. Wenn diese Nerven eingeklemmt oder irritiert werden, kann dies zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Kribbeln, Taubheit, Schmerzen und Muskelschwäche. Eine häufige Ursache für diese Symptome ist die Einklemmung des Plexus brachialis, einem Nervengeflecht, das die Schulter, den Arm und die Hand versorgt.
Was ist der Plexus brachialis?
Der Plexus brachialis, auch Armnervengeflecht genannt, ist ein komplexes Netzwerk von Nervenfasern, das aus den Spinalnervenwurzeln C5 bis Th1 entspringt. Diese Nervenwurzeln verlassen den Wirbelkanal im Bereich der Halswirbelsäule und des ersten Brustwirbels und bilden ein verflochtenes Netzwerk, das sich von der Wirbelsäule bis zur Achselhöhle erstreckt. Der Plexus brachialis ist für die motorische und sensible Versorgung der oberen Extremität verantwortlich, das heißt, er steuert die Muskeln von Schulter, Arm und Hand und übermittelt Empfindungen wie Berührung, Temperatur und Schmerz von der Haut des Arms an das Gehirn.
Ursachen einer Plexus brachialis Einklemmung
Eine Einklemmung des Plexus brachialis kann verschiedene Ursachen haben. Oft sind einseitige Bewegungen im Alltag und Überlastung dafür verantwortlich. Muskeln, Faszien und Sehnen passen sich an Belastungen an. Sie werden unnachgiebiger und fester, wenn wir sie stark beanspruchen. Das Gewebe kann bei Überlastung auch anschwellen. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:
- Überlastung und einseitige Belastung: Stundenlanges Tippen auf einer Tastatur oder Maus, handwerkliche Tätigkeiten mit Drehbewegungen oder Vibration können zu Verdickungen oder Schwellungen an den Sehnen führen, die Druck auf den Nerv ausüben.
- Schulter-Arm-Syndrom: Beschwerden an der Schulter können ein Kribbeln in den Händen und Fingern auslösen, wenn zum Beispiel verhärtete oder ungleich trainierte Muskulatur Nerven komprimiert oder einklemmt.
- Thoracic-outlet-Syndrom: Eine Verengung zwischen der oberen Rippe und dem Schlüsselbein kann dazu führen, dass der Plexus brachialis und die Blutgefäße in diesem Bereich eingeklemmt werden. Anatomische Variationen wie eine zusätzliche Halsrippe, zusätzliche Bänder oder Vernarbungen nach Verletzungen oder Bestrahlungstherapie können ebenfalls zu dieser Verengung beitragen.
- Haltungsschäden: Haltungsschäden, ausgeprägte Muskulatur (Body Building) oder bestimmte Bewegungsmuster, die oft wiederholt werden (Überkopfarbeiten, Schwimmen, Werfen, Rad- und Autofahren, Lasten- und Rucksacktragen) können ebenfalls eine Einklemmung des Plexus brachialis verursachen.
- Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule: Auch wenn bei dir ein Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule diagnostiziert wurde, kannst du in Absprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt Dehnübungen ausprobieren.
- Entzündungen: Eine Nervenentzündung in der Schulter - medizinisch auch Neuritis oder Plexopathie genannt - beschreibt eine entzündliche oder irritative Reizung von Nervenfasern im Bereich des Schultergelenks.
- Fehlhaltungen und muskuläre Dysbalancen: Mechanische Reizungen, wie sie bei Fehlhaltungen, muskulären Dysbalancen oder Verschleißerscheinungen im Bereich der Halswirbelsäule, des Schulterblatts oder des Gelenks auftreten, können ebenfalls eine Nervenentzündung verursachen.
- Unfälle und Verletzungen: Eine Verletzung des Plexus brachialis entsteht meist bei Unfällen und führt zu Beschwerden am Arm und an der Hand, aber auch in der Hals-Schulter-Region.
- Tumore und andere Raumforderungen: In seltenen Fällen können Tumore oder andere Raumforderungen im Bereich des Plexus brachialis Druck auf die Nerven ausüben und zu einer Einklemmung führen.
- Iatrogene Läsionen: Manchmal wird die Läsion durch medizinisches Personal verursacht (iatrogene Läsion).
Risikofaktoren für eine Plexus brachialis Einklemmung sind mangelnde Bewegung, Fehlhaltungen, schwere körperliche Arbeit oder abnutzungsbedingte Veränderungen an Knochen und Gelenken. Auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, Übergewicht sowie Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises können das Risiko erhöhen.
Symptome einer Plexus brachialis Einklemmung
Die Symptome einer Plexus brachialis Einklemmung können je nach Ursache und Schweregrad der Einklemmung variieren. Häufige Symptome sind:
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- Schmerzen: Schmerzen im Arm, in der Schulter oder im Nacken, die sich bei bestimmten Bewegungen verstärken können. Die Schmerzen können stechend, brennend oder ziehend sein und bis in den Ellenbogen oder die Finger ausstrahlen.
- Kribbeln und Taubheit: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder das Gefühl eines „eingeschlafenen Arms“ in den Fingern, der Hand oder dem Arm.
- Muskelschwäche: Muskelschwäche in der Hand, im Arm oder in der Schulter, die zu Schwierigkeiten beim Greifen, Heben oder anderen Alltagsaktivitäten führen kann.
- Bewegungseinschränkungen: Eingeschränkte Beweglichkeit des Arms oder der Schulter.
- Kalte Hände: Eine schlechtere Durchblutung äußert sich oft durch kalte Hände.
- Schulter-Arm-Syndrom: Hier ziehen die Schmerzen nicht nur lokal durch das Gelenk, sondern entlang des gesamten Arms - mitunter bis in die Hand.
- Plexusparese: Die Auswirkungen einer Plexusparese reichen von leichten Bewegungseinschränkungen bis hin zu einer kompletten Armlähmung.
Diagnose einer Plexus brachialis Einklemmung
Die Diagnose einer Plexus brachialis Einklemmung erfordert eine sorgfältige Anamnese, eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls zusätzliche diagnostische Maßnahmen.
- Anamnese: Der Arzt wird nach den genauen Symptomen, dem Zeitpunkt des Auftretens, möglichen Auslösern und Vorerkrankungen fragen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird die Beweglichkeit des Arms und der Schulter überprüfen, die Muskelkraft testen, die Sensibilität prüfen und nach spezifischen Zeichen suchen, die auf eine Nervenkompression hindeuten. Ein Beklopfen (Perkussion) bestimmter Hautbereiche rund um das Schlüsselbein kann zu elektrisierenden, ausstrahlenden Schmerzen führen (Hoffmann-Tinel-Zeichen).
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Eine Elektromyografie (EMG) und eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) können helfen, die Funktion der Nerven zu beurteilen und den Ort der Einklemmung zu lokalisieren.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie Röntgenaufnahmen, Ultraschall, Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) erforderlich sein, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen oder den Ort der Einklemmung genauer zu bestimmen. Im MRT kann man meistens die Ursache der Beschwerden feststellen. Durch diese strahlungsfreie Schnittbilddiagnostik kann man alle Gewebe im Bereich der Schulter und des Oberarms sehen. Zu nennen wären neben den Muskeln und Sehnen auch Nerven und auch Blutgefäße, die im Bereich des Plexus laufen. Aber auch Knochen, wie das Schlüsselbein, können bei einer MRT-Aufnahme des Plexus gesehen und beurteilt werden. Eine MRT-Untersuchung würde man immer dann durchführen, wenn man sich nicht genau sicher ist, welche Ursachen die Beschwerden im Bereich der Schulter auslösen.
Behandlung einer Plexus brachialis Einklemmung
Die Behandlung einer Plexus brachialis Einklemmung richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Einklemmung. In den meisten Fällen ist eine konservative Behandlung ausreichend, um die Beschwerden zu lindern. Nur in seltenen Fällen ist eine Operation erforderlich.
Konservative Behandlung
- Entlastung: Vermeiden Sie Aktivitäten, die die Beschwerden verschlimmern. Passen Sie Ihren Arbeitsplatz ergonomisch an und achten Sie auf eine gute Körperhaltung.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen können helfen, die Muskeln zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Nerven zu mobilisieren. Auch Faszien-Rollmassagen, medizinische Trainingstherapie und therapiebegleitende Maßnahmen wie Wärme oder Elektrotherapie können helfen, die Reizleitung zu normalisieren.
- Schmerzmittel: Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol können helfen, die Schmerzen zu lindern. Bei neuropathischen Schmerzen können auch spezielle Medikamente wie Antidepressiva oder Antikonvulsiva eingesetzt werden.
- Entzündungshemmende Medikamente: Entzündungshemmende Medikamente können sinnvoll sein, um eine akute Reizung zu lindern.
- Nachtschiene: Bei manchen Patienten kann das Tragen einer Nachtschiene helfen, das Handgelenk in einer neutralen Position zu halten und den Druck auf den Nerv zu reduzieren.
- Ergotherapie: Eine Ergotherapie kann helfen, Alltagsaktivitäten so anzupassen, dass die Nerven nicht unnötig belastet werden.
- Elektrotherapie: Eine Elektrotherapie, also die Behandlung mit elektrischem Strom, kann Muskelschwund verzögern, bis die Nervenregeneration abgeschlossen ist.
- Rehabilitationsmaßnahmen: Rehabilitationsmaßnahmen können Teil der Behandlung sein.
Operative Behandlung
Eine Operation ist nur in seltenen Fällen erforderlich, wenn die konservative Behandlung nicht ausreichend hilft oder wenn eine klare Ursache für die Einklemmung vorliegt, die operativ beseitigt werden kann, wie z. B. ein Tumor oder eine Halsrippe. Es gibt einige mögliche Operationsverfahren:
- Freilegung von eingeengtem Nervengewebe (Neurolyse)
- Verlagerung von gesunden Ästen an beschädigte Äste innerhalb des Plexus - die gesunden Äste können aus dem Plexus oder von außerhalb stammen (intraplexaler Nerventransfer bzw. extraplexaler Nerventransfer).
- Versetzen eines eigenen Nervenastes aus einem anderen Körperbereich (Autologe Nerventransplantation)
- Verlagerung von intakten Muskeln zum Funktionserhalt (Ersatzoperation)
Der Zeitpunkt der Operation hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. Bei ausgerissenen Nervenwurzeln wird möglichst nach 6-8 Wochen operiert. Wenn keine Nerven durchtrennt sind, sollte die Operation später stattfinden, und zwar nach 3-6 Monaten.
Was Sie selbst tun können
Neben der ärztlichen Behandlung können Sie selbst einiges tun, um die Beschwerden zu lindern und den Heilungsverlauf zu unterstützen:
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- Alltagsverhalten bewusst anpassen: Vermeiden Sie belastende Überkopfbewegungen, wie z. B. Fensterputzen oder schweres Heben. Schlafen Sie in einer neutralen Seitenlage, eventuell mit einem Kissen unter dem Arm zur Entspannung der Schulter. Pausen im Arbeitsalltag sind essenziell: Wechseln Sie regelmäßig die Position, besonders bei Schreibtischarbeit. Achten Sie auf Ihre Körperhaltung, sowohl beim Sitzen als auch beim Stehen. Eine aufrechte Haltung reduziert den Druck auf Nerven und Muskulatur. Vermeiden Sie Stress, da Anspannung direkt in die Schultermuskulatur wirkt.
- Sanfte Übungen zur Eigenanwendung: Leichte Bewegungen fördern die Durchblutung und helfen, verspannte Muskelbereiche rund um das Schulterblatt zu lockern. Wichtig: Die Übungen sollten schmerzfrei ausführbar sein und nicht gegen Widerstand erfolgen. Pendeln des Arms nach vorne und zur Seite im Sitzen oder Stehen Sanftes Schulterkreisen in beide Richtungen Faszien-Rollmassage entlang der Brustmuskulatur oder seitlich am Rumpf Isometrische Spannungsübungen, bei denen die Muskulatur angespannt wird, ohne Bewegung auszuführen Diese Maßnahmen sind besonders wirksam, wenn sie regelmäßig und mit Ruhe durchgeführt werden - am besten morgens und abends.
- Dehnübungen: Drehe die Finger nach außen und immer weiter zurück bis die Finger im besten Fall zu dir nach hinten zeigen. Du lässt deine Handfläche am Boden oder auf dem Tisch und erzeugst eine intensive Dehnung am Handgelenk. Um die Dehnung zu intensivieren, bewege die Schultern zurück.
- Professionelle Hilfsmittel: Benutze professionelle Hilfsmittel für deine Liebscher & Bracht Übungen®. Unsere Hilfsmittel wie Rücken-, Kiefer-, Schulter-, Knie-, Nacken- oder ISG-Ischias-Retter unterstützen Menschen dabei, die Liebscher & Bracht Übungen® noch einfacher durchzuführen und sich damit noch besser selbstständig bei Schmerzen helfen zu können.
Wichtige Hinweise zu Übungen
- Übe immer in der richtigen Intensität und im Zweifelsfall lieber mit etwas geringerer Intensität. Du spürst dabei einen intensiven Schmerz, kannst aber während der Dehnung noch ruhig atmen.
- Bewege dich bei den Übungen so, dass du deinen Körper zu jedem Zeitpunkt beobachten und einschätzen kannst. Sei beispielsweise sehr achtsam, wenn du abrutschen oder das Gleichgewicht verlieren könntest.
- Verzichte so weit wie möglich auf die Einnahme von Schmerzmitteln. Unsere Liebscher & Bracht Übungen® nutzen deinen Schmerz als Ausgangspunkt und täglichen Vergleichswert.
- Führe an 6 Tagen pro Woche die Übung mindestens einmal täglich aus. Für jeden Übungsschritt solltest du 2 bis 2,5 Minuten investieren.
- Bist du schon geübter, baue nach und nach auch das Gegenspannen und das aktive Dehnen ein.
Sollten die Schmerzen aufgrund der Übungen zunehmen, besteht kein Grund zur Panik. Eine Erstverschlimmerung kann eine normale Reaktion deines Körpers sein. Wenn es dir nach den Übungen aber dauerhaft schlechter statt besser geht, pausiere aber bitte für einen oder zwei Tage und steigere dich erneut langsam.
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