Polyneuropathie und Impfungen: Ursachen, Zusammenhänge und aktuelle Erkenntnisse

Die Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung, bei der periphere Nerven geschädigt sind. Diese Nerven verbinden Muskeln, Haut und Organe mit dem Gehirn und sind für die Weiterleitung von Informationen zuständig. Schäden an diesen Nerven können zu vielfältigen Beschwerden führen, darunter Kribbeln, Brennen, Taubheit, Schmerzen und Muskelschwäche. Die Ursachen für eine Polyneuropathie sind vielfältig und reichen von Diabetes mellitus und Alkoholmissbrauch bis hin zu Chemotherapien und Infektionen. In den letzten Jahren hat die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen Impfungen, insbesondere gegen COVID-19, und dem Auftreten von Polyneuropathien an Bedeutung gewonnen.

Polyneuropathie: Ein Überblick

Eine Polyneuropathie entsteht, wenn die peripheren Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks geschwächt oder beschädigt sind. Dies kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter:

  • Diabetes mellitus: Die diabetische Polyneuropathie ist die häufigste Form der PNP. Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt die Nervenzellen und beeinträchtigt die Durchblutung der Nerven.
  • Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholkonsum kann die Nerven direkt schädigen und zu Mangelernährung führen, was einen Vitamin-B12-Mangel und Nervenstörungen begünstigt.
  • Chemotherapie: Bestimmte Krebsmedikamente (Zytostatika) können Nervenenden, Nervenzellen oder deren isolierende Hülle schädigen, was zu Parästhesien, brennenden Schmerzen und Muskelschwäche führt.
  • Weitere Ursachen: Vitamin-B12-Mangel, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Gicht, Gifte, chemische Lösungsmittel, Infektionskrankheiten wie Lyme-Borreliose, Diphtherie, HIV, Guillain-Barré-Syndrom (eine Autoimmunerkrankung), Morbus Fabry (eine angeborene Stoffwechselstörung) und Krebserkrankungen.

COVID-19 und Polyneuropathie

Auswirkungen von COVID-19 auf bestehende Neuropathien

Der COVID-19-Virus scheint nicht direkt Neuropathien auszulösen. Allerdings kann eine COVID-19-Erkrankung die Ausprägung bestehender neuropathischer Symptome negativ beeinflussen. Da eine Neuropathie oft auf eine Grunderkrankung wie Diabetes, Autoimmunerkrankungen oder Krebs hinweist, kann eine COVID-19-Infektion aufgrund eines geschwächten Immunsystems das Risiko für Komplikationen erhöhen. Es ist unwahrscheinlich, dass der Virus die Zellen erneut schädigt, aber es kann zu einem Wiederaufflammen der neuropathischen Symptome kommen. Die grippeähnliche Wirkung von COVID-19 kann das Kribbeln und Taubheitsgefühl verstärken.

COVID-19 als Auslöser des Guillain-Barré-Syndroms (GBS)

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine akute, potenziell lebensbedrohliche Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems, die sich typischerweise mit rasch aufsteigenden, schlaffen Lähmungen sowie sensorischen und autonomen Störungen manifestiert. GBS tritt häufig innerhalb von vier Wochen nach bakteriellen oder viralen Infektionen auf, darunter auch COVID-19. Studien haben gezeigt, dass die Prävalenz von GBS bei COVID-19-Patienten höher ist als in der Allgemeinbevölkerung.

Polyneuropathie und COVID-19-Impfungen

Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als mögliche Nebenwirkung von COVID-19-Impfstoffen

In der Literatur werden Fälle von GBS nach Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria®) und anderen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 beschrieben. Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wurden bis zum 31.07.2021 insgesamt 84 Fallberichte eines GBS bzw. Miller-Fisher-Syndroms im Zusammenhang mit Vaxzevria® gemeldet. Die ersten Symptome traten im Mittel 17 Tage nach der Impfung auf. Statistische Analysen deuten auf ein erhöhtes Risiko für GBS im Zusammenhang mit Vaxzevria® und COVID-19 Vaccine Janssen hin, nicht jedoch für die mRNA-Impfstoffe. Auf Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA wurde GBS als sehr seltene Nebenwirkung in die Fachinformationen von Vaxzevria® und COVID-19 Vaccine Janssen aufgenommen.

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Fallbeispiel: GBS nach Impfung mit Vaxzevria®

Ein 35-jähriger Patient entwickelte zwei Wochen nach Erstimpfung gegen COVID-19 mit Vaxzevria® ein Taubheitsgefühl an den Füßen sowie Kribbelparästhesien an den Fingern. Im Verlauf kamen innerhalb von neun Tagen eine schlaffe Tetraparese, eine periphere Fazialisparese und eine zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor hinzu. Die Diagnose eines Guillain-Barré-Syndroms (GBS) wurde gestellt. Nach Behandlung mit intravenösen Immunglobulinen besserte sich der Zustand des Patienten zunächst, bevor es zu einem Rezidiv kam, das erneut behandelt werden musste.

Bewertung des Risikos

Obwohl Fallberichte und Spontanmeldesysteme auf ein mögliches erhöhtes Risiko für GBS nach Impfung mit Vaxzevria® hindeuten, ist die Inzidenz eines etwaigen Vaxzevria®-assoziierten GBS sehr niedrig. Angesichts der Vielzahl der Geimpften sind auch spontan bzw. durch andere Pathogene ausgelöste GBS zu erwarten. Es kann deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei berichteten Fällen um zufällige Koinzidenzen handelt.

Empfehlungen

Wenn nach einer Impfung, insbesondere mit Vaxzevria® oder COVID-19 Vaccine Janssen, neurologische Symptome wie schlaffe Paresen oder distal symmetrische Sensibilitätsstörungen auftreten, sollte ein GBS erwogen und die Patienten entsprechend untersucht und behandelt werden.

Weitere neurologische Komplikationen im Zusammenhang mit COVID-19 und Impfungen

Eine Auswertung von Gesundheitsdaten aus England liefert Informationen zur Häufigkeit von neurologischen Komplikationen im Zusammenhang mit einer SARS-CoV-2-Infektion bzw. mit Impfungen gegen diesen Erreger. Die SARS-CoV-2-Infektion war mit einem signifikanten Anstieg bei allen untersuchten neurologischen Erkrankungen verbunden, insbesondere GBS, Myasthenie und Enzephalitis/Meningitis/Myelitis. Nach einer Impfung mit ChAdOx1 nCoV-19 (AstraZeneca) war mit 38 zusätzlichen GBS-Erkrankungen pro 10 Mio. Exponierten zu rechnen. Eine Impfung mit BNT162b2 (BioNTech) führte zu 60 zusätzlichen hämorrhagischen Schlaganfällen pro 10 Mio. Exponierte, v.a. bei Personen > 60 Jahre.

Small-Fiber-Neuropathie (SFN) und Post-Vac-Syndrom

Neben dem GBS wurde auch die Small-Fiber-Neuropathie (SFN), eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, als mögliche Folgeerscheinung nach COVID-19-Impfungen beschrieben. Wissenschaftler*innen fanden bei der Suche nach den Ursachen von anhaltenden Kopfschmerzen, starker Müdigkeit sowie abnormaler Herzfrequenz und Blutdruck nach Impfungen zunehmend Übereinstimmungen mit bereits erforschten Erkrankungen wie SFN und dem posturalen orthostatischen Tachykardiesyndrom (POTS).

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