Hemmende Interneurone: Produktion, Funktion und Bedeutung im Nervensystem

Einführung

Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das aus verschiedenen Arten von Nervenzellen besteht, die als Neuronen bekannt sind. Diese Neuronen kommunizieren miteinander, um Informationen zu verarbeiten und Reaktionen im Körper zu koordinieren. Zu den Haupttypen von Neuronen gehören sensorische Neuronen, Motorneuronen und Interneurone. Interneurone spielen eine entscheidende Rolle bei der Modulation neuronaler Schaltkreise und der Feinabstimmung der Gehirnaktivität. Insbesondere hemmende Interneurone sind für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Erregung und Hemmung im Gehirn unerlässlich. Dieser Artikel befasst sich mit der Produktion, Funktion und Bedeutung hemmender Interneurone im Nervensystem.

Nervenzelltypen im Überblick

Das Nervensystem besteht aus verschiedenen Typen von Nervenzellen, die jeweils unterschiedliche Funktionen erfüllen. Sie ermöglichen Kommunikation und Reaktion innerhalb des Körpers und sind essenziell für das Überleben und die Anpassung an Umweltveränderungen.

Sensorische Neuronen

Sensorische Neuronen sind verantwortlich für die Übertragung von Signalen von den Sinnesorganen zum Gehirn. Diese Neuronen wirken als erste Verbindung zwischen der Umwelt und dem zentralen Nervensystem und ermöglichen es uns, Reize wie Licht, Ton und Temperatur wahrzunehmen. Ihre Axone leiten Informationen weiter und sind mit Rezeptoren in den Sinnesorganen verknüpft. Betrachte die Rezeptoren auf der Haut, die auf Temperatur reagieren. Diese senden Signale durch sensorische Neuronen zum Gehirn, wodurch Du Wärme oder Kälte empfindest.

Motorneuronen

Motorneuronen spielen eine wichtige Rolle bei der Bewegungskontrolle. Sie leiten Signale vom zentralen Nervensystem zu Muskeln und Drüsen, was zur Aktivierung und Steuerung von Muskelkontraktionen führt. Obere Motorneuronen leiten Befehle vom Gehirn an die unteren Motorneuronen, die letztendlich die Signale direkt an die Muskeln leiten. Die Degeneration von Motorneuronen kann zu schweren Erkrankungen wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) führen.

Interneurone

Interneurone sind die Vermittler zwischen sensorischen und motorischen Neuronen. Sie sind maßgeblich an der Integration von Informationen und der Koordination von Reaktionen beteiligt. Sie sind hauptsächlich im Gehirn und Rückenmark zu finden und erleichtern die Kommunikation zwischen verschiedenen Nervenzelltypen. Interneurone sind auch verantwortlich für Reflexe und komplexe Reaktionen. Ein tieferer Einblick in die Arbeit von Interneuronen zeigt, dass sie in der Lage sind, Erregungsmuster zu modulieren. Diese Fähigkeit ist entscheidend für das Lernen und das Gedächtnis, da sie die synaptische Plastizität beeinflussen, die wiederum die Fähigkeit des Gehirns zur Anpassung und Veränderung regelt.

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Neuronale Strukturen und ihre Rolle

Neuronale Strukturen umfassen mehr als nur das einzelne Neuron. Jede Struktur hat eine spezifische Aufgabe, die zur Funktion des gesamten Nervensystems beiträgt. Die entscheidenden Abschnitte beinhalten den Dendrit, das Axon und den Synapsenendknopf. Jeder dieser Teile hat einzigartige Merkmale:

  • Dendriten: Empfangen Signale von anderen Neuronen. Dendriten sind oft die am kürzesten verzweigten und vielzähligen Teile einer Nervenzelle.
  • Axon: Leitet elektrische Impulse weiter.
  • Synapsenendknopf: Gibt Neurotransmitter frei, um Signale zu übertragen.

Ein typisches Beispiel für die Funktion neuronaler Strukturen zeigt sich in einem Reiz-Reaktionszyklus. Beispielsweise empfängt ein sensorisches Neuron einen Reiz über seine Dendriten, leitet den elektrischen Impuls über das Axon weiter und aktiviert schließlich ein motorisches Neuron an der Synapse, um eine Muskelbewegung auszulösen.

Synapse: Der Bereich, an dem zwei Neuronen kommunizieren, indem sie chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, austauschen.

Synapsen und Neurotransmitter bei Nervenzelltypen

Synapsen spielen eine entscheidende Rolle bei der Signalweiterleitung zwischen Nervenzellen. Sie nutzen Neurotransmitter als Botenstoffe, um Informationen von einem Neuron zum nächsten zu transportieren. Diese chemischen Substanzen sind maßgeblich daran beteiligt, die Richtung und Stärke der Signale zu regulieren.

  • Erregend: Erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das nächste Neuron einen Impuls auslöst.
  • Hemmend: Reduzieren die Wahrscheinlichkeit eines nachfolgenden Impulses.

In einem tieferen Verständnis des Prozesses der synaptischen Übertragung wird klar, dass Neurotransmitter nicht nur an Erregung und Hemmung beteiligt sind. Einige, wie Dopamin und Serotonin, sind entscheidend für Stimmung, Aufmerksamkeit und Belohnungssysteme im Gehirn. Diese Neurotransmitter können neuroplastische Veränderungen fördern, indem sie die synaptische Stärke durch Langzeitpotenzierung oder Langzeitdepression modifizieren. Dies beeinflusst Lernprozesse und Erinnerungen stark.

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Neuroanatomie Grundlagen und Nervenzelltypen

Die Neuroanatomie ist ein weites Feld, das sich mit der Struktur und Funktion des Nervensystems befasst. Ein zentraler Bestandteil davon sind die verschiedenen Nervenzelltypen, die in ihrem Aufbau und ihrer Funktion differenzieren. Diese Zellen sind entscheidend für die Leistung des Gehirns und die verschiedenen Antworten auf Umweltreize.

Nervenzellen Funktion im Überblick

Nervenzellen, auch als Neuronen bekannt, sind spezialisierte Zellen, die elektrische und chemische Signale im Nervensystem übermitteln. Sie bestehen im Wesentlichen aus einem Zellkörper, Dendriten und einem Axon. Die strukturellen Unterschiede bestimmen, wie Informationen verarbeitet und übertragen werden.

  • Dendriten empfangen Signale.
  • Axone leiten Signale weiter.
  • Synapsen übertragen Signale chemisch mit Hilfe von Neurotransmittern.

Neuron: Die grundlegende funktionelle Einheit des Nervensystems, die für den Empfang, die Verarbeitung und die Weiterleitung von Informationen verantwortlich ist.

Betrachte ein motorisches Neuron, das Signale vom Gehirn an die Muskeln sendet, um Bewegung zu initiieren. Diese Signale beginnen als elektrische Impulse im Gehirn, durchqueren das Rückenmark und enden als chemische Übertragungen an der Muskelendplatte. Nicht alle Nervenzellen sind gleich aufgebaut: Die Form und Länge von Dendriten und Axonen kann je nach Funktion variieren.

Ein detaillierterer Blick auf spezifische Nervenzelltypen zeigt Unterschiede in der Synapsendichte und -struktur. Einige Neuronen, insbesondere in Gehirnregionen wie dem Hippocampus, weisen eine dichtere Synapsenanordnung auf, was eine schnelle und effiziente Informationsverarbeitung begünstigt. Diese Synapsen sind in der Lage, durch Prozesse wie die Langzeitpotenzierung Lern- und Gedächtnisfunktionen zu unterstützen. Neuroplastizität ermöglicht es Neuronen, ihre Verbindungsmuster in Reaktion auf Reize zu verändern, was essenziell für Anpassungsprozesse ist.

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Nervenzelltypen in neuronalen Netzwerken

Nervenzellen, auch als Neuronen bekannt, sind die entscheidenden Bausteine neuronaler Netzwerke. Unterschiedliche Nervenzelltypen haben sich entwickelt, um spezifische Funktionen im Nervensystem zu erfüllen. Diese Netzwerke sind komplex und ermöglichen die Vielseitigkeit der biologischen Funktionen. Verstehe die unterschiedlichen Typen und deren Zusammenarbeit, um die Organisation des Nervensystems zu schätzen.

Unterschiedliche Neuronen und deren Rollen

Die Rolle eines Neurons innerhalb eines Netzwerkes wird häufig durch seine Struktur und Position bestimmt:

  • Sensorische Neuronen: Nehmen externe Reize auf und leiten Informationen an das zentrale Nervensystem weiter.
  • Motorische Neuronen: Übertragen Signale vom zentralen Nervensystem zu Muskeln und Drüsen, um Bewegungen oder Reaktionen auszulösen.
  • Interneurone: Stellen Verbindungen zwischen verschiedenen Neuronen her, insbesondere innerhalb des Gehirns und Rückenmarks.

Jeder Typ ist entscheidend für die entsprechende Funktion im neuronalen Netzwerk.

Neuronales Netzwerk: Ein komplexes System aus interagierenden Neuronen, das Informationen verarbeitet und übermittelt, und so Funktionen im Nervensystem steuert und koordiniert.

Bedenke das einfache Reflexnetzwerk einer Patellarreaktion: Ein sensorisches Neuron erfasst den Schlag auf die Sehne, ein Interneuron im Rückenmark vermittelt die Weiterleitung, und ein motorisches Neuron verursacht die Muskelkontraktion im Bein.

Synaptische Verbindungen und Signalübertragung

Nervenzellen sind über Synapsen verbunden, spezielle Strukturen, die chemische und elektrische Signale übermitteln. Diese Verbindungen sind entscheidend für die neuronale Kommunikation:

  • Erregende Synapsen: Verursachen eine Depolarisation, was die Wahrscheinlichkeit eines Aktionspotentials erhöht.
  • Hemmende Synapsen: Führen zu einer Hyperpolarisation, was die Wahrscheinlichkeit eines Impulses verringert.

Diese Balance zwischen Erregung und Hemmung ist entscheidend für die richtige Funktion neuronaler Netzwerke. Die Plastizität von Synapsen, die Fähigkeit, sich in Stärke und Anzahl zu verändern, ist wesentlich für das Lernen und die Gedächtnisbildung. Sensorische Nervenzellen leiten Informationen von Sinnesorganen zum Gehirn. Motorische Nervenzellen übertragen Signale vom Gehirn zu Muskeln und Drüsen, um Reaktionen auszulösen.

Die Produktion hemmender Interneurone

Während der Embryonalentwicklung entwickeln sich Nervenzelltypen aus neuronalen Stammzellen im Neuralrohr. Diese Zellen durchlaufen Differenzierungsprozesse, die durch Signalmoleküle und genetische Faktoren gesteuert werden. Abhängig von ihrer Position und den Signalen entstehen verschiedene Nervenzelltypen wie Neuronen und Glia. Gliazellen unterstützen Nervenzellen, indem sie Nährstoffe bereitstellen, Abfallprodukte entfernen, die neuronale Erregbarkeit regulieren und Myelinscheiden bilden, die die Signalweiterleitung beschleunigen.

Identifizierung und Klassifizierung von Nervenzelltypen

Zur Identifizierung und Klassifizierung von Nervenzelltypen werden Methoden wie Elektrophysiologie, Genexpression-Analysen, Immunhistochemie, Einzelzellsequenzierung und bildgebende Verfahren wie konfokale oder Elektronenmikroskopie eingesetzt.

Die Rolle hemmender Interneurone im Kortex

Kognitive Funktionen hängen vom Kortex ab. Er besteht zu ~80% aus exzitatorischen Prinzipalneuronen (PNs). Ihre Aktivitäten nehmen eine zentrale Rolle in der Informationskodierung ein, wie z.B. Ortszellen des Hippocampus und PNs sensorischer Areale, die Merkmale der Außenwelt kodieren (Einzelzellcode). Ableitung zahlreicher Neurone zeigten, dass Populationen von PNs gemeinsam Information repräsentieren (Populationscode). Die Aktivität von PNs wird von GABAergen hemmenden Interneuronen geprägt, einer kleineren, aber sehr vielfältigen Klasse kortikaler Zellen. Die Hemmung hat sich kürzlich zu einem wesentlichen Faktor in der Kontrolle kortikaler Netzwerkaktivitäten herauskristallisiert. Interneurone bestimmen nicht nur ob, sondern auch wann und wo einzelne PNs feuern, um Informationen zu kodieren. Das sich abzeichnende Bild deutet darauf hin, dass, während PNs den Informationsgehalt tragen, hemmende Interneurone Schlüsselmechanismen anbieten, die Aktivitäten neuronaler Subpopulationen in Raum und Zeit formen und dadurch Informationskodierung gestalten.

Angetrieben von dieser Hypothese, zielt die vorgeschlagene Initiative darauf ab zu untersuchen, auf welche Weise Interneurone kortikale Netzwerkberechnungen bestimmen und dadurch Populationscods formen. Interneurone sind durch diverse Morphologien, synaptische Eigenschaften, Konnektivitäten und Aktivitäten gekennzeichnet und können in Abhängigkeit von Bearbeitungsanforderungen den kortikalen Kode gestalten. Unter Verwendung von Mausmodellen und menschlichem Gewebe werden kortikale Areale einbeziehen, die für kognitive Funktionen bedeutend sind. Durch die Kombination optischer und elektrischer Ableitungen mit pharmako- und optogenetischen Methoden zur Modulation neuronaler Aktivität, Verhaltensquantifizierung, Netzwerkmodellen und hochdimensionalen Datenanalysen, wird der vorgeschlagene SFB/TRR multidisziplinäre Einblicke in eine Reihe neurowissenschaftlicher Fragen liefern:

  • Wie beeinflussen Interneurone kortikale Codes in Abhängigkeit von Erfahrung?
  • Wie tragen strukturell-funktionelle Eigenschaften von Interneuronen zur Informationskodierung bei?
  • Wie wird die Kodierung von Information in PN-Populationen durch Interneurone geformt?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen wird von den Synergien unserer Mitglieder getragen und basiert auf unseren Methoden, Konzepten und computergestützten und translationalen integrativen Ansätzen. Das vorgeschlagene Thema ist hochaktuell, wie aus dem kontinuierlichen Anstieg relevanter Veröffentlichungen in den letzten 10 Jahren hervorgeht.

Chandelierzellen: Spezialisierte hemmende Interneurone

Chandelierzellen sind inhibierende Interneurone, die gezielt das Axon-Initialsegment von Pyramidenzellen im Kortex innervieren, wodurch sie deren Signalgebung komplett unterdrücken können. Dank neuer Methoden, Chandelierzellen zu markieren und genetisch zu verändern, sind wir nun in der Lage, mit Einzelzellgenauigkeit sowohl die Gensequenz als auch die Entwicklung dieser Zellen im Gehirn zu studieren. Im Verlauf unserer Experimente konnten wir ein Gen identifizieren, das notwendig und hinreichend ist, um die präzise Lokalisation der Synapsen von Chandelierzellen zu steuern. Wir werden jetzt weitere Genkandidaten untersuchen und fragen, welche genaue Aufgabe diese in der Entwicklung der CZ-Zellen einnehmen.

Molekulare Mechanismen der Synapsenbildung von Chandelierzellen

Wir haben durch eine Kombination von genetischen und optischen Methoden ein bestimmtes Zelladhäsionsmolekül entdeckt, das notwendig und hinreichend für die spezifische Synapsenbildung der Chandelierzellen ist. Tatsächlich stießen wir auf ein Gen, das spezifisch sowohl in CZ als auch in denjenigen Pyramidenzellen exprimiert wird, die von CZ innerviert werden. Mittels Geneditierung konnten wir dieses Gen in den Chandelierzellen gezielt ausschalten und beobachteten, dass modifizierte CZ einen kleineren axonalen Baum mit kleineren Synapsen hatten und so wesentlich weniger Nervenzellen mit deutlich weniger Synapsen kontaktieren konnten. Wenn wir umgekehrt das Gen nicht in den CZ, sondern in ihren Zielneuronen ausschalteten, also das Schloss zum Schlüssel, sahen wir ebenfalls eine starke Verringerung der Anzahl und Größe hemmender Synapsen. Wenn wir alternativ das Gen in den Pyramidenzellen überexprimierten, führte dies zu dem umgekehrten Effekt: Die Anzahl der Synapsen wurde dramatisch erhöht.

Interneurone und die Verarbeitung von Sehinformationen

Damit das Auge die Eigenschaften optischer Reize effizient an das Gehirn weiterleiten kann, werden diese Informationen bereits im Auge vorverarbeitet. Manche der so genannten Ganglionzellen, die die Sehinformation über den Sehnerv ins Gehirn leiten, reagieren beispielsweise nur auf Lichtreize, die sich in eine bestimmte Richtung bewegen. Diese Richtungsselektivität wird durch hemmende Interneurone erzeugt, die mit ihren Synapsen die Aktivität der Ganglionzellen beeinflussen. Mit einer Ganglienzelle verbinden sich den Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg zufolge nur solche Dendriten-Fortsätze, die entgegengesetzt der bevorzugten Richtung der Ganglionzelle vom Zellkörper der Amakrinzelle ausgehen.

Die Sinneszellen in der Netzhaut des Wirbeltier-Auges wandeln Lichtreize in elektrische Signale um und leiten sie über nachgeschaltete so genannte Interneurone zu den Ganglionzellen und von dort ins Gehirn. Manche Ganglionzellen werden beispielsweise nur aktiviert, wenn Licht auf das Zentrum ihres rezeptiven Feldes fällt, die Peripherie dagegen dunkel bleibt (ON-Zellen). Bei anderen ist es genau umgekehrt (OFF-Zellen). Darüber hinaus gibt es Ganglionzellen, die von Licht aktiviert werden, das in einer bestimmten Richtung über ihr rezeptives Feld streicht. Im Gegensatz zu dieser Vorzugsrichtung hemmt eine Bewegung in entgegen gesetzter Richtung (Nullrichtung).

Schon vor einigen Jahren hatte dieselbe Arbeitsgruppe am Heidelberger Max-Planck-Institut gezeigt, dass Starburst-Amakrinzellen von bewegten Reizen aktiviert werden. Dabei reagiert jeder Ast des runden Dendritenbaums auf solche Reize bevorzugt, die sich vom Zellkörper entlang nach außen bewegen. Bewegungen von außen nach innen wiederum hemmen ihre Aktivität. Ihre Dendriten fungieren dabei im Zentralbereich rund um den Zellkörper klassisch als Empfänger von elektrischen Signalen, im Randbereich dagegen auch als Sender - sie entsprechen dort also dem Axon einer Nervenzelle.

Die Max-Planck-Forscher Kevin Briggman, Moritz Helmstaedter und Winfried Denk haben nun entdeckt, dass die Synapsen zwischen Ganglionzellen und Starburst-Amakrinzellen asymmetrisch verteilt sind - obwohl die Zellen selbst symmetrisch sind. Früheren Studien von Denk und seinem Team zufolge sind dafür die elektrischen Eigenschaften der sternförmig vom Zellkörper abzweigenden Dendriten der Amakrinzellen entscheidend. Sie werden demnach vom Zentral- zum Randbereich hin immer leichter erregbar, so dass Reize in dieser Richtung bevorzugt weiter geleitet werden. „Eine Ganglionzelle kann also zwischen Bewegungen unterschiedlicher Richtung unterscheiden, indem sie ausschließlich mit bestimmten Starburst-Amakrinzell-Dendriten Verbindungen eingeht - nämlich denen, die mit ihren hemmenden Synapsen verhindern, dass die Ganglionzelle in Nullrichtung aktiviert wird.

Möglich wurden dieser Befund nach Angaben der Wissenschaftler durch eine Kombination zweier unterschiedlicher Mikroskopie-Methoden: Mit einem Zwei-Photonen-Fluoreszenz-Mikroskop bestimmten die Forscher zunächst die bevorzugte Bewegungsrichtung der Ganglionzellen. Als nächstes maßen sie den exakten Verlauf aller Dendriten dieser Ganglionzellen sowie die der Amakrinzellen mit Hilfe eines neuen Elektronenmikroskopie-Verfahrens, der seriellen Oberflächenabbildung. Bei diesem Verfahren wird eine Volumenabbildung erstellt, indem wiederholt die Oberfläche eines Gewebepräparats mit dem Elektronenstrahl eines Raster-Elektronenmikroskops abgetastet wird, wobei zwischen den Abtastvorgängen jeweils ein dünnes Scheibchen der Oberfläche mit einem sehr scharfen Diamantmesser „abgehobelt“ wird. Die vollständige Automatisierung der Bildaufnahme macht es möglich über Wochen hinweg Datensätze mit tausenden oder gar zehntausenden von Schnitten aufzunehmen, „während man selbst z.B. im Urlaub oder auf Dienstreise ist“ sagt Denk. „Daher ist nun erstmals möglich, winzige Zellstrukturen mit hoher Auflösung in einem größeren Gewebestück zu beobachten.

Interneurone und die Besonderheiten des menschlichen Gehirns

Was unterscheidet unser Gehirn von dem der Tiere? Um diese Frage zu beantworten, haben Forscher die Netzwerke der Nervenzellen in den Gehirnen von Mäusen, Menschen und Affen verglichen. Demnach weist die menschliche Großhirnrinde eine überraschende Besonderheit auf: Sie ist durchzogen von einem Netzwerk hemmender Nervenzellen, das zehnmal stärker ausgeprägt ist als bei Mäusen. Die genaue Funktionsweise dieses Netzwerks ist noch unklar.

Mit seinen rund 86 Milliarden Nervenzellen bildet das menschliche Gehirn ein komplexes Netzwerk, das bisher nur in Ansätzen verstanden ist. Um mehr über die Funktionsweise des Gehirns herauszufinden, behelfen sich Wissenschaftler aus ethischen und praktischen Gründen oft mit den Gehirnen von Modellorganismen, vor allem Mäusen. Auf molekularer Ebene sind sich die Gehirne von Maus und Mensch weitgehend ähnlich. Sie haben die gleichen Arten von Ionenkanälen und leiten elektrische Erregung nach den gleichen Mechanismen weiter.

Mit dieser Frage hat sich nun ein Team um Sahil Loomba vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt beschäftigt. „Bislang ging man einfach davon aus, dass auch die Netzwerke zwischen den Nervenzellen bei Menschen ähnlich aufgebaut sind wie bei Mäusen“, erklären die Forscher. Eine ebensolche Studie haben Loomba und sein Team nun durchgeführt. Dazu nutzen sie Biopsien aus der menschlichen Großhirnrinde, die bei medizinisch notwendigen neurochirurgischen Eingriffen bei Hirntumor-Patienten entnommen worden waren. Die untersuchten Proben umfassten ausschließlich gesundes Hirngewebe. Mit Hilfe von dreidimensionaler Elektronenmikroskopie kartierten die Forscher rund eine Million Synapsen und ihre Funktion in den Gewebeproben.

Das Ergebnis: Im Vergleich zu Mäusen sind bei Menschen und Makaken die Verknüpfungen von sogenannten hemmenden Interneuronen deutlich stärker ausgeprägt. Er vergleicht die Aktivität dieser Nervenzellen mit den Aufgaben von Erziehern im Kindergarten oder Ordnern in Fußballstadien oder Museen: „Ihr sehr anstrengender und stark energieverbrauchender Einsatz gilt der Beruhigung der anderen.“ Doch in unserem Gehirn sind es nicht etwa einzelne Ordner, die eine Vielzahl anderer beruhigen. Die Netzwerkanalysen zeigen, dass die Verknüpfungen zu den großen Pyramidenzellen, den wichtigsten erregenden Neuronen der Großhirnrinde, bei Menschen kaum stärker sind als bei Mäusen. Dafür sind die hemmenden Interneuronen zehnmal mehr untereinander vernetzt. „Stellen Sie sich einen Raum voller Museumswärter, ein Stadion voller Fußballordnerinnen vor, die sich alle gegenseitig beruhigen“, beschreibt Helmstaedter.

Die genaue Funktion und Bedeutung dieser hemmenden Netzwerke ist bislang unklar. „Es gibt theoretische Hinweise darauf, dass sie zu längerem Verweilen von Sinneseindrücken oder ‚Gedanken‘ führen, also das Arbeitsgedächtnis verlängern können“, sagt Helmstaedter. „Das erlaubt weitreichende Spekulationen: Handelt es sich bei diesen neuartigen Netzwerken um die Grundlage ausschweifenden Denkens? Um solche Fragen zu klären, sind weitere Studien erforderlich. Ihre Ergebnisse könnten bedeutende Implikationen für psychische Krankheiten haben, aber auch die Entwicklung künstlicher Intelligenzen vorantreiben.

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