Im höheren Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs und der Alzheimer-Krankheit zu erkranken. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen diesen beiden Erkrankungen ein Zusammenhang bestehen könnte.
Einblicke aus Taiwan: Alzheimer als möglicher Vorbote von Prostatakrebs
Forscher aus Taiwan untersuchten, ob eine vorangegangene Alzheimer-Erkrankung mit einem erhöhten Risiko für eine spätere Prostatakrebsdiagnose verbunden ist. Sie analysierten die Daten von 2101 Prostatakrebs-Patienten und verglichen diese mit den Daten von 6303 Personen, die bezüglich Alter, Einkommen und Wohnort mit den Prostatakrebs-Patienten übereinstimmten, jedoch nicht an Prostatakrebs erkrankt waren (Kontrollgruppe). Die Daten stammten aus einer speziellen Datenbank.
Die Auswertung zeigte, dass 1,5 % aller Studienteilnehmer (128 Personen) bereits vor der Aufnahme in die Datenbank an Alzheimer erkrankt waren. Interessanterweise waren Prostatakrebs-Patienten häufiger von Alzheimer betroffen als die Kontrollpersonen (2,1 % vs. 1,3 %). Statistische Analysen ergaben, dass die Wahrscheinlichkeit, zuvor an Alzheimer erkrankt gewesen zu sein, bei Prostatakrebs-Patienten um etwa 50 % höher war als bei den Kontrollpersonen.
Androgendeprivationstherapie (ADT) und das Demenzrisiko
Bei Männern im Alter von etwa 75 Jahren, die wegen eines Prostatakarzinoms eine Androgendeprivationstherapie (ADT) erhalten, steigt das Risiko für eine Demenz innerhalb von 8 Jahren um etwa 20 Prozent.
Hintergrund der ADT
Bei Prostatakrebs kann eine Androgen-Deprivationstherapie (ADT) die Progression verzögern und die Mortalität senken. Gleichzeitig sind durch den Hormonentzug langfristige gesundheitliche Auswirkungen zu erwarten. Der Zusammenhang mit einer Demenz ist jedoch unsicher.
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Studiendesign
Eine retrospektive Kohortenstudie mit 154.089 älteren Männern, bei denen zwischen 1996 und 2003 Prostatakrebs diagnostiziert wurde, untersuchte die Assoziation von ADT mit dem Auftreten von Demenz. Es wurden diejenigen identifiziert, die innerhalb von zwei Jahren nach der Diagnose eine ADT erhielten, und anhand des Vergleichs mit Patienten ohne ADT eine mögliche Assoziation dieser Therapie mit dem Auftreten einer Demenz getestet.
Ergebnisse
Bei einer mittleren Nachverfolgungszeit von 8,4 Jahren erhielten in der ADT-Gruppe 13,1 % die Diagnose Alzheimer und 21,6 % die Diagnose Demenz. In der Vergleichsgruppe waren es 9,4 % bzw. 15,8 %. Das Chancenverhältnis (HR), nach ADT mit Morbus Alzheimer bzw. Demenz diagnostiziert zu werden, betrug 1,14 bzw. 1,19.
Klinische Bedeutung
Gemäß dieser Studie ist eine ADT bei älteren Männern mit einem Prostatakarzinom mit einer merklichen Zunahme des Risikos verbunden, am Morbus Alzheimer bzw. an einer Demenz zu erkranken.
Die Hormontherapie bei Prostatakrebs und ihre potenziellen Risiken
Prostatakrebs ist bei Männern eine der häufigsten Krebsformen. Das Krebswachstum wird vom männlichen Geschlechtshormon Testosteron gefördert. In manchen Fällen wird daher die sogenannte Androgendeprivationstherapie (ADT) eingesetzt. Dabei erhält der Patient Medikamente, die entweder die Testosteronproduktion drosseln oder die Wirkung des Testosterons in der Prostata verhindern.
Es wird jedoch diskutiert, ob die Hormontherapie nicht etwa zu Alzheimer führen könnte. Die ADT kann den Prostatakrebs nicht heilen, sondern lediglich das Fortschreiten des Krebses verlangsamen.
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Studienergebnisse zur ADT und Alzheimer
Eine Analyse der University of Pennsylvania zeigte, dass durch die Antihormontherapie in den darauffolgenden zehn Jahren auch das Risiko für Alzheimer steigen kann. In der ADT-Gruppe lag das Alzheimer-Risiko bei 13,1 Prozent, in der ADT-freien Gruppe bei nur 9,4 Prozent. Das Risiko, andere Demenzformen zu entwickeln, lag in der ADT-Gruppe sogar bei 21,6 Prozent, in der ADT-freien Gruppe bei nur 15,8 Prozent.
Frühere Studien zu diesem Thema kamen zu gemischten Ergebnissen und fanden in manchen Fällen keinen Zusammenhang zwischen der ADT und einer Demenz bzw. Alzheimer.
Mögliche Mechanismen des Zusammenhangs
Die Androgendeprivationstherapie soll sich negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit der Patienten auswirken und die Entstehung von Demenzen begünstigen. Es wird vermutet, dass die Zunahme von Alzheimer-Risikofaktoren wie Diabetes, Depression oder kardiovaskulären Problemen, die mit dem Androgenentzug einhergehen, eine Rolle spielt. Es ist auch möglich, dass zu niedrige Testosteronlevel neuronalem Wachstum und Nervenzellen schaden.
Dosis-Wirkungs-Beziehung
Eine Auswertung von Patientendaten zeigte, dass eine Androgendeprivationstherapie das Alzheimer- und Demenz-Risiko jeweils um 19 % erhöhte. Bei acht und mehr Dosen betrug der Anstieg sogar 24 bzw. 21 %.
Bedeutung für die Behandlung
Die Autoren betonen, dass die neuen Medikamente der 2. Generation zunehmend früher eingesetzt werden. Gerade bei Patienten mit einer längeren Lebenserwartung sollte der behandelnde Arzt Vor- und Nachteile der Therapie deshalb sehr gründlich gegeneinander abwägen.
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Sicherheitsprofil von ADT: Was man wissen muss
ADT kann aufgrund des Testosteronabfalls verschiedene Nebenwirkungen mit sich bringen. Kurzfristige Auswirkungen sind Hitzewallungen, verminderte Libido, erektile Dysfunktion, Stimmungsschwankungen und Müdigkeit. Es gibt jedoch zunehmend Hinweise darauf, dass die langfristige Anwendung von ADT mit einem erhöhten Risiko für Demenz einhergeht.
Eine Metaanalyse von 17 Kohortenstudien aus dem Jahr 2024 stellte fest, dass Prostatakrebspatienten, die mit ADT behandelt wurden, ein um 20-26 % höheres Demenzrisiko hatten als Patienten, die keine ADT erhielten.
Mögliche Mechanismen der ADT-bedingten Demenz
- Abbau von Amyloid-Beta (Aβ): Testosteron aktiviert ein Protein namens Neprilysin, das beim Abbau von Aβ-Peptiden im Gehirn hilft. Wenn der Testosteronspiegel aufgrund von ADT sinkt, verringert sich die Neprilysin-Aktivität, was zur Bildung neurotoxischer Aβ-Plaques führt.
- Unterstützung des Hippocampus: Testosteron wird im Gehirn in eine Form von Östrogen umgewandelt, das sich an hippocampale Rezeptoren bindet, um neuronales Wachstum und synaptische Plastizität zu fördern. Da der Hippocampus für die Gedächtnisbildung wichtig ist, ist er eine der Gehirnregionen, die bei Demenz als erste degenerieren.
- Entzündungshemmend: Testosteron kann sich an Androgenrezeptoren auf Immunzellen binden, um die Produktion entzündungsfördernder Zytokine zu reduzieren.
Möglichkeiten zur Minimierung der Nebenwirkungen von ADT
Angesichts der weitreichenden Auswirkungen von ADT sind häufig zusätzliche Eingriffe erforderlich, um die Gesundheit langfristig zu erhalten. Regelmäßige Bewegung wird empfohlen, um Knochen- und Muskelschwund zu reduzieren, das Gewichtsmanagement zu unterstützen und die Insulinempfindlichkeit zu verbessern. Die Einbeziehung bestimmter neuroprotektiver Strategien kann dazu beitragen, die kognitiven Nebenwirkungen von ADT zu minimieren. Patienten können von regelmäßigen mentalen Übungen, kognitiver Therapie und Lebensstilanpassungen profitieren, die die Gesundheit des Gehirns unterstützen, wie z. B. eine Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren und pflanzlichen Nährstoffen ist.
Integrative Ansätze zur Unterstützung von Krebspatienten
Durch die Einbeziehung von Phytotherapie-Verbindungen mit neuroprotektiven und entzündungshemmenden Eigenschaften können Patienten die kognitiven und Demenzrisiken von ADT mindern.
- Curcumin: Eine klinische Studie zeigte, dass Curcumin die kognitiven Testergebnisse bei älteren Erwachsenen verbesserte und den Amyloidgehalt im Gehirn reduzierte.
- Ginseng: Eine klinische Studie zeigte, dass Demenzpatienten, die mit Ginseng behandelt wurden, eine verbesserte kognitive Leistungsfähigkeit aufwiesen.
- Quercetin: Eine Kohortenstudie stellte fest, dass diejenigen, deren Ernährung reich an Quercetin ist, widerstandsfähiger gegen kognitiven Abbau waren.
Retrospektive Analyse von US-Krankenhausdaten
Eine retrospektive Analyse von US-Krankenhausdaten ergab, dass der Androgenentzug möglicherweise die Entwicklung von Morbus Alzheimer fördert. Bei Patienten, bei denen der Androgenentzug über mehr als 12 Monate fortgesetzt wurde, war das Risiko für Alzheimer erhöht.
Hormonentzug bei Prostatakrebs und das Risiko für Demenz
Eine Datenanalyse aus dem US-Krebsregister SEERS ergab, dass der Mangel an Testosteron das Risiko für die Alzheimer-Krankheit und andere Formen der Demenz erhöhen könnte. Ärzte müssen die Vorteile und Langzeitrisiken der Hormonentzugsbehandlung bei Männern mit einer längeren Lebenserwartung sorgsam abwägen.
Unerwünschte Wirkungen des Hormonentzugs
Der Hormonentzug bremst zwar den Prostatakrebs wirkungsvoll, besitzt aber einige Nebenwirkungen wie Verlust der Libido, erektile Dysfunktion, Muskelabbau, Knochenschwund und kognitive Störungen.
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