Epilepsie ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die Menschen jeden Alters betreffen kann. Obwohl oft mit dem Kindes- und Jugendalter assoziiert, tritt sie auch häufig bei älteren Menschen über 60 Jahren auf. Die Deutsche Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) betont, dass aufgrund der demografischen Entwicklung der Anteil älterer Menschen mit Epilepsie zugenommen hat. Dieser Artikel beleuchtet die statistischen Zusammenhänge zwischen Epilepsie und Hirntumoren, wobei besonders auf langzeitepilepsieassoziierte Hirntumoren eingegangen wird.
Epilepsie: Eine Übersicht
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Etwa 10 Prozent aller Menschen erleiden im Laufe ihres Lebens einen Krampfanfall, wobei etwa 0,6 Prozent von Epilepsie betroffen sind.
Plötzlicher Epilepsie-Tod (SUDEP)
Ein besorgniserregender Aspekt der Epilepsie ist der plötzliche unerwartete Tod bei Epilepsie (SUDEP). Schätzungen zufolge kommt es jährlich zu 1,16 SUDEP-Fällen pro 1.000 Epilepsiepatienten. Professorin Susanne Knake von der DGfE betont, dass bereits zwei bilateral tonisch-klinische Anfälle das SUDEP-Risiko um das 25-Fache erhöhen können. Daher ist eine frühzeitige und erfolgreiche Therapie mit dem Ziel der Anfallsfreiheit von entscheidender Bedeutung.
Therapieansätze
Die Epilepsietherapie umfasst mehr als nur die Behandlung von Anfällen. Eine umfassende Beratung zu Themen wie Fahreignung, Kinderwunsch und Schwangerschaft, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Medikation, Berufseignung oder auch Sport ist wichtig, auch schon zu Beginn der Erkrankung. Um das Therapieziel, die Anfallsfreiheit, zu erreichen, empfiehlt die Expertin die Mitbetreuung durch ein Epilepsiezentrum, ein Schwerpunktzentrum oder eine Spezialambulanz für Epilepsie. Das Versorgungsnetz sei gut und Spezialambulanzen/Epilepsiezentren in Deutschland in allen Bundesländern verfügbar.
Langzeitepilepsieassoziierte Hirntumoren
Langzeitepilepsieassoziierte Hirntumoren stellen eine bedeutende Ursache für pharmakoresistente fokale Epilepsien dar. Am Neuropathologischen Referenzzentrum für Epilepsie-Chirurgie in Erlangen sind sie nach der Hippocampussklerose die zweithäufigste Läsion bei Patienten, die sich einer epilepsiechirurgischen Therapie unterziehen.
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Häufige Tumortypen
Die häufigsten Tumortypen in diesem Zusammenhang sind Gangliogliome (GG) und dysembryoplastische neuroepitheliale Tumoren (DNET), die zusammen etwa 66 % der Fälle ausmachen. Diese Tumoren sind überwiegend im Temporallappen lokalisiert und zeichnen sich durch einen biphasischen Aufbau mit glialer und neuronaler Differenzierung aus.
Maligne Progression und Prognose
Das Risiko einer malignen Progression ist gering (WHO-Grad I), und nur in 7 % der Fälle war eine höhere Graduierung (WHO-Grad II > III) erforderlich. Im Durchschnitt wurden die Patienten im Alter von 25,4 Jahren operiert, wobei die Epilepsie im Mittelwert 12,6 Jahre dauerte.
Anfallsfreiheit durch Operation
Ein wichtiger Aspekt ist, dass bei bis zu 80 % der operierten Patienten mit langzeitepilepsieassoziierten Hirntumoren vollständige Anfallsfreiheit erreicht werden kann. Aktuelle Forschungen zielen darauf ab, die Entstehung dieser Tumoren besser zu verstehen, wobei bisherige Ergebnisse auf eine Beteiligung entwicklungsneurobiologisch gesteuerter Signalkaskaden hindeuten.
Hirntumoren als Ursache von Epilepsie
Epileptische Anfälle können auch durch Hirntumoren ausgelöst werden. Eine Studie des University College in London untersuchte die Sterberate von Epilepsiepatienten und stellte fest, dass in den ersten zwei Jahren nach dem ersten Anfall eine erhöhte Sterberate zu beobachten war. Dies wurde teilweise darauf zurückgeführt, dass eine tödliche Krebserkrankung (primärer Hirntumor, Hirnmetastasen) die epileptischen Anfälle auslöste.
Todesursachen
Primäre Hirntumoren waren bei den unter 60-Jährigen deutlich häufiger eine Todesursache als bei älteren Epilepsiekranken (15 versus 1 Prozent). Insgesamt starben Patienten mit einer Krebsdiagnose dreifach häufiger im Beobachtungszeitraum als solche ohne Tumoren.
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Behandlung von Hirntumoren
Die Behandlung von Hirntumoren umfasst in der Regel Operation, Strahlen- und Chemotherapie. Die Entscheidung über den Behandlungsablauf wird in einer Tumorkonferenz gemeinsam mit anderen Fachdisziplinen festgelegt. Das Ziel der chirurgischen Intervention ist im Falle gutartiger Tumore die Heilung der Krankheit durch komplette Tumorentfernung. Ist dies nicht möglich, zielt man auf die Besserung der neurologischen Defizite, Druckentlastung und Wiederherstellung der Liquor Zirkulation ab, wobei die Histologiegewinnung ein wichtiger Aspekt ist.
Epilepsiechirurgie: Eine Option bei fokalen Epilepsien
Bei sogenannten fokalen Epilepsien, bei denen der Ursprung in einem bestimmten Gehirnareal liegt, kann eine Operation am Gehirn helfen und sogar heilen. Eine Studie des Universitätsklinikums Erlangen und des Universitätsklinikums Utrecht untersuchte den Erfolg von Epilepsie-Operationen bei über 9000 Patienten aus 37 Epilepsie-Zentren in 18 Europäischen Ländern.
Erfolgsaussichten
Die Ergebnisse zeigten, dass Epilepsie-Operationen sehr erfolgversprechend sind. 72 Prozent der Patientinnen und Patienten hatten ein Jahr nach der Operation keine Anfälle mehr. Nach zwei Jahren waren es noch 68 Prozent und nach fünf Jahren 66 Prozent. Der Erfolg des Eingriffs hängt jedoch auch von den zugrundeliegenden Gewebsveränderungen in der Anfalls-auslösenden Gehirnregion ab.
Heilungschancen
Wurde die Epilepsie durch gutartige Hirntumoren, fehlgebildete Blutgefäße oder Verlust von Nervenzellen im Hippocampus ausgelöst, waren über 70 Prozent der Patientinnen und Patienten nach zwei Jahren frei von Anfällen; bei Erkrankten ohne mikroskopisch erkennbare Veränderungen im chirurgisch entfernten Gehirnareal war dies bei ungefähr 50 Prozent der Fall. Nach fünf Jahren hatten 45 Prozent der Kinder und 28 Prozent der Erwachsenen auch ihre Anfallsmedikamente vollständig abgesetzt.
Minimalinvasive Lasertherapie
In einigen Fällen kann eine minimalinvasive Lasertherapie eine Option sein. Ein Team des Universitätsklinikums Heidelberg befreite einen zweijährigen Jungen mit einem seltenen gutartigen Hirntumor mithilfe eines solchen Verfahrens von seiner Epilepsie. Bei dieser stereotaktischen Laser-Thermotherapie (LITT) wird eine Lasersonde über eine kleine Öffnung der Schädeldecke in den erkrankten Hirnbereich eingeführt, um das Tumorgewebe zu veröden.
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Antikonvulsiva und Glioblastome
Bei Patienten mit Glioblastomen, einer aggressiven Form von Hirntumor, treten häufig epileptische Anfälle auf, die eine Therapie mit Antikonvulsiva erfordern. Forscher um Dr. Michael Weller vom Züricher Universitätsspital untersuchten den Einfluss dieser Therapie auf die Lebenszeit der Patienten.
Einfluss der Antikonvulsiva auf die Überlebenszeit
Die Studie zeigte, dass die Wahl des richtigen Antikonvulsivums einen erheblichen Einfluss auf die Überlebenszeit haben kann. Die Therapie mit Valproat hatte in einigen Fällen lebensverlängernde Wirkung.
Mortalität und Lebenserwartung bei Epilepsie
Die Mortalität ist bei Epilepsiepatienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung signifikant erhöht, und die Lebenserwartung ist reduziert. Dies liegt zum einen an genetisch bedingten und erworbenen Epilepsien, die mit einer das Leben limitierenden Erkrankung einhergehen können, wie z. B. bei angeborenen metabolischen Syndromen oder primären Hirntumoren. Zum anderen findet sich bei Epilepsiepatienten eine im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhte Suizidrate.
SUDEP als Todesursache
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der plötzliche unerwartete Tod bei Epilepsie (SUDEP), der etwa 10-20 % aller Todesfälle bei Epilepsiepatienten ausmacht. Die jährliche Inzidenz an plötzlichen unerwarteten Todesfällen bei Epilepsiepatienten liegt bei 1:200-1:1000, abhängig von Art und Schweregrad der Epilepsie.
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