Psychische Bewältigung von Tetraplegie: Ein umfassender Leitfaden

Der Eintritt einer Querschnittlähmung, insbesondere einer Tetraplegie, stellt eine einschneidende Zäsur im Leben eines Menschen dar. Unabhängig von der Ursache - ob Unfall oder Krankheit - stürzt dieses Ereignis den Betroffenen in eine tiefe Lebenskrise. Die plötzliche und unerwartete Veränderung der Lebensumstände erfordert eine umfassende Auseinandersetzung mit den physischen, psychischen und sozialen Folgen. Dieser Artikel beleuchtet die psychischen Aspekte der Bewältigung einer Tetraplegie, von den ersten Schockmomenten bis hin zur langfristigen Anpassung und Integration in ein neues Leben.

Die existentielle Erschütterung

Eine Querschnittlähmung ist nicht vorhersehbar oder planbar und überfällt den Menschen oft wie aus heiterem Himmel. Von einem Tag auf den anderen wird das normale Leben, die vertraute Realität massiv in Frage gestellt. Alles, was bisher bekannt und beherrschbar war, gilt nicht mehr. Fragen tauchen auf: Kann ich so weiterleben wie bisher? Sind Beruf, Wohnung, Interessen oder Hobbys behinderungsgerecht? Wie werden sich Lebenspartner, Eltern, Verwandte und Freunde verhalten? Was wird aus meiner Zukunftsplanung? Wie kann ich mit der entstandenen Abhängigkeit von anderen Menschen und technischen Gegebenheiten fertig werden? Wie kann ich jetzt noch meinen Körper akzeptieren, wenn ich ihn zum Teil nicht mehr fühle, wenn er verändert aussieht? Besonders schwerwiegend ist dies für die meisten Patienten im Bereich der alltäglichen Pflege und Selbstversorgung: Blasen- und Darmkontrolle sind sehr häufig gestört. Der Stellenwert dieser Funktionen steigt jetzt sprunghaft an. Die Auswirkungen eines solchen Ereignisses betreffen den Menschen in allen Bereichen seiner Existenz, den körperlichen, den seelischen, den geistigen und den sozialen: mit einer Querschnittlähmung ist der Mensch als Ganzes verletzt.

Als nicht unmittelbar oder mittelbar Betroffener kann man sich wohl kaum richtig vorstellen, wie fundamental eine solche existenzielle Erschütterung ist. Diese massiven physischen (körperlichen) und psychischen (seelischen) Veränderungen führen in der Regel zu einer gesteigerten Empfindsamkeit und vermehrter Angst vor neuen Verletzungen: fast alles wird als bedrohlich erlebt. Die betroffene Person ist stark erschüttert, das Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere und in die Welt leidet. Körper und Seele brauchen Ruhe und Zeit, um die erlittenen Verluste zu betrauern. Diese Trauerarbeit ist notwendige Voraussetzung, um kritisch Bilanz ziehen zu können und neue Wege und Ziele zu finden.

Phasen der Bewältigung

Der Bewältigungsprozess einer Querschnittlähmung lässt sich in verschiedene Phasen einteilen, die sowohl äußere, medizinisch-rehabilitative Aspekte als auch innere, seelische Prozesse umfassen.

Akutphase und Liegephase

In der Akutphase liegt der Patient in einem Krankenhausbett, im Falle eines Unfalls vermutlich auf Intensivstation, im Falle einer Erkrankung möglicherweise auch auf Normalstation. Nur wenigen Menschen ist gleich nach Lähmungseintritt klar, daß es sich hier um eine relativ endgültige und drastische Veränderung des Lebens handelt. Die meisten hoffen zu diesem Zeitpunkt noch auf Heilung und damit auf Wiederherstellung ihres bisherigen und gewohnten körperlichen Zustandes. Diese anfängliche Hoffnung wird oft auch dadurch genährt, daß operative Eingriffe wie z. B. die Stabilisierung der Wirbelsäule bereits erfolgt sind oder noch bevorstehen. Manchmal machen auch die behandelnden Ärzte entweder Hoffnungen oder nur vage Aussagen über die zukünftige Entwicklung. Nach erfolgter Operation oder im Falle der immer seltener werdenden konservativen Ausheilung der knöchernen Verletzungen der Wirbelsäule schließt sich der Akutphase die sogenannte Liegephase an. In der Regel befindet sich der Patient spätestens zu diesem Zeitpunkt in einem Querschnittzentrum. In diesen beiden Phasen nimmt der Patient, der vorher gesund war, zwangsläufig eine Krankenrolle ein. Er wird also vom Gesunden zum Kranken und muß lernen, sich passiv versorgen zu lassen. Dies wird sogar von ihm gefordert. Doch vielen fällt der Umgang mit dieser Passivität nicht leicht. Sie fühlen sich abhängig und dem behandelnden Team ausgeliefert, empfinden Scham und Hilflosigkeit bei alltäglichen und intimsten Verrichtungen wie Blasen- und Darmentleerung Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Langsam realisieren sie den Verlust von Beweglichkeit, Empfindungsfähigkeit, Selbständigkeit und Privatsphäre. Durch die heutigen operativen Möglichkeiten der Stabilisierung der Wirbelsäule dauert die Liegephase inzwischen nur noch einige Tage oder wenige Wochen.

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Mobilisierungsphase

Es schließt sich die sogenannte Mobilisierungsphase an. Hier muß der Patient seine bisherige passive Krankenrolle aufgeben und eine neue Rolle einnehmen, die des aktiven Behinderten. Erst jetzt wird die konkrete Bedeutung der Behinderungen für ihn in vollem Ausmaß sichtbar, fühlbar und erlebbar. Gleichzeitig wird von ihm zunehmend aktive Mitarbeit, Motivation und Initiative verlangt. Er soll die neue Situation als Herausforderung begreifen und annehmen. Einerseits wird der Patient jetzt aus seiner Abhängigkeit ein Stück „befreit“, andererseits bedeutet dieses Ende der „Schonzeit“ aber auch ein schmerzhaftes Realisieren und eine zunehmend gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit der neuen Situation.

Innere Phasen der seelischen Behinderungsbewältigung

Parallel zu diesen äußeren Phasen laufen nun aber die sogenannten inneren Phasen der seelischen Behinderungsbewältigung ab. Patienten in diesen Phase erkennen sich oft nicht wieder, verstehen sich selbst nicht oder können sich ihre Gefühle oder Verhalten nicht erklären. Die Parallelen zwischen den Phasen der Behinderungsbewältigung einer Querschnittlähmung, den Phasen der Bewältigung der Diagnose einer Krebserkrankung oder den Phasen des Sterbens sind sehr groß.

Kübler-Ross hat ein Phasenmodell des Sterbens beschrieben, das notwendig für eine Akzeptanz des Sterbens sei. Diese Phasen sind:

  • Schock und Fassungslosigkeit mit Verleugnung der Situation.
  • Ärger und Schuldzuweisung als zweite Phase.
  • Feilschen um Gesundung als dritte Phase.
  • Depression, Niedergeschlagenheit und Rückzug, eventuelle Selbstmordgedanken.
  • Schließlich manchmal, aber nicht immer die Akzeptanz der Situation.

Wenn Sie hier „Sterben“ durch „Querschnittlähmung“ ersetzen, gilt dieses Modell durchaus zum Verständnis der psychischen Bewältigung einer Querschnittlähmung. Die seelische Verarbeitung einer Querschnittlähmung muß natürlich nicht genau in dieser Reihenfolge ablaufen, Phasen können sich wiederholen oder übersprungen werden, es ist kein mechanisches Modell. Es gibt nur einen Hinweis auf die vielfältigen seelischen Erlebens- und Reaktionsweisen. Wie gesagt, die Reihenfolge und die Zeitdauer der Phasen können stark variieren und meistens wird die letzte Phase, die der Akzeptanz nur spät während des Klinikaufenthaltes oder danach erreicht.

In der ersten Zeit nach dem Unfall ist der Patient nicht nur körperlich, sondern auch seelisch geschockt. Er kann den Umfang die Folgen nicht erfassen. Man spürt oft, daß er seine Behinderung noch nicht begreift. Er glaubt, was immer man ihm sagt, an eine Fehldiagnose. Diese, aus Sicht der Behandler unrealistische Einstellung beziehungsweise Uneinsichtigkeit entspricht jedoch einem psychischen Schutzmechanismus, der sich immer dann einschaltet, wenn Unerträgliches oder Unbegreifliches droht: dieser Schutzmechanismus ist die Verleugnung der schmerzlichen Realität. Bei den meisten Patienten geht diese Phase totaler Verleugnung bald in eine zweite Phase über, in der die augenblickliche Situation, die Lähmung wahrgenommen und akzeptiert wird, jedoch fest an eine zukünftige Besserung geglaubt wird. Darin werden die Patienten vielfach von allzu mitleidigen Angehörigen unterstützt, die eifrig Beispiele für günstig verlaufende Fälle sammeln und irreale Hoffnungen wecken. Zu den Vorstellungen des Patienten über ein lebenswertes Leben gehört oft auch und vor allem die Vorstellung der Unversehrtheit des Körpers, die allein das Erreichen aller Ziele garantiert. Jeder, der die Hoffnung auf Besserung anzweifelt, wird abgewiesen und für inkompetent erklärt. Aus dieser Phase herauskommend kippen die Patienten oft in eine akute Trauerphase, die oft das Bild einer reaktiven Depression bzw. einer ärgerlichen Gereiztheit zeigt. Nichts erscheint mehr sinnvoll und möglich. Der Patient ist bereit aufzugeben, eventuell sogar sich umzubringen. Die Stimmung ist schlecht, der Wille zur Mitarbeit erlahmt, Aufmunterungsversuche werden wütend oder traurig zurückgewiesen. Diese Trauerphase ist jedoch ein absolut notwendiger Prozeß, durch den der Patient neue Ziele und einen neuen Sinn in seinem Leben sucht. Um planen zu können, muß er realistische Bilanz ziehen und das ist bitter. Es wäre also eher unnatürlich, wenn Patienten diese Trauerphase nicht zulassen oder immer zu überspielen versuchten.

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Die Bilanz, die der Patient ziehen muß, wenn ihm aus dem Schock kommend die Veränderungen bewußt werden, betrifft verschiedene Bereiche: Der Patient beherrscht anfangs kaum noch (je nach Lähmungshöhe) Werkzeugfunktionen wie z. B. Greifen oder Halten. Selbständigkeit und Autonomie sind massiv beeinträchtigt, bei den elementarsten Verrichtungen wie Ausscheidung, An- und Ausziehen, Beweglichkeit braucht er Hilfe. Sein Körpergefühl ist völlig verändert, ebenfalls seine Ausdrucksmöglichkeiten in Körperhaltung, Gestik und Handlung. Die Zweifel über die eigene Vollwertigkeit stürzen den Patienten in eine tiefe Selbstwertkrise, in der Gefühle von Sinn- und Wertlosigkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit, Würde und Intimitätsverlust in vielen Fällen den Gedanken an Suizid aufkommen lassen. Die Querschnittlähmung bedeutet das Ende des Lebens in seiner bisherigen Form und die Akzeptanz dieses „kleinen Todes“ ist notwendige Voraussetzung für einen Neuanfang. Die seelischen Mechanismen der Bewältigung einer Querschnittlähmung und der Bewältigung einer Krebsdiagnose oder des Sterbens sind fast identisch. Demzufolge sind diese Phasen und die damit verbundenen Gefühle (wie eingangs schon erwähnt), so schwer verständlich oder ertragbar sie im Einzelfall sein mögen, Ausdruck normal-psychologischer Reaktionen. Es ist oft ein langwieriger, schwieriger und sehr schmerzhafter Prozeß, immer wieder begleitet von Rückschlägen und gefühlsmäßigen Einbrüchen. Manche Veränderungen sind oft zu klein, um sie gleich als wirkliche Fortschritte wahrnehmen zu können: „der Fortschritt ist eine Schnecke“. Trauerarbeit ist die Voraussetzung dafür, daß Verlorengegangenes innerlich verarbeitet und bewältigt werden kann und den Platz für Neues frei macht. Haben Sie hinreichend neue Erfahrungen mit ihrem veränderten Körper und ihrem neuen Leben gemacht, wird sich ihr seelischer Zustand stabilisieren.

Psychologische Unterstützung und Therapie

Ein Psychologe kann Sie bei diesem Prozeß begleiten, ihre Trauerarbeit unterstützen, Gefühle aushalten, mit Ihnen neue Normen und Werte für neue Lebensziele finden, Sie ermutigen, in der neuen Situation z.B. mit dem Rollstuhl neue Verhaltensweisen auszuprobieren und zu überdenken. Aus der veränderten Situation mit einer frischen Querschnittlähmung ist kein Zurück mehr möglich. Das Vorwärtsschauen ist meist schwierig, Ungewißheit, Zweifel und Angst verunsichern Sie unter Umständen. Mit Hilfe von Gesprächen kann diese schwierige Situation Stück für Stück verarbeitet werden und damit zunehmend Perspektiven entwickelt werden. Dabei braucht es keine Tabus zu geben: ob es um familiäre oder soziale Probleme, um Sexualität oder Partnerschaft geht, der Psychologe unterliegt der Schweigepflicht. Genauso wichtig ist es zu betonen, daß alle Gesprächen im Rahmen der psychologischen Betreuung auf völliger Freiwilligkeit beruhen und beruhen müssen. Menschen öffnen sich nur, wenn sie dies auch wollen und das entsprechende Vertrauen besteht. Die Betreuung ist ein Angebot und keinesfalls eine Zwangsbetreuung.

Skepsis gegenüber psychologischer Hilfe

„Ich habe aber noch nie über meine Gefühle gesprochen, das geht auch niemand etwas an“. So oder ähnlich argumentieren viele Patienten und drücken damit ihre Skepsis gegenüber einem Gespräch mit einem Psychologen aus. Oder sie sagen sinngemäß: „ich bin im Kopf doch ganz in Ordnung, ich hab´s doch nur an der Wirbelsäule“. Sind Sie eher ein „Verleugner“ oder sind Sie es gewohnt, Gefühle und das heißt auch unangenehme Gefühle zuzulassen und auszuhalten? Menschen, die nie Hilfe gesucht haben, die „ nicht aus sich heraus gehen können“, die die eigene Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit ablehnen und negativ bewerten, sie als persönliche Schwäche ansehen, werden auch in dieser Situation eher still leiden, sprachlos sein in ihrer Not und Hilflosigkeit. Aus unserer Erfahrung macht es Sinn, Gefühle zuzulassen, denn Sie haben Gefühle, auch wenn Sie diese nicht wahrnehmen oder ausdrücken. Auch wenn Sie versuchen, ihre Gefühlen wegzuschieben oder abzuspalten, unter der Oberflächen wirken sie aber trotzdem weiter und es besteht die Gefahr, daß sie an anderer Stelle wieder an die Oberfläche kommen, so z. B. in Form von Schmerzen oder in Form von Depressionen. Den Psychologen wird oft nachgesagt, im Grunde seien sie ja selbst verrückt, und jeder, der zum Psychologen müsse, sei dies auch. Beides ist in der Regel falsch. Auch im Falle der Bewältigung einer Querschnittlähmung geht es keinesfalls um Verrücktsein. Die Gefühle und emotionalen Reaktionen, so heftig und ungewohnt sie auch sein mögen, haben allein etwas mit der immensen Anpassungsleistungen und der großen Trauerarbeit zu tun, die eine Voraussetzung dafür darstellt, daß sich ein Patient den Herausforderungen seiner neuen Situation stellen kann. Natürlich gibt es Patienten, die diese Herausforderung im Rahmen einer guten sozialen und familiären Einbettung bewältigen können, die so in sich ruhen, daß sie keine therapeutische Unterstützung benötigen.

Depressionen bei Querschnittlähmung

Nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung kann es einige Zeit dauern, bis Betroffene sich an die daraus resultierenden Veränderungen gewöhnt haben. Während dieser Zeit sind kurze Phasen der Trauer, Hoffnungslosigkeit oder intensive Gefühle des Verlusts normal. Wenn negative Gefühle allerdings chronisch werden, spricht man von Depression. Das Auf und Ab der Gefühle, das mit der Anpassung an ein Leben mit Querschnittlähmung einhergeht, unterscheidet sich von einer schweren Depression. Bei einer schweren Depression fühlen sich Betroffene die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, zwei Wochen oder länger niedergeschlagen oder deprimiert oder verlieren das Interesse an den jeglichen Aktivitäten. Depressionen sind eines der häufigsten psychischen Probleme bei Menschen mit Querschnittlähmung. Im ersten Jahr nach Eintritt einer Rückenmarksverletzung internationalen Studien zufolge 20 % bis 40 % der Betroffenen unter Depressionen. Der Eintritt einer Querschnittlähmung ist ohne Zweifel ein Ereignis, das das Leben des Betroffenen (und seiner Familie) grundlegend verändert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen eine echte Depression entwickeln, ist geringer, wenn sie das Leben mit Querschnittlähmung als Herausforderung und nicht als Bedrohung sehen. Das bedeutet, dass sie die Querschnittlähmung (und ihre Konsequenzen) als ein Gesundheitsproblem betrachten, mit dem sie lernen können umzugehen und an dem sie sogar wachsen können. Der Austausch mit anderen Menschen in einer ähnlichen Situation kann helfen, depressive Gefühle zu lindern. Es ist wichtig, Depressionen zu behandeln. Durch eine Behandlung lassen sich die Symptome wie Konzentrationsschwäche, schlechte Laune, Energiemangel, Desinteresse, schlechter Schlaf und negative Gedanken verringern.

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Therapieansätze bei Depressionen

Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist ein evidenzbasierter Ansatz, der zur Verringerung depressiver Symptome beiträgt. Sie kann dabei helfen, Bewältigungskompetenzen zu entwickeln und zu lernen, wie man Gefühlen und schwierigen Situationen umgehen können. Eine andere Therapieform, die hilfreich sein kann, ist die achtsamkeitsbasierte Therapie, bei der das Bewusstsein für die Gegenwart, Meditation und Atemübungen im Vordergrund stehen. Es gibt viele Arten von Antidepressiva. Die meisten von ihnen wirken, indem sie chemischen Botenstoffe im Gehirn erhöhen, die die Stimmung regulieren. Beim Einsatz von Antidepressiva kann es zwischen vier und sechs 6 Wochen dauern, bis eine spürbare Wirkung eintritt, und zwölf Wochen oder länger, bis die maximale Wirkung erreicht ist. Antidepressiva können in vielerlei Hinsicht helfen. Sie können sowohl die Symptome der Depression lindern als auch zukünftigen depressiven Episoden vorbeugen. Sie können Betroffenen helfen, wieder an Aktivitäten im sozialen Umfeld teilzunehmen und dazu beitragen, dass der (Arbeits-) Alltag leichter bewältigt werden kann. Zudem können Antidepressiva chronische Schmerzen lindern. Antidepressiva machen nicht süchtig; wenn sie allerdings plötzlich abgesetzt werden, kann dies negative Auswirkungen haben. Depressionen sind nichts, wofür man sich schämen muss. Sie ist nicht auf persönliche Schwäche oder mangelnde Willenskraft zurückzuführen. Ansprechpartner finden Betroffene in den Querschnittgelähmten-Zentren. Natürlich ist es auch möglich sich an klinikunabhängige Therapeuten zu wenden.

Die Rolle des sozialen Umfelds

Die Angehörigen spielen eine entscheidende Rolle im Bewältigungsprozess des Patienten. Eine offene Kommunikation, gegenseitige Unterstützung und das Akzeptieren der veränderten Lebensumstände sind von großer Bedeutung. Es ist wichtig, dass Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse nicht vernachlässigen und sich gegebenenfalls ebenfalls professionelle Hilfe suchen. „Je besser es den Angehörigen im Umgang mit der entstandenen Situation geht, desto besser geht es auch den Patienten. Dabei gehe es nicht nur um Know-how im Umgang mit der Querschnittlähmung, sondern auch um veränderte Rollen. „Gerade wenn wir aus der Bahn geworfen wurden, hören wir anders zu, stellen andere Fragen, machen uns andere Gedanken. (…) Diese Form der höheren Sensibilität und Aufmerksamkeit sollte genutzt und nicht übergangen werden.

Herausforderungen und Chancen

Eine Querschnittlähmung, insbesondere eine Tetraplegie, bringt zahlreiche Herausforderungen mit sich. Dazu gehören:

  • Verlust der körperlichenUnabhängigkeit: Die Abhängigkeit vonAssistenz und Hilfsmitteln kann zu Gefühlen der Hilflosigkeit und Frustration führen.
  • Veränderungen im Körperbild: Die Akzeptanz des veränderten Körpers erfordert Zeit und Auseinandersetzung.
  • Soziale Isolation: Einschränkungen in der Mobilität und veränderte sozialeInteraktionen können zu Einsamkeit führen.
  • BeruflicheNeuorientierung: Die Anpassung an ein neues Berufsfeld oder der Verlust der Erwerbstätigkeit können finanzielle und psychische Belastungen verursachen.
  • MedizinischeKomplikationen: Lähmungsbedingte Komplikationen wie Spastik, Druckgeschwüre oder Blasenfunktionsstörungen erfordern eine kontinuierliche medizinische Betreuung.

Trotz dieser Herausforderungen bietet die Bewältigung einer Querschnittlähmung auch Chancen:

  • PersönlichesWachstum: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit und die Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien können zu einem tieferen Verständnis des Lebens führen.
  • StärkereBeziehungen: Die Unterstützung durch Familie und Freunde kann die Beziehungen intensivieren und neue Perspektiven eröffnen.
  • Engagement: Viele Menschen mit Querschnittlähmung engagieren sich in Selbsthilfegruppen, Verbänden oder Projekten und setzen sich für die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ein.
  • NeueInteressen: Die Entdeckung neuer Interessen und Hobbys kann zu mehr Lebensfreude und Zufriedenheit führen.

Praktische Aspekte der Pflege bei Tetraplegie

Die Pflegebedürfnisse von Menschen mit Querschnittlähmung sind häufig komplex, insbesondere die Pflege bei Tetraplegie. Wichtig in der Pflege ist die Prävention von Kontrakturen. Darunter versteht man ungewollte und dauerhafte Verkürzungen von Muskeln, Sehnen und Bänder, die zu Bewegungseinschränkungen der Gelenke und Gelenkversteifung führen können. Das wichtigste Mittel gegen Kontrakturen ist Bewegung: Dafür müssen mindestens zweimal am Tag alle Gelenke bewegt und Muskeln gedehnt werden. Dabei ist große Vorsicht angebracht, da die Betroffenen keine oder nur geringe Schmerzen verspüren und somit leicht die Bewegungsgrenze überschritten werden kann. Mitunter können Hilfsmittel wie Orthesen die Gelenke unterstützen. Gelähmte Menschen haben häufig Schluckstörungen, die die Nahrungsaufnahme erschweren. Für das Einnehmen der Mahlzeiten sollte daher genügend Zeit eingeplant werden. Bei Problemen haben sich breiartige und nicht krümelnde Speisen bewährt. Feste und flüssige Nahrungsmittel sollten in einem Gericht besser nicht vermischt werden. Querschnittgelähmte spüren keine Schmerzen, wenn sie zu lange in derselben Position liegen oder sitzen - und können ihre Position aber auch nicht eigenständig verändern. Wenn über einen längeren Zeitraum zu viel Gewicht auf Körperstellen lastet, treten Durchblutungsstörungen auf. Dadurch kann es zu Rötungen und Wunden kommen, im späteren Verlauf auch Haut- und Muskelgewebe absterben. Reibung, Feuchtigkeit und Wärme begünstigen die Entstehung von Druckgeschwüren noch. Um Druckstellen zu vermeiden, ist es wichtig, Patient:innen regelmäßig zu mobilisieren und umzulagern. Zudem muss die Haut täglich kontrolliert werden. Erstes Anzeichen eines Druckgeschwürs ist eine Hautrötung, die sich nicht mehr wegdrücken lässt. Achten Sie als Angehörige auch auf Details wie Falten im Bettlaken oder Fremdkörper in der Kleidung. Die meisten Menschen mit Querschnittlähmung haben keine Kontrolle mehr über Blase bzw. Darm - was im Alltag sehr belastend sein kann. Mehrmals am Tag muss die Harnblase per Katheter entleert werden. Passiert dies nicht regelmäßig, drohen Harnwegsinfektion und Nierenschäden. Um Stuhlinkontinenz zu verhindern, ist regelmäßiges Abführen nötig. Querschnittgelähmte haben auch teilweise keine Kontrolle mehr über ihre Körpertemperatur. Unterhalb der Lähmungshöhe können Betroffene dann weder schwitzen noch vor Kälte zittern. Es kommt rasch zu Überhitzung bzw. Unterkühlung. Eine Querschnittlähmung beeinträchtigt häufig das Atmen, mit Atemproblemen und Atemnot als Folge. So kann etwa Sekret nicht richtig abhustet werden. Regelmäßige Umlagerung ist auch hier wichtig. Mitunter muss die Reinigung und Freihaltung des Nasen-Rachenraums von Sekret unterstützt werden. Über zwei Drittel der Querschnitt-Patient:innen haben eine krankhaft erhöhte Muskelspannung und gesteigerte, nicht kontrollierbare Reflexe. Die unwillkürlichen Bewegungen und Verkrampfungen entstehen, da die Nervenbahnen im Rückenmark unterbrochen sind, welche normalerweise die Muskelspannung regulieren und steuern. Oft treten bei einer Spastik Schmerzen an betroffenen Muskeln oder Gelenken auf. Regelmäßiges Durchbewegen und Dehnen sowie geräteunterstützte Bewegungen helfen.

Schwarzmarkt der Hoffnung

Die seelische Not, die mit einer Querschnittlähmung einhergeht, kann Betroffene anfällig für unrealistische Heilversprechen und alternative Behandlungsmethoden machen. Es ist wichtig, sich kritisch mit solchen Angeboten auseinanderzusetzen und sich auf wissenschaftlich fundierte Therapien zu konzentrieren. Der Glaube an eine mögliche Heilung kann zwar Hoffnung geben, sollte aber nicht dazu führen, dass realistische Bewältigungsstrategien vernachlässigt werden.

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