Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), von der in Deutschland mehr als 250.000 Menschen betroffen sind. Die Erkrankung ist durch eine Zerstörung der Nervenstrukturen gekennzeichnet, die durch chronische Entzündungsprozesse verursacht wird. Der Verlauf der MS kann sehr variabel sein und ist schwer vorherzusagen. Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute einen hohen Forschungsbedarf, um die Ursachen und Mechanismen der MS besser zu verstehen und wirksamere Therapien zu entwickeln.
Das MS-Zentrum am Klinikum rechts der Isar: Eine neue Ära der Forschung und Behandlung
Am Klinikum rechts der Isar (MRI) der Technischen Universität München entsteht ein europaweit einzigartiges Zentrum für Multiple Sklerose und Neurowissenschaften. Dieses Zentrum bündelt Forschung, Therapieentwicklung und Behandlung unter einem Dach. Mit diesem Neubau wird eine effiziente Wechselbeziehung zwischen Klinik und Wissenschaft ermöglicht. Neue Erkenntnisse sind so von unmittelbarem Nutzen für Patienten, Behandelnde und Forschende. Die Vision ist, wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Klinik zu bringen.
Architektur und Funktionalität
Die Unterteilung der inneren Nutzung spiegelt sich in der äußeren Gestaltung wider. Im verputzten Sockelgeschoss sind Patientenräume mit verknüpfter ambulanter Therapie und Studienambulanz untergebracht, während der aufgesetzte, mit hellen reliefierten Keramikplatten versehene Baukörper der Wissenschaft dient. Der Hauptzugang des MS-Zentrums erfolgt an der Schneckenburgerstraße über einen Eingangsbau, welcher das Gebäude mit der Trogerstraße 16 verbindet. Ein zweigeschossiger Eingangsbereich dient als räumlicher Auftakt, mit Wartebereich, Cafeteria und einer Verbindung zum Innenhof.
Im Erdgeschoss des dreistöckigen Neubaus sollen sämtliche Einrichtungen für Patienten untergebracht werden - von der Diagnostik über Behandlungsräume bis zu Angeboten wie Ergo- und Physiotherapie. In den Etagen darüber findet die Forschung statt, die von kliniknahen Untersuchungen bis zur Grundlagenforschung reichen wird. Unverzichtbar hierfür sind Tierversuche, vor allem mit Mäusen aber auch mit Fischen, die im Keller des Gebäudes gehalten werden.
Ziele und Schwerpunkte des MS-Zentrums
Das medizinisch-wissenschaftliche Forschungsvorhaben zielt durch die Nutzung routinemäßig erhobener, standardisiert erfasster Parameter auf eine Verbesserung des Verständnisses des Krankheitsverlaufs bei Patientinnen und Patienten nach der Diagnosestellung einer MS-Erkrankung ab.
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Das Zentrum hat sich zum Ziel gesetzt, die Krankheit stärker in die Gesellschaft zu bringen und Lobbyarbeit zu betreiben, um die Krankheit zu entstigmatisieren.
Innovative Therapieansätze und Forschungsprojekte
Medikamentöse Therapien und Immuntherapie
Durch den frühzeitigen Beginn medikamentöser Therapien soll der Krankheitsverlauf positiv beeinflusst werden. Derzeit stehen zur Immuntherapie der MS verschiedene Medikamente zur Verfügung, die sich in der Wirksamkeit und ihren Nebenwirkungen unterscheiden. Meist zeigt sich erst im Verlauf der Erkrankung, welches Medikament am besten für die Behandlung der jeweiligen Patientinnen und Patienten geeignet ist. Die Empfehlung, ob und mit welchem Medikament zum Zeitpunkt der Diagnosestellung eine Therapie begonnen werden soll, ist aktuell maßgeblich von der Einschätzung des behandelnden Arztes beziehungsweise der behandelnden Ärztin abhängig.
Medizininformatik-Initiative (MII)
Mit der Medizininformatik-Initiative (MII), gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), sollen die Voraussetzungen für eine einheitliche und standortübergreifende Datenerfassung geschaffen werden, um zukünftig objektive Therapieentscheidungen basierend auf einer breiten Datenlage treffen zu können. Im Rahmen des Use Case MS werden alle Routinedaten einer Patientin beziehungsweise eines Patienten, die im Zuge der medizinischen Abklärung erhoben wurden, zusammengeführt. Ziel der Studie ist es, durch ein Zusammenführen dieser klinischen Routinedaten ein aussagekräftiges Vorhersageinstrument für Patientinnen und Patienten mit früher MS zu etablieren. Die Datenerhebung erfolgt mittels standardisierter und strukturierter Untersuchungsverfahren, deren Ergebnisse direkt klinischen Analysen zur Verfügung gestellt werden. Die gesamte Organisation übernimmt das Studienzentrum. Die Untersuchungen und Probenentnahmen finden im Rahmen der für die MS-Versorgung ohnehin notwendigen Vorstellungstermine statt. In diesem Rahmen werden klinische und apparative Daten erhoben.
Tolebrutinib-Forschung
Ein aktuelles Forschungsprojekt am Klinikum rechts der Isar untersucht die Wirkungsweise des Medikaments Tolebrutinib bei progressiver MS. Im April zeigte eine viel beachtete Studie, dass der Wirkstoff Tolebrutinib progressive Multiple Sklerose (MS) bremsen kann. Der Wirkstoff Tolebrutinib verringert das Risiko eines Voranschreitens der Krankheit gegenüber einem Placebo um 30 Prozent. Tolebrutinib hemmt dabei das Enzym Bruton-Tyrosinkinase, welches die fehlgeleitete Entzündungsaktivität bestimmter Immunzellen aktiviert, die beim Voranschreiten der MS eine Rolle spielt - und besonders bei der progressiven Form.
Das Projekt soll zunächst an Mäusen genauer getestet werden, über welche Mechanismen sich die Behandlung mit Tolebrutinib auf die Entzündungsaktivität im Gehirn auswirkt. Die Entschlüsselung dieser Mechanismen in den Zellen „stellt einen entscheidenden Schritt hin zu zielgerichteten, wirksameren Therapien bei progressiver MS dar“.
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Zentrum für Digitale Medizin und Gesundheit (ZDMG)
Von 2024 an soll angrenzend ans MS-Zentrum ein Zentrum für Digitale Medizin und Gesundheit (ZDMG) entstehen. Dort werden Medizinerinnen, Informatiker und Mathematikerinnen gemeinsam im Bereich Datenwissenschaften forschen. „Da geht es um die Frage, wie man die Medizin durch das Auswerten großer Datenmengen und durch Künstliche Intelligenz besser machen kann“. Auch das Thema Datensicherheit werde eine wichtige Rolle spielen.
Das MS-Patenprogramm: Unterstützung von Betroffenen für Betroffene
Das MS-Patenprogramm am Klinikum rechts der Isar ist eine Initiative von Betroffenen für Betroffene. Es bietet Hilfe in der ersten Zeit nach der Diagnose für Multiple Sklerose PatientInnen an.
Entstehung und Ziele
Die Idee für das MS-Patenprogramm entstand aus der persönlichen Erfahrung von Nadja Birkenbach-von Kuzenko, die 2015 selbst mit der Diagnose MS konfrontiert wurde. Sie initiierte das Programm, um anderen Betroffenen in der schwierigen Anfangsphase zur Seite zu stehen. Das Programm wird von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung unterstützt.
Das Patenprogramm soll eine individuelle und flexible Unterstützung bieten. Frisch diagnostizierte Patienten sollen einen vertrauensvollen Ansprechpartner haben, mit dem sie über ihre Ängste und Sorgen sprechen können. Vor allem sollen Sie die Möglichkeit haben über die Dinge zu sprechen, die man sich vielleicht nicht traut, mit einem behandelnden Neurologen oder mit Familienmitgliedern und Freunden zu besprechen. Denn nur Betroffene können nachvollziehen, wie man sich fühlt.
Ablauf und Organisation
Sobald ein Patient sich beim Patenprogramm angemeldet hat, wird versucht, schnellstmöglich einen passenden Paten auszuwählen. Es erfolgt ein Vorgespräch mit jedem Patienten und Paten, um die individuellen Bedürfnisse, Sorgen und Nöte herauszufinden. Wenn es passt, werden die jeweiligen Kontaktdaten verschickt, und das ist dann sozusagen der Start. Sie können sich dann nach Belieben persönlich treffen, telefonieren oder beispielsweise Videocalls machen. Kein Zwang und wie jeder möchte. Sollte einer der Beiden aus irgendwelchen Gründen keine Zeit mehr haben oder man wäre sich nicht sympathisch, endet das Patenprogramm umgehend. Je nach Wunsch kann ein anderer Pate vermittelt werden.
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Aktuelle Projekte und Zukunftspläne
Mit der Förderung der Hertie-Stiftung soll eine Webseite für die teilnehmenden Patienten und Paten zum Austausch und als Informationsplattform etabliert werden. Zudem sollen Informationsmaterialien bereitgestellt und Treffen ermöglicht werden. Im Klinikum werden die Patienten über die Ärzte und die MS-Ambulanz informiert. Es gibt auch Poster mit Hinweisen zur Webseite und Flyer in der Neurologie.
Persönliche Erfahrungen und Rückmeldungen
Die Rückmeldungen zum Patenprogramm sind sehr positiv. Viele Patienten berichten, dass sie sich durch das Programm nicht mehr allein gelassen fühlen und schneller wieder in den Alltag zurückfinden. Das Patenprogramm trägt zur Entmystifizierung der Erkrankung bei und ermutigt Betroffene, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Spezialsprechstunden und Ambulanzen am Klinikum rechts der Isar
Das Klinikum rechts der Isar bietet für bestimmte neurologische Erkrankungen, Fragestellungen und Therapien Spezialsprechstunden an. Hier werden Patientinnen und Patienten beraten und behandelt, die an einer neurologischen Autoimmunerkrankung leiden. Sämtliche diagnostische Methoden zur Abklärung und Verlaufskontrolle neuroimmunologischer Erkrankungen stehen in der Klinik zur Verfügung; dabei wird insbesondere mit der Abteilung für Neuroradiologie eng zusammengearbeitet. Ziel ist es, eine individuell maßgeschneiderte Therapie zu ermöglichen - das betrifft sowohl die Auswahl und Einleitung einer geeigneten immunmodulatorischen Therapie als auch die Begleitung während der Therapie. In der Ambulanz stehen alle Infusionstherapien zur Verfügung.
Weitere Spezialambulanzen
- Bewegungsstörungen: Behandlung des gesamten Spektrums von Bewegungsstörungen, einschließlich Morbus Parkinson und atypischen Parkinsonsyndromen, Dystonie, Restless-Legs-Syndrom (RLS) und choreatiformen Bewegungsstörungen.
- Schmerz: Interdisziplinäres Zentrum für Schmerztherapie (ZIS) zur ganzheitlichen Behandlung chronischer Schmerzen.
- Neurovaskuläre Erkrankungen: Betreuung von Patient*innen mit komplexen neurovaskulären Erkrankungen und Unterstützung bei der Indikationsstellung für gefäßrekonstruktive Eingriffe.
- Neuroonkologie: Interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Festlegung von Diagnostik und optimalem Behandlungskonzept für neuroonkologische Patienten und Patientinnen.
- Motoneuronerkrankungen: Diagnostik, Beratung und Therapie von Motoneuronerkrankungen wie Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Spinale Muskelatrophie (SMA).
- Muskelerkrankungen: Diagnostik und langfristige ambulante Betreuung von Patient*innen mit erblichen und erworbenen Muskelerkrankungen.
- Erbliche neurologische Erkrankungen: Diagnostik und Therapie von erblichen neurologischen Erkrankungen, einschließlich Muskelerkrankungen, Motoneuronerkrankungen, Polyneuropathien und Bewegungsstörungen.
- Musikermedizin: Spezialisiertes Präventions-, Diagnose- und Therapieangebot für Musiker*innen mit spiel- bzw. gesangsbedingten Beschwerden.