Das Restless-Legs-Syndrom (RLS), auch Willis-Ekbom-Syndrom genannt, ist eine häufige neurologische Störung mit einer altersabhängigen Prävalenz von 3-10%. Es äußert sich durch einen Bewegungsdrang der Beine, oft begleitet von Missempfindungen und Schlafstörungen. Die Therapie des RLS ist oft komplex und erfordert eine individuelle Anpassung. Ropinirol, insbesondere in der Retardform, hat sich als eine wertvolle Option in der Behandlung von RLS und auch in der frühen Phase der Parkinson-Krankheit etabliert.
Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) im Detail
Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist durch einen unkontrollierbaren Bewegungsdrang in den Beinen gekennzeichnet, der oft von unangenehmen Missempfindungen begleitet wird. Diese Symptome treten typischerweise in Ruhe auf und verstärken sich abends oder nachts. Dies führt häufig zu Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit und einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität.
Diagnose und Schweregrad:
Die Diagnose des RLS basiert hauptsächlich auf den klinischen Kriterien, einschließlich des Bewegungsdrangs, der Ruheabhängigkeit und der Besserung durch Bewegung. Hinzu kommen diagnoseunterstützende Kriterien wie das Ansprechen auf Levodopa. Der Schweregrad des RLS wird oft anhand des IRLS-Scores (International Restless Legs Syndrome Study Group Rating Scale) beurteilt. Dieser Score umfasst zehn Symptome, die mit maximal 40 Punkten bewertet werden, wobei höhere Punktzahlen einen höheren Schweregrad anzeigen:
- Mildes RLS: 1-10 Punkte
- Mittelschweres RLS: 11-20 Punkte
- Schweres RLS: 21-30 Punkte
- Sehr schweres RLS: 31-40 Punkte
Ursachen und Auslöser:
Die genauen Ursachen des RLS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass eine Störung im Dopamin- und Opioidsystem des Gehirns eine Rolle spielt. Neben einer idiopathischen Form, die familiär gehäuft auftritt, gibt es auch eine sekundäre Form, die mit verschiedenen Komorbiditäten einhergehen kann:
- Eisen- oder Vitaminmangel
- Störungen der Schilddrüsenfunktion
- Fortgeschrittene Nierenerkrankungen
- Polyneuropathien
- Radikulo- und Myelopathien
- Friedreich-Ataxie
- Zöliakie
- Diabetes mellitus
- Rheumatische und onkologische Erkrankungen
Bestimmte Arzneimittel können ein RLS auslösen oder verschlimmern, darunter:
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- Antidepressiva (z.B. Citalopram, Mirtazapin, Sertralin, Paroxetin, Mianserin, Lithium)
- Antipsychotika (z.B. Clozapin, Fluoxetin, Haloperidol, Olanzapin, Quetiapin, Risperidon)
- Interferon alfa
- L-Thyroxin
- Östrogene
- Phenytoin
- Saccharin
- Simvastatin
Differenzialdiagnose:
Es ist wichtig, das RLS von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden. Bei Behandlung mit Antipsychotika kann beispielsweise eine Akathisie leicht mit RLS verwechselt werden. Auch eine Verwechslung mit ADHS bei Kindern und Jugendlichen ist möglich.
Therapie des Restless-Legs-Syndroms
Die Therapie des RLS zielt in erster Linie auf die Linderung der Symptome ab, da eine kausale Behandlung oft nicht möglich ist.
Nicht-medikamentöse Maßnahmen:
Zunächst sollten mögliche Auslöser identifiziert und behandelt werden, wie z.B. Eisenmangel (Ziel: Ferritin > 50 µg/l), Schlafstörungen oder später Kaffeegenuss. Potenziell ungünstige Medikamente sollten pausiert oder ersetzt werden. Nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Hydrotherapie, Massagen oder Dehnungsübungen können begleitend empfohlen werden, da sie selten Schaden anrichten und die Patienten aktiv in die Therapie einbinden.
Medikamentöse Therapie:
Die medikamentöse Therapie des RLS umfasst verschiedene Wirkstoffgruppen, die je nach Schweregrad der Symptome und individuellen Bedürfnissen des Patienten eingesetzt werden.
- Levodopa: Levodopa in Kombination mit einem Decarboxylasehemmer (z.B. Benserazid) wird häufig bei RLS angewendet. Es reduziert die Symptome und verbessert die Lebens- und Schlafqualität. Allerdings kann es bei längerer Anwendung und höheren Dosen zu einer iatrogenen Augmentation kommen, d.h. einer Verschlechterung der Symptome.
- Dopaminagonisten: Nicht-ergoline Dopaminagonisten wie Pramipexol, Ropinirol (Adartrel®) und Rotigotin (Neupro®) sind Alternativen zu Levodopa und bei mittelschweren und schweren Symptomen zugelassen. Sie sind in der Regel gut verträglich, können aber auch Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Übelkeit, orthostatische Hypotension und psychische Veränderungen verursachen. Ein Vorteil gegenüber Levodopa ist, dass die Augmentation nicht so häufig auftritt.
- Antikonvulsiva: Pregabalin und Gabapentin sind Antikonvulsiva, die in kontrollierten Studien eine Wirksamkeit bei RLS gezeigt haben. Sie sind in Europa noch nicht für diese Indikation zugelassen, können aber in bestimmten Fällen eine Option sein.
- Opioide: Opioide wie Oxycodon, Tramadol, Methadon oder Tilidin können als Alternative zweiter Wahl bei iatrogener Augmentation oder schmerzhaften Polyneuropathien mit RLS eingesetzt werden. Aufgrund des Suchtpotenzials und möglicher Nebenwirkungen ist jedoch eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
Ropinirol Retard: Ein spezifischer Dopaminagonist
Ropinirol ist ein nicht-ergoliner Dopaminagonist, der sowohl bei der Behandlung des RLS als auch der Parkinson-Krankheit eingesetzt wird. Die Retardform von Ropinirol (z.B. REQUIP-MODUTAB®) zeichnet sich durch eine verzögerte Wirkstofffreisetzung aus, was zu einer gleichmäßigeren Dopaminstimulation über einen längeren Zeitraum führt.
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Wirkmechanismus:
Ropinirol wirkt als Agonist an Dopaminrezeptoren im Gehirn. Durch die Stimulation dieser Rezeptoren kann es den Dopaminmangel ausgleichen, der sowohl beim RLS als auch bei der Parkinson-Krankheit eine Rolle spielt.
Anwendungsgebiete:
- Restless-Legs-Syndrom (RLS): Ropinirol wird zur Behandlung von mittelschweren bis schweren RLS-Symptomen eingesetzt. Es reduziert den Bewegungsdrang, die Missempfindungen und die damit verbundenen Schlafstörungen.
- Parkinson-Krankheit: Ropinirol kann in der Monotherapie im Frühstadium der Parkinson-Krankheit oder in Kombination mit Levodopa im fortgeschrittenen Stadium eingesetzt werden.
Dosierung und Anwendung:
Die Dosierung von Ropinirol Retard wird individuell vom Arzt unter Berücksichtigung von Wirksamkeit und Verträglichkeit angepasst. Die Retardtabletten werden einmal täglich ungefähr zum selben Zeitpunkt mit oder unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen. Sie müssen im Ganzen geschluckt werden und dürfen nicht zerkaut, zerkleinert oder zerteilt werden.
Nebenwirkungen:
Die Nebenwirkungen von Ropinirol können je nach Anwendungsgebiet variieren. Häufige Nebenwirkungen sind:
- Parkinson-Krankheit: Schlaflosigkeit, Verwirrtheit, Halluzinationen, Schwindel, Übelkeit, Verstopfung, Wassereinlagerungen in den Beinen.
- Restless-Legs-Syndrom: Bewegungsstörungen, übermäßige Schläfrigkeit, Übelkeit, Nervosität, Schwindel, Wahnvorstellungen, Verwirrtheit, Beinschwellungen, Erbrechen, Bauchschmerzen, Sodbrennen.
Seltenere, aber potenziell schwerwiegende Nebenwirkungen sind orthostatische Hypotension, plötzliches Einschlafen und psychische Veränderungen wie Spielsucht oder Libidosteigerung.
Wechselwirkungen:
Ropinirol kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen. Bei gleichzeitiger Gabe von anderen Mitteln zur Behandlung der Parkinson-Krankheit wird deren Wirkung verstärkt. Die gleichzeitige Gabe von Östrogenen kann die Wirkung von Ropinirol verstärken. Rauchen beschleunigt den Abbau von Ropinirol und vermindert dessen Wirkung.
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Kontraindikationen:
Ropinirol darf nicht eingenommen werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen Ropinirol
- Schweren Leberfunktionsstörungen
- Patienten mit einem hormonproduzierenden Tumor in der Nebenniere (Phäochromozytom)
- allergische Reaktionen in der Vergangenheit auf seelisch wirksame Mittel wie Neuroleptika wie Fieber, Bewusstlosigkeit, Schock oder Herzinsuffizienz.
Bei bestimmten Erkrankungen (z.B. schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Psychosen) ist Vorsicht geboten.
Besonderheiten:
Während der Behandlung mit Ropinirol kann es zu einer Verschlechterung der RLS-Symptome kommen. Bei Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten wie Spielsucht oder gesteigertem Geschlechtsdrang sollte die Behandlung möglicherweise geändert werden.
Aktuelle Leitlinien und Studien
Die S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zum Restless-Legs-Syndrom betont die Bedeutung einer umfassenden Diagnostik und individuellen Therapieplanung. Die Leitlinie empfiehlt, zunächst mögliche Ursachen und Auslöser zu behandeln und nicht-medikamentöse Maßnahmen auszuschöpfen. Bei Bedarf sollten Dopaminagonisten wie Ropinirol in möglichst niedriger Dosierung eingesetzt werden. Levodopa soll nur noch intermittierend und/oder zu diagnostischen Zwecken verwendet werden.
Aktuelle Studien untersuchen die Wirksamkeit und Verträglichkeit verschiedener Medikamente bei RLS. Eine Studie aus dem Jahr 2014 verglich Pregabalin mit Pramipexol und zeigte, dass Pregabalin die RLS-Symptome signifikant stärker als Plazebo verbesserte und die Lebens- und Schlafqualität positiv beeinflusste.
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