Eine Schwangerschaft ist für viele Frauen ein bedeutendes Ereignis. Auch Frauen mit Hemiparese oder anderen körperlichen Einschränkungen können sich diesen Wunsch erfüllen. Allerdings gibt es einige spezielle Aspekte und Risiken, die beachtet werden sollten, um eine sichere und gesunde Schwangerschaft für Mutter und Kind zu gewährleisten. Dieser Artikel bietet umfassende Informationen zu diesem Thema und beleuchtet verschiedene Perspektiven und Aspekte.
Einführung
Der Wunsch nach einer Familie ist ein grundlegendes Bedürfnis vieler Menschen. Auch Frauen mit Hemiparese, einer Halbseitenlähmung, können diesen Wunsch hegen. Dank Fortschritten in der Medizin und einem besseren Verständnis der Bedürfnisse von Frauen mit körperlichen Einschränkungen ist eine Schwangerschaft heute oft realisierbar. Es ist jedoch wichtig, sich der potenziellen Risiken und Herausforderungen bewusst zu sein und sich entsprechend vorzubereiten.
Was ist Hemiparese?
Unter dem medizinischen Begriff Hemiparese versteht man eine unvollständige oder leichte Halbseitenlähmung. Sie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom einer Grunderkrankung. Häufige Ursachen sind Schlaganfälle, aber auch Stoffwechselstörungen, Unfälle oder entzündliche Erkrankungen können eine Hemiparese verursachen. Die Symptome äußern sich in Lähmungen der Extremitäten einer Körperhälfte, was zu Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit führt. In manchen Fällen treten auch Spastiken, Sensibilitätsstörungen oder Gesichtslähmungen auf.
Fruchtbarkeit und Schwangerschaft bei Hemiparese
Eine Hemiparese beeinträchtigt die Fruchtbarkeit von Frauen nicht grundsätzlich. Querschnittgelähmte Frauen können eine normale Schwangerschaft erleben. Dennoch ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Gynäkologen, Paraplegiologen und Hebammen ratsam, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu gewährleisten.
Vorbereitung auf die Schwangerschaft
Bei einer geplanten Schwangerschaft sind einige wichtige Punkte zu beachten:
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- Medikamente: Die regelmäßig verwendeten Medikamente sollten vom behandelnden Arzt überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, um Risiken für das ungeborene Kind zu minimieren. Fachliche Auskünfte gibt das unabhängige Informationsportal Embrytox.
- Untersuchungen: Vor der Schwangerschaft sollten medizinisch notwendige Untersuchungen durchgeführt werden, wie z.B. eine Röntgenuntersuchung der Beckenorgane (falls erforderlich), eine urologische Untersuchung bei häufigen Vaginal- und Harnwegsinfekten sowie ein Lungenfunktionstest.
- Gerinnungsstatus: Das Risiko von Thrombosen ist in der Schwangerschaft erhöht, daher sollte der Gerinnungsstatus des Blutes ärztlich geklärt werden.
- Lebensstil: Raucherinnen sollten spätestens jetzt mit dem Rauchen aufhören, da dies die gesunde Entwicklung des Kindes beeinträchtigt.
- Hebamme suchen: Es ist ratsam, sich frühzeitig eine Hebamme zu suchen, die Erfahrung mit Schwangeren mit körperlichen Einschränkungen hat. Eine Beleghebamme, die auch im Kreißsaal begleitet, ist ideal.
Veränderungen im Körper während der Schwangerschaft
Eine Schwangerschaft verändert den Körper, sowohl bei Frauen mit als auch ohne Hemiparese. Es ist wichtig, sich dieser Veränderungen bewusst zu sein und sich entsprechend anzupassen.
Mögliche Komplikationen und Risiken
Schwangere mit Hemiparese können mit einigen spezifischen Herausforderungen konfrontiert sein:
- Frühgeburt: Verschiedene Quellen deuten darauf hin, dass eine Querschnittslähmung ein Risikofaktor für eine verfrühte Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche sein kann. Ab der 32. Schwangerschaftswoche sollten daher wöchentliche Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen werden.
- Anämie: Studien zeigen, dass Frauen mit Querschnittslähmung ein höheres Risiko haben, während der Schwangerschaft eine Anämie zu entwickeln. Die Blutwerte sollten daher regelmäßig kontrolliert werden. Eisenpräparate können jedoch Verstopfungen verursachen, was das Darmmanagement erschwert.
- Blasen- und Darmmanagement: Eine vaginale Entbindung kann zu einem Dammriss führen, was das Darmmanagement beeinträchtigen kann.
- Autonome Dysreflexie: Bei Müttern mit hoher Lähmung kann eine Autonome Dysreflexie auftreten, insbesondere während der Entbindung. Dies ist ein potenziell gefährlicher Zustand, der einen plötzlichen Blutdruckanstieg verursacht.
- Eingeschränkte Atemkapazität: Im letzten Drittel der Schwangerschaft kann die Atemkapazität durch den wachsenden Bauch eingeschränkt sein, insbesondere bei Tetraplegie.
- Thrombose: Das Risiko von Thrombosen ist während der Schwangerschaft erhöht.
- Harnwegsinfektionen: Schwangere mit Querschnittslähmung haben ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfektionen.
- Druckgeschwüre: Durch das vermehrte Sitzen im Rollstuhl besteht ein erhöhtes Risiko für Druckgeschwüre.
- Erhöhter Unterstützungsbedarf: Mit dem wachsenden Bauch entsteht oft ein erhöhter Unterstützungsbedarf im Alltag.
Die Geburt
Die Entbindung kann in der Regel normal, also vaginal, stattfinden, sofern keine Komplikationen auftreten. Die schlaffe Unterleibsmuskulatur kann die Geburt sogar erleichtern. Ein Kaiserschnitt kann jedoch erforderlich sein, insbesondere bei hoher Lähmung und dem Risiko einer Autonomen Dysreflexie. Weitere Faktoren, die gegen eine vaginale Geburt sprechen können, sind z.B. orthopädische Einschränkungen oder starke Spastiken.
Schwangere mit Querschnittlähmung haben möglicherweise Schwierigkeiten, den Beginn der Wehen zu erkennen, da Schmerzen je nach Lähmungshöhe nicht wahrgenommen werden können. Bei einer Läsionshöhe unterhalb von Th12 sind Wehen normalerweise spürbar; bei fehlender Sensibilität kann die Wehentätigkeit durch Abtasten des Abdomens kontrolliert werden. Andere Zeichen sind eine vermehrte Spastik, Druckgefühl, Kopfschmerzen, Temperaturwahrnehmungen, Kurzatmigkeit und bei entsprechender Lähmungshöhe die Autonome Dysreflexie.
Wehen und Geburt selbst sind meist von kurzer Dauer, da die Körpermuskulatur bei einer schlaffen Lähmung kaum Widerstand leistet. Die Gebärmutter wird von einem autonomen Nervensystem gesteuert, d.h. die Nervenimpulse in der Gebärmutter werden nicht vom zentralen Nervensystem gesteuert und sind daher von der Querschnittlähmung nicht betroffen. Willentliche Muskelkontraktionen sind nicht notwendig; wenn die Bauchmuskulatur nicht aktiv genug für ein effektives Pressen ist, kann z.B. der Kristeller-Handgriff angewendet werden.
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Nach der Geburt
Nach der Geburt gibt es einige wichtige Aspekte zu beachten:
- Beobachtung im Krankenhaus: Mindestens zwei Tage zur Beobachtung im Krankenhaus werden empfohlen.
- Stillen: Bei eingeschränkter Kraft und/oder Funktion der Arme sollte beim Stillen eine zusätzliche Stütze, z.B. ein Stillkissen oder ein Tuch verwendet werden. Bei Müttern mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6 ist es möglich, dass die Milchproduktion nachlässt. Eine häufige Stimulation der Brustwarzen kann dem entgegenwirken.
- Medikamente: Möchte die Frau ihr Kind stillen, sollte sie keine Medikamente nehmen müssen, da diese sich in der Muttermilch ablagern und dem Kind schaden können. Ob und wann welche Medikamente (wieder) eingenommen werden können, muss sorgfältig abgeklärt werden, weil viele Wirkstoffe in die Muttermilch übergehen und schädlich für das Baby sein können.
- Versorgung des Kindes: Mütter mit einer Paraplegie werden für angepasste Hilfsmittel sorgen müssen, wie z.B. unterfahrbare Bettchen und Wickeltische und höhenangepasste Schränke und Regale. Wenn eine Tetraplegie vorliegt, werden einige Aspekte der Versorgung (Hochnehmen, Tragen, Füttern, Baden und Wickeln) von anderen übernommen werden müssen.
- Wochenbett-Betreuung: Eine erfahrene Hebamme kann im Wochenbett helfen, wenn es Probleme beim Stillen oder der Babypflege gibt. Sie versorgt mögliche Wunden, achtet auf eine behutsame Katheterisierung und unterstützt alle körperlichen Rückbildungsprozesse. Gemeinsam mit den ergo- oder physiotherapeutischen Fachkräften sowie den Ärztinnen und Ärzten sollte die Hebamme Teil des Teams sein, das Sie in der nächsten Zeit betreut.
Hilfsmittel und Unterstützung
Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die den Alltag mit Kind erleichtern können:
- Breiterer Rollstuhl
- Kissen zur Vermeidung von Druckgeschwüren
- Rutschbrett zum leichteren Transfer
- Elektrische Zubettgeh- und Aufstehhilfen
- Stillkissen und andere Lagerungshilfen
- Wickeltisch und Kinderbett, die unterfahrbar sind
Die Finanzierung von Hilfsmitteln im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Babypflege kann kompliziert sein. Am besten überlegen Sie zusammen mit Ihrer Hebamme, was Sie brauchen. Eine Übersicht gibt auch der Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern e.V. Der Verein bietet außerdem eine Online-Beratung auch bei der Beantragung von Hilfsmitteln an.
Erfahrungen anderer Eltern
Der Austausch mit anderen Eltern mit Querschnittslähmung kann sehr hilfreich sein. Sie können wertvolle Tipps und Erfahrungen weitergeben, z.B. zu gynäkologischen Praxen, Hebammen, Absprachen mit dem Kreißsaal-Team und Hilfsmitteln. Kontakt zu anderen Betroffenen finden Sie über Behandlungszentren, den Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) oder den Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern e.V. (bbe).
Infantile Zerebralparese und Schwangerschaft
Frauen mit infantiler Zerebralparese (ICP) sollten ebenfalls einige Aspekte beachten. Die ICP ist eine frühkindliche Hirnschädigung, die oft zu spastischen Lähmungen und anderen motorischen Symptomen führt.
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- Spontane Geburt vs. Kaiserschnitt: Die Entscheidung, ob eine spontane Geburt möglich ist oder ein Kaiserschnitt bevorzugt werden sollte, sollte individuell mit einem Neurologen und dem Geburtshilfeteam besprochen werden. Die Anstrengung unter der Geburt kann bei ICP eine Herausforderung darstellen.
- Auswirkungen auf die Wehentätigkeit und das Geburtspressen: Es ist wichtig zu berücksichtigen, wie sich die ICP auf die Wehentätigkeit, die Stärke der Wehen und das Geburtspressen auswirkt. Gegebenenfalls sind Hilfestellungen erforderlich.
- Handling des Kindes: Bei eingeschränkter Handfunktion sollten Überlegungen zum Handling des Kindes nach der Geburt angestellt werden.
Schlaganfall und Schwangerschaft
Auch nach einem Schlaganfall ist eine Schwangerschaft grundsätzlich möglich, erfordert aber eine sorgfältige Abklärung der Ätiologie und Risiken.
- Verhütung: Kombinierte hormonelle Kontrazeptiva erhöhen das Thrombose- und Schlaganfallrisiko. Daher sollten Frauen nach einem Schlaganfall eine Verhütung ohne Östrogen bevorzugen, z.B. eine hormonfreie Spirale, eine Barrieremethode oder eine reine Gestagenpille.
- Risiko während der Schwangerschaft: Schwangerschaften erhöhen das Schlaganfallrisiko. Physiologische Veränderungen während der Gravidität, wie Hyperkoagulabilität des Blutes und gesteigertes Blutvolumen, tragen dazu bei. Auch Komplikationen wie Präeklampsie und Hyperemesis erhöhen das Risiko.
- Medikamente: Statine sollten wegen ihrer Teratogenität abgesetzt werden. Bei Bedarf kann Acetylsalicylsäure als Plättchenhemmer eingesetzt werden. Niedermolekulares oder unfraktioniertes Heparin gilt als Mittel der Wahl zur Antikoagulation. ACE-Hemmer und AT1-Antagonisten sollten bei Schwangeren unbedingt abgesetzt werden.
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