Ethambutol ist ein Antibiotikum, das zur Behandlung der Tuberkulose und anderer durch Mykobakterien verursachter Infektionen eingesetzt wird. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Standardtherapie, die in der Regel aus einer Kombination von Rifampicin, Isoniazid, Pyrazinamid und Ethambutol besteht. Obwohl Ethambutol ein wirksames Medikament ist, birgt es auch das Risiko von Nebenwirkungen, insbesondere auf den Sehnerv. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Auswirkungen von Ethambutol auf das Sehvermögen, die Symptome einer Optikusneuropathie und gibt wichtige Hinweise zur Anwendung des Medikaments.
Tuberkulose und Ethambutol
Die Tuberkulose (TB) ist eine weltweit verbreitete bakterielle Infektionskrankheit, die am häufigsten die Lungen befällt. Verursacht wird sie durch verschiedene Arten von Mycobakterien, am häufigsten durch Mycobacterium tuberculosis. Die WHO schätzt die Zahl der TB-Infizierten auf 2 Milliarden, wobei jährlich etwa 9 Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken und 1,4 Millionen jährlich an dieser Erkrankung oder deren Folgen sterben.
Ethambutol ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antibiotika, der bevorzugt zur Behandlung der Tuberkulose eingesetzt wird. Er darf nur in Kombination mit anderen antimykobakteriellen Mitteln angewendet werden. Ethambutol wirkt, indem es den normalen Aufbau der Zellwände von Mykobakterien behindert. Es unterbindet die Biosynthese spezifischer Polysaccharide und wirkt abhängig von der Konzentration bakteriostatisch bis bakterizid, immer nur auf sich gerade vermehrende Erreger.
Ethambutol und der Sehnerv: Optikusneuropathie
Bereits seit den 1960er Jahren ist bekannt, dass Ethambutol eine toxische Wirkung auf den Sehnerven haben kann. Die häufigste und bedeutsamste Nebenwirkung von Ethambutol ist die Optikusneuropathie, eine Schädigung des Sehnervs.
Die Optikusneuropathie zeigt sich durch Visusminderung und Störungen des Farbensehens als frühe Symptome retinaler Beeinträchtigung. Auch Gesichtsfelddefekte treten auf. Die dosisabhängigen Beschwerden können ein Auge oder beide betreffen und sich bereits nach Tagen oder mit mehrwöchiger Latenz einstellen.
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Symptome einer Ethambutol-induzierten Optikusneuropathie
Zu den häufigsten Symptomen einer Optikusneuropathie durch Ethambutol gehören:
- Verminderung der Sehschärfe (Visusminderung): Betroffene bemerken eine allmähliche oder plötzliche Verschlechterung ihres Sehvermögens. Die Niedrigkontrast-Sehschärfe ist in der akuten Phase stark beeinträchtigt und erholt sich langsamer als der Visus und das Gesichtsfeld.
- Störungen des Farbensehens: Insbesondere die Wahrnehmung von Rottönen kann beeinträchtigt sein. Bei einer typischen Neuritis nervi optici ist vor allem die Farbsättigung für Rot abgeschwächt.
- Gesichtsfelddefekte: Es können blinde Flecken (Skotome) oder Einschränkungen des Gesichtsfeldes auftreten, häufig im zentralen Bereich (Zentralskotom).
- Schmerzen bei Augenbewegungen: In einigen Fällen können Schmerzen auftreten, insbesondere bei Bewegungen der Augen.
- Veränderte Pupillenreaktion: Eine Sehnerventzündung führt im betroffenen Auge zu einer Störung der Pupillenreaktion. Normalerweise verengen sich beide Pupillen gleichmäßig, unabhängig davon, auf welches Auge Licht fällt. Durch eine Sehnerventzündung fällt die Verengung unterschiedlich stark aus. Beim Swinging-Flashlight-Test prüft der Augenarzt diese Reaktion, indem er dem Patienten in einem verdunkelten Raum nacheinander in beide Augen leuchtet.
Risikofaktoren und Verlauf
Das Risiko einer Optikusneuropathie unter Ethambutol-Therapie ist dosisabhängig. Höhere Dosen und eine längere Behandlungsdauer erhöhen das Risiko. Auch individuelle Faktoren wie Nierenfunktion und das Vorliegen anderer Augenerkrankungen können eine Rolle spielen.
Zwar gelten die Einschränkungen als reversibel, doch gibt es auch Berichte über dauerhafte Erblindungen unter Ethambutol-Therapie. Daher ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung entscheidend.
Diagnose und Überwachung
Um eine Ethambutol-induzierte Optikusneuropathie frühzeitig zu erkennen, sind regelmäßige augenärztliche Untersuchungen während der Behandlung unerlässlich. Vor und während der Einnahme von Ethambutol sollten die Augen mindestens alle 4 Wochen von einem Augenarzt überprüft werden.
Die Diagnose umfasst in der Regel folgende Untersuchungen:
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- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und eventuelle Vorerkrankungen.
- Bestimmung der Sehschärfe: Mithilfe einer Buchstaben- oder Zahlentafel wird die Sehschärfe bestimmt.
- Test der Pupillenreaktion: Die Reaktion der Pupillen auf Licht wird untersucht.
- Prüfung der Augenbeweglichkeit: Die Beweglichkeit der Augen wird überprüft und auf Schmerzen oder Doppelbilder geachtet.
- Bestimmung des Gesichtsfeldes: Das Gesichtsfeld wird getestet, um eventuelle Einschränkungen festzustellen.
- Untersuchung des Augenhintergrundes (Funduskopie): Der Arzt beurteilt die Netzhaut und den Sehnervenkopf (Papille).
- Prüfung der Farbwahrnehmung: Die Farbwahrnehmung wird getestet, insbesondere für Rottöne.
- Test der Sehnervleitung (Visuell evozierte Potentiale, VEP): Die Leitungsgeschwindigkeit des Sehnervs wird gemessen.
Behandlung
Bei ersten Anzeichen einer Optikusneuropathie sollte Ethambutol sofort abgesetzt werden. In vielen Fällen führt dies zu einer Verbesserung der Symptome. Eine zusätzliche Behandlung mit Kortikosteroiden kann in einigen Fällen erwogen werden, um die Entzündung des Sehnervs zu reduzieren.
Weitere Nebenwirkungen von Ethambutol
Neben der Optikusneuropathie kann Ethambutol auch andere Nebenwirkungen verursachen, darunter:
- Neuropathie: Schädigungen des peripheren Nervensystems mit Schwindel, Kopfschmerzen, Verwirrtheitszuständen, Halluzinationen, Schwächegefühl und Gefühlsstörungen (Parästhesien).
- Erhöhung der Harnsäure-Konzentration im Serum: Dies kann zu Gichtanfällen führen.
- Gastrointestinale Beschwerden: Appetitlosigkeit, Sodbrennen, Erbrechen, Durchfall.
- Allergische Reaktionen: Fieber oder juckende Hautausschläge.
- Trockene Augen: Als Nebenwirkung kann es bei anticholinergen Arzneimitteln auftreten. Sie greifen in die Funktionen des vegetativen Nervensystems ein und hemmen unter anderem die Sekretion von Tränenflüssigkeit.
Wichtige Hinweise zur Anwendung von Ethambutol
Um das Risiko von Nebenwirkungen zu minimieren und die Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten, sollten folgende Hinweise beachtet werden:
- Regelmäßige Einnahme: Die Tabletten sollten regelmäßig und gemäß den Anweisungen des Arztes eingenommen werden. Wenn die Tabletten nicht regelmäßig eingenommen werden, kann die Therapie fehlschlagen. Die Bakterien beginnen dann, sich wieder zu vermehren und können gegen das eingenommene Medikament resistent werden.
- Einnahmezeitpunkt: Ethambutol sollte möglichst zusammen mit den anderen Medikamenten mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück eingenommen werden, da dies die effektivste Art ist. Wenn dies zu einer schlechten Verträglichkeit führt, kann es auch nach einem leichten Frühstück oder am Abend eingenommen werden.
- Augenärztliche Kontrollen: Vor und während der Einnahme von Ethambutol sollten die Augen mindestens alle 4 Wochen von einem Augenarzt überprüft werden, da das Medikament eine Entzündung des Sehnervs verursachen kann. Ein frühes Anzeichen dafür kann eine Verschlechterung des Farbensehens sein.
- Information des Arztes: Der behandelnde Arzt sollte über alle Nebenwirkungen informiert werden, damit er darauf reagieren und die Therapie gegebenenfalls anpassen kann.
- Kombinationstherapie: Ethambutol sollte immer in Kombination mit anderen Tuberkulostatika angewendet werden.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Diverse Studien mit insgesamt über 600 ausgewerteten Schwangerschaften, mehr als 300 davon im 1. Trimenon exponiert, konnten kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko nach der Anwendung von Ethambutol nachweisen. Bisherige Berichte sprechen gegen ein Risiko für den gestillten Säugling. Viele Schwangere nehmen Medikamente während der Schwangerschaft ein.
Alternativen und Differenzialdiagnosen
Es ist wichtig, andere Ursachen für Sehnerventzündungen auszuschließen. Zu diesen Differenzialdiagnosen zählt unter anderem die Stauungspapille. Sie entsteht, wenn der Hirndruck ansteigt und verursacht ähnliche Krankheitszeichen, schränkt in der Regel aber das Sehen nicht im gleichen Maße ein wie eine Optikusneuritis. Auch Vergiftungen etwa mit Alkohol kann sich wie eine Sehnerventzündung darstellen.
Wenn ein Medikament in der Standardtherapie nicht wirkt oder unverträglich ist, kann die Zusammensetzung und Dauer der Therapie geändert werden.
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