Sensorische Integration: Reizweiterleitung und ihre Bedeutung

Die sensorische Integration ist ein komplexer neurologischer Prozess, der es uns ermöglicht, Sinneseindrücke aus unserer Umwelt und unserem eigenen Körper zu ordnen und zu verarbeiten. Dieser Prozess ist entscheidend für unsere Fähigkeit, angemessen auf die Welt um uns herum zu reagieren und uns in ihr zurechtzufinden.

Grundlagen der sensorischen Integration

Die Neurobiologie bietet einen faszinierenden Einblick in die komplexen Vorgänge der Informationsverarbeitung in unserem Nervensystem. Der Prozess beginnt mit der Aufnahme externer Reize durch unsere Sinnesorgane, die als Sensoren fungieren. Diese Reize werden in elektrische Signale umgewandelt und über sensorische Neurone zum Gehirn, dem Zentrum unseres Nervensystems, weitergeleitet. Im Gehirn oder in den Ganglien des peripheren Nervensystems findet die eigentliche Analyse und Integration der Informationen statt. Nach der Verarbeitung erfolgt die Reaktion auf den Reiz, der sogenannte Output. Die Neurobiologie erklärt diese Vorgänge durch das Ruhemembranpotential und das Aktionspotenzial, die für die Weiterleitung von Erregungen verantwortlich sind. Die Neurobiologie befasst sich mit den komplexen Prozessen der Informationsverarbeitung im Nervensystem. Der Prozess beginnt mit der Aufnahme von Umweltreizen durch Sinnesorgane oder Rezeptoren. Im ZNS findet die eigentliche Verarbeitung und Interpretation der eingehenden Informationen statt. Nach der Verarbeitung werden Reaktionen über efferente Nerven, auch motorische Nerven genannt, zu den Effektoren geleitet. Diese Abfolge von Reizaufnahme, Erregungsleitung, Verarbeitung und Reaktion bildet die Grundlage für die Funktionsweise unseres Nervensystems und ermöglicht es uns, angemessen auf Umwelteinflüsse zu reagieren.

Die sensorische Integration umfasst die Aufnahme, Weiterleitung, Verarbeitung und Speicherung von Informationen aus dem eigenen Körper. Eine gut funktionierende Integration ermöglicht es dem Individuum, Sinneseindrücke zu vergleichen, zu koordinieren, Neues zu lernen und adäquate Verhaltensweisen zu entwickeln.

Die Rolle der Sinne

Verschiedene Sinne spielen eine entscheidende Rolle bei der sensorischen Integration:

  • Taktiler Sinn (Berührungssinn): Ermöglicht die Wahrnehmung von Berührungen und die Lokalisation auf dem Körper.
  • Vestibulärer Sinn (Gleichgewichtssinn): Informiert über die Position im Raum, Bewegung und Ruhe.
  • Propriozeptiver Sinn (Muskel- oder Kraftsinn/Tiefensensibilität): Vermittelt Informationen über die Stellung des Körpers und den Krafteinsatz.
  • Fernsinne: Visuelle und auditive Wahrnehmung.

Sensorische Integrationsstörung

Von einer Sensorischen Integrationsstörung (SIS) spricht man, wenn Sinneseindrücke im Gehirn nicht ausreichend gut verarbeitet werden. Es kommt zur unzureichenden oder falsch gesteuerten Übermittlung und Speicherung von Informationen aus dem eigenen Körper. Daraus folgt, dass die Reaktionen des Kindes für die Außenwelt oft unverständlich werden. Die Ausprägungen und damit das Reagieren des Kindes auf bestimmte Reize sind sehr verschieden und oft erst auf den zweiten Blick verständlich.

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Sensorische Integration läuft unbewusst und automatisch ab. Die unbewusste Verarbeitung so großer Informationsmengen ist notwendig, damit wir unsere bewusste Anstrengung und Aufmerksamkeit höheren Leistungen widmen können. Ein Kind mit SIS benötigt viel Energie, um auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Gleichzeitig den Stift angemessen zu halten und schöne Buchstaben zu schreiben, kann schon zu viel sein.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für SIS sind vielfältig und nicht immer eindeutig zu bestimmen. Jean Ayres (1920-1988), die Begründerin der Sensorischen Integrationstherapie, vermutete organische Ursachen wie Hirnfunktionsstörungen. Sie betonte auch die Bedeutung sensorischer Erfahrungen für die Entwicklung des Gehirns. Eine "sensorische Mangelsituation", in der Kinder eingeschränkte soziale Kontakte haben und wenig Bewegungs- und Materialerfahrung machen können, kann ebenfalls zu SIS beitragen. Eine weitere Ursache kann in der unvollständigen oder defekten Reizweiterleitung liegen.

Zudem können Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Mangel an Entwicklungsreizen, wenig Körperkontakte und Bewegungsmangel sowie unausgewogene Reizeinflüsse (Überstimulierung oder Unterversorgung durch Reize) können zu Störungen in der Verarbeitung aufgenommener Informationen führen.

Auswirkungen auf die Entwicklung

SIS kann sich auf verschiedene Bereiche der kindlichen Entwicklung auswirken, darunter:

  • Motorische Fähigkeiten: Schwierigkeiten bei der Koordination von Bewegungen, Ungeschicklichkeit.
  • Kognitive Fähigkeiten: Lernschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme.
  • Sozial-emotionale Entwicklung: Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, Verhaltensauffälligkeiten.
  • Körpergefühl und Körperbild: Beeinträchtigung der Repräsentation des Körpers, des Körperschemas und der zugrunde liegenden körperlichen Selbstidentifikation.

Die Auswirkungen von SIS können sich im Laufe der Zeit verändern und an die jeweiligen Entwicklungsphasen anpassen. Es ist wichtig zu beachten, dass SIS nichts mit Intelligenz zu tun hat.

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Formen der Sensorischen Integrationsstörung

  • Taktile Wahrnehmungsstörung:

    • Überempfindlichkeit: Negative Reaktion auf Berührungsreize, Vermeidung von Berührungen, taktile Abwehr.
    • Unterempfindlichkeit: Benötigt intensive Reize, Schmerzunempfindlichkeit, Suche nach massiven Berührungsreizen.
  • Propriozeptive Wahrnehmungsstörung: Ungenaue Informationen über Muskelspannung und Gelenkstellung, unzureichende Eigenwahrnehmung, Schwierigkeiten bei der Automatisierung von Bewegungen.

  • Vestibuläre Wahrnehmungsstörung:

    • Überempfindlichkeit: Verunsicherung bei Beanspruchung des Gleichgewichtssystems, Vermeidung von Klettern, Balancieren und Schaukeln, Schwindelgefühl und Übelkeit bei Drehungen.
    • Unterempfindlichkeit: Scheinbar nicht zu befriedigendes Bewegungsbedürfnis, intensive Gleichgewichtsstimulation durch schnelles Drehen, Schaukeln und Wippen, Schwierigkeiten in der Bewegungskoordination.

Sensorische Integrationstherapie

Die Sensorische Integrationstherapie (SIT) ist ein Behandlungsansatz, der darauf abzielt, die Verarbeitung von Sinneseindrücken im Gehirn zu verbessern. Sie wurde von Jean Ayres entwickelt und wird seither stetig weiterentwickelt.

Ziele der Therapie

  • Verbesserung der Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn.
  • Förderung von Anpassungsreaktionen auf sensorische Reize.
  • Verbesserung der motorischen, kognitiven und sozial-emotionalen Fähigkeiten.
  • Steigerung des Selbstvertrauens und der Selbstständigkeit.

Methoden und Techniken

Die SIT basiert auf der Annahme, dass das Gehirn durch gezielte sensorische Erfahrungen lernen kann, Sinneseindrücke besser zu verarbeiten. In der Therapie werden dem Kind verschiedene Angebote unterbreitet, aus denen es auswählen kann. Der Wunsch, aktiv zu werden, etwas zu tun, muss vom Kind kommen, auch wenn diese Tätigkeiten zuvor nicht erfolgreich durchgeführt werden konnten.

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Die Therapie findet in der Regel in einem speziell ausgestatteten Raum statt, der eine Vielzahl von Materialien und Geräten bietet, die sensorische Erfahrungen ermöglichen, wie z.B.:

  • Schaukeln und Hängematten
  • Bälle und Matten
  • Materialien mit unterschiedlichen Texturen

Die Therapeutin oder der Therapeut begleitet das Kind bei seinen Aktivitäten und unterstützt es dabei, neue Erfahrungen zu machen und seine Fähigkeiten zu entwickeln. Wichtig ist dabei, dass die Klienten ganzheitlich angesprochen werden (keine Durchführung symptomorientierter Übungen) und aktiv Erfahrungen machen können. In der Therapie müssen Schwerpunkte gesetzt werden (notwendig für die Herausbildung selektiver Wahrnehmungsprozesse), die abhängig von der zu behandelnden Person und den Möglichkeiten und der Persönlichkeit des Therapeuten sind. Durch das Medium Bewegung lassen sich Erfahrungen aus den drei Grundwahrnehmungsbereichen miteinander in Verbindung bringen.

Ergotherapie bei Sensorischen Integrationsstörungen

Ergotherapeut:innen sind spezialisiert auf die Behandlung sensorischer Integrationsstörungen. In einer bewusst gestalteten Umgebung helfen sie Ihrem Kind, seinen Fähigkeiten entsprechende, anpassende Reaktionen auszuführen. Es geht aber auch um ein gemeinsames Verständnis mit Ihnen, wie Abläufe, Handlungen und Alltag an die Bedürfnisse Ihres Kindes angepasst werden können.

Ein Beispiel aus der Praxis

Die 5-jährige Paula kam mit Ihrer Mutter zur Therapie. Paula wollte unbedingt selbstständig schaukeln können. In der Anamnese stellte sich raus, dass sie es vermied, mit anderen auf den Spielplatz zu gehen, weil sie nicht wusste, wie sie schaukeln sollte. Außerdem wurde ihr dabei schnell übel, wenn sie angeschubst wurde. Dies hatte zur Folge, dass sie diese Handlung vermied und gar nicht mehr auf den Spielplatz gehen wollte. Die Mutter war unsicher, wie sie ihrem Kind helfen könnte und hatte Sorge, dass sich Paula immer weiter isoliere. Im ersten Schritt klärte die Therapeutin die Eltern über das Störungsbild auf und bestärkte sie darin, das Handeln ihres Kindes im Alltag besser zu verstehen. In der Therapie setzte die Therapeutin gezielt Gleichgewichtsreize in Kombination mit tiefensensiblen Reizen ein, sodass Paula trainieren konnte, ihren Körper besser einzuschätzen. Dazu nutzte sie die unterschiedlichen Möglichkeiten in unserem Motorikraum. Der geschützte Rahmen half ihr, sich auszuprobieren. Paula hatte zunehmend Spaß an der Bewegung und zeigte angepasste Reaktionen, die sich positiv auf ihre Handlungen auswirkten. Nach ca. 10 Therapieeinheiten wusste sie, wie sie ihren Körper einsetzten konnte, um Schwung zu nehmen und konnte einschätzen, wie viele Reize sie verträgt.

Kritik und Einschränkungen

Es besteht die Gefahr, das Verhalten eines Kindes nur unter dem Aspekt der Funktion seiner Sinnesintegration zu betrachten. Das soziale Umfeld, individuelle Voraussetzungen und Erfahrungen werden außer acht gelassen. ZIMMER (1999,43 f.) vermutet, dass die spielerischen Betätigungen des Kindes primär unter dem Gesichtspunkt der Anpassungsreaktionen und der Reifung von Gehirnfunktionen gesehen werden. Sensorische Integration soll als neuropsychologisches Entwicklungsprinzip verstanden werden, von dem das therapeutische Handeln abgeleitet wird. W.u.W. DOERING (1999,24) verweisen auf die künstlich hervorgerufene Situation der Therapie, die die betreffende Person in eine Sonderrolle bringt. Da Lernprozesse primär im sozialen Kontext stattfinden, muss das Kind seine Erfahrungen in einem "künstlichen Raum" machen und dann den Transfer in das "normale" Leben leisten.

Sensorische Integration im Erwachsenenalter und bei Demenz

Die Sensorische Integration begleitet uns ein Leben lang. Denn auch im Alter lernen wir unsere Umwelt genauer wahrzunehmen und unsere Sinne zu schärfen. Eine Störung tritt meist bei der Entwicklung des neurologischen Systems im Kindesalter oder in Kombination mit einer Demenz auf. Bei Demenzerkrankungen entsteht durch das beeinträchtigte Nervensystem eine Wahrnehmungsveränderung. Diese äußert sich häufig durch Unzufriedenheit in alltäglichen Situationen. Berührungen und Bewegungen werden als unangenehm empfunden und der Körper des Betroffenen verkrampft und reagiert teilweise mit Abwehr. Die Leidtragenden lassen sich dann nur schwer beruhigen. Andere Beispiele für sensorische Integrationsstörungen treten durch Fehleinschätzung der Umwelt oder die Eigene bezüglich der Intensität von Reizen auf. Gemeinsame Alltagstätigkeiten wie backen, kochen, Wäsche waschen, Gartenarbeit, Handwerksarbeiten ermöglichen. Bei Erwachsenen: wie intensiv lebe und erlebe ich mich und meine Umwelt? Bin ich mit den Händen tätig?

Bedeutung für die sozio-emotionale Entwicklung

Die sensorische Integration spielt eine wichtige Rolle für die sozio-emotionale Entwicklung. Ein gesundes Körpergefühl und eine gute Körperwahrnehmung sind entscheidend für die Entwicklung von Selbstbewusstsein, Selbstregulation und sozialer Kompetenz. Kinder mit SIS haben möglicherweise Schwierigkeiten, ihre eigenen Emotionen zu erkennen und zu regulieren, was zu Problemen im Umgang mit Gleichaltrigen führen kann. Die Entwicklung des Körperschemas, der Repräsentation des Körpers, des körperlichen Selbstbewusstseins und der zugrunde liegenden körperlichen Selbstidentifikation ist eng mit der sozio-emotionalen Entwicklung verbunden.

Forschung und Evidenz

Die Forschung zur sensorischen Integration und ihrer therapeutischen Interventionen ist ein wachsendes Feld. Es gibt zunehmend Evidenz dafür, dass SIT wirksam sein kann, insbesondere bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen und anderen Entwicklungsstörungen. Allerdings sind weitere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit von SIT für verschiedene Populationen und unter verschiedenen Bedingungen zu bestätigen.

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