Ein Schlaganfall kann das Leben eines Menschen grundlegend verändern. Neben den offensichtlichen körperlichen Einschränkungen wie Lähmungen, Sprachstörungen (Aphasie) oder Muskelsteifheit (Spastik) können auch subtilere Veränderungen auftreten, die das alltägliche Leben und die Beziehungen stark beeinflussen. Eine dieser Veränderungen betrifft die Sexualität, die sowohl durch körperliche als auch psychische Faktoren beeinträchtigt werden kann. In manchen Fällen kann es sogar zu einer Sexsucht kommen.
Veränderungen der Persönlichkeit nach einem Schlaganfall
Nach einem Schlaganfall kann ein Betroffener Wesensveränderungen, Reizbarkeit, Hypersexualität oder andere Veränderungen in der Persönlichkeit zeigen, die ihn für Angehörige kaum wiedererkennbar machen. Die Schäden am Gehirn selbst können eine Sexsucht auslösen oder andere Persönlichkeitsveränderungen verursachen. Bis zu 40% der Schlaganfallbetroffenen zeigen im Verlauf Persönlichkeitsstörungen.
In einer Studie wurden über 200 Schlaganfallpatienten und ihre Angehörigen zum Verhalten des Betroffenen befragt. Während die Angehörigen merkten, dass der Patient die Gefühle anderer nicht mehr richtig einschätzen konnte und egoistischer dachten, nahmen die Patienten das nicht so wahr. Auch dachten die Patienten, dass sie gefährliche Situationen richtig einschätzen können, was ihre Angehörigen jedoch anders sahen. Angststörungen kommen in 20% der Fälle nach einem Schlaganfall vor.
Auswirkungen auf die Partnerschaft und das Sexualleben
Nach einem Schlaganfall verändert sich das Leben oft grundlegend, und auch die Beziehung kann stark beeinflusst werden. Symptome wie Aphasie (Sprachstörungen), Spastik (Muskelsteifheit), Lähmungen oder Schluckstörungen bringen neue Herausforderungen mit sich, die das tägliche Miteinander und die gewohnten Rollen in der Partnerschaft verändern können.
Aphasie kann die Kommunikation erschweren. Wenn Betroffene sich nicht ausdrücken können, wird es für beide Partner schwer, Wünsche, Ängste und Gefühle zu teilen. Auch körperliche Einschränkungen wie Spastik und Lähmungen können dazu führen, dass die betroffene Person plötzlich auf Unterstützung angewiesen ist - etwa bei alltäglichen Aufgaben oder bei der Körperpflege. Diese Veränderungen können nicht nur die Eigenständigkeit einschränken, sondern auch die Rollen in der Beziehung neu definieren. Diese neue Rollenverteilung kann für beide Partner eine Belastung sein. Die pflegende Person übernimmt häufig zusätzliche Aufgaben und Verantwortung, was zu Stress führt. Gleichzeitig empfindet die betroffene Person oft Frustration oder Trauer darüber, auf Hilfe angewiesen zu sein.
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Das Sexualleben nach Schlaganfall ändert sich grundlegend durch Langzeitfolgen. Schlaganfall Symptome können Intimität und Sexualität erschweren. Bei Aphasie kann die Kommunikation eingeschränkt sein, was es schwer macht, Bedürfnisse oder Ängste in Bezug auf Nähe und Sexualität zu teilen. Auch körperliche Einschränkungen wie Spastik und Lähmungen machen Probleme beim Geschlechtsverkehr selbst. Berührungen oder Bewegungen, die früher selbstverständlich waren, können nun schwierig oder unmöglich sein. Schluckstörungen oder Gesichtslähmungen können zusätzlich das Selbstbewusstsein beeinträchtigen und dazu führen, dass sich Betroffene weniger attraktiv oder unwohl in intimen Momenten fühlen.
Mehrere Studien haben als Folge vom Schlaganfall gezeigt, dass es bei bis zu 70% der Patienten zu einer Abnahme der sexuellen Aktivität und Libido kam. Davon hatten 15-30% nur einmal in Monat Sex und 20-50% lebten in sexueller Abstinenz. Die Häufigkeit von Erektionsstörungen bzw. Sexuelle Funktionsstörungen nach Schlaganfall haben aber meistens keine einzelne Ursache, sondern werden mit dem biopsychozialen Modell erklärt. Unbedachtes und vorschnelles Handel mit erhöhter Impulsivität kann durch Schäden im Stirnlappen entstehen.
Ursachen für Sexsucht nach Schlaganfall
Die Ursachen für eine Sexsucht nach einem Schlaganfall sind vielfältig und können sowohl neurologische als auch psychologische Gründe haben:
- Hirnschädigung: Schädigungen bestimmter Hirnareale, insbesondere des Stirnlappens (präfrontaler Cortex), können zu einer Enthemmung des Sexualtriebs führen. Der präfrontale Cortex ist für dieSteuerung von Impulsen und sozial angemessenem Verhalten zuständig. Wenn dieser Bereich beeinträchtigt ist, kann es zu einem Kontrollverlust über sexuelle Impulse kommen.
- Neurotransmitter-Ungleichgewicht: Ein Schlaganfall kann das Gleichgewicht von Neurotransmittern im Gehirn stören. Dies kann sich auf die sexuelle Funktion und das sexuelle Verlangen auswirken.
- Psychische Faktoren: Ein Schlaganfall kann zu Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Problemen führen, die sich auf das Sexualleben auswirken können. In einigen Fällen kann Sexsucht eine Bewältigungsstrategie für diese psychischen Belastungen sein.
- Medikamente: Einige Medikamente, die nach einem Schlaganfall eingenommen werden, können als Nebenwirkung eine erhöhte Libido oder sexuelle Enthemmung verursachen.
Erektile Dysfunktion nach Schlaganfall
Erektile Dysfunktion (ED) nach einem Schlaganfall ist ein häufiges Problem, das die Lebensqualität stark beeinträchtigen kann. Sie ist häufig das Ergebnis einer Kombination neurologischer, psychologischer und medikamentöser Faktoren. Eine zentrale Rolle spielt die direkte Schädigung bestimmter Hirnareale wie des präfrontalen Cortex, des limbischen Systems und des Hypothalamus. Diese Bereiche sind entscheidend für die sexuelle Motivation, die Entscheidungsfindung und die hormonelle Regulation, die für Erregung und Libido wichtig sind.
Je nach Lokalisation können Schlaganfälle unterschiedliche Auswirkungen auf die Sexualfunktion haben können. Schlaganfälle im Bereich der rechten Kleinhirnhemisphäre sind eher mit Ejakulationsstörungen assoziiert. Bei Schlaganfällen im Bereich der Arteria cerebri media, insbesondere in der rechten Hemisphäre, treten Erektionsstörungen häufiger auf, als in der linken Hemisphäre (87,5 % vs. 70,6 %).
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Neben den neurologischen Schäden können auch psychische Faktoren Deine sexuelle Funktion nach einem Schlaganfall beeinflussen. Die emotionale Belastung durch die Anpassung an die veränderte Lebenssituation und die Angst vor weiteren gesundheitlichen Problemen können das sexuelle Verlangen und die sexuelle Leistungsfähigkeit stören. Medikamente können ebenfalls für Erektionsstörungen verantwortlich sein. Speziell die Einnahme von Blutdrucksenkern und Antidepressiva ist häufig mit Erektionsstörungen verbunden. Allerdings führen entgegen landläufiger Meinung nicht alle Blutdrucksenker zu Impotenz.
Erektionsstörungen treten nicht nur nach Schlaganfällen auf, sie können auch ein Vorbote dafür sein. Viele Herz- und Gefäßerkrankungen können mit einer eingeschränkten Funktion des Penis einhergehen. Forschungen zeigen, dass Männer mit Erektionsstörungen ein um etwa 34 bis 35 % erhöhtes Risiko haben, einen Schlaganfall zu erleiden. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, Erektionsprobleme ernst zu nehmen und frühzeitig zu behandeln.
Sexuelle Funktionsstörungen nach einem Schlaganfall sind weit verbreitet. Selbst bei jüngeren Patienten berichtet ein Drittel der Betroffenen ein Jahr nach einem ischämischen Schlaganfall über Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr. Ein ischämischer Schlaganfall tritt auf, wenn eine Arterie verstopft und der Blutfluss zum Gehirn blockiert wird. In einer von Sexualmedizinern betreuten niederländischen Studie berichteten sogar 80 % der befragten Männer von gelegentlichen Erektionsproblemen; 93 % waren mit der Dauer der Erektion unzufrieden. Obwohl die Befragung nach Abschluss der Rehabilitation stattfand, waren 63 % der Patienten unzufrieden mit ihrem Sexualleben.
Diagnose
Um die sexuellen Probleme von neurologischen Patienten aufzudecken, genügen in der Praxis Anamnese und klinische Untersuchung. Zunächst sollte der Arzt die verschiedenen Aspekte der Sexualität, wie Libido, Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit, gezielt abfragen. Es kann nützlich sein, mit der Partnerin bzw. Die Informationen aus der Anamnese geben Hinweise für die körperliche Untersuchung . Die motorische Funktion der unteren sakralen Segmente (S3-S4/5) lässt sich durch die Funktion des Analsphinkters beurteilen. Hierzu wird der laterale Sphinkterrand beidseits wiederholt gepikt, etwa mit einem scharf abgebrochenen Holzstäbchen. Getestet werden sollte auch der Bulbospongiosusreflex (S2-S4/5) durch Drücken der Glanspenis bzw. durch Berühren der Vulva, wobei sich Kontraktionen der perinealen Muskulatur beobachten und palpieren lassen. Bei Männern gibt die Auslösbarkeit des Kremasterreflexes (L1) weitere Auskünfte über die Motorik.
Therapieansätze
Die Behandlung von Sexsucht nach einem Schlaganfall erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl die neurologischen als auch die psychologischen Aspekte berücksichtigt:
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- Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um den Sexualtrieb zu reduzieren oder psychische Probleme wie Depressionen und Angstzustände zu behandeln.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Sexsucht zu erkennen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, schädliche Verhaltensmuster zu verändern und gesündere sexuelle Verhaltensweisen zu entwickeln.
- Paartherapie: Eine Paartherapie kann helfen, die Beziehungsprobleme zu bewältigen, die durch die Sexsucht entstanden sind.
- Ergotherapie: Ergotherapeuten fokussieren sich auf den Alltag der Betroffenen und helfen ihnen, ihre Bedürfnisse in Bezug auf Partnerschaft, Liebe, Zärtlichkeiten und Sexualleben zu erfüllen. Sie erarbeiten mit den Patienten Möglichkeiten, der Liebe, also auch der körperlichen Liebe, wieder den Weg zu ebnen.
Je nach Diagnose gibt es verschiedene Ansätze zur Behandlung. Manchmal erfordert die Behandlung der erektilen Dysfunktion nach einem Schlaganfall auch einen ganzheitlichen Ansatz:
- Medikamentöse Therapie: PDE-5-Hemmer wie Sildenafil (Viagra®) oder Tadalafil (Cialis®) können bei einigen Patienten die Erektionsfähigkeit verbessern. Diese Medikamente erhöhen den Blutfluss zum Penis und helfen so, eine Erektion zu bekommen. PDE-5-Hemmer gelten als sicher für Patienten mit stabiler Herzerkrankung, die keine Nitrate einnehmen. Mehrere unabhängige Quellen haben bestätigt, dass PDE-5-Hemmer kein zusätzliches Ischämierisiko (Risiko, dass ein bestimmtes Gewebe oder Organ aufgrund einer unzureichenden Durchblutung nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird) bergen.
- Psychologische Beratung kann helfen, mit Ängsten und Depressionen umzugehen, die nach einem Schlaganfall häufig auftreten. Auch eine Paartherapie kann bei Kommunikationsproblemen hilfreich sein.
- Die Verbesserung des Lebensstils kann auch zu einer Verringerung von Erektionsstörungen beitragen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehört die Reduzierung von Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen, Depressionen und Bluthochdruck.
PDE-5-Hemmer dürfen nicht ohne weiteres mit Blutdrucksenkern oder Herzmedikamenten kombiniert werden. Insbesondere die gleichzeitige Einnahme von Nitraten kann zu lebensbedrohlichen Kreislaufproblemen führen. Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sollten PDE-5-Inhibitoren zudem nicht in den ersten sechs Monaten nach einem Schlaganfall verschrieben werden. Eine Abstimmung ist essenziell, um gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden. Plane die Einnahme dieser Medikamente in Absprache mit Deinem Hausarzt / Deiner Hausärztin oder Kardiologen / Kardiologin, um sicherzustellen, dass sie für Deine spezifische Gesundheitssituation geeignet ist.
Erektionen lassen sich auch mithilfe der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) erreichen. Die intraurethrale Applikation von Alprostadil firmiert unter dem Kürzel MUSE (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion). Während für Männer, bei denen häufig die ED im Vordergrund steht, eine Reihe von Präparaten verfügbar ist, sind Hilfen für Frauen mit Sexualstörungen rar.
Sexualität als Teil der Rehabilitation
Die Wiederbelebung der Sexualität nach einem Schlaganfall ist wichtig für die allgemeine Gesundheit, weil sie ein Stück Normalität zurückgibt. Auch wenn Überlebende von Schlaganfällen bei körperlicher Aktivität vorsichtig sein sollten: Sex gilt nicht als Risikofaktor für einen weiteren Schlaganfall. Ein gesundes Sexualleben hilft sogar bei der Genesung, indem es die Beziehung eines Paares verbessert.
Sexualität spielt, so könnte man meinen, nach einem Schlaganfall keine große Rolle (mehr). Doch ist bei vielen Betroffenen sogar das Gegenteil der Fall. "Entsprechende Statements von Menschen nach einem Schlaganfall zeigen, dass ihre Bedürfnisse in Bezug auf Partnerschaft und Miteinander, Liebe, Zärtlichkeiten und das Sexualleben sogar einen größeren Stellenwert einnehmen als vor dem Schlaganfall", betont Lisa Spreitzer.
Es ist wichtig, dass Patienten und medizinische Fachkräfte aktiv das Gespräch über sexuelle Gesundheit suchen, da diese Probleme oft übersehen werden. Die Behandlung ist komplex, da viele Patienten Medikamente einnehmen, die mit PDE-5-Hemmern interagieren können. Eine sorgfältige Überwachung der Medikation und eine enge Zusammenarbeit mit Deinen Ärzten sind unerlässlich, um sicherzustellen, dass die Behandlung sicher und wirksam ist.
Kommunikation als Schlüssel
Meist sind beide Partner mit der neuen Situation überfordert, wissen nicht, wie sie nach dem Schlaganfall miteinander umgehen können. Über Gefühle oder - insbesondere die Liebe und sexuelle - Wünsche zu sprechen, fällt vielen schwer; es findet hierzu bei den wenigsten eine direkte, offene und ehrliche Kommunikation statt. Das Dilemma: die Denkmuster im Kopf. "Die Aussagen Betroffener und deren Partner belegen das", bestätigt die Ergotherapeutin Spreitzer. "Frauen fühlen sich förmlich als 'Sexmonster', wenn sie Lust auf ihren Partner haben. Sie denken zum Beispiel, der Mann sei durch den Schlaganfall nicht mehr in der Lage, hätte kein Verlangen nach Sex mit ihr oder es ginge ihm einfach zu schlecht, um sie und ihre Bedürfnisse zu befriedigen." Dabei wäre alles unkompliziert, wären Paare imstande, auch rüber Liebesangelegenheiten miteinander zu reden oder den anderen einfach zu fragen. Oft ist es so, dass der Mann trotz oder gerade wegen des Schlaganfalls durchaus gerne Nähe, Zuneigung, Liebe und Sex hätte. Es aber ebenso wenig ausspricht, wie die Partnerin, weil er sich 'versehrt' oder nicht mehr so attraktiv findet wie vor dem Schlaganfall.
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