Multiple Sklerose: Definition, Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Multiple Sklerose (MS), auch Encephalomyelitis disseminata genannt, ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei jungen Erwachsenen. In Deutschland sind schätzungsweise 280.000 Menschen betroffen, weltweit etwa 2,8 Millionen. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. MS ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Auch die häufig verbreiteten Vorurteile, dass MS in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führt, sind so nicht richtig.

Was ist Multiple Sklerose?

Bei MS kommt es zu einer Fehlsteuerung des Immunsystems, wodurch Entzündungen im Gehirn und Rückenmark entstehen. Diese Entzündungen schädigen vor allem die Myelinscheide, die Schutzhülle der Nervenfasern. Die Myelinscheide ist wichtig für die schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervensignalen. Wird sie beschädigt, können die Nerven ihre Signale schlechter weiterleiten, was zu vielfältigen neurologischen Symptomen führt. Der Name „Multiple Sklerose“ leitet sich von den entzündungsbedingten Verhärtungen oder Narben (Sklerosen) ab, die im Gehirn oder Rückenmark entstehen können.

Ursachen von Multipler Sklerose

Die genaue Ursache von MS ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, bei der genetische Faktoren (ca. 30 Prozent) und Umwelteinflüsse (ca. 70 Prozent) zusammenwirken.

Genetische Prädisposition

Obwohl MS nicht im klassischen Sinne erblich ist, spielen genetische Faktoren eine Rolle. Bislang wurden mehr als 110 genetische Variationen identifiziert, die bei MS-Erkrankten häufiger vorkommen als in der gesunden Allgemeinbevölkerung. Diese Genvarianten stehen oft in direkter Beziehung zum Immunsystem, wie beispielsweise die Allele des humanen Leukozytenantigen-Systems (HLA-Typ HLA-DRB1*15:01) und der TNF/TNFR-Familie (TNFR1-Variante rs1800693).

Umwelteinflüsse

Verschiedene Umwelteinflüsse werden als mögliche Risikofaktoren für die Entwicklung von MS diskutiert:

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  • Vitamin-D-Mangel: Studien deuten darauf hin, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel das Risiko für MS erhöhen könnte. Dies könnte die unterschiedliche Prävalenz von MS in verschiedenen geografischen Regionen erklären, da in sonnenreichen Gebieten tendenziell weniger MS-Fälle auftreten.
  • Infektionen: Bestimmte Virusinfektionen in der Kindheit, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und dem Humanen Herpesvirus 6 (HHV-6), könnten das Risiko für MS erhöhen. Es ist jedoch noch unklar, welche Rolle diese Viren bei der Entstehung von MS spielen. Das Epstein-Barr-Virus (EBV) tragen ca. 95% der Menschen ohne Multiple Sklerose in sich, nachdem sie sich in Kindheit und Jugend damit infiziert haben. Menschen mit Multipler Sklerose sind aber nahezu zu 100% EBV-positiv.
  • Rauchen: Nikotin scheint ein Risikofaktor für die Krankheitsentstehung zu sein. Studien haben eine Risikoerhöhung um den Faktor 1,2 bis 1,8 ergeben. Menschen, die früh mit dem Rauchen beginnen, scheinen eher zu chronischen MS-Verläufen und einer raschen Progredienz von Funktionseinschränkungen und Behinderungen zu neigen.
  • Übergewicht: Insbesondere stark übergewichtige Kinder und Jugendliche scheinen ein erhöhtes Risiko zu haben, an MS zu erkranken.
  • Darm-Mikrobiom: Die im Darm lebenden Mikroorganismen scheinen die Entwicklung einer MS beeinflussen zu können.

Symptome von Multipler Sklerose

Die Symptome von MS sind sehr vielfältig und können von Person zu Person stark variieren. MS wird daher auch als "Krankheit mit 1000 Gesichtern" bezeichnet. Da die Läsionen ubiquitär im ZNS lokalisiert sein können, kann so gut wie jedes neurologische Symptom in unterschiedlicher Ausprägung auftreten. Die Symptome können plötzlich auftreten (Schub) oder sich langsam entwickeln.

Typische Symptome sind:

  • Sehstörungen: Optikusneuritis (Entzündung des Sehnervs) mit Symptomen wie Augenschmerzen, Sehunschärfe, Schleiersehen, Visusminderung, Farbsinnstörungen und Zentralskotom. Auch Doppelbilder und Störungen der Okulomotorik können auftreten.
  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik (erhöhte Muskelspannung), Koordinationsstörungen (Ataxie), Zittern (Tremor) und Lähmungen (Paresen, Para- und Tetraparesen).
  • Sensibilitätsstörungen: Kribbeln (Parästhesien), Taubheitsgefühle (Hypästhesien), Schmerzen (Dysästhesien) und ein elektrisierendes Gefühl bei Vorbeugung des Kopfes (Lhermitt’sches Zeichen).
  • Gleichgewichtsstörungen: Schwindel und Unsicherheit beim Gehen.
  • Fatigue: Hochgradige Erschöpfbarkeit, Müdigkeit und ein stark erhöhtes Schlafbedürfnis.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.
  • Affektive Veränderungen: Depressionen, inadäquate Euphorie, unangemessenes/unkontrollierbares Weinen und Lachen.
  • Vegetative Symptome: Blasen- und Darmfunktionsstörungen (Inkontinenz, Harnverhalt, Pollakisurie), Störungen der Sexualfunktion (nachlassende Libido, erektile Dysfunktion, reduzierte Lubrikation).
  • Schmerzen: Kopfschmerzen, neuropathische Schmerzen (z.B. Trigeminusneuralgie), muskuloskelettale Schmerzen.
  • Uhthoff-Phänomen: Wärmeinduzierte Zunahme der Beschwerden.

Verlaufsformen der Multiplen Sklerose

Es gibt verschiedene Verlaufsformen der MS, die sich in ihrem Fortschreiten und dem Auftreten von Schüben unterscheiden:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Dies ist die häufigste Form zu Beginn der Erkrankung. Sie ist durch Schübe gekennzeichnet, in denen neue Symptome auftreten oder bestehende sich verschlimmern. Zwischen den Schüben kommt es zu einer teilweisen oder vollständigen Rückbildung der Symptome (Remission).
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Diese Form entwickelt sich oft aus einer RRMS. Nach einer Phase mit Schüben kommt es zu einer kontinuierlichen Verschlechterung der Symptome, unabhängig von Schüben.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Diese Form ist seltener und zeichnet sich durch eine von Beginn an kontinuierliche Verschlechterung der Symptome aus, ohne dass Schübe auftreten.
  • Progressiv-rezidivierende MS (PRMS): Diese seltene Form ist durch eine kontinuierliche Verschlechterung der Symptome von Beginn an gekennzeichnet, wobei gelegentlich Schübe auftreten können.

Seit 2013 werden die Verlaufsformen anhand der Kriterien Aktivität und Progression näher differenziert. Die Multiple Sklerose wird als „aktiv“ bezeichnet, wenn Schübe auftreten und/oder neue oder größer werdende Entzündungsherde mittels MRT im Gehirn oder Rückenmark zu sehen sind und/oder die körperliche oder geistige Beeinträchtigung zunimmt. „Progredient“ bedeutet „fortschreitend“. Mit dem Wort „Progression“ wird die irreversible Zunahme der durch die Multiple Sklerose bedingten körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung bezeichnet.

Diagnose von Multipler Sklerose

Die Diagnose von MS ist oft schwierig, da es keinen einzelnen Test gibt, der die Krankheit eindeutig beweist. Die Diagnose wird in der Regel anhand der international anerkannten McDonald-Kriterien gestellt. Multiple Sklerose ist eine Ausschlussdiagnose; das heißt, die Symptomatik kann durch keine andere, bessere Diagnose als MS erklärt werden.

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Die Diagnose umfasst in der Regel folgende Schritte:

  1. Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine neurologische Untersuchung durch, um Symptome und neurologische Defizite zu erfassen.
  2. Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose von MS. Sie kann Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark nachweisen und so die räumliche und zeitliche Dissemination der Erkrankung zeigen.
  3. Liquordiagnostik: Eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) kann Hinweise auf eine Entzündung im zentralen Nervensystem liefern. Typische Befunde sind Entzündungszellen und oligoklonale Banden. Bei PPMS gilt die Liquordiagnostik nach den McDonald-Kriterien als obligat.
  4. Ausschluss anderer Erkrankungen: Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie MS verursachen können, wie z.B. Borreliose oder Lupus Erythematodes.

Behandlung von Multipler Sklerose

MS ist derzeit nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und die Symptome lindern können. Die Behandlung sollte immer auf den individuellen Patienten und den Krankheitsverlauf abgestimmt sein.

Die Behandlung umfasst in der Regel:

  • Schubtherapie: Bei einem akuten Schub werden hoch dosierte Kortikosteroide eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
  • Krankheitsmodifizierende Therapie (DMT): Diese Medikamente zielen darauf ab, das Immunsystem zu modulieren und so die Häufigkeit von Schüben zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es gibt verschiedene DMTs mit unterschiedlichen Wirkmechanismen und Nebenwirkungen. Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Krankheitsverlauf, der Krankheitsaktivität und den individuellen Risikofaktoren des Patienten.
  • Symptomatische Therapie: Diese Behandlungen zielen darauf ab, die verschiedenen Symptome der MS zu lindern, wie z.B. Spastik, Schmerzen, Fatigue, Blasen- und Darmfunktionsstörungen, Depressionen und kognitive Beeinträchtigungen. Hier kommen verschiedene Medikamente, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie zum Einsatz.
  • Rehabilitation: Eine Rehabilitation kann helfen, die körperlichen, kognitiven und psychischen Funktionen zu verbessern und die Lebensqualität zu erhalten.

Leben mit Multipler Sklerose

Eine MS-Diagnose kann das Leben der Betroffenen stark beeinflussen. Es ist wichtig, sich frühzeitig über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine positive Lebenseinstellung, eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Bewegung, ausgewogener Ernährung und Stressmanagement können ebenfalls dazu beitragen, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

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