Die spastische Blase, auch Reflexblase genannt, ist eine Form der neurogenen Blasenentleerungsstörung, die durch unkontrollierte Kontraktionen der Blasenmuskulatur gekennzeichnet ist. Diese unwillkürlichen Kontraktionen können zu häufigem Harndrang, unkontrolliertem Urinverlust (Harninkontinenz) und einem erhöhten Risiko für Harnwegsinfektionen führen. Die spastische Blase tritt häufig bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen, Multipler Sklerose (MS) oder anderen neurologischen Erkrankungen auf.
Ursachen der spastischen Blase
Die spastische Blase wird durch eine Schädigung des Nervensystems verursacht, die die normale Kommunikation zwischen Gehirn, Rückenmark und Blase beeinträchtigt. Diese Schädigung kann verschiedene Ursachen haben, darunter:
- Rückenmarksverletzungen: Verletzungen des Rückenmarks, insbesondere im Bereich der Hals- und Brustwirbelsäule, können die Nervenbahnen unterbrechen, die die Blasenfunktion steuern. Bei Verletzungen im Bereich der Hals- und Brustwirbel kommt es häufiger zu einer spastischen Blase.
- Multiple Sklerose (MS): MS ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die die Myelinscheiden der Nervenfasern schädigt. Diese Schädigung kann die Nervenimpulse stören, die die Blasenfunktion steuern, und zu einer spastischen Blase führen. Bis zu 30 Prozent der MS-Patienten entwickeln eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, eine neuromuskuläre Funktionsstörung, die durch Entmarkungsherde im Rückenmark verursacht wird.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall kann die Nervenbahnen im Gehirn schädigen, die die Blasenfunktion steuern, und zu einer spastischen Blase führen.
- Andere neurologische Erkrankungen: Andere neurologische Erkrankungen wie Morbus Parkinson, Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und Spina bifida können ebenfalls zu einer spastischen Blase führen.
- Diabetes mellitus: Schäden des zentralen oder peripheren Nervensystems, wie sie bei Polyneuropathie auftreten können, die durch Diabetes mellitus verursacht wird, können zu einer fehlerhaften Funktion von Blase und Schließmuskel führen.
Symptome der spastischen Blase
Die Symptome der spastischen Blase können von Person zu Person variieren und hängen von der Schwere der Nervenschädigung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Häufiger Harndrang: Betroffene verspüren einen häufigen und dringenden Harndrang, oft auch nachts (Nykturie). Als häufig gilt dabei: mehr als acht Toilettengänge in 24 Stunden.
- Harninkontinenz: Unkontrollierter Urinverlust, der von wenigen Tropfen bis hin zu größeren Mengen reichen kann. Dies kann als Dranginkontinenz auftreten, bei der der Urinverlust durch einen plötzlichen Harndrang ausgelöst wird.
- Erhöhtes Risiko für Harnwegsinfektionen: Durch die unvollständige Entleerung der Blase und den Rückstau von Urin können sich Bakterien leichter vermehren und zu Harnwegsinfektionen führen.
- Nykturie: Häufiges Wasserlassen in der Nacht, das den Schlaf stören kann.
- Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie: In manchen Fällen kann es zu einer Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie kommen, bei der sich die Blasenmuskulatur und der Schließmuskel gleichzeitig zusammenziehen, was zu einem unterbrochenen Harnstrahl und einer unvollständigen Blasenentleerung führt.
Diagnose der spastischen Blase
Die Diagnose der spastischen Blase umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, eine körperliche Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests. Zu den gängigen Diagnoseverfahren gehören:
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der aktuellen Symptome, der Medikamenteneinnahme und der Trinkgewohnheiten.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Patienten, um mögliche Ursachen für die Blasenfunktionsstörung zu identifizieren.
- Blasentagebuch: Der Patient führt ein Tagebuch, in dem er die Trinkmenge, die Häufigkeit des Wasserlassens und die Urinmenge notiert.
- Urinuntersuchung: Eine Urinprobe wird auf Anzeichen einer Infektion oder anderer Auffälligkeiten untersucht.
- Urodynamische Untersuchung: Diese Untersuchung misst die Funktion der Blase und des Schließmuskels während des Füllens und Entleerens der Blase. Zu den typischen Testungen im Rahmen einer urodynamischen Untersuchung zählen die Blasendruckmessung, die Harnstrahlmessung (Uroflowmetrie) sowie die Bestimmung der Harnröhrenverschlussfunktion.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Ultraschalluntersuchungen oder Zystoskopien können eingesetzt werden, um die Harnblase und die Harnwege zu beurteilen. Dabei werden Schädel, Wirbelsäule, Harnblase und Harnleiter untersucht.
Behandlung der spastischen Blase
Die Behandlung der spastischen Blase zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Die Behandlungsmöglichkeiten können je nach Ursache und Schweregrad der Erkrankung variieren. Zu den gängigen Behandlungsansätzen gehören:
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- Verhaltensänderungen:
- Blasentraining: Durch gezieltes Training kann die Blasenkapazität erhöht und die Kontrolle über die Blasenentleerung verbessert werden. Beim Blasentraining soll der Harndrang immer weiter hinausgezögert werden, um die Blasenmuskulatur zu stärken.
- Beckenbodentraining: Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur können helfen, die Blasenfunktion zu unterstützen und unkontrollierten Urinverlust zu reduzieren. Zusätzlich ist es sinnvoll, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren, damit sie die Muskulatur der Blase unterstützen kann.
- Flüssigkeitsmanagement: Die Anpassung der Flüssigkeitsaufnahme kann helfen, den Harndrang zu reduzieren. Es sollte aber immer auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr - vorzugsweise Wasser - geachtet werden.
- Medikamente:
- Anticholinergika: Diese Medikamente entspannen die Blasenmuskulatur und reduzieren den Harndrang. Gängige Wirkstoffe sind beispielsweise Oxybutynin, Tolterodin, Propiverin und Trospiumchlorid. Je nach ärztlicher Verordnung können sie oral, als Pflaster oder intravesikal über eine Instillation in die Blase verabreicht werden.
- Beta-3-Agonisten: Diese Medikamente wirken ähnlich wie Anticholinergika, haben aber möglicherweise weniger Nebenwirkungen.
- Alpha-Blocker: Alphablocker sorgen für eine erleichterte Urinabgabe durch Entspannung der Muskulatur. Die orale Einnahme von selektiven a-Blockern (z.B. Alfuzosin, Tamulosin, Terazosin) stellt eine Therapieoption zur Senkung des Auslasswiderstands dar.
- Botulinumtoxin (Botox): Botulinumtoxin wird per Injektion im Rahmen eines minimalinvasiven operativen Eingriffs in die Blasenwand verabreicht und trägt dazu bei, dass sich die Blase nicht zu oft zusammenzieht. Mit der Zeit lässt die Wirkung nach. Eine Wiederholung der Behandlung ist nach sechs bis neun Monaten notwendig.
- Katheterisierung:
- Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK): Der Patient führt mehrmals täglich einen Katheter in die Blase ein, um den Urin abzulassen. Beim Intermittierenden Selbstkatheterismus leeren Patient:innen ihre Blase selbstständig über einen Einwegkatheter. Je nach Schweregrad der Erkrankung und der Symptome ist der Selbstkatheterismus etwa sechs Mal am Tag notwendig. Der ISK kann dazu beitragen, dass sich die Blasenfunktion nach einigen Wochen oder Monaten verbessert. Für Menschen mit Koordinationsproblemen der Hände ist diese Therapieform jedoch schwierig und bedarf der Unterstützung durch pflegende Angehörige oder eine Pflegekraft.
- Dauerkatheter: Ein Katheter wird dauerhaft in die Blase eingeführt, um den Urin kontinuierlich abzuleiten. Bei der Dauerkatheterisierung wird der Katheter durch die Harnröhre oder chirurgisch durch einen kleinen Einschnitt im Unterbauch direkt in die Blase eingeführt und verbleibt dort. So wird eine mittelfristige Entleerung der Blase sichergestellt. Der Katheter muss alle 4-6 Wochen gewechselt werden.
- Neuromodulation:
- Sakrale Neuromodulation (SNS): Bei diesem Verfahren werden die Sakralnerven, die die Blasenfunktion steuern, mit elektrischen Impulsen stimuliert. Diese Therapieform kann bei Patient:innen mit überaktiver Blase eingesetzt werden, wenn Medikamente oder eine Änderungen der Lebensweise nicht helfen.
- Perkutane Tibialnervenstimulation (PTNS): Bei diesem Verfahren wird der Nervus tibialis am Unterschenkel mit elektrischen Impulsen stimuliert, um die Blasenfunktion zu beeinflussen.
- Operation: In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Blasenfunktion zu verbessern.
- Blasenaugmentation: Bei einer Blasenaugmentation wird ein Teil des Darms entfernt und an der Blasenwand befestigt. Dadurch wird die Harnblase vergrößert und kann mehr Urin speichern.
- Künstlicher Schließmuskel: Diese Vorrichtung hilft bei schwerer Harninkontinenz, wenn der Schließmuskel der Blase nicht mehr richtig funktioniert. Ein chirurgischer Eingriff ist erforderlich, um eine Schließmuskelmanschette um die Harnröhre zu legen, während eine Pumpe unter der Haut im Hodensack oder an den Schamlippen platziert wird. Die Pumpe wird verwendet, um den Schließmuskel zu öffnen und den Urinabgang zu ermöglichen.
Komplikationen der spastischen Blase
Unbehandelt kann die spastische Blase zu verschiedenen Komplikationen führen, darunter:
- Harnwegsinfektionen: Häufige Harnwegsinfektionen können zu chronischen Beschwerden und Nierenschäden führen.
- Nierenschäden: Der hohe Druck in der Blase kann die Nieren schädigen und zu Nierenversagen führen. Ist die Blasenfunktion derart eingeschränkt, als dass eine vollständige Blasenentleerung nicht mehr erfolgen kann, können sich leichter Bakterien in der Blase und den Harnwegen ansammeln und Harnwegsinfektionen hervorrufen. Darüber hinaus kann Harn, der nicht ausgeschieden werden kann, zurück in die Nieren gestaut werden. Dies begünstigt die Bildung von Nierensteinen, kann die Nierenfunktion beeinträchtigen und zu einer schwerwiegenden Schädigung der Nieren führen.
- Harninkontinenz: Unkontrollierter Urinverlust kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu sozialer Isolation führen.
- Überlaufinkontinenz: Wenn die Blase überdehnt wird, kann es zu einem unkontrollierten Urinverlust kommen.
- Autonome Dysreflexie: Bei Patienten mit Rückenmarksverletzungen oberhalb des 6. Brustwirbels kann es zu einer autonomen Dysreflexie kommen, einer potenziell lebensbedrohlichen Komplikation, die durch einen übermäßigen Anstieg des Blutdrucks gekennzeichnet ist.
Leben mit einer spastischen Blase
Das Leben mit einer spastischen Blase kann eine Herausforderung sein, aber mit der richtigen Behandlung und Unterstützung können Betroffene ein erfülltes Leben führen. Zu den hilfreichen Strategien gehören:
- Regelmäßige Arztbesuche: Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt sind wichtig, um den Zustand der Blase zu überwachen und die Behandlung bei Bedarf anzupassen.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann hilfreich sein, um Erfahrungen auszutauschen und Unterstützung zu finden.
- Inkontinenzhilfsmittel: Inkontinenzhilfsmittel wie Einlagen, Vorlagen oder Urinalkondome können helfen, ungewollten Urinverlust aufzufangen und die Lebensqualität zu verbessern.
- Anpassung des Lebensstils: Bestimmte Anpassungen des Lebensstils, wie z. B. die Reduzierung der Flüssigkeitsaufnahme vor dem Schlafengehen oder der Verzicht auf blasenreizende Substanzen wie Koffein und Alkohol, können helfen, die Symptome zu lindern.
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