Spastik, eine Form der Bewegungsstörung, die durch erhöhte Muskelspannung gekennzeichnet ist, kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Glücklicherweise gibt es eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten, darunter auch Medikamente, die krampflösend wirken. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über spastik-entkrampfende Mittel, ihre Anwendungsbereiche, Wirkmechanismen und potenziellen Nebenwirkungen.
Was ist Spastik?
Der Begriff Spastik stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Krampf“. Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), das sich aus Gehirn und Rückenmark zusammensetzt. Diese Schädigung führt zu einer krankhaften Erhöhung der Muskelspannung (Muskeltonus). Zu den häufigsten Ursachen zählen Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma und chronische neurologische Störungen wie Multiple Sklerose (MS).
Eine spastische Lähmung kann sich von Patient zu Patient unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Beispielsweise kann eine spastische Bewegungsstörung mit einer leichten Muskelsteifigkeit bis hin zu einer dauerhaften Muskelverkrampfung einhergehen. Dies kann auch zu einer schmerzhaften Körperhaltung führen.
Ziele der Spastik-Behandlung
Die wichtigsten Ziele der Behandlung einer Spastik sind die Verbesserung der Symptome und der Erhalt der Lebensqualität. Um dies zu erreichen, ist es wichtig, die Beweglichkeit und Körperhaltung zu fördern und mögliche Schmerzen zu lindern.
Konkrete Behandlungsziele können beispielsweise sein:
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- Sitzen, Gehen und Stehen verbessern
- Aktivitäten im Alltag erleichtern
- Folgeerkrankungen vermeiden
- Selbstwertgefühl verbessern
- Selbständigkeit erhalten oder erreichen
Die Behandlungsziele sollten gemeinsam mit pflegenden Angehörigen oder anderen Pflegepersonen und dem behandelnden Arzt festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Dabei ist es oft hilfreich, die Ziele aufzuschreiben und Veränderungen von Symptomen und Beschwerden ausführlich zu dokumentieren.
Behandlungsmöglichkeiten bei Spastik
Die spastischen Bewegungsstörungen in Form von Krämpfen, Lähmungen oder Fehlhaltungen können heute wirksam behandelt werden. Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten und andere unterstützende Maßnahmen, die Ihnen nach einem Schlaganfall das Leben mit einer Spastik erleichtern.
Für die Wahl der Therapie ist es ausschlaggebend, welche Form einer Spastik bei Ihnen vorliegt. Die besten Ergebnisse bei der Behandlung einer Spastik werden oft mit einer Kombination aus Medikamenten und nicht-medikamentösen Therapieverfahren erreicht. Diese Kombination sollte zur jeweiligen Lebenssituation passen.
Häufig ist auch eine Rehabilitation (Reha) notwendig. Diese findet meist stationär in einer speziellen Klinik statt. Sie soll dabei helfen, verloren gegangene Körperfunktionen wiederzuerlangen und bestenfalls in den Alltag zurückzukehren.
Da es sich bei einer Spastik nach einem Schlaganfall um ein sehr vielfältiges Krankheitsbild handelt, wird die Behandlung meist unter Einbeziehung von Ärzten verschiedener Fachrichtungen durchgeführt. In der Regel ist an der Betreuung und Behandlung von Patienten mit einer Spastik ein Team aus verschiedenen Ärzten und Therapeuten beteiligt, darunter Neurologen, Orthopäden, Physio- und Ergotherapeuten.
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Medikamentöse Behandlung der Spastik
Medikamente zur Behandlung der Spastik sollten eingesetzt werden, wenn die Beeinträchtigungen und Beschwerden mit einer ausschließlich nicht-medikamentösen Therapie nicht zufriedenstellend verbessert werden konnten. Dabei wird unterschieden zwischen Medikamenten, die per Injektion oder Infusion verabreicht werden, und solchen, die man einnehmen kann (orale Antispastika).
Behandlungen mit Medikamenten zur Injektion oder Infusion
Therapie mit Botulinumtoxin Typ A
Der Wirkstoff Botulinumtoxin Typ A wird zur Behandlung der fokalen Spastik (betrifft nur eine Körperregion) und multifokalen Spastik (betrifft zwei oder mehrere Körperregionen) eingesetzt. Die Behandlung erfolgt gezielt durch Injektionen in den von der Spastik betroffenen Muskel. Der Vorteil: Die Wirkung entfaltet sich direkt am Ort der Beschwerden, auf die Funktion entfernter Muskeln im Körper hat der Wirkstoff keinen Einfluss.
Botulinumtoxin Typ A wirkt, indem es vorübergehend die Signalübertragung vom Nerven zum Muskel blockiert. Dadurch entspannen sich die Muskeln vorübergehend für einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten. Auch Schmerzen können gelindert werden.
Die Injektion mit Botulinumtoxin Typ A wird von ärztlichen Leitlinien, unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung einer lokal begrenzten Spastik nach einem Schlaganfall empfohlen. Physiotherapeutische Maßnahmen sollten die Behandlung ergänzen.
Nebenwirkungen der Therapie mit Botulinumtoxin können beispielsweise lokale Beschwerden an der Einstichstelle oder eine allgemeine Schwäche sein. Bei häufiger Anwendung kann es zu einer Verminderung der Wirkung kommen.
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Therapie mit Baclofen
Bei einer sehr stark ausgeprägten Spastik, die den Alltag deutlich behindert und wenn die bisherige Therapie nicht erfolgreich war, kann die sogenannte intrathekale Therapie mit Baclofen (ITB) zum Einsatz kommen. Dabei wird das muskelentspannende Medikament über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den das Rückenmark umgebenden Raum (Liquor) verabreicht. Da zu Beginn der Behandlung eine Operation notwendig ist, sollte die ITB nur in schweren Fällen zur Anwendung kommen.
Orale Antispastika
Klassische Antispastika sind krampflösende Medikamente, die eine Entkrampfung der Muskeln bewirken. Hierzu gehören die Wirkstoffe Baclofen, Tizanidin und Tolperison. Diese können die Spastik lösen und damit Bewegungseinschränkungen verbessern.
Baclofen
Baclofen ist ein muskelentspannender Wirkstoff (Muskelrelaxans). Es bewirkt, dass die Muskelspannung insgesamt herabgesetzt wird.
Tizanidin
Tizanidin gehört zur Wirkstoffgruppe der zentral wirksamen Muskelrelaxanzien und wirkt hauptsächlich auf das Rückenmark, wo es präsynaptische a2-Rezeptoren stimuliert. Tizanidin greift hauptsächlich im Rückenmark an und stimuliert dort präsynaptische Alpha-2-Rezeptoren, wodurch die Freisetzung exzitatorischer Aminosäuren gehemmt wird, die die N-methyl-D-aspartat-(NMDA)Rezeptoren stimulieren würden. Der Muskeltonus wird somit reduziert durch eine Unterbindung der polysynaptischen Signalübertragung am spinalen Neuronenübergang, die für den überschießenden Muskeltonus verantwortlich ist.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind möglich. So ist die gleichzeitige Anwendung von Tizanidin mit Fluvoxamin oder Ciprofloxacin kontraindiziert. CYP1A2-Inhibitoren wie z. B. einige Antiarrhythmika (Amiodaron, Mexiletin, Propafenon), Cimetidin, einige Fluorchinolone (Enoxacin, Pefloxacin, Norfloxacin), Rofecoxib, oralen Kontrazeptiva und Ticlopidin können erhöhte Plasmaspiegel von Tizanidin verursachen. Da Tizanidin eine Hypotonie hervorrufen kann, verstärkt es unter Umständen die Wirkung von Antihypertonika. Bei einigen Patienten wurde nach plötzlichem Absetzten von Tizanidin, das in Kombination mit Antihypertonika angewendet wurde, eine Rebound-Hypertonie und eine Tachykardie beobachtet. Die Clearance von Tizanidin kann durch orale Kontrazeptiva beeinflusst werden.
Tolperison
Über Tolperison liegen in den zur Verfügung stehenden Informationen keine Details vor.
Dantrolen
Der Wirkstoff Dantrolen hemmt gewisse Vorgänge im Muskel und bewirkt dadurch eine Muskelentspannung. Der Wirkstoff ist zugelassen für „Spastiken mit krankhaft gesteigerter Muskelspannung unterschiedlicher Ursache“.
Benzodiazepine
Benzodiazepine stellen eine Substanzgruppe dar, die zu den Psychopharmaka gehören. Sie wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur. Für die Behandlung der Spastik nach einem Schlaganfall sind sie nicht zugelassen, werden aufgrund ihrer Wirksamkeit aber dennoch angewendet. Zu den bekannten Vertretern gehört Diazepam.
Cannabinoide
Die Wirkstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) können bei schmerzhaften Krämpfen der Muskulatur helfen. Sie sind als Spray zur Anwendung in der Mundhöhle derzeit ausschließlich zur Behandlung der Spastik im Zusammenhang mit der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) zugelassen, werden aber ebenfalls bei einer Spastik nach einem Schlaganfall eingesetzt.
Orale Antispastika weisen - in Abhängigkeit von der verabreichten Dosis - häufig Nebenwirkungen auf, die den ganzen Körper betreffen, wie Schläfrigkeit und Kraftlosigkeit. Daher sollten vor der Therapie Nutzen und Risiken abgewogen werden. Zudem wird empfohlen, die Behandlung mit einer geringen Dosis zu beginnen und diese allmählich zu steigern, um möglicherweise auftretende unerwünschte Wirkungen frühzeitig zu erkennen.
Nicht-medikamentöse Therapie der Spastik
Neben der medikamentösen Therapie gibt es eine Reihe von nicht-medikamentösen Behandlungen, die bei Spastik eingesetzt werden können:
- Physiotherapie (Krankengymnastik): Die Physiotherapie bildet die Grundlage der Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Verschiedene Übungen dienen dazu, Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Eine passive Bewegung sowie Strecken und Dehnen sollen die Steifheit der Gelenke und Muskeln verringern. Die beim Physiotherapeuten erlernten Übungen können auch selbstständig zu Hause durchgeführt werden.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen, Schienen oder Gipsverbände werden eingesetzt, um die von der Spastik betroffenen Körperregionen zu stützen, zu fixieren oder zu entlasten. Auch wenn sich Verkürzungen von Muskeln, Bändern oder Sehnen einstellen, können diese Hilfsmittel sinnvoll sein.
- Ergotherapie: Die ergotherapeutische Behandlung beinhaltet verschiedene Maßnahmen und Übungen, die erlernt werden können. Sie dienen dazu, möglichst viele Alltagsaktivitäten trotz der Einschränkungen durch eine Spastik zu bewältigen. Hierzu gehören das Einüben von Tätigkeiten wie An- und Ausziehen, Essen und Zähneputzen sowie eine Beratung zum Umgang mit Hilfsmitteln wie Prothese, Rollator oder Schreibhilfe.
- Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Diese Methoden werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die überhöhte Muskelspannung zu behandeln und langfristig die Beweglichkeit zu verbessern.
- Operation: Unter gewissen Umständen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder zu verkürzen, Verwachsungen zu lösen oder Fehlstellungen und Verformungen der Knochen zu korrigieren.
- Constraint Induced Movement Therapy (CIMT): Bei Patienten, die an einem Schlaganfall erleiden, kommt es dazu, dass sie die betroffenen Muskeln nicht mehr benutzen, weil die Bewegung mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist. Mithilfe der CIMT-Methode werden die Patienten sozusagen gezwungen, das betroffene Arm intensiver zu bewegen, weil die gesunden Extremität für einen längeren Zeitraum aus dem Alltag durch z.B. Wegbinden genommen wird.
Weitere Anwendungsbereiche krampflösender Mittel
Neben der Behandlung von Spastik können krampflösende Mittel auch bei anderen Erkrankungen eingesetzt werden. Ein Beispiel ist der Blepharospasmus (Lidkrampf), bei dem eine Verkrampfung der Ringmuskeln an den Augen ein nicht kontrollierbares Augenzwinkern hervorruft. Die Injektion eines krampflösenden Medikaments kann hier Abhilfe schaffen, indem der betroffene Muskel gelähmt wird und das Augenzwinkern nachlässt.
Auch bei der endokrinen Orbitopathie (Morbus Basedow) kann die Injektion krampflösender Mittel eingesetzt werden, um die Lidretraktion (stark zurück gezogenes Oberlid) zu behandeln und Beschwerden in Form eines trockenen Auges zu lindern.
Risiken und Nebenwirkungen
Wie bei allen Medikamenten können auch bei der Einnahme von spastik-entkrampfenden Mitteln Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Schläfrigkeit, Kraftlosigkeit, Müdigkeit und Muskelschwäche. In seltenen Fällen kann es auch zu schwerwiegenderen Nebenwirkungen kommen.
Krampflösende Medikamente dürfen nicht im Bereich von Hauterkrankungen oder Entzündungen eingesetzt werden; auch bei einer bekannten Unverträglichkeit, bei Nerven- und Muskelerkrankungen, bei Schwangerschaft sowie während der Einnahme bestimmter Antibiotika oder Muskelrelaxantien, ist es tabu.
Es ist wichtig, dass Sie Ihren Arzt über alle Medikamente informieren, die Sie einnehmen, um mögliche Wechselwirkungen zu vermeiden.
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