Spastik ist ein Zustand erhöhter Muskelspannung, der oft mit Steifheit und unkontrollierten Muskelkrämpfen einhergeht. Dieser Artikel beleuchtet die Definition von Spastik, insbesondere in Ruhephasen, die Ursachen, Diagnosemethoden und verschiedene Behandlungsansätze.
Was ist Spastik?
Bei einer Spastik sind Gelenke oder Körperabschnitte an den Muskeln steifer als normal. Die Bewegungen sind dadurch gestört - und je schneller Betroffene ein Gelenk bewegen, desto steifer wird es (spastische Tonuserhöhung). Muskelstarre ist eines der häufigsten Symptome von MS. Muskelstarre ist einer der Hauptgründe für Behinderungen bei MS. Spasmen sind unwillkürliche Muskelbewegungen in den Gliedmaßen und im Rumpf. Diese Symptome der Spastizität können zu funktionellen Behinderungen führen, einschließlich Haltungsänderungen, die durch einen erhöhten Muskeltonus (Muskelspannung oder Aktivitätszustand) verursacht werden. Muskeln müssen normalerweise einen angemessenen Muskeltonus aufrechterhalten, um den Körper aufrecht zu halten und Bewegungen zu ermöglichen, während sie gleichzeitig Flexibilität und Schnelligkeit während der Bewegung zulassen. Spastizität ist das Ergebnis eines erhöhten Muskeltonus, der zu einem Verlust der Muskelreaktion führt.
Der Unterschied zwischen Krampf und Spastik
Ein zentraler Aspekt, der oft Fragen aufwirft, ist der Unterschied zwischen einem Krampf und einer Spastik. Während Krämpfe plötzliche, starke und schmerzhafte Muskelkontraktionen sind, die vorübergehend auftreten, kennzeichnet sich Spastik durch eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung (spastische Tonuserhöhung).
Spastische Lähmung
Spastische Lähmungen treten aufgrund von Schädigungen der Nervenbahnen auf, die für die Signalübermittlung zwischen Gehirn, Rückenmark und Muskeln verantwortlich sind. Diese Schädigungen führen zu einer gestörten Kommunikation, was wiederum die Muskelkontrolle beeinträchtigt und zu Spastik führt. Beide Formen der Spastik können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinflussen. Sie erschweren nicht nur alltägliche Bewegungen, sondern können auch zu Schmerzen und motorischen Einschränkungen führen.
Ursachen von Spastik
Spastik kann durch verschiedene neurologische Erkrankungen und Schädigungen des zentralen Nervensystems verursacht werden. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
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- Schlaganfall: Nach einem Schlaganfall bekommen Menschen häufiger Spastik, wenn sie stärkere Lähmungen und Gefühlsstörungen haben sowie deutlich in der Alltagsbewältigung eingeschränkt sind [3]. Bis 3 Monate nach dem Schlaganfall ist es bei 27 Prozent aller Schlaganfall-Betroffenen der Fall.
- Multiple Sklerose (MS): Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems (Gehirn und Wirbelsäule). Bei MS beeinträchtigt der Verlust von Myelin die Übermittlung von Botschaften zwischen Gehirn und anderen Körperteilen.
- Querschnittlähmung: Bei Menschen mit Querschnittlähmung sind die Behandlungsschwerpunkte und die erreichbaren Behandlungsziele von der Höhe der Rückenmarksschädigung und dem Ausmaß der Lähmung abhängig.
- Zerebrale Parese: Schon im Mutterleib, während oder kurz nach der Geburt kann es bei einem Säugling zu Fehlbildungen des Gehirns kommen. Zu den Hauptsymptomen der frühkindlichen Gehirnstörung gehören Muskelschwäche und Lähmungen kombiniert mit einer Spastik (Muskelsteife).
- Andere neurologische Erkrankungen: Auch auftreten kann Spastik bei selteneren Erkrankungen (zum Beispiel der hereditären spastischen Paraparese, HSP).
Faktoren, die Spastik verstärken können
Eine bestehende Spastik kann sich durch Bewegungseinschränkung, Schmerzen, emotionale Anspannung, Entzündungen/Infekte, Stuhl- oder Harndrang, Hautschädigungen, Thrombosen oder Knochenbrüche verstärken. Solche Faktoren sollten beseitigt bzw.
Symptome von Spastik
Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und variieren je nach Ursache und Schweregrad. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Erhöhte Muskelspannung: Die Muskeln sind steifer als normal, was die Beweglichkeit einschränkt.
- Unwillkürliche Muskelkrämpfe: Plötzliche, unkontrollierte Muskelzuckungen oder -kontraktionen.
- Schmerzen: Oft kommen bei einer Spastik Schmerzen an betroffenen Muskeln oder Gelenken hinzu.
- Bewegungseinschränkungen: Die Steifheit und Krämpfe erschweren alltägliche Bewegungen.
- Lähmungen: Auch Lähmungen und einer vorzeitige Erschöpfbarkeit der Muskeln können auftreten.
- Erschöpfung: Abgeschlagenheit ist ein häufig auftretendes Symptom, das das Leben von Menschen mit MS ernsthaft beeinträchtigt.
Spastik in Ruhephasen
Spastik kann auch in Ruhephasen auftreten oder sich verstärken. Dies kann besonders belastend sein, da es den Schlaf stören und zu chronischen Schmerzen führen kann. Viele MS-Erkrankte erleben eine Zunahme der Spastik in Ruhephasen oder während der Nacht, was zu Schlafstörungen führen kann.
Diagnose von Spastik
Die Diagnose einer Spastik basiert in der Regel auf einer umfassenden neurologischen Untersuchung. Zu den wichtigsten Diagnoseverfahren gehören:
- Körperliche Untersuchung: Hierbei werden Muskeltonus, Reflexe und Beweglichkeit geprüft.
- Spezielle Diagnoseverfahren: Neben der körperlichen Untersuchung gibt es spezielle Diagnoseverfahren, um eine Spastik festzustellen.
- Genetische Untersuchungen: Hilfreiche Hinweise können hier im Einzelfall noch genetische Untersuchungen geben.
- Bildgebende Verfahren: Magnetresonanztomographie (MRT) kann eingesetzt werden, um Schädigungen im zentralen Nervensystem zu visualisieren.
Behandlungsansätze bei Spastik
Für die Behandlung von Spastik gibt es verschiedene Therapieansätze, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden. Die Behandlung zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Für die Therapie ist wichtig, wie die Spastik über den Körper verteilt ist.
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Nicht-medikamentöse Therapien
- Physiotherapie: Die wichtigste Behandlungsmethode ist regelmäßige Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (z. B. Bobath, Vojta etc). Physiotherapie versucht ebenso wie Sie, die Muskelsteifigkeit und Verkrampfungen durch Dehnungen zu lösen. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie [7].
- Ergotherapie: Mithilfe von Ergotherapie können zudem Bewegungsabläufe trainiert werden, um alltägliche Aufgaben wie Waschen und Anziehen selbstständig zu bewältigen.
- Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM) [10]. Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen.
- Robotik: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern [9].
- Hilfsmittel: Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
- Magnetfeldtherapie: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
- Stoßwellentherapie: Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW) [12].
- Therapeutisches Reiten: Hilft sogar sehr gut, die Muskulatur zu lockern!
Medikamentöse Therapien
Für die Auswahl einer medikamentösen Behandlung ist entscheidend, wo die Spastik am Körper vorkommt und ob sich eine zugrundeliegende Schädigung im Rückenmark oder im Gehirn befindet. Vor diesem Hintergrund müssen Nutzen und Nebenwirkungen, Akzeptanz und Umsetzbarkeit einer Behandlung gründlich abgewogen werden.
- Orale Medikamente: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel. Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen. Spastik-Medikamente, die im Zentralnervensystem wirken, führen dosisabhängig relativ häufig zu Müdigkeit, Antriebsminderung oder einer störenden Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Erhöhung der Dosis vorsichtig erfolgen.
- Botulinumtoxin (BoNT): BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen [17-21] und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren [22].
- Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal).
Chirurgische Verfahren
Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in die Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen [29]. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“) [30].
Umgang mit Spastik im Alltag
Spastik kann das Leben von Menschen mit Querschnittlähmung stark beeinflussen. Spastik kann die Aktivität von Menschen mit Querschnittlähmung einschränken. Wer sie hat, wird sie nicht wieder los. Doch Betroffene können im Alltag einige Punkte beachten, mit deren Hilfe sie die Spastik und ihre Auswirkungen aufs alltägliche Leben zumindest mildern können.
- Stress vermeiden: Spastik nimmt unter Stress oft zu - deshalb ganz bewusst Pausen einplanen. Vielen hilft es, mit Entspannungsmethoden zur Ruhe zu kommen:
- Regelmäßige Blasen- und Darmentleerung: Spastik kann als Warnsignal darauf hinweisen, dass Blase und/oder Darm entleert werden müssen. Wer bei diesen Punkten auf feste zeitliche Strukturen achtet, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe
- Sitzposition anpassen: Eine Veränderung der Sitzposition im Rollstuhl kann eine positive Wirkung auf die Spastik haben. Experten empfehlen, sich so zu positionieren, dass Hüfte und Oberschenkel sowie Ober- und Unterschenkel bei leicht nach hinten gekipptem Sitz einen 90-Grad-Winkel bilden.
- Antispastische Lagerung: Der Schneidersitz und Froschlagerung gelten als prima Mittel, um Spastiken zu reduzieren - wer sich so positioniert, spürt oft noch Stunden später eine Erleichterung. Die Oberschenkelinnenmuskulatur wird gedehnt, was wiederum die Streckermuskulatur in den Beinen positiv beeinflußt.
- Erholsamer Schlaf: Spastik ist zwar sehr anstrengend, kann aber dennoch auch zu Schlafstörungen führen. Eine antispastische Schlafposition (siehe oben) und das beruhigende Ausstreifen der Extremitäten können zur Entspannung beitragen.
- Hilfsmittel nutzen: Sie kann durch Spastik vor allem in den oberen Extremitäten sehr erschwert werden. Entsprechende Hilfsmittel können dazu beitragen, dass Betroffene dennoch möglichst autonom essen und trinken können. Hier ist der Ergotherapeut ein kundiger Ansprechpartner.
- Hautschutz: Bei einer Positionierung im Bett wird u.a. Scherkräfte, Zug- oder Druckbelastungen können die Haut stark beanspruchen.
- Verletzungen vorbeugen: Spastik und einschießende Spasmen beinhalten auch immer ein gewisses Verletzungsrisiko. Betroffen können stürzen (aus dem Bett, aus dem Rollstuhl, beim Steh- und Gehtraining, beim Transfer) oder sie können sich während der unkontrollierbaren Bewegungen an Gegenständen verletzen (von Hautabschürfungen bis Knochenbrüchen).
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