Die spastische Parese, oft auch als Spastik bezeichnet, ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer neurologischen Störung des Zentralnervensystems (ZNS). Sie kann Menschen jeden Alters betreffen und äußert sich durch eine erhöhte Muskelspannung in bestimmten Körperregionen. Die Ausprägung der Spastik kann von geringfügigen Bewegungseinschränkungen bis hin zu einer vollständigen Behinderung reichen, abhängig vom Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung im Gehirn oder Rückenmark.
Obwohl eine Heilung der spastischen Lähmung in der Regel nicht möglich ist, können gezielte therapeutische Maßnahmen wie Ergotherapie und Physiotherapie Folgeschäden verhindern und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich verbessern. Die intensive Betreuung durch spezialisierte Fachkräfte hilft den Patienten, besser mit ihrer Behinderung umzugehen und ihren Alltag zu bewältigen.
Ursachen einer spastischen Lähmung im Rückenmark
Eine spastische Lähmung ist immer die Folge einer Schädigung der Nervenbahnen, die Gehirn und Rückenmark verbinden und Impulse an die Muskulatur weiterleiten. Diese Schädigung kann verschiedene Ursachen haben:
- Schlaganfall (Hirninfarkt): Ein Hirninfarkt, bei dem die Sauerstoffversorgung des Gehirns kurzzeitig unterbrochen ist, ist eine der häufigsten Ursachen für Spastik.
- Frühkindliche Hirnschädigung: Sauerstoffmangel während der Geburt kann zu irreparablen Schäden im Gehirn des Neugeborenen führen. Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft können ebenfalls das Zentralnervensystem des Fötus schädigen.
- Sauerstoffmangel: Eine Unterbrechung der Atemtätigkeit, wie sie beispielsweise bei Unfallopfern oder Menschen, die beinahe ertrunken wären, zu beobachten ist, kann zu irreparablen Hirnschädigungen führen und eine Spastik zur Folge haben.
- Weitere Ursachen: Gehirntumore, Multiple Sklerose (eine Autoimmunerkrankung), das Fett-Syndrom sowie verschiedene entzündliche Erkrankungen des Zentralnervensystems wie Meningitis können ebenfalls eine spastische Lähmung verursachen.
- Rückenmarkverletzungen: Verletzungen des Rückenmarks im oberen Halswirbelbereich (hohe Querschnittslähmung) können ebenso zu einer Tetraparese führen.
- Multiple Sklerose (MS): Diese chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems kann ebenfalls Spastiken verursachen.
- Zerebralparese: Eine frühkindliche Hirnschädigung kann zu einer Zerebralparese führen, die oft mit Spastiken einhergeht.
Symptome einer spastischen Lähmung
Die Symptome einer spastischen Lähmung variieren je nach betroffener Körperregion. Es wird zwischen verschiedenen Arten von Spastik unterschieden:
- Monospastik: Lähmung eines Arms oder Beins.
- Paraspastik: Lähmung beider Arme oder Beine. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie.
- Hemispastik: Lähmung der Gliedmaßen einer Körperhälfte.
- Tetraspastik: Lähmung von Armen und Beinen beider Körperhälften, oft auch der Rumpf- und Halsmuskulatur. Bei einem kompletten zervikalen Querschnitt besteht eine spastische Tetraparese mit segmentalen atrophischen Paresen in den geschädigten Segmenten.
In den betroffenen Körperregionen treten andauernde, unkontrollierbare und schmerzhafte Muskelkrämpfe und Versteifungen auf. Eine spastische Lähmung kann auch in den Augen oder der Schluckmuskulatur auftreten, was zu Schluckstörungen, einem eingeschränkten Sichtfeld, fehlerhaften visuellen Wahrnehmungen und Schielen führen kann. Eine spastische Lähmung der Augen geht meist mit schweren Koordinationsstörungen einher, die die Fähigkeit, gezielte Bewegungen auszuführen, erheblich erschweren.
Lesen Sie auch: Diagnose und Behandlung
Weitere Symptome:
- Erhöhter Muskeltonus: Die Muskeln sind dauerhaft angespannt.
- Muskelkrämpfe und Spasmen: Unwillkürliche Muskelzuckungen und -kontraktionen treten auf.
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Die Bewegungsfreiheit der betroffenen Gliedmaßen ist eingeschränkt.
- Schmerzen: Die Muskelsteifigkeit und -krämpfe können Schmerzen verursachen.
- Fehlhaltungen: Durch die Muskelanspannung können Fehlstellungen der Gelenke entstehen.
Diagnose einer spastischen Lähmung
Die Diagnose einer Spastik umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, bei der der Arzt die Muskelspannung, Reflexe und Beweglichkeit des Patienten beurteilt. Zusätzlich können bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) eingesetzt werden, um die Ursache der Spastik zu identifizieren.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Muskeltonus, die Reflexe und die Beweglichkeit des Patienten.
- Neurologische Tests: Verschiedene Tests werden durchgeführt, um die Funktion des Nervensystems zu überprüfen.
- Bildgebende Verfahren: CT oder MRT können eingesetzt werden, um die Ursache der Spastik zu identifizieren.
- Elektromyographie (EMG): Diese Untersuchung misst die elektrische Aktivität der Muskeln und kann helfen, die Diagnose zu bestätigen.
Therapieansätze bei spastischer Lähmung
Obwohl eine ursächliche Behandlung der spastischen Lähmung oft nicht möglich ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie einer Spastik beruht auf einer engen Zusammenarbeit zwischen Physio- und Ergotherapeuten und zielt darauf ab, die Lebensqualität des Betroffenen zu verbessern, indem Schmerzen gelindert und die Beweglichkeit sowie die motorischen Fähigkeiten intensiv geschult werden. Dadurch werden das Risiko möglicher Folgeschäden und Komplikationen vermindert und die Pflege des Patienten erleichtert.
Physiotherapie
Im Zentrum der Behandlung steht die Physiotherapie, um durch Redressionsmaßnahmen Fehlstellungen zu korrigieren und Gelenkversteifungen vorzubeugen. Durch passive Bewegung der Gelenke werden die gesunden Muskelpartien gestärkt, wodurch die allgemeine Bewegungsfähigkeit des Patienten verbessert wird. Gleichzeitig werden die Spasmen verringert, was zu einer deutlichen Verminderung der Schmerzzustände führt. Regelmäßiges Durchbewegen und geräteunterstützte Bewegungen helfen, diese störenden Phänomene einer Schädigung von Hirn/Rückenmark und speziell den spastischen Muskeltonus zu reduzieren.
Ergotherapie
Parallel dazu erarbeitet der behandelnde Ergotherapeut mit dem Patienten eine Routine, indem Hilfsmittel erprobt und in den Alltag integriert sowie grundsätzliche Tätigkeiten wie Körperpflege und Handfunktionen geübt werden. Dadurch soll die Wahrnehmung des Patienten verbessert und seine Fähigkeit zu sozialer Kommunikation gestärkt werden.
Medikamentöse Behandlung
Oft werden diese Therapiemaßnahmen durch eine medikamentöse Behandlung begleitet. Intramuskuläre Injektionen mit dem stark verdünnten Nervengift Botulinumtoxin oder Infusionen mit Baclofen nahe des Rückenmarks führen in vielen Fällen zu einer Funktionsverbesserung und haben sich in der Schmerztherapie von Menschen mit Spastik erfolgreich bewährt.
Lesen Sie auch: Umfassender Überblick: Spastische Lähmung und Sexualität
- Botulinumtoxin (BoNT): Bei fokaler Spastik (ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente sind betroffen, z. B. BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren. Schließlich mehren sich Daten, dass sich eine Spastik nach Schlaganfall durch eine frühzeitige Injektion in reduzierter Dosis vermeiden lässt. Nebenwirkungen sind unter BoNT in den empfohlenen Dosisbereichen pro Muskel und Injektionssitzung selten. Es kann zu Lähmungen kommen (wenn der falsche Muskel getroffen oder zu viel BoNt gespritzt wird). Möglich sind auch Effekte wie Mundtrockenheit oder eine allgemeine Schwäche und lokalen Problemen (Bluterguss und lokale Schmerzen). Bei wiederholtem Einsatz können neutralisierende Antikörper im Blut von Betroffenen können die Wirkung von BoNT abschwächen oder aufheben. Das kommt bei etwa 6 Prozent der Patienten mit Spastik-Behandlung vor. Das Risiko für das Auftreten neutralisierender Antikörper steigt mit der langjährigen Gesamtdosis und wenn das Behandlungsintervall kürzer als drei Monate ist.
- Baclofen: Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal). Typische und erfolgversprechende Fälle sind Betroffene mit schwerer Spastik nach Rückenmarksverletzungen oder Hirnschädigung, Menschen mit Paraspastik oder multisegmentaler Spastik sowie Hemispastik mit einschießenden Tonussteigerungen. Patienten mit länger zurückliegendem Schlaganfall und Spastik profitieren von einer ITB im Vergleich zur Therapie mit Tabletten und Spray. Auch für Querschnittgelähmte ist die gute Wirksamkeit belegt. Die Indikation für eine ITB sollte erst erfolgen, wenn andere Behandlungen nicht zufriedenstellend waren. Unerwünschte Wirkungen können Infektionen und lokale Flüssigkeitsansammlungen (Serome) beinhalten. Die Diagnose und Betreuung bei Patienten mit ITB sollte daher von einem interdisziplinären Team mit ausgewiesener Kompetenz erfolgen. Die Abklärung und Behandlung von Nebenwirkungen und Komplikationen sollte zu jeder Zeit gewährleistet sein. Leichtere Nebenwirkungen in der Test- und Einstellungsphase verschwinden im Verlauf meist von alleine. Schwere Nebenwirkungen und Komplikationen können im Einzelfall zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen.
- Andere Medikamente: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel. Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen. Spastik-Medikamente, die im Zentralnervensystem wirken, führen dosisabhängig relativ häufig zu Müdigkeit, Antriebsminderung oder einer störenden Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Erhöhung der Dosis vorsichtig erfolgen. Dantrolen sollte wegen der potenziell toxischen Leberschädigung und der Verstärkung bestehender Lähmungen nur eingesetzt werden, wenn es keine bessere Alternative gibt und die Symptome es wirklich erfordern. Die Verbesserungen einer Spastik mit Tabletten und Spray sind zwar messbar, werden von Betroffenen aber nicht immer im Alltag wahrgenommen. Für Tolperison gegenüber Baclofen und für Tizanidin gegenüber Diazepam wurden jedoch auch Alltagsvorteile für Schlaganfall-Betroffene) beschrieben.
Weitere Therapieansätze
- Lokale Vibrationstherapie: Viele Ergotherapeuten arbeiten heute in unterschiedlichen Anwendungsbereichen mit dem unterstützenden Einsatz von NOVAFON Schallwellengeräten, welche sich auch in der Behandlung von Spastiken erfolgreich bewährt haben. Die sanften Vibrationen der NOVAFON Schallwellengeräte tragen dazu bei, Schmerzen zu reduzieren sowie die Folgen eines Schlaganfalls zu lindern. Sowohl bei altersbedingten Gelenkerkrankungen als auch bei muskulären Problemen schafft die lokale Vibrationstherapie Abhilfe.
- Orthesen und Schienen: Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
- Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw.
- Magnetfeldtherapie und Stoßwellentherapie: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS). Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
- Chirurgische Eingriffe: Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).
Hereditäre spastische Spinalparalyse (HSP)
Neben den genannten Ursachen kann eine spastische Parese auch durch eine hereditäre spastische Spinalparalyse (HSP) verursacht werden. Diese seltene, erblich bedingte Erkrankung führt zu einer fortschreitenden Steifheit der Beinmuskulatur und Kraftminderung beider Beine. Die ersten Anzeichen der Erkrankung werden meist schon in der Schulzeit oder während der Ausbildung bemerkt. Häufig ist auch, dass mehrere Mitglieder einer Familie erkranken. Es handelt sich dabei um eine seltene Erkrankung, die oft jahrelang nicht diagnostiziert wird. Man geht davon aus, dass in Deutschland ca. 4000 Menschen an einer HSP leiden. Derzeit unterscheidet man mehr als 40 Unterformen.
Formen der HSP
Bei den hereditären spastischen Spinalparalysen unterscheidet man reine und komplizierte Formen der Erkrankung. Die reine Form ist typischerweise gekennzeichnet durch den Untergang von Leitungsbahnen im Rückenmark, der zu einer spastischen Lähmung beider Beine führt. Zusätzlich treten häufig auch Blasenstörungen auf. Die reinen Formen machen mehr als ¾ aller HSP-Fälle aus. Die häufigste reine HSP-Form ist durch eine Mutation im Spastin-Gen verursacht (SPG4). Bei den komplizierten Formen sind zusätzlich andere Regionen und Leitungsbahnen des Nervensystems betroffen. Es können zusätzliche Symptome wie Krampfanfälle, Taubheit, kognitive Einschränkungen, Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen oder Sensibilitätsstörungen und Lähmungen auch an den Armen auftreten. Die häufigste komplizierte Form der HSP ist die SPG11 Unterform (Spatacsin-Gen).
Klinik der HSP
Bei den meisten Patienten finden sich Steifigkeit (Spastik) und Lähmung beider Beine, gelegentlich ist jedoch im Anfangsstadium ein Bein stärker betroffen als das andere. Die Motorik der Arme ist, außer manchmal bei den komplizierten Formen, nicht auffällig. Vom Patienten wird eine Gangunsicherheit oder ein Schwächegefühl der Beine beim Gehen wahrgenommen. Das Gehen ist erschwert, es zeigt sich ein „gestelzter Gang“ bzw. „Scherengang“, und häufig wird im weiteren Verlauf die Verwendung von Hilfsmitteln notwendig. Die Erkrankung kann zusätzlich mit einer Blasenentleerungsstörung einhergehen. Die HSP kommt sowohl bei Frauen als auch bei Männern vor und kann in jedem Alter beginnen. Man findet einen Erkrankungsgipfel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr und einen zweiten vor dem 60. Lebensjahr.
Diagnostik der HSP
Außer einer positiven molekulargenetischen Untersuchung gibt es keine Möglichkeit, die Erkrankung durch eine technische Untersuchung exakt einzuordnen. Die Diagnosestellung erfolgt vorrangig klinisch aus der Anamnese, der ausführlichen klinisch- neurologischen Untersuchung und Zusatzbefunden (MRT, Nervenwasseruntersuchung, neurophysiologische Untersuchungen), um andere mögliche Ursachen für eine fortschreitende Querschnittslähmung auszuschließen.
Therapie der HSP
Eine ursächliche Behandlung der HSP ist bisher nicht bekannt; im Vordergrund stehen funktionserhaltende Therapien, die zum Ziel haben, die Mobilität und Lebensqualität zu verbessern und über eine lange Zeit zu erhalten. In unserer Ambulanz wird großer Wert darauf gelegt, für jeden Patienten hierbei die individuell geeignete symptomatische Therapie zu finden. Unsere Schwerpunkte sind hierbei:
Lesen Sie auch: Die Unterschiede zwischen spastischer und schlaffer Lähmung
- Detaillierte Beratung zu physikalischen Therapien (Sport-Rehabilitation, Physiotherpie, Ergotherapie, Logopädie, etc.)
- Beratung zur individuellen Hilfsmittel-Versorgung (Gehhilfen, Rollstuhl-Lösungen, funktionelle Elektrostimulationssysteme)
- Beratung zu und Einleitung medikamentöser oraler Therapien (Baclofen, Tizanidin, Pridinol, off-label-Therapien mit Fampridin, Cannabinoiden)
- Beratung, Einleitung und Durchführung lokaler antispastischer Therapie mit Botulinumtoxin (off-label)
- Beratung zu und Einleitung einer Therapie mit einer Medikamentenpumpe zur intrathekalen Baclofen-Applikation ("Baclofen-Pumpe")
- Objektive Erfassung von Krankheitsverlauf und Therapieeffekten mittels vollautomatisierter Bewegungsanalyse
- Ernährungsberatung mit metabolischer und endokrinologischer Beratung
- Symptomatische Therapie von Blasenstörungen
Paresen: Unvollständige Lähmungen
Unter Paresen fasst die Medizin unvollständige Lähmungen der Skelettmuskulatur zusammen, die zu mehr oder minder ausgeprägten Bewegungseinschränkungen führen. Bei einer Parese handelt es sich um keine eigenständige Erkrankung. Lähmungen können je nach Schweregrad die Selbstständigkeit im Alltag beeinträchtigen.
Mit welchen Symptomen Paresen in Erscheinung treten, hängt im Wesentlichen davon ab, an welcher Stelle des Nervensystems die Nerven geschädigt sind. Bei einer zentralen Parese ist ein motorischer Nerv im zentralen Nervensystem (ZNS) geschädigt, genauer gesagt zwischen der Hirnrinde und den Schaltstellen im Rückenmark. Nach der Umschaltung treten die Nervenbündel dann aus dem Spinalkanal und verlaufen als periphere Nerven zur Muskulatur. Eine Schädigung in diesem Bereich führt zu einer peripheren Parese.
Formen von Paresen
- Diparesen: Teilweise Lähmung von zwei Gliedmaßen. Zudem sind Eigen- und Fremdreflexe vermindert oder nicht auslösbar. Aufgrund der nachlassenden Muskelaktivität kommt es bei einer peripheren (schlaffen) Parese mit der Zeit zu einem Muskelschwund (Muskelatrophie). Da die Muskeln nicht mehr aktiv genutzt werden können, baut der Körper Muskelmasse ab.
- Periphere Paresen: Periphere Paresen können einen oder mehrere Nerven betreffen. Die periphere Fazialisparese tritt bei einer Schädigung des siebten Gehirnnervs (Nervus facialis) auf. Hierbei handelt es sich um eine Gesichtslähmung. In den meisten Fällen liegt jedoch eine idiopathische Fazialisparese (Bellparese) vor. Die Fazialisparese zeigt sich meistens nur an einer Gesichtshälfte.
- Blickparese: Bei einer Blickparese können die Augen nicht mehr zielgerichtet bewegt werden. Neben Nervenverletzungen durch Unfälle können unter anderem Tumoren, Schlaganfälle und Infektionen ursächlich sein.
- Armparesen: Armparesen gehören zu den häufigsten Nervenschädigungen. Bei leichten Lähmungen kann der Arm zwar bewegt und eingesetzt werden, die Bewegungen sind jedoch langsam und wirken ungeschickt. Zu Lähmungserscheinungen im Arm kommt es auch bei einer Armplexusparese (Plexus brachialis).
- Fußparese: Bei einer Fußparese handelt es sich oft um eine sogenannte Fußheberschwäche, auch Peroneusparese genannt. Betroffene haben kaum Kontrolle über das Aufsetzen und Abrollen des Fußes, was Schwierigkeiten beim Gehen bereitet.
- Zentrale Parese: Typisches Symptom einer zentralen Parese ist die erhöhte Muskelspannung. Die Eigenreflexe sind gesteigert und es kommt vermehrt zu pathologischen Reflexen - das heißt: automatischen, unwillkürlichen Bewegungen. Die gelähmte Muskulatur befindet sich bei zentralen Paresen immer auf der Gegenseite der Schädigung im Gehirn.
- Hemiparese: Für gewöhnlich sind von der Halbseitenlähmung Arm, Bein und Gesicht auf einer Körperseite betroffen. Oftmals kommt es zu Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühlen. Der Verlauf einer Hemiparese hängt vom Schweregrad abJe nach Schweregrad der Nervenschädigung und bei schneller Versorgung können die Lähmungserscheinungen zurückgehen oder sogar verschwinden. Zu den Hemiparesen zählt auch die Toddsche Parese. Dabei handelt es sich um vorübergehende Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite, die nach einem epileptischen Anfall auftreten können.
- Tetraparese: Die Tetraparese ist laut Definition eine unvollständige Lähmung aller vier Extremitäten, also beider Arme und Beine. Häufige Ursachen der inkompletten Tetraparese sind Verletzungen des Rückenmarks im oberen Halswirbelbereich (hohe Querschnittslähmung) oder neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose (MS) und Hirntumore. Bei einer Läsion der peripheren Nerven bleibt die schlaffe Tetraparese bestehen. Welche Symptome bei spastischer Tetraparese auftreten, lässt sich nicht pauschal sagen. Bei einer Spastik sind die Bewegungsabläufe wesentlich verlangsamt. Durch die erhöhte Muskelspannung und unkontrollierte Zuckungen kann das Gangbild steif und ruckartig sein. Die Bandbreite möglicher Folgeerscheinungen bei spastischer Tetraparese ist groß. Ob und in welchem Maße sich eine spastische Tetraparese auf die Lebenserwartung auswirkt, hängt unter anderem davon ab, ob eine künstliche Beatmung erforderlich ist. Die Spastik ist nicht ausschließlich negativ zu bewertenSie dient zur Stabilisierung des Körpers, trainiert und erhält die Muskulatur.
- Paraparese: Die Paraparese ist per Definition eine unvollständige Lähmung, die zwei symmetrische Extremitäten betrifft. Die Paraparese-Symptome hängen davon ab, wo die Läsion der Nerven entstanden ist. Eine schlaffe inkomplette Paraparese zeigt sich anfänglich auch bei einer akuten Schädigung des Rückenmarks. Hierbei bildet sich allerdings im weiteren Verlauf eine spastische Parese aus: Die Muskulatur weist eine erhöhte Muskelspannung und gesteigerte Reflexe auf und lässt sich willentlich nur noch eingeschränkt steuern. Wie stark die Lähmungserscheinungen ausgeprägt sind, hängt vom Einzelfall ab. Von einer Rückenmarksläsion kann auch die Rumpfmuskulatur betroffen sein. Häufige Ursache der Paraparese ist eine Schädigung des Rückenmarks, zum Beispiel nach einem Unfall. Die Folge ist eine Querschnittslähmung, wobei Ausbreitung und Ausmaß der Lähmung vom Ort der Schädigung und der Schwere der Rückenmarksläsion abhängen.
Diagnose und Therapie von Paresen
Der zuständige Facharzt für Lähmungserscheinungen ist der Neurologe. Bei einem Unfall wird nach dem genauen Unfallhergang, Beginn und Dauer aller Symptome gefragt. Überprüfung von Muskelkraft, Beweglichkeit, Reflexe und Empfinden in den betroffenen Körperteilen. Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung erfolgt eine Liquorpunktion. Pro Muskel werden Grade vergeben. Grad 0: Keine Muskelaktivität.
Bei Paraparesen gibt es keine Standardtherapie. In der akuten Phase ist oftmals eine umfassende medizinische Betreuung im Krankenhaus notwendig. Die Behandlung wird stets an die individuellen Anforderungen des Patienten angepasst und orientiert sich an Ursache, Ausprägung und genauer Lokalisation der Nervenschädigung. Bei einer Querschnittlähmung oder bestimmten neurologischen Erkrankungen ist die Paraparese nicht heilbar.
Eine zentrale Rolle in der Paraparese-Behandlung spielt die Physiotherapie. Mithilfe von Ergotherapie können zudem Bewegungsabläufe trainiert werden, um alltägliche Aufgaben wie Waschen und Anziehen selbstständig zu bewältigen. Wichtig ist, dass pflegende Personen viel Verständnis und Einfühlungsvermögen zeigen. Betroffenen fällt es oft schwer, mit der neuen Situation und daraus resultierenden Einschränkungen umzugehen. Unabhängig vom medizinischen Schweregrad stellt die Lähmung oft eine enorme emotionale Belastung dar. Gute Anlaufstellen bei allen Problemen und Fragestellungen rund um Paresen und ursächliche Erkrankungen sind Vereine und Interessensvertretungen.
tags: #spastische #parese #ruckenmark