Spätfolgen Frühchen: Spastik und ihre Ursachen

Die infantile Zerebralparese (ICP), oft als "frühkindliche" Hirnschädigung bezeichnet, manifestiert sich durch Störungen in der Muskelsteuerung, die von zu schwachen bis zu übermäßig starken (Spastik) Muskelaktivitäten reichen können. Diese Schädigungen entstehen meist kurz vor, während oder in den ersten Wochen nach der Geburt, wobei Frühgeborene besonders gefährdet sind.

Ursachen der Infantilen Zerebralparese (ICP)

Die Ursachen für ICP sind vielfältig und können in verschiedenen Phasen der Entwicklung auftreten:

  • Pränatale Ursachen: Infektionen, Vergiftungen (Alkohol, Drogen) oder andere Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft können die Entwicklung des kindlichen Gehirns beeinträchtigen. Auch genetische Einflüsse oder exogene Faktoren wie virale oder bakterielle Infektionen, Strahlenbelastung oder ein ungesunder Lebensstil der werdenden Mutter können eine Rolle spielen. In der Spätschwangerschaft können Thrombosen oder Embolien die Gehirnschädigung verursachen.

  • Perinatale Ursachen: Ein schwerer Sauerstoffmangel oder eine Hirnblutung des Neugeborenen sind häufige Ursachen, insbesondere bei Frühgeborenen. Komplizierte Geburten wie Sturzgeburten oder verzögerte Geburten können ebenfalls zu Sauerstoffmangel führen.

  • Postnatale Ursachen: Hirnblutungen bei Frühchen sowie besonders starke Neugeborenengelbsucht können nach der Geburt eine ICP verursachen. Im Kleinkindalter sind Schädel-Hirn-Traumata oder Hirnhautentzündungen die häufigsten Ursachen für Hirnschädigungen, die zu einer zerebralen Bewegungsstörung führen. Kindesmisshandlung, die ein Schütteltrauma auslöst, kann ebenfalls eine ICP verursachen.

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Formen der Zerebralparese

Je nach Art der Hirnschädigung können unterschiedliche Krankheitsbilder auftreten:

  • Spastische Zerebralparese: Eine Schädigung der motorischen Bahn vom Gehirn zum Rückenmark führt zu einer erhöhten Muskelspannung (Spastik). Dies resultiert in Steifheit der Muskulatur, langsamen und zähen Bewegungen sowie einer starren Körperhaltung.

  • Dyskinetische Zerebralparese (Athetose): Betrifft die Kontrollstationen der Nervenleitungen zwischen Hirn- und Rückenmark. Die Muskelspannung ist wechselnd stark oder schwach, was zu unkontrollierten, schlängelnden Bewegungsabläufen und einer erschwerten Kopfkontrolle führt. Essen, Trinken und Sprechen können ebenfalls beeinträchtigt sein.

  • Ataktische Zerebralparese: Eine Schädigung des Kleinhirns führt zu einer niedrigen Grundspannung der Muskulatur. Bewegungen sind weniger zielsicher, Bewegungsabläufe wirken fahrig und unharmonisch. Dosierung, Abstufung und das rasche Abbremsen von Bewegungen sind erschwert.

Häufig treten Mischformen der verschiedenen Unterarten auf, da meist mehrere Gehirnareale von der Schädigung betroffen sind.

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Auswirkungen der Zerebralparese

Die Zerebralparese stört das Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung der Nervenfunktionen, was zu Schwierigkeiten in der Bewegung oder untypischen Bewegungsmustern führt. Betroffene behalten oft Reflexe, die normalerweise in den ersten Lebensjahren verschwinden. Nicht nur die Rumpf-, Arm- und Beinmuskulatur kann betroffen sein, sondern auch die mimische Muskulatur sowie die Mund-, Zungen- und Halsmuskeln. Dies kann zu einem verzerrten Gesichtsausdruck, übermäßiger Speichelproduktion, Essschwierigkeiten und Sprachstörungen führen.

Je nach Ausprägung der ICP können verschiedene Körperteile unterschiedlich stark betroffen sein. Häufig wird die ICP von anderen Krankheitserscheinungen begleitet, die nicht mit dem motorischen Zentrum zusammenhängen, wie verzögerte geistige Entwicklung, Epilepsie, Augensymptome, Sprachstörungen oder Hörbehinderungen. In seltenen Fällen können auch Minderwuchs und Muskelschwund auftreten.

Diagnose der Zerebralparese

Die Diagnose einer ICP kann in den ersten Lebensmonaten schwierig sein, da sich die Beweglichkeit von Neugeborenen und Säuglingen erst nach und nach entwickelt. Anzeichen auf eine ICP lassen sich besser erkennen, wenn Kinder anfangen zu greifen, sich herumzudrehen, zu sitzen oder zu laufen.

Mögliche Hinweise auf eine ICP bei Kindern sind:

  • Verspätete oder ausbleibende Bewegungsentwicklung im Vergleich zu anderen Kindern
  • Schwäche in einem oder beiden Armen oder Beinen
  • Abwechselnd zu steife oder zu schlaffe Muskeln
  • Steife oder angespannte Muskeln und gesteigerte Reflexe
  • Zittern der Hände
  • Zappelige, ruckartige oder unbeholfene Bewegungen
  • Schwierigkeiten mit präzisen Bewegungen und der Koordination
  • Zehenspitzengang, gebückter Gang oder Scherengang
  • Muskelkrämpfe

Bei Verdacht auf eine ICP untersucht der Kinderarzt die motorischen Fähigkeiten des Kindes mit Bewegungstests und überwacht Wachstum, Körperhaltung, Koordination, Muskelspannung sowie Hör- und Sehvermögen. Weitere Untersuchungen dienen dazu, den Verdacht zu bestätigen und andere Erkrankungen auszuschließen.

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Therapie der Zerebralparese

Die auftretenden Ausfallerscheinungen können nur behandelt, nicht aber behoben werden. Ziel ist es, das Kind dabei zu unterstützen, mit seinen Einschränkungen ein möglichst normales Leben zu führen. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie sind entscheidend, damit andere Gehirnzellen die Aufgaben der abgestorbenen Bereiche übernehmen können.

Ein persönlicher Therapieplan muss für jedes Kind erstellt werden, da die Auswirkung der ICP von Patient zu Patient unterschiedlich ist. Neben Medikamenten zur Muskelentspannung sind Physiotherapie (z.B. Bobath-Konzept), Ergotherapie und Logopädie wichtige Bestandteile der Therapie. Auch der Einsatz orthopädischer Hilfsmittel wie Steh-, Geh-, Sitz- und Greifhilfen, Funktionsschienen oder Korsetts zur Unterstützung der Wirbelsäule kann effektiv sein. Operative Eingriffe sind eher selten der Fall.

Alltägliche Dinge wie Essen und Trinken, der Toilettengang oder das An- und Ausziehen können durch die eingeschränkte Grobmotorik vor Probleme stellen. Durch gezieltes und ständiges Training können die motorischen Fähigkeiten aber durchaus verbessert werden, so dass eine Bewältigung des Alltags, eventuell mit unterstützenden Hilfeleistungen, erreicht werden kann.

Orthopädietechnische Hilfsmittel in der Neuroorthopädie

Orthopädietechnische Hilfsmittel sind in der Neuroorthopädie unverzichtbar, um eine möglichst ungestörte Entwicklung und Stabilisierung von Patienten mit Lähmungen zu gewährleisten. Es kann sich hierbei um Konfektionsware wie leichte Bandagen oder Therapieschuhe handeln. Meistens sind jedoch sehr spezielle, auf die individuelle Problematik des Patienten zielende Hilfsmittel erforderlich, wie Sitzschalen, Laufschienen, Lagerungshilfsmittel sowie Steh- und Gehgeräte.

In der Neuroorthopädie müssen diese individuellen Hilfsmittel oft erst über längere Untersuchungen und Anwendungserprobungen entwickelt und dann gebaut werden. Während einer stationären Behandlung fließen die Beobachtungen und Erfahrungen aller Mitarbeiter - neben Ärzten und Therapeuten auch Pflegepersonal und Pädagogen - in die Entwicklung ein. Der Bau, die Anprobe und eine Gebrauchsschulung erfolgen in komplizierten Fällen ebenfalls stationär. Wenn möglich auch ambulant am Heimatort.

Herausforderungen und Perspektiven

Eine Behinderung des Kindes stellt Eltern vor besondere Herausforderungen. Eine ICP ist eine lebenslange Erkrankung, die Bewegung oder Koordination beeinträchtigt. Das Leben mit einer ICP ist mit schwierigen körperlichen Herausforderungen verbunden, wie beispielsweise einer schweren Spastik.

Trotz aller Herausforderungen erreichen die meisten Kinder mit ICP das Erwachsenenalter und viele werden mehrere Jahrzehnte alt. Die Erkrankung selbst schreitet zwar nicht weiter fort, gleichzeitig ergeben sich aber Folgen aus den Einschränkungen. Eine ICP belastet den Körper stark und kann im fortgeschrittenen Alter zu Gelenk- und Muskelschmerzen führen. Darüber hinaus sind die täglichen Anforderungen des Lebens mit einer ICP mitunter schwer zu bewältigen, was zu psychischen Problemen wie Depressionen führen kann.

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