Spinning bei Migräne: Ein umfassender Leitfaden

Die Empfehlung, regelmäßig moderaten Ausdauersport zu betreiben, ist für viele Patienten relevant, unabhängig davon, ob sie unter Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen oder Migräne leiden. Doch welche spezifischen Auswirkungen hat Spinning, eine Form des Ausdauersports, auf Migräne? Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse, potenziellen Vor- und Nachteile sowie praktische Tipps für Migränepatienten, die Spinning in ihren Alltag integrieren möchten.

Einführung

Migräne ist ein vielschichtiges Krankheitsbild mit unterschiedlichen Gesichtern und Stadien. Sie kann von leichter Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusche bis hin zu starken, behindernden Kopfschmerzen reichen, die von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig bekannt, aber genetische Faktoren, hormonelle Veränderungen und bestimmte Auslöser wie Stress, Angst oder Erregung können eine Rolle spielen. Sport wird oft als eine Möglichkeit zur Vorbeugung von Migräneattacken empfohlen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, wie verschiedene Sportarten, einschließlich Spinning, die Migräne beeinflussen können.

Die neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzen an. Die Klinik bietet auch Informationen und Unterstützung für Patienten, die ihren Aufnahmetermin planen und die entsprechenden Aufnahmeformalitäten erledigen müssen.

Die Evidenzbasis: Ausdauersport und Migräne

In der evidenzbasierten Medizin gelten doppelblinde, placebokontrollierte Studien als Goldstandard zur Bewertung der Wirksamkeit einer Therapie. Allerdings ist es schwierig, nicht-medikamentöse Therapieverfahren wie Ausdauersport in gleicher Weise zu untersuchen, da eine Verblindung des Patienten oft nicht möglich ist.

Trotz dieser Herausforderungen gibt es Studien, die die Auswirkungen von Ausdauersport auf Migräne untersucht haben. Eine brasilianische Studie aus dem Jahr 2014 verglich die alleinige Behandlung mit Amitriptylin (einem trizyklischen Antidepressivum) mit einer Kombination aus Amitriptylin und einem aeroben Sportprogramm bei Patienten mit chronischer Migräne. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus Sport und Amitriptylin der alleinigen Amitriptylin-Behandlung signifikant überlegen war. Die Migränehäufigkeit und die Einnahme von Schmerzmitteln wurden in der Kombinationsgruppe stärker reduziert, und es kam sogar zu einer Gewichtsreduktion.

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Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2011 verglich Ausdauersport mit Entspannungstraining und Topiramat (einem Medikament zur Migräneprophylaxe) bei Migränepatienten. Die Ergebnisse zeigten, dass alle drei Gruppen eine ähnliche Reduktion der Attackenhäufigkeit aufwiesen, wobei in der Topiramatgruppe mehr unerwünschte Ereignisse auftraten.

Spinning als potenzieller Trigger und Präventionsmaßnahme

Obwohl Ausdauersport im Allgemeinen als vorteilhaft für Migränepatienten angesehen wird, berichten einige Menschen, dass Sport im Gegenteil Migräneattacken auslösen kann. Eine niederländische Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass 38 % der befragten Kopfschmerzambulanz-Patienten Migräneattacken kannten, die innerhalb von 48 Stunden nach sportlicher Aktivität begonnen hatten. Laufen und Tennis wurden als besonders problematische Sportarten genannt.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Studienlage methodische Probleme aufweist und die individuellen Erfahrungen variieren können. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Ausdauersport Migräneattacken vorbeugen kann, wobei der Effekt in vielen Studien medikamentösen Standardprophylaktika ebenbürtig ist. Der Vorteil fehlender Medikamentennebenwirkungen wird jedoch mit einem nicht unerheblichen Zeitaufwand erkauft.

Spinning: Was ist zu beachten?

Spinning ist eine Form des intensiven Ausdauertrainings auf einem stationären Fahrrad. Es kombiniert Herz-Kreislauf-Training mit hoher Intensität mit motivierender Musik und Anleitung durch einen Trainer. Für Migränepatienten, die Spinning in Betracht ziehen, gibt es einige wichtige Punkte zu beachten:

  • Intensität: Beginnen Sie langsam und steigern Sie die Intensität allmählich. Vermeiden Sie Überanstrengung, da dies Migräneattacken auslösen kann.
  • Hydratation: Trinken Sie ausreichend Wasser vor, während und nach dem Spinning, um Dehydration zu vermeiden, die ein bekannter Migräneauslöser ist.
  • Ernährung: Stellen Sie sicher, dass Ihre Glykogenspeicher (Glucose-Vorräte) vor dem Training gefüllt sind, indem Sie etwa drei Stunden vorher kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Nudeln oder Kartoffeln essen. Dies kann einem Energiedefizit im Gehirn vorbeugen, das zu Migräne führen kann.
  • Umgebung: Achten Sie auf eine gut belüftete Umgebung, um Überhitzung zu vermeiden. Vermeiden Sie Spinning in großer Höhe, da dies ebenfalls Kopfschmerzen verursachen kann.
  • Körperhaltung: Achten Sie auf eine korrekte Körperhaltung, um Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu vermeiden, die Migräneattacken auslösen können.
  • Selbstbeobachtung: Achten Sie auf Ihren Körper und unterbrechen Sie das Training, wenn Sie Warnzeichen einer Migräneattacke bemerken, wie z. B. beginnende Kopfschmerzen, Augenflimmern oder Übelkeit.
  • Dokumentation: Führen Sie ein Migränetagebuch, um festzuhalten, wie Spinning Ihre Migräne beeinflusst. Notieren Sie die Dauer des Aufwärmens, die Art der Übungen, die Dauer des Workouts und die Stärke der Kopfschmerzen nach dem Sport.
  • Ärztliche Beratung: Besprechen Sie Ihren Trainingsplan mit einem Sportmediziner oder Arzt, um sicherzustellen, dass er für Sie geeignet ist.

Alternative Trainingsformen

Neue Studien zeigen, dass neben moderatem Ausdauertraining auch Krafttraining oder hochintensives Ausdauertraining (HIT) die Häufigkeit von Migränetagen senken können. Eine Netzwerk-Metanalyse von 21 Studien ergab, dass moderates Ausdauertraining die Migränehäufigkeit um 2,2 Tage im Monat senken konnte, während HIT-Training die Frequenz um 3,1 Tage und Krafttraining sogar um 3,5 Tage im Monat reduzierte.

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Die Wissenschaftler erklären die Effekte der unterschiedlichen Sportformen durch verschiedene körperliche Prozesse. Krafttraining kann die verspannten Nackenmuskeln trainieren und dadurch Migräneattacken reduzieren. HIT-Training kann die Endorphin-Ausschüttung steigern, was dem Gehirn bei der Unterdrückung von Schmerzen hilft. Moderater Ausdauersport kann die Endocannabinoide aktivieren, die zu Entspannung im Körper und Geist beitragen.

Umgang mit Belastungskopfschmerzen

Wenn Sie nach dem Spinning oder anderen sportlichen Aktivitäten häufig Kopfschmerzen bekommen, leiden Sie möglicherweise unter Belastungskopfschmerzen. Diese Kopfschmerzen treten in der Regel während oder kurz nach dem Sport auf und werden als beidseitig, pochend oder pulsierend beschrieben.

Die Internationale Kopfschmerz Gesellschaft vermutet, dass eine Überdehnung der Venen oder Arterien den Schmerz auslöst. Bei körperlicher Anstrengung pumpt das Herz das Blut schneller durch den Körper, um die Muskeln besser mit Sauerstoff zu versorgen. Dafür weiten sich die Blutgefäße, was die Beschaffenheit der Gefäßwände verändert.

Akute Belastungskopfschmerzen lassen sich am schnellsten mit Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol behandeln. Es ist auch ratsam, das Training bei Eintreten der Schmerzen sofort zu beenden.

Vorbeugung von Belastungskopfschmerzen

Um Belastungskopfschmerzen vorzubeugen, können Sie folgende Maßnahmen ergreifen:

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  • Reduzieren Sie das sportliche Niveau: Beginnen Sie mit einem niedrigeren Intensitätslevel und steigern Sie es allmählich, sobald keine Kopfschmerzen mehr auftreten.
  • Wärmen Sie sich gründlich auf: Bereiten Sie Ihren Körper auf die Belastung vor, indem Sie sich vor dem Training ausreichend aufwärmen.
  • Vermeiden Sie Sport bei hohen Temperaturen und in großer Höhe: Diese Bedingungen können Belastungskopfschmerzen begünstigen.
  • Achten Sie auf eine gut durchlüftete Kopfbedeckung: Vermeiden Sie einen Hitzestau, indem Sie eine atmungsaktive Kopfbedeckung tragen.
  • Überlasten Sie sich nicht: Achten Sie darauf, Ihre Belastungsgrenze nicht zu überschreiten.
  • Machen Sie eine Sportpause: Wenn die Kopfschmerzen anhalten, kann eine Woche Sportpause sinnvoll sein. Beginnen Sie danach langsam wieder mit dem Training und steigern Sie sich nach und nach.

Weitere Tipps für Migränepatienten

Neben Spinning und anderen sportlichen Aktivitäten gibt es weitere Maßnahmen, die Migränepatienten ergreifen können, um ihre Symptome zu lindern:

  • Regelmäßiger Tagesablauf: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und Mahlzeiten, um Migräneauslöser zu minimieren.
  • Stressmanagement: Finden Sie Möglichkeiten, Stress abzubauen, z. B. durch Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung.
  • Trigger-Management: Identifizieren Sie Ihre individuellen Migräneauslöser und vermeiden Sie diese so gut wie möglich.
  • Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und vermeiden Sie Lebensmittel, die als Migräneauslöser bekannt sind, wie z. B. Alkohol, Koffein, Schokolade und gereifte Käsesorten.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Trinken Sie ausreichend Wasser, um Dehydration zu vermeiden.
  • Medikamentöse Behandlung: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung zur Akuttherapie von Migräneattacken oder zur Vorbeugung von Migräne.
  • Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann Ihnen helfen, ein gutes Triggermanagement zu erlernen und Entspannung in Ihren Alltag zu integrieren.
  • Reisemanagement: Planen Sie Reisen sorgfältig und nehmen Sie ausreichend Medikamente für den Fall einer Migräneattacke mit. Vermeiden Sie Jetlag, Alkohol und Lärm, die typische Migräneauslöser im Urlaub sind.

Die Schmerzklinik Kiel: Unterstützung und Behandlung

Die neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet eine umfassende Behandlung von Migräne und anderen Kopfschmerzen an. Die Klinik bietet eine stationäre Anmeldung, ambulante Behandlung und spezielle Programme für Kinder und Jugendliche.

Um einen Aufnahmetermin zu planen, benötigen Sie eine Verordnung von Krankenhausbehandlung von Ihrem behandelnden Arzt, eine ausgefüllte Aufnahme-Checkliste sowie einen Schmerzkalender und einen Schmerzfragebogen. Senden Sie alle Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe und Röntgenbilder an die Klinik.

Die Klinik hat mit zahlreichen Krankenkassen eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten vertraglich geregelt. Für Versicherte der AOK Schleswig-Holstein, der Techniker Krankenkasse, der Deutschen Angestelltenkrankenkasse, der Hanseatischen Krankenkasse HEK, der Landwirtschaftlichen Krankenkasse Schleswig-Holstein und Hamburg, der Knappschaft Bahn See, der BKK vor Ort und der E.ON Betriebskrankenkasse erfolgt die Kostenübernahme bei Vorliegen der Aufnahmebedingungen.

Die Schmerzklinik Kiel bietet auch Schmerzkonferenzen an, in denen individuelle Fragen im Zusammenhang mit der Einweisung sowie der prä- oder poststationären Behandlung beantwortet werden. Diese finden montags, dienstags, donnerstags und freitags von 8:30 Uhr bis 9:15 Uhr und mittwochs von 17:00 Uhr bis 17:45 Uhr im Konferenzraum der Schmerzklinik Kiel statt.

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