Spinozerebelläre Ataxie: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Die Spinozerebelläre Ataxie (SCA) ist eine Gruppe von erblichen neurologischen Erkrankungen, die durch eine fortschreitende Koordinationsstörung (Ataxie) gekennzeichnet sind. Diese Störung betrifft vor allem das Kleinhirn (Cerebellum) und das Rückenmark (Spinal Cord), was zu den charakteristischen Symptomen führt. Die SCAs sind vielfältig und werden in verschiedene Subtypen unterteilt, wobei jeder Subtyp mit spezifischen genetischen Ursachen und klinischen Merkmalen verbunden ist.

Was ist eine Ataxie?

Eine Ataxie ist eine Störung der Bewegungskoordination. Sie äußert sich durch unkontrollierte, überschießende oder ungenaue Bewegungen, die nicht durch Muskelschwäche, sondern durch eine gestörte Steuerung und Abstimmung der Bewegungen entstehen.

Formen der Ataxie

Je nachdem, ob das Gehirn oder das Rückenmark eingeschränkt ist, kann es zu unterschiedlichen Ausprägungen kommen. Genauso kann es auch vorkommen, dass nur eine Körperhälfte von der Störung betroffen ist (Hemiataxie). Es werden folgende Formen der Ataxie unterschieden:

  • Zerebelläre Ataxie (das Kleinhirn ist betroffen)
  • Spinale Ataxie (der Ursprung der Krankheit liegt im Rückenmark)
  • Spinozerebelläre Ataxie (stets erblich bedingte Ursachen)

Ursachen der Spinozerebellären Ataxie

Spinozerebelläre Ataxien sind erbliche Formen der Ataxie - man spricht dann von Hereditärer Ataxie. Die bekannteste Form ist die Chorea Huntington (Morbus Huntington). Die Spinozerebellären Ataxien treten meistens zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf.

Die SCAs entstehen durch genetische Mutationen, die zu einer Degeneration von Nervenzellen im Kleinhirn, Rückenmark und anderen Teilen des Nervensystems führen. Viele SCAs werden autosomal-dominant vererbt, was bedeutet, dass bereits eine einzige Kopie des mutierten Gens ausreicht, um die Krankheit auszulösen. Andere SCAs werden autosomal-rezessiv vererbt, wobei zwei Kopien des mutierten Gens erforderlich sind, damit die Krankheit ausbricht.

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Genetische Ursachen

Die genetischen Ursachen für die zerebelläre Ataxie sind vielfältig. Es gibt eine Vielzahl von Genen, die an der normalen Entwicklung und Funktion des Kleinhirns beteiligt sind, und Mutationen in diesen Genen können zu Ataxie führen. Die erbliche Ataxie kann in verschiedenen Formen auftreten, wie der Friedreich-Ataxie oder der spinozerebellären Ataxie. Häufig vererben sich diese innerhalb von Familien.

Polyglutaminerkrankungen sind erbliche Erkrankungen, die durch den gleichen genetischen Defekt (Mutation) in unterschiedlichen Genen verursacht werden. Bei dieser Mutation kommt es zu einer Verlängerung einer sich wiederholenden Sequenz im jeweiligen Gen, der DNA-Sequenz C-A-G. Dies führt dazu, dass Proteine mit einer verlängerten Polyglutaminkette gebildet werden, was zur Krankheitsentstehung führt. Polyglutaminerkrankungen wie Morbus Huntington oder die Spinozerebelläre Ataxie Typ 3 sind seltene und erbliche Erkrankungen, die durch den gleichen genetischen Defekt in unterschiedlichen Genen verursacht werden. Die Mutation führt zu einer unnatürlichen Verlängerung der dazugehörigen Proteine, was die Krankheit hervorruft.

SCA17: Ein Sonderfall

Die Spinozerebelläre Ataxie Typ 17 (SCA17) ist eine seltene, erblich bedingte Erkrankung des menschlichen Gehirns. Durch die krankhafte Veränderung eines Gens, das den Bauplan für ein Protein namens TATA-Box-Binde-Protein (TBP) enthält, wird das Protein in Zellen in einer schadhaften Form gebildet. Dadurch ist auch seine Funktion beeinträchtigt. Die molekularen Mechanismen, die die Krankheit verursachen, sind noch nicht vollständig geklärt.

Ein möglicher Mechanismus, der die Erkrankung mitverursacht oder zumindest beeinflussen könnte, ist die Spaltung des Erkrankungsproteins TBP durch bestimmte Enzyme. Diese Spaltung führt zu noch schädlicheren Fragmenten des TBP-Proteins in den Nervenzellen. Das Team der Bochumer Humangenetik unter Leitung von Prof. Dr. Huu Phuc Nguyen konnte nun nachweisen, dass eine besondere Klasse von proteinspaltenden Enzymen, die Calpaine, diese Spaltung von TBP verursachen kann. „Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass diese Enzyme in Zell- und Tiermodellen der SCA17 überaktiviert sind“, so Jonasz Weber. Hemmten die Forschenden die Enzyme durch pharmakologische oder genetische Ansätze, konnten sie im Zellmodell die Ablagerungen von TBP und die Herstellung des schadhaften Proteins reduzieren.

Calpaine spalten Proteine in schädliche Bruchstücke auf. Ähnlich wie Alzheimer führt die Erbkrankheit Spinozerebelläre Ataxie Typ 17 (SCA17) zum Untergang von Gehirnnervenzellen und zum vorzeitigen Tod der Betroffenen. Die genauen Mechanismen der Erkrankung sind unbekannt, daher gibt es bislang keine Behandlungsansätze. Die Forschenden berichten in der Zeitschrift Cellular and Molecular Life Sciences vom 28.

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Symptome der Spinozerebellären Ataxie

Die Symptome der SCA können je nach Subtyp und individuellem Krankheitsverlauf variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Ataxie: Koordinationsstörungen, die sich in unsicherem Gang, Schwierigkeiten bei feinmotorischen Aufgaben (z.B. Schreiben, Knöpfe schließen) und Gleichgewichtsproblemen äußern. Erstes vom Patienten wahrgenommene Symptom ist meistens eine Stand- und Gangunsicherheit.
  • Dysarthrie: Sprachstörungen, die zu verwaschener oder undeutlicher Sprache führen. Im Verlauf treten Störungen des Sprechens und der Extremitätenkoordination auf. Diese zeigt sich meist in Veränderungen der Feinmotorik. Das Sprechen wird langsam und verwaschen.
  • Dysphagie: Schluckstörungen, die das Essen und Trinken erschweren.
  • Okulomotorische Störungen: Störungen der Augenbewegungen, wie z.B. Nystagmus (unwillkürliche, rhythmische Augenbewegungen) oder Schwierigkeiten bei der Blickfixierung. Häufig finden sich auch bereits früh Störungen der Okulomotorik.
  • Muskelsteifheit und Spastik: Erhöhter Muskeltonus und unwillkürliche Muskelverkrampfungen.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: In einigen Fällen können auch Gedächtnisprobleme, Aufmerksamkeitsdefizite oder andere kognitive Störungen auftreten.
  • Weitere Symptome: Je nach SCA-Subtyp können weitere Symptome wie periphere Neuropathie (Nervenschäden in den Extremitäten), Blasenfunktionsstörungen, Depressionen oder Schlafstörungen auftreten.

Zerebelläre Ataxie: Symptome im Detail

Die zerebelläre Ataxie zählt zu den neuro­logischen Krankheiten, die das Klein­hirn betreffen und in erster Linie die Bewegungs­­koordination und das Gleich­­gewicht beeinträchtigen.

  • Störungen des Gleichgewichtssinns: Eine der auffälligsten Symptome der zerebellären Ataxie sind Gleich­gewichts­störungen. Betroffene haben Schwierig­keiten, aufrecht zu stehen und zu gehen. Aufgrund der Schädigung sind sie häufig anfällig für Stürze. Dies führt zu Unsicher­heit bei der Fort­bewegung und zu erheblichen Einschränkungen in der Mobilität.
  • Koordinationsprobleme: Die Fähigkeit, Bewegungen präzise zu steuern, ist stark beeinträchtigt. Die Betroffenen können unkontrollierte und zittrige Bewegungen in den Armen und Beinen zeigen. Alltägliche Aufgaben wie das Schreiben, Greifen von Gegen­ständen oder das Anziehen von Kleidung werden zu einer Herausforderung.
  • Sprachstörungen: Die zerebelläre Ataxie kann auch die Sprache beeinflussen. Betroffene haben oft Schwierig­keiten beim Sprechen, da die Muskel­koordination für die Artikulation von Lauten gestört ist. Dies kann zu einer undeutlichen Aussprache und Verständigungs­schwierig­keiten führen.
  • Augen­bewegungsstörungen: Das Kleinhirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Koordination der Augen­bewegungen. Bei einer zerebellären Ataxie können unkontrollierte Augen­bewegungen auftreten, die das Sehen und Lesen erschweren können.
  • Muskelsteifheit und Muskelschwäche: Zusätzlich können Betroffene auch Muskel­steifheit und Muskel­schwäche entwickeln. Diese Begleit­erscheinungen erschweren nicht nur die Bewegungs­koordination, sondern beeinträchtigen auch die Kraft und Flexibilität der Muskulatur.

Verlauf der Erkrankung

Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome der zerebellären Ataxie in der Regel fort­schreitend sind. Das bedeutet, dass sie sich im Laufe der Zeit ver­schlimmern können, was sich stark auf die Lebens­qualität der Betroffenen auswirkt. Der Verlauf der Krankheit kann von Person zu Person stark variieren, jedoch gibt es einige allgemeine Merkmale, die einen typischen Krankheits­verlauf beschreiben können.

  • Beginn und Frühstadium: Die meisten Fälle von zerebellärer Ataxie beginnen schleichend und entwickeln sich oft über Jahre hinweg. In den frühen Stadien können die Anzeichen mild sein und werden möglicher­weise kaum bemerkt. Dies führt manchmal zu einer verzögerten Diagnostik, da die Probleme anfänglich leicht als normale Alters­erscheinungen oder andere Gesundheits­probleme fehl­interpretiert werden können.
  • Fortschreitende Verschlechterung: Mit der Zeit neigen die Symptome dazu, sich zu verschlechtern. Die Koordinations­probleme beim Gehen und Bewegen werden ausgeprägter, was zu wiederholten Stürzen und einer Zunahme der Mobilitäts­einschränkungen führen kann. Die Muskel­schwäche kann sich verstärken und das Alltags­leben immer anspruchsvoller werden.
  • Variabilität der Symptome: Ein bemerkenswertes Merkmal der zerebellären Ataxie ist die große Variabilität der Symptome und des Verlaufs. Dies hängt oft mit der zugrunde­liegenden Ursache zusammen. Einige Patienten können schneller fort­schreitende Symptome haben, während andere über viele Jahre hinweg relativ stabil bleiben. Zusätzlich zu den primären motorischen Symptomen können auch begleitende Symptome auftreten, die den Krankheitsverlauf weiter komplex gestalten.

Diagnose der Spinozerebellären Ataxie

Die Diagnose einer SCA umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, eine detaillierte Familienanamnese und genetische Tests.

  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt beurteilt die মোটরischen Fähigkeiten, das Gleichgewicht, die Koordination, die Reflexe und die sensorische Funktion des Patienten.
  • Familienanamnese: Eine detaillierte Erhebung der Familiengeschichte kann Hinweise auf eine erbliche Ursache der Ataxie liefern.
  • Genetische Tests: Genetische Tests können spezifische Mutationen identifizieren, die mit verschiedenen SCA-Subtypen verbunden sind. Dies ist entscheidend für die Bestätigung der Diagnose und die genetische Beratung der Familie. Erbliche Ataxien werden durch molekulargenetische Untersuchungen nachgewiesen, bei denen für die jeweilige Form spezifische Veränderungen (Mutationen) der DNA Rückschlüsse auf die Form der Ataxie ermöglichen.
  • Bildgebende Verfahren: Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns kann helfen, strukturelle Veränderungen im Kleinhirn oder anderen Hirnregionen zu erkennen. Auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns spielt bei der Diagnostik eine entscheidende Rolle.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, die durch eine Ataxie verursachten Bewegungsstörungen von anderen Krankheiten abzugrenzen - man bezeichnet dies als Differentialdiagnose. Denn Symptome wie ein Zittern können beispielsweise verschiedenste Gründe haben. Ein leichtes Ruhezittern (Ruhetremor) kommt bei den meisten Menschen vor, ohne dass dies ein Hinweis auf eine Krankheit wäre.

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Zur Unterscheidung einer Ataxie von anderen Krankheiten kommt es vor allem auf den Zeitpunkt des Auftretens an. Bei Parkinson besteht zum Beispiel vor allem ein verstärktes Ruhezittern (Ruhetremor), das sich bessert, sobald eine Bewegung ausgeführt werden kann. Bei einer Ataxie durch eine Kleinhirnschädigung wird im Gegensatz dazu das Zittern erst dann sichtbar oder stärker, wenn die Bewegung ausgeführt wird.

Auch abgrenzbar zu den Ataxien ist die Apraxie. Auch bei ihr liegt eine Unfähigkeit vor, gezielte Bewegungen auszuführen, sie geht jedoch nicht mit einer Koordinationsstörung einher. Häufig sind Zentren des Gehirns betroffen, die sozusagen den "Befehl" an die Muskulatur zur Bewegung geben müssen, was jedoch nicht mehr funktioniert.

Auch eine Spastik ist etwas anderes als eine Ataxie. Eine Spastik ist durch unwillkürliche Bewegungen mit erhöhtem Ruhetonus der Muskulatur gekennzeichnet, das heißt es kommt zu zuckenden Bewegungen und einem Ruhezittern. Eine Ataxie ist hingegen eine Koordinationsstörung, das heißt sie wird vor allem dann sichtbar, wenn Betroffene versuchen, komplexe Bewegungen durchzuführen, wie Laufen, Winken oder Schreiben.

Behandlung der Spinozerebellären Ataxie

Leider gibt es auf dem heutigen Stand der Medizin keine Heilung für diese Art der Ataxie. Bei der Therapie steht im Vordergrund, die Symptome abzuschwächen oder zu unterdrücken.

Die Behandlung der SCA konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Da die SCAs fortschreitende Erkrankungen sind, ist eine multidisziplinäre Betreuung durch verschiedene Fachkräfte erforderlich. Zu den wichtigsten Behandlungsansätzen gehören:

  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft, Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern. Krankengymnastische Behandlungen (Physiotherapie) stehen im Vordergrund, um die Ausprägung der Symptome zu lindern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie unterstützt die Betroffenen bei der Anpassung an die Einschränkungen im Alltag und der Entwicklung von Strategien zur Bewältigung von Aufgaben.
  • Logopädie: Logopädie kann bei Sprach- und Schluckstörungen helfen.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente können zur Behandlung von spezifischen Symptomen wie Muskelsteifheit, Spastik, Depressionen oder Schlafstörungen eingesetzt werden.
  • Hilfsmittel: Hilfsmittel wie Gehhilfen, Rollstühle oder Kommunikationsgeräte können die Mobilität und Kommunikation erleichtern.
  • Chirurgische Eingriffe: In einigen Fällen können chirurgische Eingriffe erforderlich sein, um Komplikationen wie Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule) zu behandeln.
  • Gentherapie: Ziel des internationalen Verbundes TreatPolyQ ist es mittels Gentherapie, neue Behandlungen für drei Polyglutaminerkrankungen zu entwickeln. Dafür werden innovative Methoden wie CRISPR/Cas in Zell- und Tiermodellen entwickelt und getestet.

SCA17: Therapieansätze im Fokus

„Der Nachweis, dass Calpaine am Krankheitsmechanismus der SCA17 beteiligt sind, ebnet weiterer Forschung den Weg“, so Jonasz Weber. Weitere Arbeiten könnten die Relevanz dieses molekularen Prozesses bestimmen und herausfinden, ob und wie er sich beeinflussen lässt. So könnten sich auch therapeutische Ansätze für diese Erkrankung ergeben.

Leben mit Spinozerebellärer Ataxie

Das Leben mit einer SCA kann eine große Herausforderung sein. Es ist wichtig, sich von einem multidisziplinären Team aus Ärzten, Therapeuten und Beratern unterstützen zu lassen. Selbsthilfegruppen und Online-Foren können eine wertvolle Quelle für Informationen, Unterstützung und Austausch mit anderen Betroffenen sein.

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