Spinozerebelläre Ataxie Typ 2 (SCA2): Symptome, Diagnose und Management

Die Spinozerebelläre Ataxie Typ 2 (SCA2) ist eine seltene, autosomal-dominant vererbte neurologische Erkrankung, die durch eine fortschreitende Ataxie und weitere neurologische Symptome gekennzeichnet ist. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von SCA2, wobei auch auf aktuelle Forschungsergebnisse und Therapieansätze eingegangen wird.

Einführung in die Spinozerebellären Ataxien

Die zerebellären Ataxien sind gekennzeichnet durch eine Störung von Gleichgewicht und Koordination, wobei Muskelkraft und Sensibilität intakt bleiben. Wichtige klinische Zeichen einer zerebellären Ataxie sind Gleichgewichtsstörungen beim Stehen auf einem Bein sowie beim Seiltänzergang, Intentionstremor und Dysmetrie beim Finger-Nase-Versuch, eine gestörte Diadochokinese und sakkadische Folgebewegungen der Augen. Die hereditären spinozerebellären Ataxien (SCA) zeichnen sich durch eine langsam progrediente Ataxie als Leitsymptom aus. In der kranialen Bildgebung findet sich häufig eine zerebelläre Atrophie. Andere Symptome wie Dystonie oder Spastizität sind selten und im Vergleich zur Ataxie mild.

Über 40 Formen der Spinozerebellären Ataxien wurden bislang entdeckt. Allen Formen gemeinsam ist eine Schädigung des Kleinhirns, welche in einer Koordinationsstörung der Bewegungsabläufe (Ataxie) resultiert. Das Auftreten weiterer Symptome und der Verlauf unterscheiden sich je nach Form.

Symptome der Spinozerebellären Ataxie Typ 2 (SCA2)

Die Symptome der Spinozerebellären Ataxie Typ 2 (SCA2) variieren, aber es gibt einige häufige Anzeichen:

  • Koordinationsstörungen: Dies äußert sich in Schwierigkeiten beim Gehen (Gangataxie), Gleichgewichtsstörungen und Problemen bei feinmotorischen Aufgaben wie dem Greifen nach Gegenständen.
  • Sprechstörung (Dysarthrie): Die Sprache kann verlangsamt, verwaschen oder undeutlich werden.
  • Empfindungsstörungen (Sensibilität, sensible Polyneuropathie): Betroffene können ein vermindertes oder verändertes Gefühl in den Extremitäten verspüren.
  • Schwäche der Muskelkraft: Muskelschwäche kann zu Schwierigkeiten bei alltäglichen Aktivitäten führen.
  • Kognitive Störungen und Demenz: In einigen Fällen können kognitive Beeinträchtigungen und Demenz auftreten.
  • Augenbewegungsstörungen: Unkontrollierte oder langsame Augenbewegungen (sakkadische Folgebewegungen) sind typisch.
  • Schluckstörungen (Dysphagie): Schwierigkeiten beim Schlucken können zu Aspiration und Mangelernährung führen.
  • Epileptische Anfälle: In seltenen Fällen können epileptische Anfälle auftreten.
  • Steifheit der Muskeln (Spastik): Erhöhter Muskeltonus kann zu Steifheit und Bewegungseinschränkungen führen.
  • Schlafstörungen: Schlafstörungen können ebenfalls auftreten.

Der Erkrankungsbeginn der Spinocerebellären Ataxie Typ 2 (SCA2) variiert vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter (< 10. bis 60. Lebensjahr), liegt jedoch typischerweise in der 4. Lebensdekade. Eine zunehmende Repeatzahl ist statistisch mit einer früheren und schwereren Symptomatik verknüpft, wobei im Einzelfall eine exakte Prognose des Krankheitsverlaufes nicht möglich ist.

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Ursachen der SCA2

Bei den Spinozerebellären Ataxien (SCAs) handelt es sich um eine Gruppe unterschiedlicher vererbbarer Erkrankungen meist mit einem autosomal-dominanten Erbgang. Das heißt, die Erkrankung kommt zum Ausbruch, wenn ein defektes Gen von einem Elternteil vererbt wurde. Wenn ein Elternteil erkrankt ist, haben die Kinder eine 50% Wahrscheinlichkeit, selbst das defekte Gen geerbt zu haben.

Auslöser der Erkrankung ist wahrscheinlich eine Trinukleotidexpansion im ATXN2-Gen, welche in dessen Genprodukt Ataxin-2 die Erweiterung einer repetitiven Region auslöst. Es wird angenommen, dass dies eine Veränderung der Funktion des Ataxin-2 hervorruft, die toxische Effekte erzeugt. Es ist jedoch weder die genaue Pathophysiologie noch die Funktion von Ataxin-2 im gesunden Organismus vollständig aufgeklärt.

Diagnose von SCA2

Die Diagnose von SCA2 umfasst in der Regel folgende Schritte:

  • Neurologische Untersuchung: Ein erfahrener Arzt oder eine Ärztin führt eine umfassende neurologische Untersuchung durch, um die Symptome zu beurteilen und andere mögliche Ursachen auszuschließen.
  • Familienanamnese: Die Erhebung der Familienanamnese ist wichtig, um festzustellen, ob andere Familienmitglieder von Ataxie betroffen sind.
  • Molekulargenetische Diagnostik: Eine molekulargenetische Untersuchung des Blutes kann die Diagnose bestätigen, indem sie die spezifische Genmutation im ATXN2-Gen nachweist.
  • MRT des Gehirns: Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns kann eine zerebelläre Atrophie zeigen, die typisch für SCA2 ist.
  • Weitere Untersuchungen: Je nach Symptomatik können weitere Untersuchungen wie Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Nervenfunktion oder eine neuropsychologische Testung zur Beurteilung kognitiver Funktionen erforderlich sein.

Bei einem Kind mit einer Ataxie ist der erste Schritt der Diagnostik eine MRT des Gehirns, da dies die Differenzialdiagnose entscheidend beeinflusst. Eine Leukodystrophie erfordert eine andere Strategie als ein normaler Befund. Der nächste Schritt, gerade bei einem normalen Befund oder einer (unspezifischen) zerebellären Atrophie ist die genetische Diagnostik. Die Fortschritte hier haben die Herangehensweise deutlich verändert: Genpakete oder Whole exome sequencing (WES), am besten als Trio zusammen mit den Eltern, werden am schnellsten einen Befund liefern.

Differenzialdiagnose

Die Differenzialdiagnose einer zerebellären Ataxie im Kindesalter ist breit. Akute Ataxien erfordern akute Diagnostik: Blutungen oder Infarkte in der hinteren Schädelgrube, Intoxikationen, Meningitis oder ein zerebellärer Abszess sind kinderneurologische Notfälle. Für die hereditären spinozerebellären Ataxien (SCA) ist eine langsam progrediente Ataxie das Leitsymptom.

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Es ist wichtig, andere Ursachen für Ataxie auszuschließen, wie z.B.:

  • Friedreich-Ataxie (FRDA): Die häufigste Heredoataxie im Kindesalter.
  • Ataxia teleangiectasia (AT, Louis-Bar-Syndrom): Sie beginnt wesentlich früher als die FRDA.
  • Ataxie mit okulomotorischer Apraxie Typ I (AOA1): Gleicht, was die neurologischen Symptome angeht, der AT.
  • Vitamin-E-responsive Ataxie (ataxia with vitamin E deficiency, AVED): Eine seltene, aber in der Frühphase gut behandelbare Erkrankung.
  • Autosomal-rezessive spastische Ataxie Typ Charlevoix-Saguénay (ARSACS):
  • Infantile-onset spinocerebellar ataxia (IOSCA):
  • X-gebundenen sideroblastischen Anämie mit Ataxie (XLSA/A):
  • Hereditären spastischen Paraplegien (HSP):

Therapie und Management von SCA2

Spinozerebelläre Ataxien sind bislang nicht heilbar. Aufgrund der vielfältigen Symptome sind regelmäßige neurologische, kardiologische und orthopädische Kontrollen notwendig. Therapien zur Linderung von Spinozerebelläre Ataxie Symptomen umfassen körperliches Training und Krankengymnastik (Physiotherapie), den Erhalt von Fähigkeiten im Alltag (Ergotherapie) sowie ein Sprach-, Sprech- und Schlucktraining (Logopädie). Die nicht-medikamentösen Therapien sollten regelmäßig durchgeführt werden, denn regelmäßiges körperliches Training wirkt sich nachweislich positiv auf den Krankheitsverlauf aus.

Die Behandlung von SCA2 konzentriert sich auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Zu den wichtigsten Therapieansätzen gehören:

  • Physiotherapie: Regelmäßige Physiotherapie kann helfen, die Koordination, das Gleichgewicht und die Muskelkraft zu verbessern.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann Betroffenen helfen, Strategien zu entwickeln, um alltägliche Aufgaben trotz ihrer Einschränkungen zu bewältigen.
  • Logopädie: Logopädie kann bei Sprech- und Schluckstörungen helfen.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente können zur Behandlung spezifischer Symptome wie Spastik, Tremor oder Schlafstörungen eingesetzt werden.
  • Hilfsmittel: Hilfsmittel wie Gehhilfen, Rollstühle oder Kommunikationsgeräte können die Mobilität und Kommunikation erleichtern.
  • Psychologische Unterstützung: Psychologische Unterstützung kann Betroffenen und ihren Familien helfen, mit den emotionalen und sozialen Herausforderungen der Erkrankung umzugehen.

Aktuelle Forschung und Therapieansätze

Momentan sind Ataxien noch nicht medikamentös behandelbar. Forschende des DZNE widmen sich an mehreren Standorten in verschiedenen großen klinischen Studien der Erforschung von Ataxien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf genetisch bedingten Ataxien. So nehmen sie den Verlauf spinozerebellärer Ataxien unter die Lupe und fahnden nach messbaren biologischen Merkmalen (sogenannten Biomarkern, z. B. im Blut oder im Nervenwasser) für die Früherkennung. Darüber hinaus widmen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE auch neuen Wegen für die Therapie. So arbeiten sie an neuen, individuell auf die Betroffenen abgestimmten Gentherapien, um bei genetisch bedingten Ataxie-Formen den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.

Die Forschung gab das einen gewaltigen Schub. „Vorher kannte man einzelne Ataxie-Familien und Patienten, aber keine Details. Und auf einmal wussten wir, um welchen genetischen Typus es sich handelt. So konnten wir anfangen herauszuarbeiten, was die klinischen Charakteristika eines bestimmten genetischen Typs sind", sagt Klockgether.

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Ihre Hoffnung ruht heute auf Gentherapie-Ansätzen mit sogenannten Antisense-Oligonukleotiden. Diese Wirkstoffe können bestimmte Bereiche des Erbguts gewissermaßen stumm schalten. Krankmachende Informationen, die darin enthalten sind, sollen so gezielt blockiert werden. Bereits entstandene Schäden werden dadurch zwar nicht behoben, doch die weitere Krankheitsentwicklung könnte sich verlangsamen oder gar unterbrechen lassen, so das Kalkül.

Häufigkeit

Nach SCA3 und SCA6 ist SCA2 zusammen mit SCA1 in Deutschland die dritthäufigste Form der autosomal dominant vererblichen Spinocerebellären Ataxien.

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