Morbus Sudeck: Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlung des Komplexen Regionalen Schmerzsyndroms

Einführung

Morbus Sudeck, heute bekannt als Komplexes Regionales Schmerzsyndrom (CRPS), ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das sich nach einer Verletzung, einem Trauma oder einer Operation entwickeln kann. Obwohl die ursprüngliche Verletzung möglicherweise verheilt ist, bleiben die Schmerzen bestehen oder verstärken sich sogar. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Morbus Sudeck, um Betroffenen und Interessierten ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.

Was ist Morbus Sudeck / CRPS?

Morbus Sudeck, oder CRPS, ist ein Schmerzsyndrom, das typischerweise nach Verletzungen an den Extremitäten auftritt, oft an Hand oder Fuß. Mögliche Auslöser sind Operationen, Knochenbrüche oder auch kleinere Verletzungen. Im Gegensatz zu normalen Heilungsverläufen halten die Schmerzen an oder verstärken sich sogar, anstatt abzuklingen. Zusätzlich zu den Schmerzen können Wahrnehmung, Bewegungen, das vegetative Nervensystem und die Gewebebeschaffenheit im Bereich der betroffenen Extremität beeinträchtigt sein. Häufig ist die gesamte Extremität betroffen und nicht nur der Bereich der ursprünglichen Verletzung.

Historischer Hintergrund und Namensgebung

Der deutsche Chirurg Paul Sudeck beschrieb die Erkrankung erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute gilt der Begriff Morbus Sudeck als veraltet, die aktuelle Bezeichnung ist Complex Regional Pain Syndrome (CRPS). Weitere Synonyme sind Sudecksche Krankheit, Sudeck-Dystrophie, Sudeck-Syndrom, Algodystrophie, Neurodystrophie oder Sympathische Reflexdystrophie.

Typen von CRPS

Morbus Sudeck wird in zwei Typen unterteilt:

  • CRPS Typ I: Hier liegt keine nachweisbare Nervenschädigung vor. Diese Form ist mit etwa 90 Prozent die häufigste.
  • CRPS Typ II: Bei dieser Form liegt eine Nervenschädigung vor. CRPS II wird auch als Kausalgie bezeichnet und kommt seltener vor.

Beide CRPS-Typen haben ähnliche Symptome, unterscheiden sich jedoch in der Art der ursprünglichen Verletzung, die das CRPS ausgelöst hat.

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Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen von Morbus Sudeck sind noch nicht vollständig geklärt. Mediziner vermuten jedoch eine Fehlregulation des vegetativen (autonomen) Nervensystems aufgrund der Verletzung. Dies führt zu einer Störung der Blutversorgung und Schmerzverarbeitung in den betroffenen Händen oder Füßen. Das vegetative Nervensystem steuert lebenswichtige Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Herzschlag, Blutdruck und Stoffwechsel.

Mögliche Auslöser

Morbus Sudeck entsteht häufig als Folge von Verletzungen, wie beispielsweise Unfällen mit Prellungen, Quetschungen, Verrenkungen, Verstauchungen oder Knochenbrüchen. Besonders häufig tritt die Erkrankung nach einer distalen Radiusfraktur (Bruch der Speiche nahe dem Handgelenk) auf. Aber auch Operationen können ein CRPS auslösen.

Die Stärke der Verletzung hat keinen Einfluss darauf, ob sich ein Morbus Sudeck entwickelt. Manchmal reichen schon kleinere Traumata als Auslöser aus, während größere Verletzungen problemlos abheilen. Auch der Schweregrad des Morbus Sudeck korreliert nicht zwangsläufig mit der Schwere des Traumas.

Psychische Faktoren

Anders als früher angenommen, sind psychische Faktoren nicht die Ursache von Morbus Sudeck. Allerdings können bei manchen Patienten erhöhte Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen auftreten, verbunden mit einem verminderten Selbstwertgefühl. Diese psychischen Schwierigkeiten sind vermutlich eher die Folge der Belastungen und Schmerzen aufgrund der Krankheit. Kritische Lebensereignisse wie ein Todesfall in der Familie, eine Scheidung oder extremer Stress im Beruf können die Therapie und den Verlauf der Erkrankung beeinflussen. Bei Kindern gelten schwierige Familienverhältnisse oder Probleme in der Schule als belastende Faktoren.

Symptome

Charakteristisch für Morbus Sudeck sind Schmerzen in den Extremitäten, meistens in einer Hand oder einem Fuß. Auch mehrere Gliedmaßen können betroffen sein. Die Schmerzen treten in Ruhe und bei Belastung auf und werden von Betroffenen oft als brennend oder stechend, wie Messerstiche, beschrieben.

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Weitere Symptome

  • Schmerzen: Die Schmerzen entwickeln sich einige Zeit nach einer Verletzung, sind im Verhältnis zur ursprünglichen Verletzung zu stark und nicht durch diese erklärbar. Sie betreffen nicht nur die verletzte Stelle selbst, sondern werden außerhalb dieses Bereichs lokalisiert.
  • Veränderungen im Gewebe: Es können Veränderungen im Bindegewebe, an Muskeln (Muskelabbau) und Knochen auftreten.
  • Bewegungseinschränkungen: Ohne Behandlung entwickeln sich schnell Einschränkungen der Beweglichkeit und der Gelenkfunktion. Im schlimmsten Fall verlieren die Gliedmaßen ihre Funktion komplett, weil die Gelenke versteifen und die Haut, Sehnen und Muskeln schrumpfen.
  • Schwellung (Ödem): Schwellungen im betroffenen Bereich sind häufig.
  • Temperaturveränderungen der Haut: Die Haut kann sich wärmer oder kälter als normal anfühlen.
  • Berührungsempfindlichkeit: Die betroffene Region kann sehr empfindlich auf Berührungen reagieren.
  • Verändertes Nagel- und Haarwachstum: Es kann zu einem gesteigerten Nagel- und Haarwachstum kommen.

Diagnose

Entscheidend für die Diagnose sind neben der Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) die orthopädische und neurologische Untersuchung. Durch zusätzliche Untersuchungen schließen Ärzte Krankheiten aus, die ein CRPS vortäuschen können, wie rheumatische Erkrankungen, eine Thrombose oder Arthrose.

Diagnostische Verfahren

  • Klinische Untersuchung: Eine umfassende klinische Untersuchung kann bereits mit relativ hoher Sicherheit die Erkrankung diagnostizieren oder ausschließen.
  • Röntgenbild: Ein im Röntgenbild nachgewiesener Kalksalzverlust im Knochen unterstützt die Diagnose.
  • 3-Phasen-Skelettszintigraphie: In Zweifelsfällen wird eine 3-Phasen-Skelettszintigraphie zur Klärung herangezogen.

Behandlung

Je früher die Therapie bei Morbus Sudeck beginnt, desto erfolgreicher ist sie. Die Behandlung ist in der Regel eine multimodale Schmerztherapie, bei der verschiedene Methoden aus unterschiedlichen Bereichen eingesetzt werden. Sie setzt an den Schmerzen und anderen Begleiterscheinungen wie dem Ödem, der psychischen Belastung und dem drohenden Funktionsverlust der betroffenen Gliedmaße an.

Multimodale Schmerztherapie

Wenn der Erfolg stagniert oder die Beschwerden sogar zunehmen, ist es ratsam, in der Klinik eine multimodale Schmerztherapie zu beginnen, die mehrere Behandlungsansätze kombiniert. Betroffene mit Morbus Sudeck, die zunehmend bewegungsunfähig werden, sollten ebenfalls stationär im Krankenhaus behandelt werden.

Medikamentöse Therapie

Eingesetzt werden Medikamente aus verschiedenen Wirkstoffgruppen, welche die Schmerzen lindern, Entzündungen hemmen und den Knochenabbau verhindern sollen.

  • Schmerzmittel (Analgetika) und Medikamente gegen Nervenschmerzen (Antineuropathika): Sie werden nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabreicht. Je nach Schmerzstärke kommen Paracetamol, Ibuprofen, aber auch schwache und starke Opioide zum Einsatz. Ketamin und Gabapentin wirken gegen brennende Nervenschmerzen.
  • Bisphosphonate: Sie hemmen die Aktivität von knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten).
  • Steroide: Sie wirken Entzündungen und Ödemen entgegen. Ein Beispiel ist Prednisolon.
  • Dimethylsulfoxid (DMSO): Wird lokal gegen Hautreizungen angewendet.

Physiotherapie

Bei der Physiotherapie wird versucht, krankhafte Bewegungsmuster aufzudecken und diese zu korrigieren. So hilft sie Betroffenen wieder beweglicher zu werden und die Funktion der Gliedmaße zu verbessern. Wichtig ist es, die erkrankte Extremität trotz Schmerzen zu bewegen.

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Ergotherapie

Ergotherapie soll bei Morbus Sudeck die Sensibilität wiederherstellen und die Alltagsfunktion der Extremität gewährleisten. Am Anfang gewöhnen Ergotherapeuten die erkrankten Gliedmaßen wieder vorsichtig an Berührung. Außerdem üben Betroffene schmerzfreie Bewegungen ein und trainieren ihre Feinmotorik.

Psychotherapie

Viele Patienten mit Morbus Sudeck haben mit Ängsten, Depressionen und einem verminderten Selbstwertgefühl zu kämpfen. Die Psychotherapie ist deshalb ein wesentlicher Therapiebestandteil. Eingesetzt werden verhaltenstherapeutische Maßnahmen, zum Beispiel Spiegeltherapie, Bewegungslernen oder abgestufte Schmerzexposition, mit der die Angst vor dem Schmerz und damit vor der Bewegung abgebaut wird. Auch Entspannungstechniken und das Erlernen einer angemessenen Belastung und Entlastung zählen dazu.

Interventionelle Therapie

Die interventionelle Therapie umfasst spezielle Eingriffe, die Schmerzen und Muskelverspannungen lindern sollen. Nur ausgebildetes Personal soll diese durchführen, weil es in Einzelfällen zu bedrohlichen Komplikationen kommen kann.

Verlauf und Prognose

Je früher die Krankheit erkannt und behandelt wird, desto besser stehen die Chancen auf Heilung. Vor allem bei Kindern hat das CRPS eine gute Prognose. Der Krankheitsverlauf bei Menschen mit Morbus Sudeck ist individuell sehr unterschiedlich. Schätzungen zufolge heilen die Beschwerden bei mehr als 50 Prozent weitgehend innerhalb eines Jahres aus. Bei einigen Betroffenen bleiben aber Schmerzen bestehen oder der Morbus Sudeck flammt in unregelmäßigen Abständen wieder auf.

Vielen Patienten gelingt es aber mit den richtigen Therapien, ihre Symptome zu kontrollieren und ihren Alltag bei guter Lebensqualität zu bestreiten - auch wenn das CRPS nicht mehr vollständig ausheilt. Beginnt die Therapie zu spät oder wird eine falsche Behandlung ausgewählt, kann das CRPS chronisch werden. Die Krankheit schreitet immer weiter fort und kann Behinderungen zur Folge haben, welche die Lebensqualität erheblich einschränken.

Vorbeugung

Einem CRPS-Syndrom kann man nicht direkt vorbeugen, da es in der Folge von Unfällen und Operationen entsteht. Die einzige Möglichkeit ist, auf operative Eingriffe zu verzichten, die nicht zwingend nötig sind. Die meisten Operationen sind aber notwendig und medizinisch gerechtfertigt. Nach einer Operation sollten Betroffene versuchen, möglichst schnell wieder mobil im betroffenen Gelenk zu werden.

Rechtliche Aspekte

Morbus Sudeck kann als Folge von Behandlungsfehlern auftreten. Dies kann rechtliche Konsequenzen haben, wenn die geschädigte Person sich für eine Klage entscheidet. Ein gerichtlich zugesprochenes Schmerzensgeld macht zwar den Schaden nicht wieder gut, bietet aber eine gewisse Kompensation für entgangene Lebensfreude. Es ist wichtig, dass Morbus Sudeck im Rahmen einer ärztlichen Aufklärung nicht verharmlosend dargestellt wird.

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