Multiple Sklerose: Aktuelle Forschung zu Auslösern und Frühwarnzeichen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland mehr als 280.000 Menschen betroffen sind. Jedes Jahr kommen etwa 15.000 Neuerkrankungen hinzu. Die Erkrankung ist durch vielfältige Symptome gekennzeichnet, was ihr den Namen "Krankheit der 1000 Gesichter" eingebracht hat. Die Forschung konzentriert sich verstärkt auf die Identifizierung von Auslösern und Frühwarnzeichen, um die Diagnose und Behandlung zu verbessern.

Immunologische Mechanismen und multifaktorielle Ursachen

Anneli Peters und andere Forschende untersuchen intensiv die immunologischen Mechanismen, die bei MS eine Rolle spielen. Bei MS greifen körpereigene Immunzellen die Myelinscheide, die isolierende Schicht der Nervenfasern, an und schädigen diese. Dies führt zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen wie Sehstörungen, Missempfindungen und Lähmungen.

Die genauen Ursachen für diese Fehlsteuerung des Immunsystems sind noch nicht vollständig geklärt. MS wird als multifaktorielle Erkrankung betrachtet, bei der genetische und Umweltfaktoren zusammenwirken müssen, um den Ausbruch der Krankheit zu verursachen. Zu den bekannten Risikofaktoren gehören:

  • Genetische Komponenten: Eine familiäre Vorgeschichte von MS erhöht das Erkrankungsrisiko.
  • Umweltfaktoren: Rauchen, Vitamin-D-Mangel und bestimmte Infektionskrankheiten.
  • Darmflora: Mikroorganismen im Darm stehen seit längerem im Verdacht, eine Rolle bei der Entstehung von MS zu spielen.

Die Rolle der Darmflora bei MS

Bisherige Studien haben Unterschiede in der Darmflora von MS-Patienten und gesunden Personen festgestellt. Um die Bedeutung dieser Unterschiede genauer zu untersuchen, wurde ein großes Kooperationsprojekt unter der Leitung von Dr. Anneli Peters und Professor Hartmut Wekerle initiiert. In einer Zwillingsstudie wurden Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren aus der MS TWIN STUDY untersucht und die Zusammensetzung der Darmflora verglichen. Dabei wurden 51 Taxa (Mikroorganismen einer bestimmten Gruppe) identifiziert, die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich häufig vorkamen.

Innovative Untersuchung des Dünndarms

In dieser Studie gingen die Forschenden einen Schritt weiter und entnahmen endoskopisch Proben aus dem Dünndarm von vier Zwillingspaaren. Der Dünndarm gilt als Ort, an dem krankmachende Interaktionen zwischen Mikroorganismen und Immunzellen stattfinden. Im Gegensatz zu früheren Studien, die hauptsächlich Stuhlproben untersuchten, lieferten die Dünndarmproben detailliertere Informationen über die vorherrschenden Mikroorganismen.

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Experimentelle Studien mit keimfreien Mäusen

Um die krankmachende Wirkung der Dünndarmproben zu testen, wurden spezielle transgene Mäuse verwendet, die unter keimfreien Bedingungen gehalten wurden. Diese Mäuse entwickeln normalerweise keine MS-ähnlichen Symptome, können aber nach Besiedlung mit bestimmten Darmbakterien eine solche Krankheit entwickeln. Die Mäuse erhielten Darmproben von gesunden oder erkrankten Zwillingen. Es zeigte sich, dass hauptsächlich die Mäuse, die mit Proben von MS-Patienten besiedelt worden waren, Symptome entwickelten.

Identifizierung krankmachender Bakterien

Die anschließende Untersuchung des Stuhls der erkrankten Mäuse identifizierte zwei Mitglieder der Familie der Lachnospiraceen - Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi - als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren. Diese Organismen waren bisher nur in sehr großen Studien mit MS in Verbindung gebracht worden. Die innovative experimentelle Strategie ermöglichte es den Forschenden, diese Bakterien nicht nur auf ihr Vorkommen bei MS-Patienten, sondern auch hinsichtlich ihrer Rolle für die Krankheitsentstehung zu untersuchen.

Frühwarnzeichen von MS: Retrospektive Analysen

Neben den Ursachenforschung konzentriert sich die Forschung auch auf die Identifizierung von Frühwarnzeichen von MS. Eine Studie der Sorbonne-Universität in Paris wertete Gesundheitsdaten von rund 120.000 Personen aus Großbritannien und Frankreich aus, um frühe Symptome zu identifizieren, die mit späteren MS-Diagnosen in Verbindung stehen könnten.

Häufige Symptome vor der Diagnose

Die Analyse ergab, dass MS-Patienten in den fünf Jahren vor ihrer Diagnose mit höherer Wahrscheinlichkeit an bestimmten Symptomen litten:

  • Verstopfung: 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit.
  • Sexuelle Störungen: 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit.
  • Harnwegsinfektionen: 38 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit.
  • Antidepressiva-Verschreibungen: 14 Prozent der MS-Patienten erhielten bereits Antidepressiva, verglichen mit 10 Prozent in der Kontrollgruppe.

Bestätigung durch eine weitere Studie

Eine neuere Studie aus England bestätigte diese Ergebnisse durch eine retrospektive Analyse von Gesundheitsdaten aus dem Clinical Practice Research Datalink (CPRD). In dieser Studie wurden 15.029 MS-Patienten mit 81.027 Kontrollpersonen verglichen. Die Analyse der dokumentierten Symptome in den Jahren vor der MS-Diagnose ergab, dass neurologische Beschwerden wie Taubheit oder Gleichgewichtsstörungen, Schmerzsymptome, psychiatrische Symptome wie Depressionen oder Angstzustände sowie kognitive Symptome bei späteren MS-Erkrankten deutlich häufiger auftraten als bei Kontrollpersonen.

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Bedeutung der Frühwarnzeichen

Beide Studien liefern wertvolle Erkenntnisse über die Jahre vor dem Ausbruch von MS. Die Erkrankung scheint sich bereits etwa fünf Jahre vorher mit mehr oder weniger deutlichen Beschwerden anzukündigen. Es ist wichtig zu betonen, dass das Auftreten dieser Symptome nicht immer ein Frühwarnzeichen für MS sein muss, da sie unspezifisch sein und durch andere Faktoren verursacht werden können. Dennoch unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit weiterer Forschung zur MS-Vorläuferphase.

Weitere Risikofaktoren für MS

Eine bundesweite Fall-Kontroll-Studie mit 576 MS-Betroffenen und 895 Kontrollpersonen identifizierte weitere Risikofaktoren für MS:

  • Familiäre Vorbelastung: Verwandte ersten oder zweiten Grades mit MS erhöhen das Risiko um mehr als das Siebenfache.
  • Infektionen in der Kindheit: Bestimmte Infektionen wie Masern oder Windpocken könnten das Immunsystem langfristig beeinflussen.
  • Alter der Mutter bei der Geburt: Erstgeborene von Müttern über 30 Jahren hatten ein doppelt so hohes MS-Risiko.
  • Belastende Lebensereignisse: Trennung der Eltern, Tod eines Angehörigen oder schwere Krankheiten in der Familie erhöhten das Erkrankungsrisiko.
  • Übergewicht und Bewegungsmangel: Adipositas im Jugendalter erhöhte das Risiko um mehr als das Doppelte.
  • Epstein-Barr-Virus: Eine durchgemachte Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus war mit einer mehr als dreifach erhöhten MS-Wahrscheinlichkeit verbunden.

STING als zentrale Schaltstelle in entzündeten Nervenzellen

Forschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat gezeigt, dass das Protein STING eine zentrale Rolle in entzündeten Nervenzellen von MS-Patienten spielt. STING ist ausschließlich in entzündeten Nervenzellen von MS-Patienten nachweisbar und könnte somit die Grundlage für neue Behandlungsmethoden gegen die Neurodegeneration bei MS bilden, insbesondere wenn gängige Immuntherapien nicht mehr wirksam sind.

Therapeutische Ansätze und personalisierte Behandlung

Die Forschung zu den Auslösern und Mechanismen der MS hat auch zu vielversprechenden therapeutischen Ansätzen geführt. Eine mögliche therapeutische Ausrichtung auf das Epstein-Barr-Virus wird derzeit untersucht. In einer kleinen Phase-I-Studie zeigten mit ATA188 behandelte Patienten sogar neurologische Verbesserungen. Die laufende Phase-II-Studie (EMBOLD) soll diese Ergebnisse bestätigen.

Genetischer Biomarker für die Medikamentenwahl

Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN). Dieser genetische Test kann bereits kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden, um eine personalisierte Therapieentscheidung zu treffen.

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