Temodal Chemotherapie bei Astrozytom: Ein umfassender Überblick

Glioblastome und Astrozytome Grad 4 zählen aufgrund ihres aggressiven Wachstums zu den schwer therapierbaren Hirntumoren. Die Standardtherapie umfasst Resektion, Strahlen- und Chemotherapie mit Temozolomid (TMZ), gefolgt von einer Erhaltungstherapie. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle der Temodal Chemotherapie, insbesondere bei Astrozytomen, und gibt einen Überblick über aktuelle Therapieansätze.

Standardtherapie bei Glioblastom und Astrozytom Grad 4

Die Behandlung von neu diagnostizierten Glioblastomen und Astrozytomen Grad 4 besteht in der Regel aus einer Kombination verschiedener Therapieansätze:

  1. Resektion oder Biopsie: Eine möglichst vollständige Entfernung des Tumors oder eine Biopsie zur Diagnose sind die ersten Schritte.
  2. Strahlentherapie: Nach der Operation folgt eine Strahlentherapie, bei der die Tumorregion mit hochenergetischer ionisierender Strahlung behandelt wird, um Tumorzellen abzutöten. Ein Sicherheitssaum von 2 cm wird oft berücksichtigt, um auch "Ausläufer" des Tumors zu erfassen.
  3. Chemotherapie mit Temozolomid (TMZ): Temozolomid ist ein Zytostatikum, das Tumorzellen abtöten kann und oft gemeinsam mit der Strahlentherapie eingesetzt wird. Es wird täglich oral verabreicht, mit einer Dosis von 75 mg/m2 für 42 Tage gleichzeitig mit fokaler Radiotherapie (60 Gy angewendet in 30 Fraktionen).
  4. Erhaltungs-Chemotherapie: Im Anschluss an die kombinierte Strahlen- und Chemotherapie beginnt eine Erhaltungs-Chemotherapie, die meist aus sechs Zyklen Temozolomid besteht. Vier Wochen nach Beendigung der Begleittherapie wird Temozolomid für bis zu 6 Zyklen als Monotherapie angewendet. 5 Tage gefolgt von 23 Tagen ohne Behandlung. Ein Therapiezyklus umfasst 28 Tage.
  5. Optune Gio® (TTFields): Zusätzlich zur Erhaltungs-Chemotherapie kann die Behandlung mit Optune Gio® erfolgen, einer lokalen, nicht-invasiven Behandlung, die zu Hause durchgeführt wird.

Temozolomid (Temodal®): Wirkweise und Anwendung

Temozolomid (Temodal®) ist ein Prodrug aus der Wirkstoffklasse der Alkylanzien. Es zeichnet sich durch seine lipophile Grundstruktur aus, die es ihm ermöglicht, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und somit das Tumorgewebe zu erreichen.

Wirkmechanismus

Temozolomid wird im Körper bei physiologischem pH-Wert in seine aktive Wirkform Monomethyltriazenylimidazolcarboxamid (MTIC) umgewandelt. MTIC alkyliert vorwiegend Guanin-Basen in der DNA der Tumorzellen. Da maligne Tumorzellen auf DNA-Replikationsmechanismen angewiesen sind, um schnelle Zellteilungsraten aufrechtzuerhalten, führt die Alkylierung durch MTIC zum Absterben der Tumorzellen.

Dosierung und Verabreichung

Temozolomid wird täglich oral verabreicht. Die Dosierung richtet sich nach der Körperoberfläche des Patienten. Die Einnahme von Temozolomid mit Nahrung führte zu einer Abnahme der Cmax um 33% und der Fläche unter der Kurve (AUC) um 9%.

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Indikation

Temozolomid ist zugelassen für die Behandlung von:

  • Patienten mit erstmalig diagnostiziertem Glioblastom, zunächst begleitend zur Radiotherapie und anschließend als Monotherapie in adjuvanten Zyklen.
  • Patienten mit einem malignen Gliom (z. B. anaplastisches Astrozytom), das nach Standardtherapie rezidivierte oder progredient war.
  • Kinder ab 3 Jahren, Jugendliche und erwachsene Patienten mit einem nach Standardtherapie rezidivierenden oder progredienten malignen Gliom.

Verträglichkeit und Nebenwirkungen

Temozolomid gilt im Allgemeinen als gut verträglich. Klinisch relevante Grad-drei- bis -vier-Nebenwirkungen sind selten. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen sind:

  • Gastrointestinale Störungen (Obstipation, Übelkeit, Erbrechen)
  • Leuko- und Thrombozytopenien
  • Müdigkeit
  • Hautausschläge
  • Haarausfall

In seltenen Fällen kann Temozolomid auch zu schweren Leberschäden führen. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle der Leberwerte während der Therapie angezeigt.

Temozolomid darf nicht bei schwangeren Frauen angewendet werden. Es ist nicht bekannt, ob Temozolomid beim Menschen in die Muttermilch übergeht.

Bedeutung des MGMT-Promotor-Methylierungsstatus

Für die Entscheidung, welche Chemotherapie die richtige ist, werden molekulare Befunde (MGMT-Promotor-Methylierungsstatus bei Glioblastom) miteinbezogen, um ein optimales, möglichst personalisiertes Therapiekonzept zu entwickeln. Der Methylierungsstatus des MGMT-Promotors ist ein wichtiger molekulargenetischer Marker, der aus dem Tumorgewebe bestimmt wird. Im Falle einer positiven Methylierung ist von einer besseren Prognose und gegebenenfalls auch von einem besseren Ansprechen auf eine Chemotherapie auszugehen.

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Temozolomid bei rezidivierenden Glioblastomen und Astrozytomen Grad 4

Wenn ein Glioblastom oder Astrozytom Grad 4 nach der anfänglichen Therapie erneut wächst, wird es als rezidivierendes Glioblastom oder Astrozytom Grad 4 bezeichnet. Es kommt bei diesen Hirntumoren fast immer zu einem Rezidiv. Im Falle eines rezidivierenden Glioblastoms oder Astrozytom Grad 4 gibt es keine Standardtherapie, sondern die Behandlung wird gemeinsam mit den behandelnden Ärzten individuell abgestimmt.

Therapieoptionen im Rezidiv

Generell prüfen die behandelnden Ärzte bei einem fortschreitenden Gliom immer die Möglichkeit einer erneuten Operation und/oder einer Strahlentherapie. Als medikamentöse Standardtherapie geben wir das Medikament CCNU (Lomustin). Bei Patienten mit einem methylierten MGMT-Promotor kann im ersten Rezidiv auch noch einmal Temozolomid gegeben werden. Wenn CCNU und Temozolomid nicht mehr wirksam sind, werden wir den Einsatz der Substanzen Regorafenib diskutieren. Ggf. stehen auch klinische Studien zur Verfügung

  • Erneute Operation und/oder Strahlentherapie: Wenn möglich, kann eine erneute Operation zur Tumorentfernung oder eine Strahlentherapie in Betracht gezogen werden.
  • Chemotherapie: Bei einer Chemotherapie im Rezidiv sind Nitrosoharnstoffe (CCNU) oder Temozolomid laut S2k-Leitlinie Medikamente der ersten Wahl. Weitere Optionen sind gegebenenfalls zielgerichtete Medikamente - wenn möglich im Rahmen klinischer Studien.
  • Bevacizumab (Avastin®): Bevacizumab hemmt die Neubildung von Blutgefässen im Tumor und normalisiert Blutgefässe. Es ist in den USA und einigen europäischen Ländern, nicht jedoch in Deutschland, für die Rezidivtherapie des Glioblastoms zugelassen. Aktuell ist es in Deutschland nur in klinischen Studien oder als individueller Heilversuch nach Kostenübernahmeantrag bei der Krankenkasse verfügbar.
  • Klinische Studien: Der Einsatz experimenteller Therapien im Rahmen klinischer Studien ist eine wichtige Option, insbesondere wenn andere Therapieansätze ausgeschöpft sind.
  • Individuelle Therapiekonzepte: Bei Fehlen einer Standardtherapie kann ein individuelles Therapiekonzept im Rahmen eines individuellen Heilversuchs gefunden werden.

Personalisierte Therapieansätze

Moderne Therapieansätze berücksichtigen zunehmend die molekularen Eigenschaften des Tumors, um eine personalisierte Therapie zu ermöglichen.

Molekulare Diagnostik

Für die Entscheidung, welche Chemotherapie die richtige ist, werden molekulare Befunde (MGMT-Promotor-Methylierungsstatus bei Glioblastom; 1p/19q-Codeletion bei Grad II- und Grad III-Gliomen) miteinbezogen, um ein optimales, möglichst personalisiertes Therapiekonzept zu entwickeln. In fortgeschrittenen Rezidivsituationen können insbesondere bei seltenen Tumoren gegebenenfalls weitere genetische Marker bestimmt werden, die helfen, eine experimentelle personalisierte Therapie zu finden.

Therapieentscheidungen im Tumorboard

Alle Therapieentscheidungen werden im interdisziplinären Tumorboard (incl. Neurochirurgie und Radiotherapie) unseres DKG-zertifzierten Neuroonkologischen Zentrums getroffen. Die Entscheidungen zur personalisierten Therapie werden im DKG-zertifizierten Molekularen Tumorboard des CIO Bonn getroffen.

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Weitere Therapieansätze und Studien

Neben der Standardtherapie und den genannten Optionen gibt es eine Vielzahl von Therapiestudien mit neuen Substanzen und Wirkprinzipien, die für Patienten mit Glioblastomen und Astrozytomen Grad 4 angeboten werden.

Immuntherapie

Auch bei Gliomen forschen Ärzteteams an verschiedenen immuntherapeutischen Ansätzen und Impfkonzepten. Bei diesen Hirntumoren ist das aus mehreren Gründen schwieriger als bei den meisten anderen Tumorerkrankungen. Viele Strategien werden derzeit in vorklinischen Studien untersucht.

Klinische Studien

Patienten mit bösartigen Erkrankungen, also auch bei malignen Gliomen, werden die Kollegen des Zentrums für Palliativmedizin frühzeitig eingebunden. Diese sind nicht nur für die Betreuung in den letzten Lebenstagen zuständig, sondern kümmern sich sehr frühzeitig um die soziale Betreuung der Patienten, führen Gespräche mit Patienten und deren Angehörigen und helfen den Patienten und deren Familien, die gesamte, belastende Situation in all ihren Facetten auf bestmöglichem Weg zu meistern.

Supportive Therapie

Zusätzlich zur tumorgerichteten Therapie ist eine supportive Therapie wichtig, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und Nebenwirkungen der Behandlung zu lindern.

Symptomkontrolle

Jenseits der direkt auf den Tumor gerichteten Therapie kümmern wir uns um alle Probleme, die im Zusammenhang mit einer Hirntumorerkrankung auftreten. Dazu gehören Fragen des Umgangs mit epileptischen Anfällen, kognitiven Einschränkungen und Begleiterkrankungen (z.B. Thrombosen) ebenso wie Hilfe bei sozialmedizinischen Fragen und Vermittlung von psychoonkologischer Betreuung.

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