Terry Wahls, Multiple Sklerose und die Paleo-Ernährung: Ein umfassender Ansatz zur Behandlung von MS

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der weltweit über 2 Millionen Menschen betroffen sind. Im Verlauf der Krankheit kann es zu vielfältigen Symptomen kommen, die von Taubheitsgefühlen bis hin zu Lähmungen und Sehstörungen reichen. Ein wichtiger Aspekt der Therapie besteht darin, die starken systemischen Entzündungsreaktionen zu bekämpfen, die bei den meisten MS-Patienten auftreten.

Viele Ärzte und MS-Gesellschaften betonen jedoch, dass es keine wissenschaftlich fundierte Ernährung bei MS gibt. Diese Haltung hält viele Betroffene davon ab, eine Ernährungsumstellung in Betracht zu ziehen. Dennoch integrieren immerhin 30 Prozent aller MS-Patienten ein bestimmtes Ernährungskonzept in ihre MS-Therapie, oft mit Erfolg.

Die Rolle der Ernährung bei Multipler Sklerose

Die Ernährung spielt eine entscheidende Rolle bei der Beeinflussung von Entzündungsprozessen im Körper und der Unterstützung der Darmgesundheit. Eine gezielte Ernährung kann das Mikrobiom stabilisieren und möglicherweise die Krankheitsaktivität verringern.

Terry Wahls und das Wahls-Protokoll

Terry Wahls, eine Ärztin, Forscherin und selbst MS-Patientin, entwickelte das Wahls-Protokoll, eine spezielle Form der Paleo-Ernährung ohne Getreide und Gluten. Neben der Ernährung umfasst das Protokoll auch Stressmanagement und neuromuskuläre Elektrostimulation, um Muskelabbau zu verhindern.

Wahls begann, alles an Literatur zu MS, Autoimmunerkrankungen und möglichen Therapien zu studieren. Sie las sämtliche wissenschaftliche Literatur zu neurologischen Störungen, die sie finden konnte, und fand einen gemeinsamen Nenner: Fast alle Experten stellten fest, dass die Mitochondrien den Zellen das Signal gaben, zu früh zu sterben. Also beschloss sie, sich auf die Zellgesundheit zu fokussieren und über die Ernährung sicherzustellen, dass die Zellen die richtige Nahrung erhalten.

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Stark vereinfacht ausgedrückt folgte sie schließlich dem Rat einer Kollegin, ihre Ernährung umzustellen. Wahls, selbst langjährige Vegetarierin (viel Getreide, viele Milchprodukte), schwenkte auf Paleo ganz ohne Gluten und Milchprodukte um, entwickelte umfassende Recherchen zu Mikronährstoffen für Nervenzellen und experimentierte mit elektronischer Muskelstimulation. Sie erhoffte sich, so den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen, tatsächlich aber verbesserte sich ihr Zustand so weit, dass sie heute wieder läuft, Fahrrad fährt, Fußball spielt und einen Vollzeitjob als Ärztin ausfüllt.

Ihr Gesundheitsplan, das Wahls Protokoll, wurde zum internationalen Bestseller, denn sie verspricht, es helfe nicht nur Menschen mit MS, sondern auch allgemein bei Autoimmunerkrankungen wie Lupus, Allergien, Asthma und Rheuma.

Die Prinzipien des Wahls-Protokolls

Das Wahls-Protokoll zielt darauf ab, die Mitochondrien in Gehirn und Rückenmark mit allem zu versorgen, was sie für eine einwandfreie Funktion benötigen. Eine gesunde Darmflora ist die Grundvoraussetzung, dass nur nährende Stoffe in den Blutkreislauf gelangen und schädliche neutralisiert oder ausgeschieden werden.

Bei Wahls heißt es: Iss reichlich, iss lecker, iss bunt! Am Tag: neun Tassen Gemüse und Obst, viel Eiweiß, Nüsse und Samen und gesunde Fette. Dabei geht es darum, so vielfältig wie möglich zu essen. Von den neun Tassen sollen es drei Tassen grünes Gemüse sein und davon auch kalziumreiches wie Rucola, Spinat oder der asiatische Senfkohl Pak Choi. Die nächsten drei Tassen sind bunt. Rot wie Kirschen oder Tomaten, blau, violett oder schwarz wie Aroniabeeren, Feigen oder Auberginen, gelb und orange wie Ananas, Kürbis oder Süßkartoffeln. Diese bunten Früchte stecken voller Antioxidantien und diese schützen uns nachweislich vor Herzkrankheiten, Krebs und Demenz. Antioxidantien sind die Stoffe, die unsere Körper vor freien Radikalen schützen, die wiederum Zellschäden verursachen. Die letzten drei Tassen füllen schwefelhaltige Gemüsesorten wie Kohl, Zwiebelgewächse, Pilze und Spargel. Schwefel hilft dem Körper bei der Entgiftung und schützt die Gelenke und Blutgefäße. Er unterstützt die gesunde Funktion des Darms und der Leber und nährt unsere Gehirnzellen. Übrigens zählen zwei Zehen Knoblauch am Tag schon als eine Tasse Gemüse. Bei Obst haben wir am meisten von Beeren, je dunkler das Obst oder Gemüse umso nährstoffhaltiger.

Durch den relativ hohen Anteil an Gemüse und Obst ist Terry Wahls Ernährungsprogramm in den ersten beiden Phasen zunächst kohlehydratarm, frei von Getreideprodukten und Zucker. Die Kohlehydrate werden mehr und mehr zurückgedrängt, um in der dritten Phase in die Ketose zu kommen.

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Wahls möchte, dass wir jeden Tag tierisches Eiweiß essen. 250 bis 600 Gramm je nach Geschlecht und Körpergröße Das ist eine ganze Menge und sie erklärt, warum: Essentielle Eiweiße kann unser Körper nicht alleine bilden, braucht sie aber für seine Lebensfunktionen. Wenn wir unserem Körper nicht die nötigen Aminosäuren zufügen, holt er sich diese aus eigenen Muskel- und Organzellen und isst sich sozusagen selber auf. Fleisch und Fisch verfügen über lebensnotwendige Fettsäuren. ALA, die Alpha-Linolensäure, wird im Internet als Allheilmittel für MSler beschrieben. Die Internistin aus Iowa plädiert dafür, dass wir auch Knochen, Sehnen und Knorpel mitverwenden, weil sie Kollagen und andere Nährstoffe für unsere eigenen Knochen und Gelenke liefern. Am einfachsten geht das mit Knochenbrühe, für die es keinen vegetarischen Ersatz gibt. Wer nicht so viel Fisch und Fleisch essen mag oder kann, probiert es zusätzlich mit Eiern. Da Frau Dr. Wahls sie persönlich nicht verträgt, existieren sie in ihrem Programm nicht. Im Wahls-Protocol gibt es keinerlei Milch- oder Milchprodukte. Dafür führt sie Innereien wieder in unseren Speiseplan ein. 350 Gramm pro Woche Leber, Herz, Nieren und Zunge sollten ab dem Paläo-Programm wieder Einzug in unsere Küchen halten. Wer sie überhaupt nicht mag, kann sie in normalen Gerichten „verstecken“ also püriert oder stark zerkleinert mit untermischen. Am besten in Kombination mit Meeres- oder Seealgen. Bei vielen Naturvölkern steht der Verzehr der rohen warmen Leber eines frisch erlegten Tieres dem erfolgreichen Jäger zu. Selbst heute noch behält der erfolgreiche deutsche Jäger die Leber des erlegten Tieres zum selber essen. In den inneren Organen finden wir eine hohe Nährstoffdichte an Vitaminen, Spurenelementen und essentiellen Fettsäuren. Einig sind sich Dr. Wahls und andere Wissenschaftler, dass Fleisch und Fisch aus Jagd, Wildfang und natürlicher Weidetierhaltung stammen sollten. Bei den Fetten steht Kokosöl an erster Stelle, weil es das einzige Pflanzenfett ist, das bei Hitze - also beim Braten oder Kochen - nicht denaturiert und Ketonkörper enthält. Wichtig ist das richtige Verhältnis von Omega 6- zu Omega 3-Fettsäuren, da wir in unserer heutigen Ernährungsweise einen zu hohen Omega 6- Anteil haben, sollten wir frisches bis zu drei Tage altes Leinöl, Hanf- oder Walnussöl kalt verwenden. In Maßen gut sind kaltgepresstes Oliven-, Sesam- oder Avocadoöl. Und sie müssen kalt bleiben, sonst stellen wir aus Versehen zuhause selbst gehärtete oder Transfette her. In ihrem 3. Teil des Ernährungsprogramms, der Paläo-Plus-Ernährung, brauchen wir insgesamt mehr Fett, weil wir den Blutzucker bis zur Ketose zurückdrängen möchten. So empfiehlt Frau Dr. Wahls, am Tag fünf Esslöffel Kokosfett zu essen oder eine dreiviertel bis volle Büchse vollfette Kokosmilch zu konsumieren. Dabei werden kohlehydratreiche, stärkehaltige Gemüsesorten und süßes Obst reduziert. Außerdem ist Kokosmilch vielseitig verwendbar, z.B. Fermentation ist der Fachbegriff für Gärung. Dieses Verfahren haben schon vor tausenden von Jahren unsere Vorfahren benutzt, um mit Salz und vor Luft geschützt, Lebensmittel haltbar zu machen. Vermutlich entstanden Met aus Honig und Bier so zuallererst. Die Milchsäurebakterien, die bei der Gärung beschäftigt sind, sind für die Heilung der Darmflora unabdingbar. Von Anfang an ist ein Esslöffel Nährhefe täglich mit am Start, die uns mit den nötigen B-Vitaminen, weiteren Mineralstoffen und Proteinen versorgt. Last but not least kommen wir zum Naschen. Am besten eignen sich rohe Nüsse und Samen dazu, pro Tag sollten wir bis zu 115 Gramm essen, bei den ersten beiden Schritten des Ernährungsprogramms können wir auch getrocknete Früchte und Rosinen dazu essen, später lassen wir zu süßes getrocknetes Obst weg und konzentrieren uns eher auf Beeren. Dunkle Beeren sind die gesündesten Obstsorten für MSler. Am gesündesten sind Nüsse und Samen, wenn sie einen ganzen Tag lang eingeweicht wurden, ja sogar Getreide und Hülsenfrüchte können eingeweicht und gekeimt gegessen werden, weil sich dadurch der Enzymgehalt erhöht und durch das Keimen das Gluten neutralisiert wird. Dieser vielfältige Mix der Nahrungsmittel soll uns und besonders unsere Nervenzellen mit allem nötigen versorgen, sodass wir auf zusätzliche Nahrungsergänzungsmittel verzichten können. Ausnahme wird in unseren Breitengeraden und bei Stubenhockern Vitamin D bleiben. Es ist schwierig, Fachärzte zu finden, die bereit und in der Lage sind, ausführliche Untersuchungen zu machen, die unser Fettsäureprofil betrifft oder den Status aller Vitamine und Mikronährstoffe. Wir müssen die Krankenkassen dazu bringen, solche Tests zu bezahlen und wenn nötig auch die Ergänzungsmittel, die wir persönlich brauchen. Wenn es durch die Ernährung besser geht, die Kilos purzeln und das Wohlbefinden steigt, geht es darum, weiter zu machen. Anfangs ist die Ernährungsumstellung Stress, weil wir mit knurrendem Magen vor dem vollen Kühlschrank stehen und nicht wissen, was wir essen sollen. Trotzdem und gerade darum, traut Euch, Eure eigenen Erfahrungen damit zu machen, Euch gesund zu ernähren. Ihr müsst Euch dabei nicht sklavisch an Dr. Doch nach und nach wird der Sinn des Ganzen klar und nach und nach ändern sich seit Jahrzehnten eingefleischte Gewohnheiten und Vorlieben. Wer einfach anfangen möchte, ohne sich mit komplizierten Theorien zu plagen, schaut z.B. auf die Seite www.Urgeschmack.de von Felix Olschewski. Wenn unser industrialisierter Lebensstil uns mit krank gemacht hat, hilft nur, ihn zu ändern, um wieder so gesund wie möglich zu werden. Holen wir uns eigenverantwortlich unsere Gesundheit zurück. Bitten wir Ärzte mit medizinischem Sach- und gesundem Menschenverstand gleichermaßen, uns dabei zu unterstützen.

Weitere Ernährungsempfehlungen bei MS

Neben dem Wahls-Protokoll gibt es weitere Ernährungsempfehlungen, die bei MS hilfreich sein können:

  • Swank-Diät: Diese Diät wurde bereits in den 1950er Jahren von Dr. Roy Swank entwickelt und zielt darauf ab, die Zufuhr gesättigter Fette zu reduzieren. Der Anteil an gesättigten Fetten darf in der Ernährung nicht mehr als 15 g pro Tag betragen. Früchte und Gemüse sind ohne Einschränkungen erlaubt. Im ersten Jahr ist rotes Fleisch (inkl. Schweinefleisch) verboten. Geflügelfleisch (ohne Haut) und Fisch sind erlaubt. Milchprodukte dürfen nur verzehrt werden, wenn sie 1 % Fettgehalt oder weniger aufweisen. Als Snack soll man zu Nüssen und Samen greifen.

  • Entzündungshemmende Ernährung: Diese Ernährungsweise konzentriert sich auf den Verzehr von Lebensmitteln, die Entzündungen im Körper reduzieren können. Dazu gehören Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und Ballaststoffe.

  • Ketogene Diät: Diese Diät beinhaltet eine hohe Fettaufnahme und eine gleichzeitige Reduzierung von Kohlenhydraten. Sie könnte die Energieversorgung der Nervenzellen verbessern und Entzündungen im Körper verringern.

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Zu vermeidende Lebensmittel

Bestimmte Nahrungsmittel können Entzündungen fördern und das Mikrobiom negativ beeinflussen. Dazu gehören:

  • Gesättigte Fette: Enthalten in Fleisch, Wurst, Butter, Palm- und Kokosfett.
  • Transfette: Entstehen durch industrielle Prozesse oder hohes Erhitzen von ungesättigten Fettsäuren.
  • Zucker und Weißmehl: Führen zu Blutzuckerschwankungen und fördern Entzündungen.
  • Rotes Fleisch: Kann über verschiedene Mechanismen Entzündungsprozesse beschleunigen.
  • Milchprodukte: Bestimmte Proteine im Fettanteil könnten eine ursächliche Rolle bei MS spielen.
  • Salz: Eine salzreiche Ernährung kann entzündliche Prozesse im Nervensystem fördern und beschleunigen.

Wichtige Nährstoffe bei MS

Bei chronischen Erkrankungen ist es wichtig, Vitalstoffmängel zu vermeiden. Bei MS sind besonders wichtig:

  • Vitamin D: Spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Immunsystems.
  • Omega-3-Fettsäuren: Wirken entzündungshemmend und immunsystemregulierend.
  • Antioxidantien: Schützen die Zellen vor Schäden durch freie Radikale.
  • B-Vitamine: Wichtig für die Funktion des Nervensystems.

Die Bedeutung der Darmgesundheit

Die Darmgesundheit spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie MS. Eine ungesunde Ernährung kann zu einer Störung der Darmflora führen, was Entzündungen und eine durchlässige Darmschleimhaut zur Folge haben kann. Um die Darmgesundheit zu fördern, sind folgende Maßnahmen empfehlenswert:

  • Verzehr von präbiotischen Lebensmitteln: Fördern das Wachstum nützlicher Darmbakterien. Beispiele hierfür sind Knoblauch, Zwiebeln, Spargel und Hafer.

  • Verzehr von probiotischen Lebensmitteln: Enthalten lebende Mikroorganismen, die das Mikrobiom unterstützen. Beispiele hierfür sind Joghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi.

  • Ballaststoffreiche Ernährung: Fördert die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren, die entzündungshemmend wirken.

Weitere wichtige Aspekte der MS-Therapie

Neben der Ernährung spielen auch andere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS:

  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die motorischen Funktionen verbessern und die Müdigkeit reduzieren.
  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann Entzündungen verstärken und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.
  • Rauchen: Rauchen kann die Krankheit verstärken und den Verlauf beschleunigen.
  • Medikamentöse Therapie: Medikamente können helfen, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen und die Symptome zu lindern.

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