Tetanustoxin: Wirkungsweise und Mechanismen an der Synapse

Tetanustoxin, produziert von Clostridium tetani, ist ein hochwirksames Neurotoxin, das den gefürchteten Wundstarrkrampf (Tetanus) verursacht. Um die Gefährlichkeit dieses Bakteriums zu verstehen, ist es wichtig, die Funktionsweise des Nervengiftes zu kennen.

Clostridium tetani und Tetanus

Clostridium tetani gehört zur Familie der Clostridien, sporenbildende, obligat anaerobe, grampositive Bakterien. Diese Bakterien sind weit verbreitet im Erdreich und im Verdauungstrakt von Tieren zu finden. Unter anaeroben Bedingungen, wie sie in tiefen Wunden herrschen können, vermehren sich die Bakterien und produzieren das Tetanustoxin.

Die Synapse: Schaltstelle der neuronalen Kommunikation

Synapsen sind die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen und spielen eine zentrale Rolle bei der Informationsübertragung im Nervensystem. Das menschliche Gehirn besteht aus einem komplexen Netzwerk von etwa 100 Milliarden Nervenzellen, von denen jede über Tausende von Synapsen mit anderen Zellen verbunden ist. An diesen Synapsen wird ein Nervenimpuls von einer Zelle zur nächsten übertragen. Im Gegensatz zu elektronischen Datenverarbeitungsanlagen, wo die einzelnen Schaltelemente starr miteinander verbunden sind, sind die Synapsen des Gehirns dynamisch - sie ändern ihre Verbindungsstärke je nach Signaldurchfluss. Es ist diese Plastizität der Signalweiterleitung, in der die meisten Neurowissenschaftler die Leistungen des Gehirns verankert sehen.

Die neuronale Kommunikation an Synapsen erfolgt in mehreren Schritten:

  1. Ein elektrischer Impuls (Aktionspotential) erreicht die Nervenendigung der präsynaptischen Zelle.
  2. Dieser Impuls löst einen molekularen Mechanismus aus, der zur Freisetzung von Neurotransmittern führt.
  3. Neurotransmitter diffundieren über den synaptischen Spalt, den winzigen Raum zwischen den Zellen.
  4. Neurotransmitter binden an Rezeptoren auf der postsynaptischen Zelle und lösen dort einen neuen elektrischen Impuls aus.

Die Neurotransmitter werden in kleinen Vesikeln gespeichert, die von einer Membran umhüllt sind. Damit die Vesikel ihren Inhalt in den Synapsenspalt ausschütten können, müssen sie mit der Zellmembran verschmelzen. Dieser Prozess wird als Exozytose bezeichnet.

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Der SNARE-Komplex: Schlüssel zur Vesikelfusion

Die Verschmelzung der Vesikel mit der Zellmembran wird durch einen Proteinkomplex namens SNARE-Komplex vermittelt. Dieser Komplex besteht aus drei Hauptproteinen:

  • Synaptobrevin, das in der Vesikelmembran verankert ist
  • Syntaxin, das in der Zellmembran lokalisiert ist
  • SNAP-25, das ebenfalls in der Zellmembran vorhanden ist

Wenn sich ein Vesikel an die Zellmembran anlagert, bilden diese drei Proteine eine sehr stabile Bindung, wodurch genügend Energie freigesetzt wird, um die Membranen verschmelzen zu lassen.

Wirkungsmechanismus des Tetanustoxins

Tetanustoxin greift gezielt in diesen SNARE-Komplex ein und verhindert so die Freisetzung von Neurotransmittern. Das Toxin wird zunächst an Nervenzellen gebunden und dann durch Endozytose in die Zelle aufgenommen. Anschließend wandert das Tetanustoxin retrograd, also entgegen der üblichen Richtung des Nervenimpulses, entlang der Nervenzellen bis ins zentrale Nervensystem (ZNS).

Im ZNS angelangt, wirkt das Tetanustoxin hauptsächlich auf inhibitorische Neurone, insbesondere auf Renshaw-Zellen im Rückenmark. Diese Zellen setzen normalerweise hemmende Neurotransmitter wie GABA (Gamma-Aminobuttersäure) und Glycin frei, die die Aktivität der motorischen Neurone kontrollieren und so Muskelentspannung ermöglichen.

Das Tetanustoxin ist eine Zink-abhängige Endopeptidase, die spezifisch Synaptobrevin spaltet. Durch die Spaltung von Synaptobrevin wird die Bildung des SNARE-Komplexes verhindert, was die Exozytose der inhibitorischen Neurotransmitter GABA und Glycin unterbindet.

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Folgen der Tetanustoxin-Wirkung

Die Blockade der inhibitorischen Neurotransmission führt zu einer unkontrollierten Aktivität der motorischen Neurone. Dies resultiert inGeneralisierte Muskelkrämpfe, die das Leitsymptom des Tetanus sind. Typische Symptome sind:

  • Risus sardonicus (Teufelsgrinsen) durch Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur
  • Opisthotonus (Überstreckung des Körpers) durch Verkrampfung der Rückenmuskulatur
  • Schluckbeschwerden und Atemnot durch Verkrampfung der Atemmuskulatur

Unbehandelt kann Tetanus tödlich verlaufen, meist aufgrund von Atemstillstand.

Therapie und Prävention

Die Behandlung von Tetanus umfasst in erster Linie die Neutralisierung des Tetanustoxins mit Tetanus-Immunglobulin. Dieses Immunglobulin enthält Antikörper, die das Tetanustoxin binden und unwirksam machen können. Zusätzlich werden symptomatische Maßnahmen ergriffen, um die Muskelkrämpfe zu kontrollieren und die Atemfunktion aufrechtzuerhalten.

Die wirksamste Maßnahme zur Verhinderung von Tetanus ist die aktive Immunisierung mit einem Tetanus-Toxoid-Impfstoff. Dieser Impfstoff enthält eine inaktivierte Form des Tetanustoxins, die das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern anregt. Regelmäßige Auffrischimpfungen sind notwendig, um einen ausreichenden Schutz aufrechtzuerhalten.

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