Tiefe Hirnstimulation bei Alkoholismus: Eine neue Hoffnung?

Die tiefe Hirnstimulation (THS) hat sich als vielversprechende Therapie für verschiedene neurologische Erkrankungen etabliert, insbesondere bei der Parkinson-Krankheit und essentiellem Tremor. Doch die Forschung schreitet voran, und die THS rückt zunehmend in den Fokus der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen, darunter auch der Alkoholabhängigkeit. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Effekte der THS auf die Abstinenz bei Alkoholabhängigkeit, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und Expertenmeinungen.

Die Rolle neuronaler Netzwerke bei Alkoholabhängigkeit

Die Pathophysiologie der Alkoholerkrankung ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Ein vielversprechender Ansatz betrachtet die Alkoholabhängigkeit als eine Dysfunktion spezifischer neuronaler Netzwerke, die zu einer Dysregulation von Neurotransmittersystemen führt. Die THS könnte hier eine wichtige Rolle spielen, da sie gezielt in diese Netzwerke eingreifen und die pathologisch veränderten Neurotransmittersysteme neu justieren kann. Durch die Veränderung der Aktivitätszustände stimulierter und assoziierter neuronaler Netzwerke ermöglicht die THS eine therapeutische Intervention bei Patienten, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen. Darüber hinaus bietet die experimentelle Nutzung der THS die Möglichkeit, Erkenntnisse über die der Erkrankung zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen und die beteiligten neuronalen Netzwerke zu gewinnen.

Tiefe Hirnstimulation: Ein Überblick

Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert. Diese Elektroden senden elektrische Impulse aus, die die Aktivität der Nervenzellen in diesem Bereich beeinflussen. Das Verfahren wird bereits seit über 20 Jahren bei neurologischen Erkrankungen eingesetzt, beispielsweise zur Behandlung von Bewegungsstörungen bei Parkinson-Patienten oder essentiellem Tremor. Die guten Erfahrungen mit der THS bei neurologischen Erkrankungen haben dazu geführt, dass Forscher die Methode auch bei psychischen Erkrankungen untersuchen.

Die Operation

Bei der Implantation der Elektroden bohrt der Neurochirurg ein kleines Loch in den Schädel des Patienten. Durch dieses Loch werden die Elektroden in die Zielregion im Gehirn eingeführt. Die Elektroden werden dann mit einem im Bauchraum implantierten Schrittmacher verbunden, der die elektrischen Impulse erzeugt. Dank sorgfältiger Vorbereitung sind Komplikationen bei solchen Operationen selten.

Reversibilität

Ein wichtiger Vorteil der THS ist ihre Reversibilität. Sollte die Behandlung nicht den gewünschten Erfolg bringen, kann der Schrittmacher abgeschaltet und die Elektroden wieder entfernt werden. Laut dem Neurochirurgen Volker Sturm entstehen den stimulierten Zellen, nur wenige Kubikmillimeter Hirngewebe, keine Schäden.

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Tiefe Hirnstimulation bei Alkoholabhängigkeit: Der Nucleus accumbens im Fokus

Ein vielversprechendes Zielgebiet für die THS bei Alkoholabhängigkeit ist der Nucleus accumbens (NAc), eine Hirnstruktur, die eine wichtige Rolle im Belohnungssystem spielt. Bei Alkoholkranken ist der Nucleus accumbens an der Ausbildung des Suchtgedächtnisses beteiligt. Dieses Suchtgedächtnis kann dazu führen, dass ein trockener Alkoholiker auch nach Jahren der Abstinenz beim Anblick von Alkohol ein starkes Verlangen verspürt.

Ein überraschender Fall

Volker Sturm berichtete von einem Patienten, dem er aufgrund einer schweren Angsterkrankung Elektroden in den Nucleus accumbens implantierte. Überraschenderweise besserte sich durch die THS nicht die Angsterkrankung, sondern der Alkoholismus des Patienten. Der Patient hatte nach der Implantation die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum zurückgewonnen und konnte gelegentlich ein Bier trinken, ohne rückfällig zu werden.

Blockade des Suchtgedächtnisses?

Offenbar blockieren die Impulse der Hirnelektroden im Nucleus accumbens das Suchtgedächtnis. Dies könnte erklären, warum der Patient von Volker Sturm seinen Alkoholkonsum besser kontrollieren konnte. Dieser Erfolg hat den Arzt motiviert, weiter zu forschen und den Einsatz von THS bei Süchtigen zu untersuchen.

Aktuelle Studien und Forschungsergebnisse

Mehrere Studien untersuchen derzeit die Wirksamkeit der THS bei Alkoholabhängigkeit. Eine multizentrische, interdisziplinäre Studie evaluiert den therapeutischen Effekt der THS bei Patienten mit therapieresistenter Alkoholabhängigkeit durch ein prospektives, randomisiertes, doppelblindes und sham-kontrolliertes Studiendesign.

DeBraSTRA-Studie

Ein weiteres Beispiel ist die DeBraSTRA-Studie (Deep Brain Stimulation in Treatment Resistant Alcoholism), die die Wirksamkeit der bilateralen THS des Nucleus accumbens bei schwerer therapierefraktärer Alkoholsucht untersucht. Erste Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass die THS des NAc zu einer signifikanten Verlängerung der Zeit bis zum ersten Rückfall und einer Reduktion des Alkoholkonsums führen kann.

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Präklinische Forschung

Präklinische Studien im ADE-Rattenmodell der chronischen Alkoholabhängigkeit zeigten paradoxe Effekte der Nacc-THS auf Alkoholabhängigkeit: Nacc-THS führte zu einem verstärkten Alkohol-liking und -Rückfall bei reduziertem Alkohol-wanting in alkoholabhängigen Ratten. Die Verhaltenseffekte der Nacc-THS waren abhängig von der Krankheitsausgestaltung und dem zugrundeliegenden biochemischen Phänotyp. Von zentraler Bedeutung in der Vermittlung des THS-Effektes war die sich über den Krankheitsverlauf ändernde Reagibilität des Dopamin-Systems im Nacc. Zukünftige Untersuchungen sollten erarbeiten, inwieweit sich die Reagibilität des Dopamin-Systems elektrophysiologisch und ggf. bildgebend abbilden lässt und somit als Prädiktor für die THS-Wirkung und als Biomarker für die Entwicklung adaptiver Stimulationsprotokolle dienen kann.

Ethische Aspekte und potenzielle Risiken

Obwohl die THS vielversprechend ist, gibt es auch ethische Aspekte und potenzielle Risiken zu berücksichtigen.

Wesensveränderungen

Einige Studien deuten darauf hin, dass die THS zu Wesensveränderungen bei den Patienten führen kann. So wurden beispielsweise Extroversion, Logorrhö, Hypomanie, Manie, reduzierte Kritikfähigkeit, Reizbarkeit und Aggressivität beschrieben. In einigen Fällen entwickelten Patienten Spielsucht oder Hypersexualität, während andere Apathie, Ängste oder Depressionen zeigten. Es wird geschätzt, dass bei etwa zehn Prozent der Patienten relevante psychische Veränderungen auftreten können.

ELSA-DBS-Projekt

Das deutsch-kanadische Projekt ELSA-DBS (Ethical, Legal and Social Aspects of Deep Brain Stimulation) untersucht die ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte der THS. Im Rahmen dieser Studie wurden Parkinsonpatienten und ihre Angehörigen nach der THS hinsichtlich einer Persönlichkeitsveränderung des Patienten befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa jeder dritte Patient und jeder zweite Angehörige Charakterveränderungen feststellen. Diese Veränderungen können sowohl positiv (z.B. mehr Selbstsicherheit, Humor, Motivation) als auch negativ (z.B. Impulsivität, Unkontrolliertheit, Aggressivität) sein.

Veränderte Emotionalität

Ein häufiges Phänomen ist eine Veränderung der Emotionalität. Patienten berichten, dass sie ausgeglichener, apathischer, euphorischer oder impulsiver sind. Diese veränderte Emotionalität kann erhebliche Konsequenzen auf das weitere Leben haben und die Beziehungen zu anderen Menschen beeinflussen.

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Vorbereitung und Begleitung

Es ist wichtig, dass Patienten und ihre Angehörigen vor dem Eingriff umfassend über die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen der THS aufgeklärt werden. Zudem benötigen die Patienten eine längerfristige psychosoziale Begleitung, um mit den Veränderungen, die durch die THS entstehen können, umzugehen.

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