Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen: Indikationen, Verfahren und Perspektiven

Die tiefe Hirnstimulation (THS), auch bekannt als Deep Brain Stimulation (DBS) oder umgangssprachlich als "Hirnschrittmacher"-Therapie, ist ein neurochirurgisches Verfahren, das gezielte elektrische Impulse an bestimmte Bereiche des Gehirns abgibt, um verschiedene neurologische und psychiatrische Störungen zu behandeln. Diese Methode hat sich seit den 1980er Jahren in der Behandlung von Bewegungsstörungen wie der Parkinson-Krankheit etabliert und wird zunehmend auch für andere Indikationen, einschließlich chronischer Schmerzen, Epilepsie und psychiatrischer Erkrankungen, erforscht. Die THS steht in der Regel nicht am Anfang der therapeutischen Möglichkeiten, sondern kommt zum Einsatz, wenn die nicht-operativen Behandlungsverfahren keine befriedigende Beschwerdelinderung mehr erreichen.

Funktionsweise der Tiefen Hirnstimulation

Die THS funktioniert durch die Implantation von Elektroden in bestimmte Hirnregionen, die für die Regulierung von Bewegungen, die Verarbeitung von Schmerz, die Kontrolle von Anfällen oder die Steuerung von Emotionen und Verhalten verantwortlich sind. Diese Elektroden sind mit einem Impulsgeber (Stimulator) verbunden, der unter der Haut (häufig im Brustbereich oder in der Bauchdecke) platziert wird. Der Impulsgeber erzeugt die elektrischen Impulse, die an die Elektroden im Gehirn weitergeleitet werden. Diese Impulse können die Aktivität bestimmter Gehirnregionen modulieren, indem sie die abnormale neuronale Aktivität hemmen oder fördern, was zu einer Linderung der Symptome führt. Es wird angenommen, dass über diese hochfrequente Stimulation eine Hemmung des Kerngebietes stattfindet, die sich daraufhin auch auf das gesamte Netzwerk der Basalganglien auswirkt. Wie diese Hemmung genau zustande kommt, ist bislang nicht geklärt.

Die spezifische Hirnregion, die stimuliert wird, hängt von der jeweiligen Erkrankung ab. Bei der Parkinson-Krankheit wird häufig der Nucleus subthalamicus (STN) oder der Globus pallidus internus (GPi) stimuliert. Bei essentiellem Tremor oder Tremor-dominanten M. Parkinson kann eine Stimulation im Thalamus (VIM) und dem unmittelbar darunter liegenden subthalamischen Areal (PSA) eine sehr deutliche Tremorreduzierung erreicht werden. Bei Dystonien stimuliert man in der Regel im Globus pallidus internus (GPI). Bei chronischen Schmerzen können auch andere Bereiche wie der Thalamus oder der Periaquäduktale Graubereich (PAG) stimuliert werden. Bei Epilepsie ist der anteriore Thalamus ein häufiger Zielpunkt. Bei psychiatrischen Erkrankungen wie Zwangsstörungen oder Depressionen werden andere Hirnregionen wie der Nucleus accumbens oder das mediale Vorderhirnbündel anvisiert.

Wichtig ist, dass die THS durch die Modulation von Netzwerken nur eine symptomatische Behandlung ist, d.h. nach heutiger Kenntnis nur die Symptome reduziert, aber keinen Einfluss auf das Vorhandensein oder Voranschreiten der zugrunde liegenden Erkrankung hat. Daher ist der Effekt der THS auch reversibel: nach Ausschalten des Stimulators stellt sich ein Zustand ein, wie er zu diesem Zeitpunkt ohne Stimulation wäre.

Anwendungsgebiete der Tiefen Hirnstimulation

Die tiefe Hirnstimulation ist vor allem bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen von Bedeutung, bei denen andere Behandlungen, wie medikamentöse Therapie oder Psychotherapie, versagt haben oder mit unerträglichen Nebenwirkungen einhergehen. Zu den häufigsten Indikationen gehören:

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Bewegungsstörungen

  • Parkinson-Krankheit (Morbus Parkinson): Die THS wird häufig bei Patienten mit fortgeschrittenem Parkinson eingesetzt, bei denen die medikamentöse Behandlung (z.B. mit L-Dopa) nicht mehr ausreicht oder mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden ist. Die Stimulation hilft, die motorischen Symptome zu kontrollieren, insbesondere Tremor, Rigor, Hypokinesie und Wirkfluktuationen (ON-OFF-Phasen). Ein guter Richtwert ist folgende Überlegung: die THS ermöglicht in der Regel eine dauerhafte Beweglichkeit, die dem besten medikamentös erreichbarem Zustand entspricht, jedoch ohne Wirkschwankungen.

    • Indikationskriterien für THS bei M. Parkinson:

      • Medikamentös nicht ausreichend behandelbare ON/OFF-Fluktuationen (Wirkfluktuationen)
      • Signifikante Nebenwirkungen der Medikation
      • Gutes Ansprechen der Symptomatik auf L-Dopa (Prädiktor für THS-Erfolg)
      • Ausschluss von Erkrankungen, die dem Morbus Parkinson vom Erscheinungsbild ähneln, denen aber ein anderer Krankheitsmechanismus zu Grunde liegt
      • Keine schwere PD-Symptomatik in der ON-Phase (i.e. schwere kognitive Defizite, schwere Depression, etc. * Ausgenommen sind rein peripher bedingte Gangstörungen (z. B. Arthrose)
  • Dystonien: Eine Erkrankung, bei der es zu unkontrollierten Muskelkontraktionen kommt, die zu abnormen Haltungen oder Bewegungen führen. Die Betroffenen leiden unter unwillkürlichen, krampfhaften Bewegungen, abnormen Haltungen oder Fehlstellungen von Körperteilen. Diese Fehlstellungen existieren in sehr unterschiedliche Formen und Ausprägungen. Es kann der ganze Körper (generalisierte Dystonie) oder nur einzelne Muskelgruppen (fokale oder segmentale Dystonie, z.B. Schiefhals) betroffen sein. Nicht nur die motorischen Funktionseinbußen und Schmerzen stellen ein Problem dar. Die Betroffen leiden häufig auch unter außerordentlichen Belastungen. Die Dystonie ist aber keine psychische, sondern eine organische Erkrankung, die bisher nicht heilbar ist. Entsprechend der AWMF-Leitlinie „Dystonie“ kann sie wegen der sehr eingeschränkten medikamentösen Behandlungsalternativen und der guten Wirksamkeit bei moderaten bis schweren primären segmentalen und generalisierten sowie zervikalen Dystonien empfohlen werden. Die operative Therapie soll in diesen Fällen frühzeitig erwogen werden, bevor orthopädische Folgeschäden aufgrund der abnormen Fehlhaltungen die möglichen Behandlungserfolge limitieren. DBS kann bei therapierefraktären Dystonien sehr hilfreich sein. Auch bei primären fokalen Dystonien, die unzureichend auf die Botulinumtoxintherapie ansprechen, scheint die THS eine wirksame Option darzustellen. Für die tardiven Dystonien, sollte bei unzureichender Wirkung der medikamentösen Therapie die Option einer Tiefen Hirnstimulation geprüft werden.

  • Essentieller Tremor: Eine häufige neurologische Erkrankung, die durch ein Zittern der Hände, Arme oder des Kopfes gekennzeichnet ist. Der essentielle Tremor der Hand lässt sich mit eingeschalteter Tiefer Hirnstimulation im Durchschnitt um ca. 80% reduzieren. Bei einer Operation an beiden Hirnseiten bessert sich der Tremor entsprechend an beiden Händen. Die THS kann bei Patienten mit stark ausgeprägtem Tremor behandelt werden, bei denen Medikamente wie Betablocker oder Antikonvulsiva keine ausreichende Linderung bringen.

  • Tourette-Syndrom: Bei schwerem Tourette-Syndrom, bei dem Tics die Lebensqualität stark beeinträchtigen, kann DBS in bestimmten Fällen eine Behandlungsmöglichkeit sein.

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Tremor anderer Genese

  • Tremor beim idiopathischen Parkinson-Syndrom (M. Parkinson): Die THS kann auch bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden, bei denen der Tremor das Hauptsymptom darstellt.
  • Dystoner Tremor: Im Rahmen einer Dystonie kann auch ein Tremor auftreten, der dann als dystoner Tremor bezeichnet wird. Diese Tremor-Komponente, zum Beispiel ein Kopftremor bei einer Dystonie der Halsmuskulatur, kann für die betroffenen Patienten behindernder sein als die eigentliche Dystonie. Bei mangelnder Wirkung und manifestier Behinderung oder Stigmatisierung kann die Behandlung mit der Tiefen Hirnstimulation in Betracht gezogen werden. Die Besserung dystonen Halstremors kann bis zu 70% in den ersten Jahren betragen.
  • Tremor bei Multipler Sklerose (MS): Die medikamentöse Therapie des Tremors im Rahmen einer Multiplen Sklerose gilt als schwierig bzw. eingeschränkt wirksam. Nach einjähriger Behandlungsdauer wurde eine ca. 50 prozentige Besserung des Hand-/Armtremors beobachtet. Die längerfristigen Erfolgsaussichten sind abhängig vom Fortschreiten der Grunderkrankung.
  • Orthostatischer Tremor: Eine seltene Tremor-Erkrankung, die vor allem durch einen Tremor mit einer Frequenz von 13 bis 18 Hz beim Stehen gekennzeichnet ist. In ersten Berichten führte die Tiefe Hirnstimulation zum einen zu einer Verlängerung der Zeitspanne zwischen Aufstehen und Einsetzen des Tremors, zum anderen besserte sich die Standsicherheit.
  • Holmes Tremor: Dieses Tremor-Syndrom ist gekennzeichnet durch ein Zittern in Ruhe, beim Halten und bei Zielbewegungen von Armen, Beinen oder dem Kopf mit einem langsamen Rhythmus. Als Zielpunkte mit positivem Effekt wurden der Globus pallidus internus und die Region des motorischen Thalamus verwendet. Des Weiteren scheint der Behandlungseffekt bei einer Reihe von Patienten nach 2-3 Jahren nachzulassen.

Epilepsie

Alle pharmakoresistenten fokalen Epilepsien sind grundsätzlich mittels der tiefen Hirnstimulation behandelbar. Seit 2010 ist die Tiefe Hirnstimulation mit dem Zielpunkt anteriorer Thalamus (ANT) in Deutschland für fokale Epilepsie zugelassen. Einzig der Zielpunkt „anteriorer Thalamus“ kann durch eine ausreichende Studienlage belegt werden.

Psychiatrische Indikationen

  • Schwer behandlungsresistente Depressionen: In seltenen Fällen wird DBS zur Behandlung von therapieresistenten Depressionen eingesetzt, insbesondere wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten (wie Medikamente und Psychotherapie) versagen.
  • Schweres Zwangsstörung: Es gibt einige Berichte über den Einsatz der DBS bei therapieresistenten Zwangsstörungen (OCD), wenn andere Behandlungen versagen. Bei schwerer Zwangsstörung stellt THS heute bereits eine Option in der klinischen Versorgung dar.

Schmerzbehandlung

  • Chronische Schmerzen: Die DBS kann bei bestimmten Formen chronischer Schmerzen eingesetzt werden, insbesondere bei Patienten, bei denen andere Behandlungen, wie medikamentöse Therapie oder Rückenmarkstimulation, versagt haben. Zielregionen für die Stimulation sind oft der Thalamus, der Periaquäduktale Graubereich (PAG) und der somatosensorische Kortex, welche eine Rolle bei der Schmerzmodulation spielen.
  • Phantomschmerzen: Bei Patienten, die nach einer Amputation Phantomschmerzen entwickeln, hat sich DBS als potenziell hilfreich erwiesen, um die Schmerzwahrnehmung zu modulieren.

Ablauf der Tiefen Hirnstimulation

Der erste Schritt bei der Durchführung einer THS-Therapie ist die gründliche Diagnose und Vorbereitung. Die Entscheidung, ob ein Patient für die THS geeignet ist, wird immer interdisziplinär getroffen, also in einem Team, an dem Experten und Expertinnen aus unterschiedlichen Fachbereichen teilnehmen. Zuerst wird eine Elektrode in die Zielregion des Gehirns eingeführt. Dieser Eingriff erfolgt mittlerweile unter Vollnarkose. Nachdem die Elektroden implantiert sind, wird der Stimulator zunächst in eine Testphase überführt, um sicherzustellen, dass die Stimulation die gewünschten Effekte hat. Dabei wird die Intensität, Frequenz und Dauer der Impulse feinjustiert.

Die THS-Operation wird durch die Ärzte der stereotaktischen Neurochirurgie durchgeführt, sie dauert insgesamt ca. 6 Stunden. Am Operationstag wird zunächst ein stereotaktischer Ring am Schädelknochen nach vorangegangener örtlicher Betäubung befestigt. Dieser Ring dient der Planung und Navigation des Neurochirurgen. Anschließend wird eine Computertomographie des Schädels veranlasst. Diese Bilddaten werden mit Daten aus einem vor dem Operationstag angefertigten Kernspintomogramm in Übereinstimmung gebracht. So erhält man die gute Auflösung des Kernspintomogramms mit Darstellung der Gefäße in Kombination mit dem stereotaktischen Ring. Hierdurch kann eine Planung des Zugangswegs zu dem jeweiligen Kerngebiet des Gehirnes unter Berücksichtigung der Gefäßverläufe erfolgen. Diese Prozedur ist wichtig, um die Komplikationsrate des Eingriffs minimal zu halten.

Nach Planung wird ein zusätzlicher Bügel am stereotaktischen Ring befestigt, der die Navigation ermöglicht. Nach örtlicher Betäubung erfolgt zunächst ein Hautschnitt, danach wird ein Loch mit ca. 8 mm Durchmesser in die Schädeldecke gebohrt. Anschließend werden 2 bis 5 Mikroelektroden in das Gehirn eingeführt (das Gehirn selbst kann keinen Schmerz empfinden), die elektrische Ableitungen aus dem Kerngebiet ermöglichen und so eine Orientierungshilfe für den Neurochirurgen bieten. Über diese Mikroelektroden erfolgt auch eine Teststimulation, um den Effekt der THS auf die jeweiligen Symptome zu untersuchen. Gemeinsam mit dem Patienten wird so der optimale Stimulationsort detektiert und die endgültige Stimulationselektrode dort platziert. Ebenso wird mit der anderen Gehirnseite verfahren, da in der Regel eine beidseitige Operation durchgeführt wird.

Anschließend erfolgt in Vollnarkose die Implantation der Kabel und des Stimulators (Impulsgebers) unter der Haut. Der Impulsgeber ist durch die Haut programmierbar und wird einige Tage nach der Operation erstmals eingeschaltet. Die Anpassung der Stimulationsparameter erfolgt langsam und über viele Tage, hier ist gerade in den ersten Tagen und Wochen viel Geduld von Seiten des Patienten notwendig. Die Weiterbehandlung nach dem stationären Aufenthalt erfolgt in der Regel in einer Rehabilitationseinrichtung. Anschließend sind die Patienten regelmäßig in ambulanter Kontrolle.

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Der Patient kann nach der Implantation weiterhin regelmäßig mit dem Arzt kommunizieren, um die Stimulationseinstellungen anzupassen, bis die optimale Einstellung gefunden wird.

Vorteile der Tiefen Hirnstimulation

  • Verbesserung der Lebensqualität: Bei Patienten mit Bewegungsstörungen wie Parkinson oder Dystonien kann die DBS zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome führen, indem sie die Beweglichkeit und Kontrolle über die Muskeln verbessert.
  • Langfristige Schmerzlinderung: Bei bestimmten chronischen Schmerzsyndromen kann DBS eine langfristige Schmerzreduktion bieten, die zu einer besseren Lebensqualität und einer reduzierten Notwendigkeit für Schmerzmedikamente führt.
  • Weniger Nebenwirkungen im Vergleich zu Medikamenten: Im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten wie Antidepressiva, Antipsychotika oder Schmerzmitteln hat DBS in der Regel weniger systemische Nebenwirkungen, da es gezielt das Gehirn stimuliert.
  • Reversibilität: Ein großer Vorteil der DBS ist, dass die Behandlung reversibel ist. Das bedeutet, dass die Stimulation jederzeit abgeschaltet oder die Position der Elektroden angepasst werden kann, wenn es zu unerwünschten Nebenwirkungen oder Problemen kommt.
  • Einsparung von Medikamenten: Ein wichtiger Vorteil der Tiefen Hirnstimulation besteht darin, dass bei einer guten Wirksamkeit die bisher eingenommenen Medikamente stark reduziert werden können. Dies erspart Patienten daraus resultierende Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.
  • Patientenkontrolle: Ein weiterer Vorteil kann darin liegen, dass die Stimulation auch durch den Patienten selbst gesteuert werden kann. Jedoch darf dabei nicht vergessen werden, dass der Patient hierzu auch kognitiv befähigt sein muss. Bei älteren oder stark erkrankten Patienten ist die selbstständige Steuerung also eventuell nicht möglich. In diesem Fall kann die Einstellung jedoch auch durch einen Arzt übernommen werden.

Risiken und Nebenwirkungen

Verglichen mit anderen Hirnoperationen sind die Risiken einer stereotaktischen Hirnoperation sehr gering. Der Eingriff wird in Sedierung und örtlicher Betäubung durchgeführt und der Patient befindet sich in ständiger Überwachung durch einen Narkosearzt. Das Risiko einer Infektion der Wunden kann nicht ganz ausgeschlossen werden. Eine Hirnblutung mit ernsthaften Folgen stellt die am meisten gefürchtetste Komplikation dar und ist als ganz seltene Ausnahme anzusehen (Risiko ca. 1%).

Man unterscheidet Komplikationen durch den chirurgischen Eingriff (prozedural) von technischen Komplikationen des elektronischen Systems. Trotz sorgfältiger Planung des Zugangsweges und akkurater Durchführung der chirurgischen Handgriffe lassen sich Komplikationen durch den stereotaktischen Eingriff nicht ganz verhindern. Bei etwa 2% der operierten Patienten kommt es durch Verletzung eines Gefäßes zu einer Gehirnblutung, die in der Regel sehr klein und umschrieben ausfällt. Aufgrund des Zugangswegs und der Lage dieser Blutungen verursachen etwa die Hälfte dieser Blutungen (d.h. bei etwa 1% aller Patienten) auch neurologische Symptome wie Halbseitenlähmungen, Gefühlsstörungen, Sprach- oder Sprechstörungen. In der Regel bilden sich diese Symptome vollständig oder zumindest teilweise wieder zurück. Sehr, sehr selten kommt es zu einer Dislokation (Fehlplatzierung) der Elektrode mit Wirkverlust oder Auftreten von Nebenwirkungen. Häufig tritt eine solche Dislokation im Verlauf auf. Zunächst wird die entsprechende Elektrode nicht mehr stimuliert.

Ein weiteres Risiko, das über den chirurgischen Eingriff hinaus auch noch im langfristigen Verlauf zu Problemen führen kann, stellt das Infektionsrisiko dar. Bakterien haften sich sehr gerne an Implantaten an und sind einer Antibiotikatherapie nur schwer zugänglich. Dies bedeutet, dass eine Infektion nur selten durch Antibiose effektiv zu behandeln ist, häufig wird daher eine Explantation der Implantate notwendig. Meist ist es ausreichend, nur den Impulsgeber und einen Teil des Kabels zu entfernen; selten jedoch kann die Explantation des gesamten Systems notwendig werden, um die Entwicklung einer Hirn- und Hirnhautentzündung zu vermeiden.

Selbstverständlich sind die verwendeten technischen Bauteile sorgfältig geprüft und für den Gebrauch am Menschen zugelassen. Dennoch kann es im Verlauf - wie bei anderen elektrischen Apparaturen auch - zu einem Ausfall des Impulsgebers kommen, die zu einem Funktionsverlust der THS führen können. In diesem Fall kann ein Austausch des entsprechenden Kabels oder Stimulators durchgeführt werden. Notwendig wird der Austausch des Impulsgebers bei Erschöpfung der Batterie, die in Abhängigkeit von den Stimulationsparametern etwa 2 bis 7 Jahre lang hält. Dieser Eingriff wird durch die Ärzte der stereotaktischen Neurochirurgie in örtlicher Betäubung durchgeführt und dauert ca.

Neben den rein operativen Risiken gibt es noch stimulationsbedingte Nebenwirkungen. Diese sind natürlich davon abhängig, in welchem Zielgebiet die Elektroden implantiert sind. Zu nennen sind hier u.a. eine undeutlichere Sprache, Gangunsicherheiten und Gleichgewichtsstörungen und insbesondere beim subthalamischen Kern (STN) auch psychische oder kognitive Nebenwirkungen. Durch eine sorgfältige Programmierung des Schrittmachers wird dann versucht, die Nebenwirkungen zu minimieren.

Je nach Stimulationsort und Elektrodenlage bzw. der verwendeten Spannung können durch die hochfrequente Stimulation neben den erwünschten Wirkungen auch Nebenwirkungen auftreten. Diese können vorübergehender Natur sein oder dauerhaft vorliegen. Zu nennen sind Sprechstörungen, Gefühlsstörungen, Verkrampfungen oder Doppelbilder. Im Falle des Nucleus subthalamicus bei M. Parkinson können auch mal psychiatrische Nebenwirkungen wie Apathie, depressive Verstimmung oder submanische Zustände provoziert werden, auf die natürlich besondere Aufmerksamkeit bei der Einstellung der Stimulationsparameter gerichtet wird.

Unerwünschte Nebenwirkungen der Stimulation treten in der Regel innerhalb der ersten Monate auf. Es kommt normalerweise nicht vor, dass dies erst nach längerer Zeit geschieht. Die Nebenwirkungen sind aber reversibel: Wenn die Stimulation reduziert oder ausgeschaltet wird, verschwinden diese Nebenwirkungen wieder. So können sie meist schnell behoben werden oder es lässt sich ein Kompromiss dafür finden. Die Kunst besteht darin, durch die Anpassung der Stimulationsparameter die gute Wirkung ohne Nebenwirkungen zu behalten.

Technische Neuerungen und langfristige Perspektiven

In den letzten zehn Jahren gab es signifikante technische Fortschritte. 2015 sind die sogenannten direktionalen Elektroden auf den Markt gekommen. Davor gab es nur Elektroden mit vier (oder acht) ringförmig angeordneten Kontakten. Das heißt, wenn ein Kontakt eingeschaltet ist, erfolgt die Stimulation immer im 360-Grad-Radius um diesen Kontakt herum. Die direktionalen Elektroden geben uns hingegen die Möglichkeit, nur in eine bestimmte Richtung zu stimulieren, also zum Beispiel weg von einer Struktur, die zu bestimmten Nebenwirkungen wie Sprachstörungen führen würde. Mit diesen direktionalen Elektroden werden die oben genannten Nebenwirkungen der THS weniger häufig beobachtet. Auch was die MRT-Tauglichkeit betrifft, gibt es weitere Fortschritte.

Zuletzt ist mit der Brain-Sensing-Technologie wieder ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung der THS-Systeme hinzugekommen. Mit den neuesten Implantaten kann nicht nur Strom abgegeben, sondern auch die elektrische Aktivität tief im Gehirn abgeleitet werden. Anhand der gemessenen Hirnsignale kann dann die Stimulationseinstellung weiter optimiert werden. Eine sehr wichtige Eigenschaft ist, dass der „Hirnschrittmacher“ mit diesem System so programmiert werden kann, dass die Stromstärke automatisch an die Symptome angepasst wird. Dies wird als sogenannte adaptive oder Closed-Loop-Stimulation bezeichnet.

Ein wesentlicher Vorteil des wiederaufladbaren „Schrittmachers“ ist, dass er nicht nach ein paar Jahren ausgetauscht werden muss. Die Zeit, nach der ein nicht wiederaufladbares Gerät ersetzt werden muss, hängt vom individuellen Stromverbrauch ab und liegt bei Patienten und Patientinnen mit Bewegungsstörungen zwischen drei und sieben Jahren. Dieser Austausch geht immer mit einer kleinen Operation einher. Die wiederaufladbaren Systeme bleiben zwischen 15 bis 25 Jahre aktiv, so lange ist also keine Operation nötig. Ein weiterer Vorteil ist ihre geringere Größe. Das Wiederaufladen ist einfach und erfolgt in der Regel ein Mal pro Woche. Mit einem kabellosen Gerät, das in einer Art Weste über den „Schrittmacher“ gelegt wird, kann das System aufgeladen werden.

Die THS-Technologie entwickelt sich weiterhin weiter, und es wird erwartet, dass zukünftige Entwicklungen in der Neurochirurgie und -technologie die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Methode weiter verbessern werden.

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