Tiefe Hirnstimulation in Göttingen: Ein umfassender Überblick

Die Tiefe Hirnstimulation (THS), auch bekannt als Hirnschrittmacher, ist ein neurochirurgisches Verfahren, das zur Behandlung verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt wird. In Göttingen hat sich die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) als ein führendes Zentrum für diese Therapieform etabliert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Tiefe Hirnstimulation in Göttingen, einschließlich der Anwendungsgebiete, des Verfahrens, der Nachsorge und der beteiligten Kliniken und Ärzte.

Einführung in die Tiefe Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation ist ein Verfahren, bei dem Elektroden in bestimmte Hirnareale implantiert werden, um die dortigen Nervenzellen durch elektrische Impulse zu beeinflussen. Diese Impulse können die Aktivität der Nervenzellen entweder stimulieren oder hemmen, je nachdem, welcher Effekt gewünscht wird. Der Impulsgeber, der die elektrischen Impulse erzeugt, wird unter der Haut im Bereich des Schlüsselbeins platziert und mit den Elektroden im Gehirn verbunden.

Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die in komplexen Netzwerken miteinander verbunden sind. Diese Netzwerke steuern sämtliche bewussten und unbewussten Vorgänge im Körper. Neurologische Erkrankungen können die Funktion dieser Nervenzellen beeinträchtigen, was zu verschiedenen Symptomen führen kann. Die Tiefe Hirnstimulation zielt darauf ab, die gestörte Aktivität der Nervenzellen in bestimmten Hirnarealen zu modulieren und dadurch die Symptome der Erkrankung zu lindern.

Anwendungsgebiete der Tiefen Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation wird hauptsächlich zur Behandlung von Bewegungsstörungen eingesetzt, die auf Medikamente nicht ausreichend ansprechen. Zu den häufigsten Anwendungsgebieten gehören:

  • Morbus Parkinson: Die THS kann Symptome wie Tremor, Rigor (Muskelsteifheit), Akinese (Bewegungsverlangsamung) und Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen) reduzieren.
  • Essentieller Tremor: Die THS kann den Tremor deutlich reduzieren und die Lebensqualität der Patienten verbessern.
  • Dystonie: Die THS kann die Muskelkrämpfe und unwillkürlichen Bewegungen, die bei Dystonie auftreten, lindern.
  • Tourette-Syndrom: In einigen Fällen kann die THS die Tics und Zwangshandlungen, die mit dem Tourette-Syndrom einhergehen, reduzieren.
  • Multiple Sklerose: Auch für MS-Patienten kann die tiefe Hirnstimulation eine Option sein.
  • Epilepsie: Bei Epilepsie, bei der ein genauer Ursprung ausgemacht werden kann, ist die Tiefe Hirnstimulation eine mögliche Therapieoption.

Neben den genannten Bewegungsstörungen wird die Tiefe Hirnstimulation auch in der Forschung zur Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Zwangsstörungen eingesetzt. Die Verwendung in diesem Bereich ist jedoch noch experimentell und erfordert weitere Studien.

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Voraussetzungen für eine Tiefe Hirnstimulation

Vor einer Tiefen Hirnstimulation müssen verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, um festzustellen, ob der Patient für die Therapie geeignet ist. Dazu gehören:

  • Neurologische Untersuchung: Eine umfassende neurologische Untersuchung, um die Diagnose zu sichern und den Schweregrad der Erkrankung zu beurteilen.
  • Psychologische Untersuchung: Eine psychologische Untersuchung, um den psychischen Zustand des Patienten zu beurteilen und mögliche Kontraindikationen auszuschließen.
  • Bildgebende Verfahren: Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT, um die Hirnstruktur zu beurteilen und mögliche Zielgebiete für die Elektroden zu identifizieren.
  • Medikamentöse Testung: Bei Parkinson-Patienten wird die Wirkung von Medikamenten auf die Symptome beurteilt, um festzustellen, ob die THS eine sinnvolle Option ist.
  • Logopädische Untersuchung: Eine logopädische Untersuchung kann vor der Operation durchgeführt werden.
  • Neurochirurgische Mitbeurteilungen: Vor der Operation erfolgt eine neurochirurgische Mitbeurteilung.
  • Allgemeine Prüfung der Operationsfähigkeit: Vor der Operation erfolgt eine allgemeine Prüfung der Operationsfähigkeit des Patienten.

Ablauf der Tiefen Hirnstimulation OP

Der Ablauf einer Tiefen Hirnstimulation OP gliedert sich in mehrere Schritte:

  1. Aufklärungsgespräch: Vor dem Eingriff findet ein ausführliches Aufklärungsgespräch statt, in dem der Patient über die Risiken und Nebenwirkungen der Operation informiert wird.
  2. Planung: Anhand von bildgebenden Verfahren wird die genaue Position der Elektroden im Gehirn geplant.
  3. Elektrophysiologisches Mapping: Essentiell für die exakte Implantation der Elektroden ist eine möglichst präzise Darstellung der verschiedenen Strukturen des Gehirns, sodass der Zielort der Stimulation möglichst genau eingegrenzt werden kann. Man nennt dies elektrophysiologisches Mapping. Hierbei wird die elektrische Aktivität von Neuronen mit Hilfe von Mikroelektroden registriert. Dies dient der Verbesserung der Positionierung der letztlich verwendeten Elektrode.
  4. Implantation der Elektroden: Während der Operation, die in der Regel unter örtlicher Betäubung durchgeführt wird, werden kleine Bohrlöcher in die Schädeldecke gebohrt. Durch diese Bohrlöcher werden die Elektroden in die zuvor geplanten Hirnareale eingeführt.
  5. Teststimulation: Nach der Implantation der Elektroden wird eine Teststimulation durchgeführt, um die Wirkung auf die Symptome und mögliche Nebenwirkungen zu beurteilen.
  6. Platzierung des Impulsgebers: In einem zweiten Eingriff, der entweder direkt im Anschluss oder einige Tage später erfolgt, wird der Impulsgeber unter die Haut im Bereich des Schlüsselbeins platziert und mit den Elektroden im Gehirn verbunden.

Nachsorge nach der Tiefen Hirnstimulation

Nach der Operation müssen die Patienten in der Regel einige Tage im Krankenhaus zur Überwachung bleiben. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erfolgt die Einstellung des Hirnschrittmachers. Dies geschieht in der Regel ambulant und kann mehrere Sitzungen erfordern, um die optimale Einstellung für den Patienten zu finden.

Die Einstellung des Hirnschrittmachers erfolgt durch Anpassung der elektrischen Parameter wie Frequenz, Impulsbreite und Stromstärke. Ziel ist es, die Symptome der Erkrankung zu lindern und gleichzeitig Nebenwirkungen zu minimieren. Die Patienten werden in der Regel auch in die Bedienung des Hirnschrittmachers eingewiesen, sodass sie die Stimulation innerhalb bestimmter Grenzen selbstständig anpassen können.

Risiken und Nebenwirkungen der Tiefen Hirnstimulation

Wie bei jedem operativen Eingriff gibt es auch bei der Tiefen Hirnstimulation Risiken und Nebenwirkungen. Zu den möglichen Komplikationen gehören:

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  • Blutungen: Während der Operation kann es zu Blutungen im Gehirn kommen.
  • Infektionen: Nach der Operation können Infektionen auftreten.
  • Neurologische Komplikationen: In seltenen Fällen kann es zu neurologischen Komplikationen wie Schlaganfall oder Krampfanfällen kommen.
  • Psychische Veränderungen: Einige Patienten berichten über psychische Veränderungen wie Depressionen, Angstzustände oder Persönlichkeitsveränderungen.
  • Nebenwirkungen der Stimulation: Die Stimulation selbst kann Nebenwirkungen wie Muskelkontraktionen, Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen verursachen.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Risiken und Nebenwirkungen der Tiefen Hirnstimulation in der Regel gering sind und dass die meisten Patienten von der Therapie profitieren.

Vorteile und Nachteile der Tiefen Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation bietet im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden einige Vorteile:

  • Symptomkontrolle: Die THS kann die Symptome von Bewegungsstörungen wie Parkinson, essentiellem Tremor und Dystonie effektiv kontrollieren.
  • Reduktion der Medikamenteneinnahme: Bei vielen Patienten kann die THS die Notwendigkeit der Einnahme von Medikamenten reduzieren, was zu weniger Nebenwirkungen führen kann.
  • Verbesserung der Lebensqualität: Die THS kann die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern, indem sie die Symptome der Erkrankung lindert und dieFunktionsfähigkeit verbessert.
  • Selbstständige Steuerung: Die Patienten können die Stimulation innerhalb bestimmter Grenzen selbstständig anpassen.

Allerdings gibt es auch einige Nachteile:

  • Invasiver Eingriff: Die THS ist ein invasiver Eingriff, der mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden ist.
  • Nicht heilend: Die THS ist keine Heilung für die Erkrankung, sondern lindert lediglich die Symptome.
  • Kosten: Die THS ist eine teure Therapie.

Tiefe Hirnstimulation in Göttingen

In Göttingen hat sich die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) als ein führendes Zentrum für die Tiefe Hirnstimulation etabliert. Die UMG bietet eine umfassende Betreuung von Patienten mit Bewegungsstörungen, einschließlich der Diagnostik, der operativen Behandlung und der Nachsorge.

Die Neurochirurgie der Universitätsmedizin Göttingen arbeitet eng mit dem Klinik & Rehabilitationszentrum Lippoldsberg zusammen. So können Rehamaßnahmen nach der Operation individuell geplant und begleitet werden. Rohde ist regelmäßig in der Klinik in Lippoldsberg präsent. Dies ist eine hervorragende Basis für eine umfassende und individuelle Betreuung unserer Patienten, auch weit über die Operation und den Aufenthalt in Göttingen hinaus.

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Seit Jahren verbindet die Neurochirurgische Klinik eine enge Zusammenarbeit mit der Paracelsus Elena Klinik Kassel in Bezug auf die operative Behandlung von Patienten mit Parkinson und anderen Bewegungsstörungen. Die Klinik in Kassel bietet als renommierte Parkinson-Fachklinik die notwendigen Voruntersuchungen bei Patient:innen zur Prüfung der Eignung für eine tiefe Hirnstimulation (THS) an. Bei zu operierenden Patient:innen übernimmt sie die fachärztliche neurologische Begleitung während der Operation in Göttingen. Wenige Tage nach der Operation werden die Patient:innen von Göttingen auf die THS-Spezialstation der Klinik rückverlegt. Dort erfolgen die Ersteinstellung und individualisierte Anpassung des THS-Schrittmachers sowie die Anpassung der Parkinsonmedikamente.

Die Spezialambulanz für Bewegungsstörungen ist Teil des Parkinson-Zentrums Göttingen-Kassel, welches sich als Kooperationsverbund aus Universitätsmedizin Göttingen und Paracelsus-Elena Klinik in Kassel der Behandlung und Erforschung von Bewegungsstörungen widmet. Einmal pro Woche wird an der UMG eine Zentrumsvisite veranstaltet bei der die Experten aus Neurologie, Neurophysiologie und der Paracelsus-Elena-Klinik gemeinsam komplexe Krankheitsverläufe und seltene Erkrankungen am Patientenbett erörtern.

Als Teil des Zentrums für seltene Erkrankungen Göttingen (ZSEG) ist die UMG auf die Diagnostik und Therapie selten vorkommender Erkrankungen spezialisiert. Es besteht ein enger Austausch mit der Selbsthilfegruppe Göttingen der Deutschen Parkinsonvereinigung e.V.

Die UMG veranstaltet regelmäßig verschiedene Treffen zwischen Patienten, Familienangehörigen Parkinsonschwestern und Ärzten, um gemeinsam die Therapie von Betroffenen weiter zu verbessern. Besondere Veranstaltungen: Parkinson-Info Café nächste Termine: 13.04.23, 29.06.23, 30.11.23, jeweils 15.30-17.30 UhrParkinson Bewegungstag

Weitere Zentren für Tiefe Hirnstimulation in Deutschland

Neben Göttingen gibt es in Deutschland weitere Zentren, die auf die Tiefe Hirnstimulation spezialisiert sind. Einige dieser Zentren sind:

  • Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Universitätsklinikum Köln
  • Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München
  • LMU Klinikum, Campus Großhadern, LMU München
  • Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg

Nicht-invasive Gehirnstimulation als Alternative

Neben der Tiefen Hirnstimulation gibt es auch nicht-invasive Methoden der Gehirnstimulation, die in einigen Fällen eine Alternative darstellen können. Diese Methoden umfassen die transkranielle Magnetstimulation (TMS) und die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS). Bei der nicht-invasiven Gehirnstimulation wird das zentrale Nervensystem über Magnet- oder elektrische Felder von außen beeinflusst.

Die Ambulanz für nicht-invasive Gehirnstimulation ergänzt das stationäre und ambulante Behandlungsangebot der Klinik für Neurologie und Anästhesiologie um innovative Verfahren zur gezielten Beeinflussung der Hirnaktivität und Hirnerregbarkeit mittels nicht-invasiver Hirnstimulation

Forschung zur Tiefen Hirnstimulation

Die Universitätsmedizin Göttingen engagiert sich stark in der Erforschung von Bewegungsstörungen. Ziel ist es Diagnostik und Therapie von Bewegungsstörungen stetig zu verbessern, damit Patientinnen in Zukunft besser geholfen werden kann. Wenn sie unsere Forschung unterstützen möchten, würden wir uns sehr freuen, wenn sie für sich prüfen würden, ob sie für eine der Studien in Frage kommen. Neben Patientinnen werden in einigen Studien auch gesunde (Kontroll-) Personen als Vergleichsgruppe eingeschlossen. Das Team der UMG spricht sie ggf. auch in eine der Sprechstundenkontakte an.

Aktuell die Teilnahme an folgenden Studien angeboten:

  • Studie zur Wirkung von Pirepamat auf die Sturzfrequenz bei Patienten mit idiopathischen Parkinsonsyndrom
  • BiNePro Studie: Ziel der Studie ist es, ein Testverfahren zu entwickeln, mit dem neurodegenerative Erkrankungen, insbesondere die Parkinson-Erkrankung, die Progressive Supranukleäre Blickparese und die Multisystematrophie schon vor Beginn der motorischen Symptome sicher diagnostiziert und im Verlauf besser eingeschätzt werden können.
  • Describe PD des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): Beobachtungsstudie zum Verlauf der Parkinson-Erkrankung
  • Describe PSP des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): Beobachtungsstudie zum Verlauf der PSP-Erkrankung
  • Ataxie Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

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