Längst ist es kein Geheimnis mehr: Eine gute Zahngesundheit trägt entscheidend zur Gesamtgesundheit bei. Doch was passiert, wenn Zähne absterben oder verloren gehen? Die Forschung der letzten Jahre zeigt immer deutlicher einen Zusammenhang zwischen toten Zähnen, Zahnverlust und einem erhöhten Risiko für kognitive Erkrankungen wie Alzheimer. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse und gibt einen Überblick über die möglichen Mechanismen, die diese Verbindung erklären könnten.
Die Volkskrankheit Parodontitis und ihre systemischen Auswirkungen
Rund 50 Prozent der über 35-Jährigen in Deutschland leiden unter Parodontitis, einer bakteriellen Entzündung am Zahnhalteapparat und neben Karies die zweite deutsche Volkskrankheit. Insbesondere die häufigste Variante, die chronische Parodontitis, stellt eine dauerhafte Entzündung im Körper dar, die sich systemisch auswirken kann. Bei einer Parodontitis erkrankt der gesamte Zahnhalteapparat durch bestimmte Bakterien. Diese lösen eine körpereigene Immunantwort beziehungsweise eine Entzündungsreaktion aus. Die Folgen: Zahnfleischerkrankungen in Form von Schwellungen oder Zahnfleischbluten, Taschenbildung, Zahnfleischschwund und Knochenabbau bis hin zum Zahnverlust. Wie stark und ob Betroffene überhaupt auf parodontale Bakterien reagieren, ist von mehreren Faktoren abhängig.
Alzheimer und Parodontitis: Ein möglicher Zusammenhang
Die Demenzerkrankung Morbus Alzheimer entsteht durch einen Verlust von Gehirnsubstanz beziehungsweise einer Degeneration von Nervenzellen in speziellen Bereichen des Gehirns. In eben diesen Bereichen wurde bei Alzheimer-Patienten und Patientinnen vermehrt das Parodontitis-Bakterium Porphyromonas gingivalis nachgewiesen. Dieser Parodontitis-Keim liegt tief unter dem Zahnfleisch in Zahnfleischtaschen und dringt über den Blutkreislauf in die Gehirnsubstanz ein.
Eine Studie des Greifswalder Teams untersuchte die Korrelation von Parodontitis und Alzheimer und stellte einen Zusammenhang fest. Bei Betroffenen, die regelmäßig parodontal behandelt wurden, zeigten sich insgesamt weniger Verluste in Alzheimer-relevanten Arealen des Gehirns. Eine mögliche Erklärung: Durch die regelmäßige professionelle Zahnreinigung (PZR) wird unter anderem die Anzahl der entzündungsfördernden Zytokine reduziert, das Entzündungsgeschehen im Mundraum geht deutlich zurück und systemische Infektionen werden vermieden. Laut der Forschenden könne die Parodontitis-Behandlung Alzheimer vielleicht nicht verhindern, jedoch aber deutlich verzögern.
Zahnverlust und Demenz: Meta-Analysen bestätigen den Zusammenhang
Dass kranke oder abgestorbene Zähne in Verbindung gebracht werden mit einer Beeinträchtigung des Immunsystems und sogar Herzkrankheiten und Schlaganfällen, ist schon länger bekannt. Auch der Zusammenhang zwischen schädlichen Mundbakterien sowie fehlenden Zähne und Demenz wurde kürzlich untermauert. Erwachsene, die an Zahnausfall leiden, sollen ein 1,48 Mal höheres Risiko haben, kognitive Krankheiten zu entwickeln. Ihr Risiko, an Demenz zu erkranken, soll 1,28 Mal höher sein als bei Personen ohne Zahnausfall, wie eine Studie der New York University bereits 2021 herausfand. Dabei spielt es offenbar auch eine Rolle, wie umfassend der Zahnausfall ist. Menschen, denen mehr Zähne ausgefallen sind, sollen gefährdeter sein als jene, die weniger Zähne verloren haben. Eine Meta-Analyse internationaler Studien bestätigt diese These nun und schreibt Menschen mit schlechter Zahnhygiene sogar ein um 21 Prozent höheres Risikopotenzial für Demenz zu.
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Immer mehr Menschen leiden an Demenz. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben (Stand Juni 2020) allein hierzulande 1,6 Millionen Menschen mit Demenz - die meisten von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass sich vor allem eine schlechte Zahngesundheit auf die kognitive Gesundheit auszuwirken scheint. So haben finnische Forscher die Hinweise zum Anlass genommen und Daten aus 47 Studien aus der ganzen Welt analysiert. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung des regelmäßigen Zähneputzens und der Verwendung von Zahnseide, insbesondere im mittleren Alter. So soll die Wahrscheinlichkeit eines kognitiven Abbaus bei Menschen mit schlechten Zähnen oder mangelhafter Mundgesundheit um 23 Prozent höher sein. Speziell Zahnverlust, so ergab eine zweite Analyse der Studiendaten, erhöhte das Risiko für kognitiven Verfall um 23 Prozent und das Demenzrisiko um13 Prozent.
Ganz ähnliche Ergebnisse lieferte eine Analyse der New York University von zahlreichen Langzeitstudien aus 2021. Dabei untersuchte das Forscherteam um Bei Wu ebenfalls die Beziehung zwischen Zahnverlust und kognitiven Beeinträchtigungen und analysierte 14 Studien mit insgesamt 34.074 erwachsenen Probanden und 4.689 Personen mit verminderten kognitiven Funktionen. Mit in Betracht gezogen wurde allerdings der Einfluss von Zahnersatz. Bereits diese Daten deuteten darauf hin, dass Zahnfleischerkrankungen - der Hauptgrund für Zahnverlust - kognitiven Zerfall begünstigen. Erwachsene Probandinnen und Probanden, die an Zahnausfall litten, zeigten ein 1,48 Mal erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen. Ihr Risiko, an Demenz zu erkranken, sei 1,28 Mal höher als bei Erwachsenen ohne Zahnausfall. Interessant ist jedoch, dass der Faktor Zahnersatz ebenfalls eine Rolle zu spielen scheint. Die Wahrscheinlichkeit, kognitive Beeinträchtigungen zu erfahren, war größer, wenn Erwachsene die Zähne verloren und keinen Zahnersatz bekommen hatten (23,6 Prozent). Bei Teilnehmenden mit Zahnersatz lag der Prozentsatz etwas niedriger (16,9). Mehr noch: Letztere hätten kein signifikant erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen gezeigt. Wu und ihr Team wollten es noch genauer wissen und analysierten die Studienlage daher auch mit Blick auf die Menge ausgefallener Zähne. Sie kamen zu dem Schluss, dass dies tatsächlich von Bedeutung für die Gesundheit ist: Mit jedem verlorenen Zahn erhöhe sich das Risiko einer Demenzdiagnose um 1,1 Prozent, heißt es.
Die Rolle von Entzündungen und Toxinen
Ein weiterer Faktor ist Zucker. So ist seit längerem bekannt, dass Menschen mit Diabetes und Übergewichtige häufiger an Alzheimer erkranken als andere. Warum das so ist, darüber gibt es verschiedene Hypothesen. Eine mögliche Ursache haben Dr. Omar Kassar und sein Team an der University of Bath entdeckt: überhöhte Blutzuckerwerte. Die treten naturgemäß bei Diabetikern auf, aber auch bei Übergewichtigen sind die Glukosewerte oft höher als normal. Hinter der höheren Alzheimergefahr durch hohe Blutzuckerwerte könnte ein biochemischer Prozess stecken: eine Art Verzuckerung von Eiweißmolekülen, die sogenannte Glykation. Dabei lagern sich Zucker aus dem Blut oder seine Abbauprodukte an Eiweiße an - und schädigen so deren Struktur und Funktion. Im Zusammenhang mit Alzheimer sprechen funktionelle Ärzte und Ärztinnen gerne auch von einem „kandierten Hirn“, „Karies im Hirn“ oder „Diabetes Typ3“.
Auch Immunzellen, die den Körper eigentlich schützen sollen, könnten im Gehirn Schäden anrichten - und Krankheiten wie Alzheimer antreiben. Das zeigt eine Studie im Fachjournal „Nature“. Der Gedanke, dass das Immunsystem auch eine Rolle im Gehirn spielen kann, wird in der Wissenschaft erst seit rund zehn Jahren intensiver verfolgt. Die Studie konnte nachweisen, dass bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer die Blut-Hirn-Schranke nicht hundertprozentig dicht ist. Dadurch finden Blutzellen wie die CD8 T-Zellen über die Gehirnflüssigkeit den Weg ins Gehirn. CD8 T-Zellen sind Teil des erworbenen Immunsystems, also jenes Teils der körpereigenen Abwehr, der im Laufe des Lebens durch die Auseinandersetzung mit Krankheitserregern aller Art ständig weiterentwickelt wird. Sie geben Moleküle in ihre Umgebung ab, die Entzündungen anstoßen bzw. den Zelltod einleiten.
Wird ein Zahn wurzelbehandelt, bleibt er zwar optisch erhalten, doch innerlich ist er tot. Die Blut- und Nervenversorgung wird unterbrochen, der Zahn stirbt ab. Auch wenn moderne Verfahren versuchen, den toten Zahn hermetisch abzudichten, gelingt dies selten zu 100 %. Zurück bleibt ein stillgelegter Hohlraum in den Wurzelkanälen, der eine ideale Brutstätte für Bakterien sein kann. Bakterien, die sich in einem toten Zahn ansiedeln, produzieren schädliche Stoffwechselprodukte, sogenannte Toxine. Diese können über den Blutkreislauf in den gesamten Körper gelangen und unter anderem die Zellatmung beeinträchtigen. Das bedeutet: Die Energieproduktion der Zellen wird gestört, was weitreichende Folgen für das Gewebe und den Organismus haben kann. Besonders das Leichengift toter Zähne kann den Körper stark belasten. Die vitale, gesunde Pulpa und damit das Immunsystem spielen eine entscheidende Rolle bei der Abwehr von Keimen. Wenn ein toter Zahn von Bakterien besiedelt wird, kann dies zu einer chronischen Entzündung des umgebenden Knochens führen. Das Immunsystem wird dauerhaft aktiviert, was eine Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie TNF-alpha, IL-1, Wachstumsfaktoren, Prostaglandinen (PGE2) und Leukotrienen zur Folge hat. Diese zirkulieren im Blut und können chronische Entzündungen und Autoimmunerkrankungen begünstigen. Zusätzlich stimulieren T-Lymphozyten die Produktion von TNF-beta, das mit chronischen Entzündungen und Krebserkrankungen in Verbindung gebracht wird. Studien zeigen, dass TNF-beta das Risiko für postmenopausalen Brustkrebs erhöhen kann.
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Die Zahn-Organ-Beziehung in der alternativen Zahnmedizin
Die alternative Zahnmedizin betrachtet Zähne, Organe und Psyche als zusammenhängend. Sie ist Teil des Trends zu ganzheitlichen Therapieansätzen in der Zahnmedizin. Statt nur Symptome zu behandeln, konzentriert sie sich auf die Ursachen und bezieht Ernährung, Lebensstil und die Verbindung zwischen Zähnen und Organen ein. Die Zahn-Organ-Beziehung beschreibt, wie jeder Zahn mit bestimmten Organen verbunden ist. Ein kranker oder abgestorbener Zahn führt daher oft zu Beschwerden im betroffenen Körperbereich. Aber auch umgekehrt können Entzündungen in einem bestimmten Organ sich am dazugehörigen Zahn zeigen. Diese Zahn Organ Beziehung ist selten bekannt, kann jedoch der Schlüssel beim lösen chronischer Erkrankungen oder Blockaden sein. Zum Beispiel sind die kleinen und großen Backenzähne mit der Magen- und Darmgesundheit verbunden, während die Weisheitszähne mit dem Herzen und dem allgemeinen Energiehaushalt in Verbindung stehen. Der obere Eckzahn wird auch „Augenzahn“ genannt, weil er mit den Augen verbunden ist.
Prävention und ganzheitliche Ansätze
Leider ist die Forschung noch nicht so weit, dass wir sagen könnten: Ja, Alzheimer lässt sich ganz klar verhindern. Aber die aktuellen Forschungsergebnisse geben zumindest Hinweise darauf, wie sich das Risiko an Alzheimer zu erkranken möglicherweise reduzieren lässt.
Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Sie sich auch im Alter Ihre Gesundheit, Leistungskraft und Lebensfreude bewahren, sollten Sie alles daransetzen, nach den folgenden relativ simplen Regeln zu leben:
- Ersetzen Sie tote Zähne durch Keramik-Implantate. Achten Sie auf gepflegte, gesunde Zähne und regelmäßige Prophylaxe. Ersetzen Sie fehlende Zähne durch Keramik-Implantate.
- Ernähren Sie sich gesund - biologisch, basenüberschüssig, pflanzlich und bunt. Achten Sie auf eine exzellente Vitalstoffversorgung!
- Vermeiden Sie Dauerstress und sorgen Sie bei Belastung für entspannenden Ausgleich. Langanhaltender Stress bringt unser neuronales Netzwerk aus dem Gleichgewicht und kann zu dauerhaften Veränderungen in unserer Hirnstruktur führen.
- Bewegen Sie sich regelmäßig und moderat. 2-3 Mal pro Woche den Kreislauf auf Trab bringen.
Die Funktionelle Medizin und die Biologische Zahnmedizin spielen bei diesem Vorgehen sicher eine Vorreiterrolle. Denn beide Fachdisziplinen betrachten es als ihren Ansatz, die Regulationsprozesse des Körpers von Störfaktoren zu befreien und die funktionelle Selbstregulation des Körpers bis auf molekulare Ebenen zu stärken.
Konkrete Maßnahmen für die Mundgesundheit
Die vorliegenden Ergebnisse belegen, dass eine gute Mundhygiene wichtig für den Erhalt der kognitiven Funktionen ist und der regelmäßige Zahnarztbesuch tatsächlich Demenz vorbeugen kann. Der Schlüssel liegt also in einer guten Zahnpflege und Mundhygiene. Doch wie sieht diese aus?
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- Reinigen Sie Ihre Zähne zwei Mal täglich und im besten Fall nach jeder Mahlzeit. Eine gesunde Zahnpflege beinhaltet, dass Sie Ihre Zähne zusätzlich einmal täglich mit Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten (sog. Interdentalbürsten) reinigen.
- Verwenden Sie eine fluoridhaltige Zahnpasta (Erwachsene: bis zu 1500 ppm Fluorid, bei Kindern weniger). Fluorid hilft, dass sich Mineralien in den Zahnschmelz einlagern und ihn härten. Auch drosselt es die Säureproduktion der Bakterien und schützt so vor Karies und Zahnschmerzen.
- Unterstützen Sie die tägliche Zahnpflege mit freiverkäuflichen Mundspülungen. Erhältlich sind fluoridhaltige Mundspülungen ohne Alkohol, welche Zahnfleischproblemen und Karies vorbeugen sollen.
- Tauschen Sie Ihre Zahnbürste spätestens nach drei Monaten aus. Dann sind die Borsten abgenutzt und die Putzleistung sinkt. Auch nach einer Erkältung oder Grippe wechseln Sie besser die Zahnbürste.