Trainingsgeräte und Empfehlungen für Multiple Sklerose (MS)

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die weltweit schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen betrifft. In Deutschland sind laut neuen Zahlen des Bundesversicherungsamtes mehr als 122.000 Personen von der Krankheit betroffen und jährlich kommen 2.500 Menschen neu hinzu. Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer und bei den meisten Betroffenen wird MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert. Diese Erkrankung kann das Gehirn, das Rückenmark sowie die Sehnerven befallen. Obwohl MS bisher nicht heilbar ist, können moderne Therapieansätze und Medikamente die Häufigkeit und Schwere der Schübe vermindern sowie das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.

Bewegungstherapie als wichtiger Bestandteil der MS-Behandlung

Früher wurde Menschen mit MS von körperlicher Aktivität abgeraten. Heute wissen wir jedoch, dass Sport keinerlei negative Effekte auf die Schubrate hat. Im Gegenteil, regelmäßiges Training kann die Lebensqualität deutlich verbessern. Der Spruch „Sport ist Medizin“ gilt besonders für Menschen mit Multipler Sklerose. Studien zeigen, dass bereits vier Wochen Training messbare Erfolge erzielen können - die Beweglichkeit verbessert sich und Müdigkeitssymptome gehen zurück. Physiotherapie und gezieltes Training können außerdem das Selbstvertrauen stärken und dir helfen, aktiv gegen die Krankheit anzugehen.

Die Rolle der Physiotherapie

Physiotherapie ist ein zentraler Baustein in der Behandlung von Multipler Sklerose. Für viele Betroffene stellt sich allerdings die Frage: Wie fange ich richtig an, ohne mich zu überfordern? Eine Antwort darauf kannst du bereits auf deinem Rezept finden - achte auf den Zusatz „ZN 2“. Bei MS schwankt die individuelle Leistungsfähigkeit stärker als bei gesunden Menschen. Daher ist es besonders wichtig, auf deinen Körper zu hören. Ein Sporttagebuch kann dir helfen, Zusammenhänge zwischen deinem Training und möglichen Leistungsschwankungen zu erkennen. Beginne mit einfachen Bewegungs- und Trainingsformen, die du gut in deinen Alltag integrieren kannst. Nach einer guten Einweisung durch deinen Physiotherapeuten ist eine wöchentliche Therapie nicht immer notwendig.

Fatigue und Spastik überwinden

Fatigue, die abnorme Müdigkeit bei MS, beeinträchtigt etwa 80% der Betroffenen. Studien zeigen jedoch, dass regelmäßiges Training genau dieses Symptom reduzieren kann. Bei Spastik, also erhöhter Muskelspannung, empfehlen medizinische Leitlinien ausdrücklich aktives Training, beispielsweise auf dem Laufband. Darüber hinaus ist die Trainingsumgebung entscheidend: Der Raum sollte kühl sein, da Hitze MS-Symptome vorübergehend verschlimmern kann (Uhthoff-Phänomen). Besonders wichtig ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Aktivität und Erholung. Plane deinen Tag so, dass du genügend Pausen einbauen kannst, um deine Kräfte zu regenerieren.

Empfohlene Übungen und Trainingsformen

Einfache physiotherapeutische Übungen können bereits einen großen Unterschied in deinem Alltag mit MS machen. Hier sind einige Beispiele:

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  • Balance-Haltung: Stelle dich in Schrittstellung hin, je breiter deine Beine, desto stabiler stehst du. Halte diese Position so lange wie möglich.
  • Stehende Liegestütze: Stelle dich vor eine Arbeitsplatte und greife deren Rand. Beuge deine Arme und führe den Oberkörper in Richtung Hände, während deine Fersen am Boden bleiben.
  • Zehenstand: Drücke dich langsam mit den Fersen vom Boden ab, bis du auf den Zehen stehst.
  • Wechselseitige Armschere: Im hüftbreiten Stand vor einer Küchenzeile eine Hand auf der Arbeitsplatte, die andere am Schrank.

Baue kleine Übungen in deinen Alltag ein - empfehlenswert ist die mehrfache Durchführung für jeweils 10-15 Minuten, 2-3 Mal wöchentlich.

Hilfsmittel und Technologien zur Unterstützung des Trainings

Hilfsmittel können Hindernisse beseitigen und dein Leben erheblich erleichtern. Für die Mobilität eignen sich Gehstöcke, Gehhilfen wie Rollatoren oder bei Bedarf ein Rollstuhl. Lasse dich vor der Anschaffung von einer Fachperson beraten, um die ideale Lösung für deine Situation zu finden. Moderne Technologien bieten hervorragende Möglichkeiten für ein individuelles Training. Für digitale Therapieansätze wurde in Studien eine sehr hohe Compliance von über 90% festgestellt. Apps wie MS Active, Brisa oder Runtastic helfen bei der Übungsdurchführung, Dokumentation von Fortschritten und Motivation. Zudem kann ein E-Bike eine fantastische Motivation sein, da die elektrische Unterstützung die Barriere abbaut, einfach loszuradeln.

Sportarten für Menschen mit MS

Allgemein scheint für die meisten MS-Patientinnen und -Patienten eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining gepaart mit Beweglichkeits- und Koordinationsübungen empfehlenswert. Bei Sportarten wie Laufen, Walken, Schwimmen oder Radfahren werden Herz und Kreislauf über den Trainingszeitraum hinweg gleichmäßig und moderat belastet.

  • Wassergymnastik: stabilisiert die Mobilität und unterstützt das Herz-Kreislauf-System. Besonders gut geeignet bei spastischen MS-Symptomen (nicht kontrollierbare Muskelspannungen), weil der Körper aktiv und passiv bewegt wird.
  • Outdoor-Sportarten wie Nordic Walking: verbessern Bewegungsabläufe, Koordination sowie Lungenfunktion und können Fatigue-Beschwerden lindern.
  • Tai Chi und Qi Gong: Rhythmische und langsame Bewegungen helfen besonders bei Ataxie, also bei Störungen in der Bewegungskoordination.
  • Kanufahren oder Stand-up-Paddling: trainieren den ganzen Körper, fördern den Gleichgewichtssinn sowie Bewegungsabläufe. Je nach Schwere der Erkrankung kann Stand-up-Paddling aber auch zum Sit-up-Paddling werden. Das heißt: man sitzt oder kniet auf dem Board, statt zu stehen.

Der Deutsche Rollstuhl-Sportverband e.V. (DRS) listet mehr als 30 Sportarten auf, die für Menschen mit Mobilitätseinschränkung geeignet sind. Das Rollstuhlsport-Angebot reicht grundsätzlich von Badminton und Tennis über Hockey und Tanzen bis hin zu Kampfkünsten und Sportschießen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Erhaltung der Leistungskraft und Stärkung des Körpers - es geht ebenso darum, die Lebensqualität, Selbstbestimmung und die sozialen Kontakte zu fördern. Welche Sportart für MS-Betroffene individuell am besten passt, sollte immer mit den behandelnden Fachpersonen abgesprochen werden.

Wichtige Aspekte beim Training mit MS

Ganz wichtig: Sprechen Sie mit Ihrer behandelnden Fachperson, stecken Sie sich realistische Ziele und trainieren Sie regelmäßig. Achten Sie gut auf Ihre Grenzen. Starten Sie langsam und steigern Sie immer zuerst die Dauer der körperlichen Aktivität, dann die Häufigkeit und schließlich die Intensität. Achten Sie dabei auf Ihren Körper und unterbrechen Sie bei auftretenden Symptomen wie Müdigkeit oder Gleichgewichtsproblemen das Training. Vermeiden Sie Überhitzung. Tragen Sie atmungsaktive Sportkleidung und haben Sie immer etwas zur Kühlung dabei - zum Beispiel eine Flasche mit kaltem Wasser oder einen Mini-Ventilator. Trainieren Sie nicht an heißen Tagen. Trainieren Sie nicht während eines akuten Schubes und sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, ehe Sie nach einem Schub wieder mit dem Training beginnen. Wärmen Sie sich gut auf und dehnen Sie sich ausgiebig nach dem Sport. Das beugt Versteifungen und Spastiken vor.

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High-Intensity Intervall Training (HIT)

Das intensive Intervalltraining HIT erzielt positive Effekte bei Patienten mit multipler Sklerose. HIT bedeutet, dass sich hohe körperliche Belastung und Phasen der Erholung während eines Trainings abwechseln. Das Hochintensitätstraining verbessert offenbar nicht nur die kognitiven Fähigkeiten und die Fitness, sondern könnte auch Entzündungen im Gehirn und Rückenmark bremsen. Bei MS-Patienten, die drei Wochen lang intensiv trainiert hatten, fanden die Forscher um Philipp Zimmer geringere Mengen an MMPs als vor der Reha. Bei der Kontrollgruppe mit dem moderaten Sportprogramm ließen sich dagegen kaum Veränderungen bei den MMP-Werten nachweisen. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Blut-Hirn-Schranke durch das HIT viel weniger durchlässig für Immunzellen wird. Neben den Blutwerten testeten die Forscher auch die Gedächtnisleistung und die Konzentrationsfähigkeit der MS-Patienten - und stellten positive Veränderungen fest. Bei der Gedächtnisfunktion schnitt die HIT-Gruppe viel besser ab als die Kontrollgruppe. HIT ist ein Training, das unter Anleitung eines Experten stattfinden sollte.

Die Bedeutung des Gleichgewichtstrainings

Multiple Sklerose (MS) zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen des jungen Erwachsenenalters. Typisch für die Erkrankung sind nicht nur Fatigue, kognitive Einschränkungen oder Spastik, sondern auch Beeinträchtigungen der posturalen Kontrolle. Rund 60 Prozent der Betroffenen entwickeln innerhalb von 15 Jahren eine schwere Behinderung. Eine der besonders belastenden Folgeerscheinungen sind Gleichgewichtsstörungen. Das Risiko für Stürze ist deutlich erhöht, was wiederum die Angst vor Bewegung verstärkt und eine Spirale aus Inaktivität, Muskelabbau und funktionellem Rückgang in Gang setzen kann.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse eines Forschungsteams aus China liefert nun Antworten darauf, wie viel und welche Art von Training sinnvoll ist, um das Gleichgewicht spürbar zu verbessern. Analysiert wurden 52 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2141 Teilnehmer mit MS. Ziel war es, die Effekte unterschiedlicher Trainingsprogramme auf die Gleichgewichtsfähigkeit zu evaluieren und eine evidenzbasierte Empfehlung zur optimalen Trainingsdosierung abzuleiten. Die Ergebnisse sind eindeutig: Sport verbessert das Gleichgewicht signifikant, und zwar unabhängig davon, ob es sich um aerobe, Kraft- oder multimodale Programme handelt.

Besonders interessant für die praktische Umsetzung ist die Frage nach der optimalen Trainingsdosis. Die Subgruppenanalyse zeigte, wer mindestens dreimal pro Woche jeweils 60 Minuten oder länger trainierte und dabei auf eine wöchentliche Gesamttrainingszeit von mindestens 180 Minuten kam, profitierte am meisten. Auch die Dauer der Intervention spielte eine Rolle. Programme, die über acht Wochen oder länger liefen, zeigten deutlich bessere Effekte als kürzere Maßnahmen. Ebenso beeinflussten individuelle Faktoren die Trainingseffekte. Besonders stark profitierten jüngere Teilnehmer unter 45 Jahren und Personen mit höherem Behinderungsgrad (EDSS > 3,5). Was die Trainingsform betrifft, so zeigte Krafttraining den stärksten Effekt auf die BBS (WMD 6,07), gefolgt von aerobem Training (WMD 3,79) und multimodalen Programmen (WMD 3,91).

EMS-Training bei MS

Der aktuelle Wissensstand zum EMS-Training bei MS ist bisher leider noch sehr dürftig. Falls du als MS Patient*in ein EMS-Training in Erwägung ziehst, solltest du dich vorher unbedingt an deinen behandelnden Artz wenden! Bisher wurden Elektrotherapien nur bei lokaler Anwendung an MS-Patienten getestet, was sehr gute Ergebnisse bei Inkontinenz und zum Teil bei Spastiken hervorbrachte. Obwohl einzelne Behandlungen mit EMS - Erfahrungsberichten zufolge - gute Verbesserungen mit sich brachten, kann man diese Aussage auf gar keinen Fall verallgemeinern! Für den Fall, dass die Behandlung mit EMS anschlägt, sind sicherlich gute Erfolge zu erwarten. Es ist allerdings genauso möglich, dass sich die Symptome verschlechtern.

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Weitere Therapieansätze

Vorrangiges Therapiemittel zur Verbesserung der Mobilität von MS Patienten ist ein therapeutisch angeleitetes Gangtraining. Dieses kann auf dem Laufband oder konventionell auf dem Boden durchgeführt werden. In jedem Fall muss es derart gestaltet sein, dass die Patienten durch das Training auch im Ausdauer- und Kraftbereich gefordert werden. Im Vorfeld bietet es sich an, eine gezielte Testung von Fußbeuger, Hüftbeuger, Wadenmuskulatur und Quadriceps vorzunehmen, da diese Muskeln bei MS Patienten häufig ein Kraftdefizit aufweisen. Je nach Befund sollten dort befindliche Schwächen durch eine gesonderte Kräftigung der Muskulatur trainiert werden. Eine schwache Empfehlung besteht für Balancetraining, das als ergänzendes Therapiemittel für die Gangsicherheit sowie insbesondere zur Sturzvermeidung empfohlen wird. Es kann das Gehtraining jedoch nicht ersetzen. Pilates, Yoga, Tai Chi und Hippotherapie zeigen in der Untersuchung ähnliche Wirkung wie klassisches Balancetraining, weshalb diese Therapieformen zur Variation insbesondere bei leicht betroffenen Patienten genutzt werden können. Keine Empfehlung kann für Bewegungsvorstellung und Vibrationstraining gegeben werden. Diese zeigten in der Studie keinerlei Auswirkung auf die Mobilität der Patienten.

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