Uni Würzburg Parkinson Forschung: Fortschritte und Innovationen in Diagnose und Therapie

Die Parkinson-Forschung an der Universität Würzburg (UKW) hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Früherkennung der Krankheit, der Verbesserung der Behandlungsmethoden und der Erforschung der zugrunde liegenden Mechanismen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsansätze und Therapieoptionen, die an der UKW entwickelt und angewendet werden.

Tiefe Hirnstimulation (THS) der nächsten Generation

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein seit Jahrzehnten etabliertes Verfahren zur Behandlung von neurologischen Bewegungsstörungen, wie sie beispielsweise bei Morbus Parkinson auftreten können. Am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) wird diese Methode stetig weiterentwickelt.

Weltpremiere mit BrainSense-Technologie

Ein wichtiger Meilenstein war die erstmalige Versorgung von zwei Patienten mit einer neuen Generation von THS-Systemen. Diese Systeme nutzen die sogenannte BrainSense-Technologie.

Funktionsweise der BrainSense-Technologie:

  • Kontinuierliche Impulsabgabe an eng umgrenzte Hirnareale.
  • Rund-um-die-Uhr-Erfassung von Gehirnsignalen.

Wie bei der herkömmlichen THS besteht das neue System aus einem kleinen Gerät, das ähnlich einem Herzschrittmacher an der Brust unter der Haut implantiert wird. Von dort werden durch ebenfalls unter der Haut geführte, feine Drähte elektrische Signale zu hochpräzise im Gehirn platzierten, jeweils etwa 1,2 Millimeter starken und 1,5 Millimeter langen Elektroden gesendet.

Segmentierte Elektroden für präzisere Stimulation

Ein weiterer Fortschritt sind die segmentierten Elektroden des neuen Systems. Im Gegensatz zu ringförmigen Elektroden, die gleichförmig in alle Raumrichtungen stimulieren, ermöglichen die segmentierten Elektroden eine noch präzisere Steuerung des Stimulationsfeldes in therapeutisch relevante Richtungen.

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Sensight-Elektroden zur kontinuierlichen Aufzeichnung von Gehirnströmen

Die sogenannten Sensight-Elektroden sind weltweit einzigartig, da sie Gehirnströme kontinuierlich aufzeichnen und zur Speicherung im Steuergerät weiterleiten. In der Neurologischen Klinik können diese Daten dann mit einem gegen Datenmissbrauch besonders abgesicherten Bluetooth-System ausgelesen werden. Die Auswertung dieser Daten ist ein Forschungsschwerpunkt der Klinik.

Wissenschaftliche Pioniere

Die ersten am UKW mit dem System ausgestatteten Parkinson-Patienten sind wissenschaftliche Pioniere, die zwar von den generellen Vorteilen einer THS profitieren, aber aus der Datenmessung noch keinen unmittelbaren persönlichen Gewinn ziehen würden.

Einsatzgebiete der Tiefen Hirnstimulation

Die Tiefe Hirnstimulation ist fest etabliert bei Morbus Parkinson, Dystonien, essentiellem Tremor und anderen Zitter-Erkrankungen.

Regelmäßige Einsatzgebiete am UKW:

  • Fortgeschrittener idiopathischer Morbus Parkinson
  • Zitter-Erkrankungen, die mit Medikamenten nicht zufriedenstellend behandelt werden können
  • Dystonien; insbesondere solche, die den ganzen Körper betreffen (generalisierte Dystonien)
  • Tardive Dystonien (bestimmte, durch Medikamente ausgelöste Formen)
  • In Einzelfällen segmentale Dystonien wie Torticollis oder Meige-Syndrom

Bei weiteren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen (zum Beispiel schwere therapieresistente Depressionen, therapieresistente Epilepsien, Tourette-Syndrom, Zwangserkrankungen) wird die Tiefe Hirnstimulation derzeit erprobt.

Qualitätssicherung der Tiefen Hirnstimulation

Das idiopathische Parkinson-Syndrom ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. Es ist durch einen fortschreitenden neurodegenerativen Krankheitsverlauf gekennzeichnet. Seit einigen Jahren steht eine Reihe von neuen Therapieverfahren zur Behandlung des Parkinson-Syndroms zur Verfügung, die das Auftreten von Spätkomplikationen zeitlich aufschieben können. Dieses invasive Therapieverfahren ist technisch aufwendig und erfordert in ihrer Anwendung eine hohe Expertise der behandelnden Einrichtungen. Es gibt jedoch bisher keine gebündelten Aktivitäten zur Qualitätssicherung dieses komplexen Verfahrens.

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Freiwilliges Qualitätssicherungsregister

Im Rahmen eines Projektes sollen nachhaltige Strukturen etabliert werden, um die Qualität der medizinischen Versorgung von Patienten mit Parkinson-Syndrom zu dokumentieren, die mittels eines der innovativen therapeutischen Verfahren in Deutschland neu eingestellt werden. In einem ersten Schritt wird für das Verfahren der Tiefen Hirnstimulation ein freiwilliges Qualitätssicherungsregister etabliert, in dem Informationen über Patienten, die sich einem THS-Eingriff unterzogen haben, aus Einrichtungen im gesamten Bundesgebiet zusammengetragen werden.

Beteiligte Institutionen:

  • Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B) Universität Würzburg
  • Universitätsklinikum Würzburg
  • Deutsche Parkinson Gesellschaft e. V.
  • Ethik-Kommission der Universität Würzburg, Institut für Pharmakologie und Toxikologie

Darm-Hirn-Achse bei Parkinson

Veränderungen im Darm können sich nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf die psychische Gesundheit und das Nervensystem auswirken. Mehrere Publikationen haben bereits gezeigt, dass Immunzellen aus dem Darm ins Gehirn wandern können.

Kommunikation zwischen Gehirn und Darm keine Einbahnstraße

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Kommunikation zwischen Gehirn und Darm keine Einbahnstraße ist. Zellen können auch vom Gehirn in den Darm wandern und so die Ausbreitung von Krankheiten vermitteln.

Rolle des α-Synuclein

Bei der Parkinson-Krankheit spielt eine bestimmte Ansammlung des Proteins α-Synuclein (αSyn) eine Rolle. Interessanterweise fanden die Forschenden diese Proteinansammlungen nicht in den Neuronen, die im Darm ein autonomes Nervensystem steuern, sondern in den Makrophagen.

Wanderung von Makrophagen

Um eindeutig zu testen, ob Makrophagen vom Gehirn in den Darm wandern, wurde eine Methode entwickelt, mit der Zellen im Gehirn markiert und ihre Wanderung in andere Organe verfolgt werden kann.

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Relevanz für andere neurologische Erkrankungen

Makrophagen wandern nicht nur bei Parkinson, sondern auch unter Kontrollbedingungen vom Gehirn in den Darm, was den Befunden eine breitere Relevanz für andere neurologische Erkrankungen verleiht.

Nächste Schritte

Der nächste Schritt besteht darin, diese wandernden Zellen vollständig zu charakterisieren und die sogenannten Homing-Moleküle zu identifizieren, welche diese Zellen in den Darm leiten.

Neue Elektroden für die Tiefe Hirnstimulation

Ein Team der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) hat vor wenigen Tagen als erstes Krankenhaus Deutschlands erfolgreich die Elektroden Vercise Cartesia X des Herstellers Boston Scientific bei einem 69-jährigen Patienten mit Parkinson-Erkrankung implantiert. Sie sind die ersten und bislang einzigen direktionalen Elektroden mit 16 Kontakten auf dem Markt und dienen der tiefen Hirnstimulation (THS).

Funktionsweise der Elektroden

Das THS-System lindert die Symptome von Bewegungsstörungen, indem es zarte elektrische Impulse an spezifische Gehirnregionen sendet. Hierfür werden zwei Sonden mit Elektrodenkontakten im Gehirn der Parkinson-Patientinnen und -Patienten platziert. Das Gerät ähnelt in Größe und Form einem Herzschrittmacher. Wie dieser wird der Hirnschrittmacher unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut implantiert. Über feine Kabel, die ebenfalls unter der Haut verlaufen, ist er mit den Hirnelektroden verbunden. Die elektrische Stimulation harmonisiert das Zusammenspiel der funktionell gestörten Hirnareale. So können Bewegungsabläufe wieder besser koordiniert werden.

Vorteile des neuen Systems

„Das innovative System erlaubt eine maßgeschneiderte, hochpräzise Therapie, die auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt werden kann - sowohl direkt nach der Implantation als auch im Verlauf der Erkrankung, wenn sich die Symptome verändern”, kommentiert Professorin Cordula Matthies.

Software zur Entwurf und Simulation von Stimulationsprogrammen

Mithilfe einer neuen, mit einem automatischen Algorithmus ausgestatteten Software können die Ärztinnen und Ärzte die Stimulationsprogramme anhand der Hirnbilder der Patientinnen und Patienten am Computer entwerfen, berechnen und simulieren.

Diagnostik und Behandlung von Morbus Parkinson am UKW

Die Diagnostik und Behandlung des Morbus Parkinson gehört zu den Schwerpunkten der Klinik. Neben der Diagnosestellung inklusive der Abgrenzung gegenüber atypischen oder symptomatischen Parkinson-Syndromen bieten wir alle gängigen Therapieverfahren an, von der ambulanten medikamentösen Therapieanpassung über eine stationäre Parkinson-Komplexbehandlung bis hin zur Apomorphin- oder DuoDopa-Pumpeneinstellung und Tiefen Hirnstimulation.

Seltene Formen und atypische Parkinson-Syndrome

Wir behandeln auch seltene genetische Varianten der Parkinson-Krankheit sowie atypische Parkinson-Syndrome inklusive Multisystematrophie (MSA-P, MSA-C), progressive supranukleäre Blickparese (PSP) und corticobasale Degeneration (CBD).

Behandlungsmethoden

Die medikamentöse Behandlung der Parkinson-Erkrankung besteht vor allem im Ausgleich des Dopaminmangels durch Gabe von sogenannten Dopaminagonisten oder L-Dopa. In fortgeschrittenen Erkrankungsstadien kann auch der Einsatz von Pumpentherapien (Duodopa-Pumpe, Apomorphin-Pumpe) oder der Tiefen Hirnstimulation sinnvoll sein. Neben Medikamenten sind Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie wichtige Bestandteile der Behandlung, die in früheren Erkrankungsstadien oft vernachlässigt werden. Wir bieten in unserer Klinik eine Parkinson-Komplexbehandlung an, die auch Patientinnen und Patienten mit atypischem Parkinson-Syndrom offensteht.

Forschungsschwerpunkte der Neurologischen Klinik

Die Forschungsschwerpunkte der Neurologischen Klinik und Poliklinik umfassen die Themen Morbus Parkinson und andere Bewegungsstörungen einschließlich deren Behandlung mittels tiefer Hirnstimulation, Neuromuskuläre Erkrankungen mit spezieller Neurophysiologie, Nerv-Muskelpathologie und immunologische Aspekte, die Schlaganfallmedizin mit Wechselwirkung im Bereich von thrombotischen und entzündlichen Mechanismen und der Herz-Hirn-Achse. Zwei transregionale Sonderforschungsbereiche (Platelets, ReTune), eine klinische Forschungsgruppe (ResolvePain) sowie die integrierte Heisenberg-Professur für translationale Somatosensorik garantieren neben einer Vielzahl von EU-, DFG- und BMBF-geförderten Projekten die facettenreiche, multimodale Untersuchung der Schwerpunktthemen in unseren Laboren, alle mit dem translationalen Ziel, die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu verbessern.

Prof. Dr. Jens Volkmann

Prof. Dr. med. Jens Volkmann ist Neurologe und seit 2010 Direktor der Neurologischen Universitätsklinik in Würzburg. Sein klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt im Bereich der Bewegungsstörungen und deren Behandlung mittels tiefer Hirnstimulation. Prof. Volkmann ist und war Sprecher verschiedener nationaler und europäischer Forschungsverbünde zu diesen Themen und war von 2013-2019 Vorstandsmitglied der Deutschen Parkinson Gesellschaft (DPG). Als deren Präsident initiierte er die Gründung der Parkinson Stiftung gemeinsam mit dem damaligen Schatzmeister Prof. Manfred Gerlach.

Motivation für das Engagement in der Parkinson Stiftung

Die Parkinson-Forschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Wir stehen heute an der Schwelle zu neuen Behandlungen, die erstmals den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen können und vielleicht eines Tages sogar „heilen“. Aber auch die symptomatische Behandlung mittels moderner Medikamente und technischer Verfahren, wie der tiefen Hirnstimulation, ist inzwischen so effektiv, dass man Menschen mit Parkinson mitunter für Jahrzehnte die Erkrankung nicht ansehen muss. Leider gibt es immer noch nicht ausreichend ärztliche Spezialisten, die auf aktuellstem Wissensstand sind und es flächendeckend in der Betreuung von Menschen mit Parkinson umsetzen können. Ich halte es deswegen für wichtig, dass die Betroffenen und Angehörigen selbst zu Spezialisten für Ihre Erkrankung werden und wichtige Entscheidungen in der Behandlung partnerschaftlich mit dem Arzt besprechen können. Diese Schulung, Aufklärung und Beratung ist tagtäglicher Bestandteil meiner klinischen Arbeit und macht mir viel Freude, weil ich die positiven Effekte in der längerfristigen Betreuung von Menschen mit Parkinson miterleben kann. Durch mein Engagement für die Parkinson Stiftung möchte ich meine ärztliche Erfahrung einer größeren Zahl von Betroffenen zukommen lassen, als es mir in meiner klinischen Tätigkeit möglich ist.

Bedeutung der Parkinson Stiftung

Wir haben in Deutschland mit der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen eine sehr erfolgreiche Fachgesellschaft, die Parkinson-Forscher und -Ärzte miteinander vernetzt. Es gibt mehrere Patientenselbsthilfeorganisationen, in denen sich Betroffene untereinander vernetzen und unterstützen. Bislang gab es aber keine direkte Verbindung zwischen Parkinson-Forschenden und Betroffenen. Aus diesem Grunde haben wir die Parkinson-Stiftung gegründet. Sie soll Betroffenen und Interessierten einen direkten Zugang zu aktuellen und geprüften Informationen über die Erkrankung und Ihre Behandlung bieten, sie soll zur Mitarbeit in der Forschung motivieren und natürlich auch Geld für wichtige Forschungsprojekte sammeln, um die Diagnose und Behandlung der Parkinson-Krankheit zu verbessern. Gemeinsam können es Forscher und Betroffene in viel kürzerer Zeit schaffen, die Lebensbedingungen von Menschen mit Parkinson zu verbessern. Das ist unser erklärtes Ziel. Die staatliche Förderung ist leider in der Summe nicht ausreichend und zu wenig fokussiert, um dieses gemeinsame Ziel in naher Zeit erreichen zu können, und wir sind deswegen auf privates Engagement angewiesen. Stellen Sie sich vor: Wenn alle Deutschen nur einen Euro im Jahr für die Parkinson-Forschung spenden würden, dann könnten wir insgesamt 85 Millionen Euro gezielt in die Erforschung der Ursachen und mögliche Therapien der Krankheit investieren. Es würde einen gigantischen Schub für die Parkinson-Forschung in Deutschland bedeuten und noch mehr talentierte Nachwuchswissenschaftler zur Arbeit auf diesem Gebiet motivieren. Wir befinden uns in der medizinischen Wissenschaft untereinander in einem Konkurrenzkampf um die klügsten Köpfe. Die gehen in solche Themenbereiche, in denen die besten Fördermöglichkeiten existieren und dadurch die schnellsten Fortschritte zu erwarten sind. Die Parkinson Stiftung will diesen Wettbewerb zu Gunsten der Parkinson-Forschung „gewinnen“.

Persönliche Motivation für die Erforschung der Parkinson-Krankheit

Ich habe in den 1980er Jahren Medizin studiert und bin seit etwas mehr als 25 Jahren Neurologe. Damals galten Neurologen als Ärzte, die zwar akribisch auch seltenste Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems beschreiben und diagnostizieren konnten, leider aber nur in den seltensten Fällen wirklich erfolgreich behandeln konnten. Das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten grundlegend verändert. Kein Gebiet der Medizin hat so rasche Fortschritte gemacht, wie die Erforschung von Gehirnerkrankungen. Ich selbst hatte das Glück in den USA während eines Forschungsaufenthaltes, der eigentlich einem anderen Zweck diente, rein zufällig auch die positive Wirkung von stereotaktischen Gehirnoperationen bei Parkinson-Patienten zu erleben und habe dann nach der Rückkehr zwei Lehrer und Förderer gefunden, die mir geholfen haben die tiefe Hirnstimulation als eine wichtige Behandlungsmethode für Parkinson-Patienten in Deutschland zu etablieren und weiterzuentwickeln. Das waren Prof. Hans-Joachim Freund, der damalige Direktor der Neurologischen Universitätsklinik in Düsseldorf und der Neurochirurg, Prof. Volker Sturm, Leiter der Klinik für Stereotaxie und funktionelle Neurochirurgie an der Universität Köln, denen ich viel verdanke. Bis heute finde ich es faszinierend, wie durch eine simple elektrische Stimulation umschriebener Gehirnregionen bei einzelnen Patienten dramatische Verbesserungen der Mobilität erzielt werden können. Gleichzeitig haben wir durch die gewissenhafte Beobachtung dieser Patienten sehr viel über die Funktion und Fehlfunktion von Regelkreisen im Gehirn gelernt, die neben Bewegungen auch Emotionen, Antrieb oder andere komplexe Verhaltensweisen des Menschen steuern. Meine Forschung hat immer einen direkten Bezug zur Behandlung von Bewegungsstörungen gehabt, die für die betroffenen Kinder und Erwachsenen und natürlich auch Ihre Familien großes Leid mit sich bringen. Dieses Leid als Arzt zu sehen und dann das Glück einer erfolgreichen Behandlung mitzuerleben, war für mich immer die größte Motivation in der Forschung.

Wichtigster Beitrag in der Erforschung der Erkrankung

Das war sicher die klinische Etablierung und Verbesserung der tiefen Hirnstimulation in der Behandlung von Bewegungsstörungen. Bei der ersten gemeinsamen Implantation von Hirnelektroden und einem Hirnschrittmacher mit Prof. Sturm in Köln im Jahr 1995 war dieses Verfahren noch hoch experimentell, aber der Behandlungserfolg bei dem Patienten war dramatisch. Dennoch hatten wir in den ersten Jahren gegen erhebliche Widerstände bei Neurologen zu kämpfen, die das Verfahren für zu wenig ausgereift, risikobehaftet und randständig hielten. Wir haben in vielen Studien und Untersuchungen dazu beigetragen, den Nutzen und die Sicherheit dieser Methode wissenschaftlich zu belegen, genau zu definieren, wann im Verlauf der Erkrankung und für welche Symptome die tiefe Hirnstimulation besonders gut geeignet ist, und in den letzten Jahren mitgewirkt unter Einsatz moderner digitaler Methoden noch gezieltere und verträglichere Stimulationsverfahren zu entwickeln. Das ist natürlich nie der Erfolg eines Einzelnen, sondern eines oder mehrerer Teams, die ihre Erkenntnisse austauschen und sich gegenseitig voranbringen. Wir hatten in Deutschland das Glück, einen sehr engen Austausch mit verschiedenen Arbeitsgruppen zu haben, der dann auch in vielen freundschaftlichen Kontakten gemündet hat. Das gemeinsame wissenschaftliche Ziel stand im Vordergrund und nicht der Konkurrenzkampf. Um die kooperativen Strukturen und die dadurch erfolgreichen multizentrischen klinischen Studien werden wir weltweit beneidet. Diesen Gemeinsinn zu pflegen und auch in die Parkinson Stiftung die Idee von Kooperation, Vernetzung und Teamgeist hereinzutragen, ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen, das sich nicht mit klassischen Erfolgskriterien messen lässt.

Zukünftige Änderungen in der Behandlung der Parkinson-Krankheit

Natürlich hoffen wir alle auf Behandlungen, die den Verlauf der Erkrankung verlangsamen oder gar aufhalten. Aber schon jetzt ist mit den vorhandenen Möglichkeiten eine bessere Behandlung in vielen Fällen möglich. Ich sehe viele Menschen mit Parkinson, die aus Sorge vor möglichen Nebenwirkungen (die vielleicht niemals eingetreten wären) zögerlich und zu wenig durchgreifend behandelt werden. Es ist meine persönliche Erfahrung, dass es viel schwieriger ist, ein für längere Zeit unzureichend therapiertes Parkinson-Syndrom wieder „hinzubiegen“, als durch eine ständig angepasste Therapie einen guten Funktionszustand zu erhalten. Ziel der Behandlung sollte es aus meiner Sicht sein, die „Flitterwochen“ (englisch Honeymoon) der Parkinson-Therapie möglichst lange zu erhalten, indem man früh behandelt und bei Verschlechterungen auch maßgeschneidert eskaliert. Dabei kann dann durchaus auch die tiefe Hirnstimulation als nicht-medikamentöses Verfahren früher in Betracht kommen, wenn erste Wirkfluktuationen oder auch psychiatrische Komplikationen den medikamentösen Behandlungsspielraum zunehmend einengen. Die Behandlung muss sehr personalisiert und störungsspezifisch erfolgen, weil sich die Krankheitssymptome in Ihrer Auswirkung auf den Alltag und das Berufsleben von Patient zu Patient stark unterscheiden. Dazu ist es erforderlich, den Patienten regelmäßig zu sehen, das Störungsbild in seinen Auswirkungen auf die Motorik oder andere Funktionsbereiche zu erfassen und vorausschauend die Behandlung anzupassen.

Rat an junge Ärzte und Wissenschaftler

Ich mag den Leitspruch des Apple Gründers, Steve Jobs: „Stay hungry, stay foolish“ (Bleib hungrig, bleib tollkühn“). Neugierde und die Suche nach Verbesserung sollten der Antrieb für jede wissenschaftliche Karriere sein. Man muss für das, was man tut, „brennen“ und nicht nur „einen Job machen“. Die Forschung sollte man kreativ und sthenisch umsetzen, insbesondere wenn es Gegenwind gibt, das ein oder andere Experiment einmal misslingt oder man gar von Anderen entmutigt wird. Nicht selten höre ich von Studenten oder jüngeren Mitarbeitern, dass sie gar nicht wissen, was sie noch erforschen sollen, weil doch schon so viel über den menschlichen Körper bekannt sei und man kaum noch bewältigen könne, das Wissen auf dem aktuellsten Stand zu halten. Dahinter steckt der Gedanke, dass man nur lange genug fleißig lernen muss, um am Ende alles „richtig“ zu machen und dann ein guter Arzt zu sein. Ich denke, wir sollten viel mehr Mut haben zuzugeben, was wir nicht wissen oder verstehen. Viele der wichtigsten wissenschaftlichen Fortschritte sind dem „glücklichen Zufall“ von Einzelfallbeobachtungen entsprungen. Das setzt voraus, dass man offen für die unerwarteten Ergebnisse ist und gerade diesen sorgsam nachgeht, denn wirklich bahnbrechende Forschung ist niemals bestätigend. Als klinisch tätiger Arzt sieht man tagtäglich Fälle, die anders verlaufen als es das Lehrbuch vermuten lässt und daraus kann man lernen und neue wissenschaftliche Fragestellungen entwickeln. Als guter Forscher braucht man neben einer guten Wissensbasis dann Risikobereitschaft und das Selbstvertrauen, auch einmal für eine gewisse Zeit ohne Rücksicht auf die eigene Karriere gegen den Strom zu schwimmen. Eine gewisse Portion „Verrücktheit“ (foolishness) kann da nicht schaden.

Früherkennung von Parkinson durch Hauttest

Einer deutschen Forschungsgruppe ist es erstmals gelungen, über eine Hautprobe die Parkinson-Erkrankung im Frühstadium zu erkennen. Neurologinnen des Uniklinikums Würzburg hatten maßgeblichen Anteil an der Studie.

Bedeutung der Früherkennung

Weltweit wird an Wegen geforscht, wie man die Parkinsonkrankheit möglichst früh und sicher diagnostizieren kann. Laut dem Parkinson-Experten sind die Frühsymptome der Krankheit, die oft Jahre zuvor auftreten, so unspezifisch, dass die Betroffenen keinen Arzt aufsuchen. „Ein zuverlässiger Labortest, der die Erkrankung unabhängig von den Symptomen früh erkennen kann, ist daher von größter Wichtigkeit“, unterstreicht Volkmann.

Der neue Hauttest

Neurowissenschaftlern um Dr. Kathrin Doppler und Professorin Claudia Sommer von der Neurologischen Klinik in Würzburg sowie um Professor Wolfgang Oertel, dem ehemaligen Direktor der Klinik für Neurologie der Uni Marburg, gelang dies über einen neuen Hauttest. Das Team konnte bei Risikopatienten mit Schlafverhaltensstörungen den Biomarker Alpha-Synuclein in der Haut identifizieren, der Parkinson nachweist, Jahre bevor der Patient sichtbar erkrankt.

Alpha-Synuclein als Biomarker

„Wir kennen Alpha-Synuclein zwar als Kennzeichen von Morbus Parkinson, und der Nachweis dieser Proteinablagerungen war bereits der Goldstandard der Diagnose“, so Volkmann, der als Co-Autor an der Studie mitwirkte. „Allerdings haben wir im Gehirn gesucht, und das war erst nach dem Tod möglich“, erklärt der Professor. Dass sich Alpha-Synuclein nicht nur im Gehirn ablagert, sondern auch in der Haut, konnten die Würzburger Forscherinnen und Forscher schon im Jahr 2014 zeigen.

Untersuchung von Patienten mit Schlafverhaltensstörungen

Um herauszufinden, ob Alpha-Synuclein auch in der Frühphase der Erkrankung als Biomarker herangezogen werden kann, untersuchten sie Patienten mit Schlafverhaltensstörungen. Die Schlafstörung gilt als wichtiger Risikofaktor für die Parkinson-Krankheit. Sie äußert sich in lebhaften Träumen und auffälligen Bewegungen im Traumschlaf. Etwa 85 Prozent der Betroffenen entwickeln innerhalb von 15 bis 20 Jahren eine Parkinson‐Erkrankung.

Durchführung des Hauttests

Für die Untersuchung reicht eine fünf Millimeter große Gewebeprobe aus, die mit einer minimalinvasiven Hautbiopsie gewonnen wird.

Potenzial für die Früherkennung und klinische Studien

„In Anbetracht dieses einfachen Zugangs zum Probenmaterial und der hohen Spezifität der Untersuchung sehen wir in der Methode hohes Potenzial, um Parkinson-Patienten schon im Frühstadium zu identifizieren und für klinische Studien zum Test von krankheitsmodifizierenden Medikamenten zu gewinnen“, so Studien-Erstautorin Dr. Kathrin Doppler.

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