Ursachen von Darmentleerungsstörungen bei Multipler Sklerose: Ein umfassender Überblick

Einführung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die häufig im jungen Erwachsenenalter auftritt. Sie ist durch vielfältige Symptome und Verlaufsformen gekennzeichnet. Störungen der Blasen- und Darmfunktion sind bei MS-Patienten keine Seltenheit und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Viele Betroffene scheuen sich jedoch, über diese Probleme zu sprechen, wodurch sie oft unbehandelt bleiben. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Darmentleerungsstörungen bei MS, ihre Auswirkungen und mögliche Therapieansätze.

Multiple Sklerose und ihre Auswirkungen auf Blase und Darm

Die Multiple Sklerose (MS) beschädigt die schützenden Hüllen um die Nerven im Gehirn und Rückenmark. Die Folge ist, dass elektrische Signale die Organe und Muskeln verzögert oder überhaupt nicht mehr erreichen. Die Krankheit kann individuell sehr unterschiedlich verlaufen, doch nimmt die Anzahl der Menschen mit Blasenfunktions- und Darmstörungen (inklusive Urin- und Stuhlinkontinenz) mit der Dauer ihrer Erkrankung zu. Die Funktionsstörungen von Blase und Darm können die Lebensqualität von Menschen mit MS erheblich mindern. Wenn die Blase oder der Darm nicht mehr gehorchen wie gewünscht, ziehen sich viele aus Scham zurück und verlassen kaum mehr die eigenen vier Wände. Wenn sie doch nach draußen gehen, informieren sie sich vorher, wo die nächste Toilette ist.

Prävalenz von Blasen- und Darmfunktionsstörungen bei MS

Einer aktuellen Auswertung des MS-Registers der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) zufolge litt knapp ein Drittel der befragten MS-Patienten in Deutschland unter Blasenstörungen, hier zum Beispiel übermäßigem Harndrang oder Blasenschwäche (Harninkontinenz). Acht Prozent der Befragten gaben an, unter Störungen der Darmfunktion zu leiden. Die DMSG-Experten vermuten jedoch, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Dies ist auch der Grund, warum die Blasenstörungen bei knapp der Hälfte der MS-Patienten (47 Prozent) unbehandelt bleiben. Noch seltener bekommen Patienten mit Darmstörungen eine Behandlung. Ärzte gehen davon aus, dass 75 bis 80 Prozent aller MS-Patienten im Verlauf der Nervenerkrankung eine Blasenfunktionsstörung entwickeln. Nach 15 Jahren Krankheitsdauer leiden etwa 74 Prozent der Erkrankten an einer Blasenfunktionsstörung und 31 Prozent an einer Störung der Darmfunktion.

Geschätzt 40-70 % der MS-Erkrankten leiden unter neurogenen Darmfunktionsstörungen.

Ursachen von Darmentleerungsstörungen bei MS

Die Ursachen für Darmentleerungsstörungen bei MS sind vielfältig. Die Schädigung der Nervenleitbahnen durch die MS führt dazu, dass die Impulse zu den Ausscheidungsorganen ungeordneter, seltener oder häufiger transportiert werden. Dies kann sowohl zu Verstopfung als auch zu Durchfall führen.

Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Polyneuropathie und psychosomatischen Ursachen

Neurogene Ursachen

Nerven im zentralen Nervensystem (ZNS) und Muskeln müssen korrekt zusammenarbeiten, um Körperfunktionen zu steuern. Werden bei MS entsprechende Nervenzellen in den Zentren des ZNS angegriffen oder zerstört, können neurogene Blasenfunktionsstörungen oder Störungen im Darm entstehen. Die geschädigten Nerven in den betroffenen Regionen des Gehirns oder des Rückenmarks die elektrischen Informationen nur noch langsam oder gar nicht mehr weiterleiten können.

Verstopfung bei MS

Darmprobleme bei MS können z. B. als Verstopfung auftreten. Dann ist der Darm weniger angeregt, er transportiert den Stuhl langsamer weiter und der Stuhl dickt ein. Auch kann über diesen Vorgang eine MS Blähungen verursachen. Ursache für die Verstopfung oder sie verstärkend sind neben der Störung des vegetativen Nervensystems Bewegungsmangel sowie einige Medikamente (u.a. Anticholinerika, Opioide).

Mögliche Symptome einer Verstopfung:

  • Völlegefühl
  • Aufgeblähter Bauch
  • Fröstelgefühl und/oder Unwohlsein
  • Die Darmentleerung findet seltener als gewohnt statt oder gar nicht
  • Die Entleerung verursacht Schmerzen
  • Harter Kot
  • Starkes Pressen notwendig und Schmerzen
  • Reduzierte Stuhlmengen
  • Blähungen
  • Appetitlosigkeit
  • Betroffene haben kein Gefühl der vollständigen Entleerung des Stuhls

Durchfall bei MS

Ist durch die Multiple Sklerose der Darm zu stark angeregt, bewegt er sich schneller, der Stuhl wird zügiger weitertransportiert und Durchfall kann entstehen.

Zusammenhang zwischen MS und Darmbakterien

Die Hinweise mehren sich, dass zwischen MS und Darmbakterien ein Zusammenhang bestehen kann. Die Bakterien-Mischung im Darm heißt Mikrobiom oder Darmflora. Dass Darmflora und Immunsystem generell zusammenhängen, gilt als sehr wahrscheinlich. Allerdings befindet sich die Forschung speziell bei der Frage vom Verhältnis Mikrobiom - Multiple Sklerose noch sehr am Anfang.

Lesen Sie auch: Neurologische Ausfälle: Ursachen und mehr

Weitere Ursachen

Weitere Ursachen für Darmentleerungsstörungen können sein:

  • Lebensstil (Stress, Bewegungsmangel, Ernährungsweise, Flüssigkeitsmangel, Darmträgheit im Alter, Hormone etc.)
  • Unterbringung in einem Krankenhaus, Reisen & unregelmäßige Lebensweise mit wechselndem Tag-Nacht-Rhythmus
  • Missbrauch von Abführmitteln
  • Ungesunde Stuhlgewohnheiten
  • Endokrinologische Ursachen (Diabetes mellitus), Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse), Hyperparathyreoismus (Überfunktion der Nebenschilddrüse)
  • Metabolische Störungen (Kalium-, Kalzium-, Magnesiumstoffwechsel, Niereninsuffizienz)
  • Neurologische Störungen (Amyloidose, Sklerodermie, M. Parkinson, Rückmarkschädigung, Multiple Sklerose, Depression)
  • Medikamentennebenwirkungen (Opiate, Antidepressiva, Parkinsonmittel, Psychopharmaka, Diuretika, Ibuprofen, Eisen)

Auswirkungen von Darmentleerungsstörungen auf die Lebensqualität

Die Funktionsstörungen von Blase und Darm können die Lebensqualität von Menschen mit MS erheblich mindern. Wenn die Blase oder der Darm nicht mehr gehorchen wie gewünscht, ziehen sich viele aus Scham zurück und verlassen kaum mehr die eigenen vier Wände. Wenn sie doch nach draußen gehen, informieren sie sich vorher, wo die nächste Toilette ist. Besonders die Inkontinenz beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Schamgefühl, Isolation und Depression sind oft die Folge.

Sowohl chronische Verstopfung wie auch Darminkontinenz können weitere Schäden wie Hämorrhoidenblutung, Diverkulitis, Rektozele und Schmerzen zur Folge haben. Neurogene Darmfunktionsstörungen können wie auch neurogene Blasenfunktionsstörungen die Lebensqualität in erheblichem Umfang einschränken.

Diagnose von Darmentleerungsstörungen bei MS

Wenn Sie erste Anzeichen für eine Funktionsstörung des Darms oder der Blase bei einer MS-Erkrankung spüren, vereinbaren Sie einen Kontrolltermin bei Ihrem Neurologen. Probleme mit der Blase wie häufiger Harndrang oder Harnverhalt können auf eine erste Krankheitsaktivität der MS hinweisen, die schnell behandelt werden muss.

Führen Sie ein Tagebuch darüber, wann und wie oft Sie zur Toilette müssen und welche Symptome auftreten.

Lesen Sie auch: Aseptische Meningitis verstehen: Ursachen und Behandlung

Wesentliche Hinweise gibt die proktologische Basisuntersuchung: äußere Inspektion, Tastuntersuchung, Mastdarm- (Rektoskopie) und Enddarmspiegelung (Proktoskopie). Hierbei kann bei Frauen meist eine begleitende Rektozele (Senkung des Enddarms mit Ausstülpung zur Scheidenhinterwand) festgestellt werden. Eine weitere wichtige Differenzialdiagnose ist das sogenannte Reizdarmsyndrom, bei dem die Verstopfung im Vordergrund stehen kann. Hier ist eine Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und ggf. einem Gastroenterologen sinnvoll.

Auch die Harnblase kann ggf. mit Ultraschall untersucht werden.

Therapie von Darmentleerungsstörungen bei MS

Eine frühzeitige Behandlung von Darmfunktionsstörungen soll Folgeschäden vermeiden und die Lebensqualität verbessern. Deshalb sprechen Sie Darmfunktionsstörungen unbedingt bei Ihrem behandeln Art an, damit eine gezielte Diagnostik und Therapie der Darmfunktionsstörungen erfolgen kann.

Ziel der Therapie: Regelmäßige Stuhlentleerung ohne große Anstrengung/Schmerzen, Darmkontinenz, Vermeidung von Komplikationen, Steigerung der Lebensqualität.

Allgemeine Maßnahmen

Um dies zu verhindern, sollten sich MS-Patienten ihrem behandelnden Arzt anvertrauen, rät die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln, die ein unabhängiges und mobiles Leben relativ diskret ermöglichen. Für Blasenstörungen sind zum Beispiel Vorlagen, spezielle Slips sowie für Männer Kondomurinale oder Tropfenfänger erhältlich. Bei Störungen der Darmfunktion helfen unter anderem Analtampons oder Klistiere.

Viele Menschen versuchen ihrem Problem damit zu begegnen, dass sie nur noch sehr wenig trinken. Genau das Gegenteil wäre jedoch richtig! Wenn Sie zu wenig trinken, können sich Blasen- und Nierensteine entwickeln. Wenn Sie unter Verstopfung leiden, hilft es, wenn Sie mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen und sich ballaststoffreich ernähren, beispielsweise mit Vollkornprodukten, Obst und Gemüse.

Nicht-medikamentöse Therapie bei Opstipation

  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5-2 Liter/Tag)
  • Ballaststoffreiche Mischkost
  • Möglichst viel Bewegung
  • Physiotherapie
  • Stehtraining
  • Beckenbodentraining
  • Kolon-Massage
  • Abführen

Medikamentöse Therapie bei Opstipation

  • Osmotisch wirkende Abführmittel (Laxantien) wie Lactulose oder Macrogol
  • Glycerin-Zäpfchen
  • Klistiere
  • Bei sehr schmerzhaftem, spastischem Schließmuskel kann ein individueller Therapieversuch mit der Injektion von Botulinumtoxin in den äußeren Schließmuskel unternommen werden.

Nicht-medikamentöse Therapie bei Darminkontinenz

  • Ernährungsumstellung (keine blähende oder den Darm anregende Nahrung)
  • Regelmäßiges, gezieltes Abführen (z. B. Klistier oder sogenannte „transanale Irrigation (TAI)“. Dabei wird Wasser in den Darm eingebracht, um nach einer bestimmten Einwirkzeit eine vollständige Darmentleerung auszulösen. Der dazu verwendete Rektalkatheter hat einen Ballon, der das Wasser sicher im Darm hält. TAI kann nach Einweisung selbst angewandt werden.
  • Beckenbodentraining
  • Hilfsmittel

Medikamentöse Therapie bei Darminkontinenz

  • Anticholinerika

Wirkweise von Medikamenten

  • Osmotisch wirkende Laxantien ziehen Wasser in den Dickdarm. Macrogol hält Wasser im Darm zurück. Beide Substanzen machen den Stuhl weicher und regen so die Darmtätigkeit an.
  • Domperidon fördert die Transportbewegungen in Magen und Darm.
  • Glycerin erweicht den Stuhl, erhöht seine Gleitfähigkeit und fördert die Darmaktivität.
  • Medizinische Kohle bindet in Flüssigkeiten gebundene Stoffe. Wichtig: Medizinische Kohle kann die Wirkung anderer Medikamente - auch der Anti-Baby-Pille - verringern.

Transanale Irrigation (TAI)

Aktuelle Studien verdeutlichen, dass TAI (transanale Irrigation) als Behandlungsmöglichkeit einen hohen Stellenwert einnimmt. Studien bestätigen diese Wirksamkeit. Dazu wurden Patienten mit Rückenmarksverletzung (SCI) und neurogener Darmdysfunktion in einer szintigraphischen Studie - einem bildgebenden Verfahren - untersucht. TAI-Produkte sind medizinische Hilfsmittel und durch den Arzt verordnungsfähig. TAI ist dabei ebenso für Kinder ab dem 3.

Weitere Therapieansätze

  • Zur Behandlung von Inkontinenz und zur Vermeidung von Harnwegsinfekten ist die regelmäßige oder dauerhafte Harnableitung über einen Katheter eine wirksame Methode.
  • Sich selbst einen Blasenkatheter zu setzen ist sicherlich nicht einfach oder angenehm. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt.
  • Bei Inkontinenz des Darms können MS-Erkrankte Analtampons nutzen.
  • Medikamente können bei Harnwegsinfekten, Blasenentleerungsstörungen und auch Verstopfung helfen.
  • Hier ist es notwendig, dass möglichst unterschiedliche Fachrichtungen miteinander arbeiten. Der Urologe wird nach der Diagnose eine symptomatische Therapie einleiten, welche die Symptome lindern oder gar beseitigen kann.

MS konsequent behandeln

Um die Krankheitsaktivität bei Multipler Sklerose von Anfang an so gering wie möglich zu halten und das Gehirn zu schützen, ist es wichtig, frühzeitig auf sichtbare, aber auch unsichtbare MS-Symptome zu reagieren. Je früher die Multiple Sklerose behandelt wird, desto länger können MS-Erkrankte ohne wesentliche Beeinträchtigungen leben.

Im Laufe der Erkrankung können sich Ihre Symptome verändern. Sowohl in ihrer Ausprägung als auch in der Häufigkeit. Achten Sie auf Veränderungen und sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie dies bemerken. Zu einer langsam fortschreitenden Krankheitsverschlechterung kann es beispielsweise kommen, wenn eine schubförmig remittierende MS (RRMS) in eine sekundär progrediente MS (SPMS) übergeht.

Projekt MS-Vita

Das Forschungsteam im Projekt MS-Vita möchte die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern, indem es Wege zu einer frühzeitigen Diagnose mit individuell angepasstem Inkontinenzmanagement und entsprechender Versorgung mit Hilfsmitteln aufzeigt. Zu diesem Zweck wird es die Hilfsmittelversorgung anhand einer Literaturrecherche sowie durch die Befragung von Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörigen ermitteln. Zudem werden die Forschenden routinemäßig erhobene Daten der Krankenkassen auswerten und Pflegefachkräfte sowie behandelnde Ärztinnen und Ärzte befragen, um ein umfassendes Bild der Versorgungsituation zu erhalten.

Zu diesem Zwecke werden betroffene Menschen, ihre Angehörigen wie auch Mitglieder der verschiedenen beteiligten Gesundheitsberufe, zum Beispiel Pflegefachpersonen, Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen wie auch Ärzte und Ärztinnen befragt. Weiter werden anonyme Routinedaten beispielsweise der Krankenkassen ausgewertet, um die Behandlung von Menschen mit MS zu verbessern.

tags: #ursachen #darmentleerungsstorungen #beimultiple #sklerose