Stürze sind ein häufiges und bedeutendes Gesundheitsproblem bei älteren Menschen. Während Stürze bei Kindern ein normaler Teil des Lernprozesses sind, können sie bei Senioren unangenehme Folgen haben. Viele Stürze sind jedoch vermeidbar, wenn man die begünstigenden Faktoren versteht und geeignete Maßnahmen ergreift.
Sturzunfälle im Alter: Ein Überblick
Etwa 30 Prozent der über 65-jährigen, selbstständig lebenden Personen stürzen mindestens einmal pro Jahr. In der Altersgruppe der 90- bis 99-Jährigen sind es sogar 56 Prozent. Senioren im Pflegeheim stürzen am häufigsten, mit einer jährlichen Sturzquote, die deutlich über der von zu Hause lebenden Menschen liegt. In Pflegeheimen passieren jährlich etwa 1,5 Stürze pro Bewohner.
Folgen von Stürzen
Etwa 10 bis 20 Prozent der Stürze erfordern eine medizinische Versorgung. 5 bis 10 Prozent der Patienten erleiden eine Fraktur, wobei in 1 bis 2 Prozent der Fälle die Hüfte gebrochen ist. Die jährliche Rate neu auftretender Hüftfrakturen ist bei institutionalisierten Personen zehnmal höher als bei selbstständig Lebenden. Die jährlichen direkten Kosten von Hüftfrakturen belaufen sich auf gesellschaftlicher Ebene auf etwa 2,8 Milliarden Euro.
Stürze und Knochenbrüche beeinflussen die Lebensqualität deutlich. Etwa 40 Prozent der Betroffenen schränken in den Folgemonaten ihre körperliche Aktivität erheblich ein, und viele sind dauerhaft in ihrer Mobilität eingeschränkt. Stürze betreffen auch die Psyche, da Sturzangst die Lebensqualität und Selbstständigkeit massiv belasten kann und ein unabhängiger Risikofaktor für weitere Stürze ist.
Ursachen und Risikofaktoren von Stürzen
Stürze können unterschiedliche Ursachen haben und oft spielen mehrere Auslöser eine Rolle. Es gibt synkopale und lokomotorische Stürze, wobei lokomotorische Stürze durch intrinsische und/oder extrinsische Ursachen ausgelöst werden können.
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Synkopale Stürze
Zu den synkopalen Ereignissen gehört der zeitweise Verlust der Kontrolle über das lokomotorische System. Häufige Ursache dafür sind Ohnmachten (Synkopen), die infolge einer inadäquaten Blutdruckeinstellung auftreten können. Hierzu gehören brady- und tachykarde Herzrhythmusstörungen oder transitorische ischämische Attacken (Durchblutungsstörung des Gehirns).
Lokomotorische Stürze
Funktionsdefizite im Bewegungsapparat sind für etwa 80 bis 90 Prozent aller Stürze verantwortlich. Diese treten typischerweise bei Älteren auf. Aufgrund degenerativer Prozesse sind Kompensationsmechanismen wie schnelle Reaktionsfähigkeit, um sich abzustützen, und eine funktionsfähige Muskulatur weniger gut ausgebildet oder eingeschränkt.
Intrinsische und extrinsische Risikofaktoren
Die gebräuchlichste Systematisierung unterscheidet drei Hauptkategorien von Ursachen: intrinsische (von innen kommende), extrinsische (von außen wirkende) Risikofaktoren und eine Erweiterungskategorie.
Intrinsische Risikofaktoren
- Gang- und Balancestörungen, vor allem aufgrund alters- und krankheitsbedingter Funktionseinbußen
- Frühere Sturzereignisse
- Degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Lewy-Körperchen-Demenz, die zu einer Fallneigung nach vorne führen können, oder progressive supranukleäre Blickparese, die eine Fallneigung nach hinten verursachen kann.
- Einnahme ungeeigneter Medikamente
Extrinsische Risikofaktoren
- Schlechte Lichtverhältnisse
- Unebener oder rutschiger Untergrund
- Lose liegende Gegenstände
- Ungeeignetes Schuhwerk und Kleidung
- Ungeeignete Hilfsmittel
Bei unter 75-jährigen Menschen spielen insbesondere die extrinsischen Risikofaktoren eine bedeutende Rolle, während bei Senioren ab 80 Jahren intrinsische Faktoren in den Vordergrund treten.
Sturzrisiko bei Parkinson
Morbus Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, die die Steuerung automatischer Bewegungen stört und zu einer Fallneigung nach vorne führen kann. Die Erkrankung ist durch einen Mangel an Dopamin gekennzeichnet, einem Botenstoff, der für die Übermittlung von Signalen für die Bewegungskontrolle zuständig ist. Im Verlauf der Erkrankung kann es zu Auswirkungen auf die Koordination und die Bewegungsfähigkeit der Betroffenen kommen.
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Symptome von Parkinson
Zu den klassischen Symptomen von Parkinson gehören:
- Muskelzittern (Tremor)
- Muskelsteifheit (Rigor)
- Verlangsamung der Bewegung (Bradykinese)
- Gang- und Gleichgewichtsstörungen (posturale Instabilität)
Parkinson-Demenz
Im weiteren Krankheitsverlauf kann es in seltenen Fällen zur Entwicklung einer Parkinson-Demenz kommen. Diese äußert sich in einer Einschränkung der geistigen (kognitiven) Funktionen, wie verlangsamtes Denken, reduzierte Aufmerksamkeit und Einschränkungen der Wahrnehmung.
Medikamente und Sturzrisiko
Eine Reihe von Untersuchungen hat den Zusammenhang zwischen Arzneimitteleinnahme und Stürzen gezeigt. Es gibt verschiedene Listen für Fachkreise, in denen sturzassoziierte Medikamente aufgeführt sind, wie beispielsweise bei »Fall increasing Drugs (FRIDs)« und in der neuen PRISCUS-Liste.
Sturzassoziierte Medikamente
Zu den sturzassoziierten Medikamenten gehören unter anderem:
- Psychotrope Substanzen (insbesondere langwirksame Benzodiazepine)
- Trizyklische Antidepressiva
- Antipsychotika
- Antihypertensiva
- Antidiabetika (Sulfonylharnstoffe)
Es ist wichtig zu beachten, dass sich Sturzrisikofaktoren nicht nur addieren, sondern potenzieren. Arzt und Apotheker haben eine besondere Verantwortung, mögliche Risiken abzuwenden, idealerweise im Rahmen eines gemeinsamen Medikationsmanagements.
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Sturzprävention
30 bis 40 Prozent aller Stürze sind vermeidbar. Voraussetzung ist jedoch, dass das individuelle Sturzrisiko erkannt und Maßnahmen zur Prävention des Sturzes und Verhinderung von Verletzungen eingeleitet werden.
Geriatrisches Assessment
Bislang führen meist Hausarzt und Pflegedienste ein geriatrisches Assessment zur Sturzprävention durch. Welches Verfahren er für die Beurteilung auswählt, obliegt in der ambulanten Praxis dem Hausarzt. Ein einfacher Test, der auch in der Apotheke möglich ist, ist der Timed Up and Go Test.
Timed Up and Go Test
Die Person soll von einem Stuhl mit Rücken- und Armlehne aufstehen, eine Strecke von drei Metern laufen, umkehren und sich erneut auf den Stuhl setzen. Benötigt der Patient mehr als 14 Sekunden für die Aufgabe, ist das Sturzrisiko erhöht.
Maßnahmen zur Sturzprävention
- Anpassung des Wohnraums (z.B. zusätzliche Haltegriffe im Bad)
- Kraft- und Balanceübungen
- Seniorengerechtes Muskeltraining oder Tanzen
- Überprüfung und Anpassung der Medikation
- Ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D
- Hüftprotektoren (insbesondere bei Altenheimbewohnern)
Die Rolle des Apothekers
Das Apothekenteam kann viel zur Sicherheit älterer Kunden beitragen, wenn es Sturzgefahren erkennt und mit dem Senior bespricht. Dies umfasst:
- Beobachtung des Gangbildes des Kunden
- Fragen nach Sturzereignissen innerhalb der letzten zwölf Monate
- Blick in die Medikationsdatei, um das Sturzrisiko einzuschätzen
- Besprechung möglicher problematischer Medikamente mit dem Patienten und Information des Hausarztes
- Hinweis auf Beratungs- und Informationsangebote zur Anpassung des Wohnraums
- Empfehlung einfacher Kraft- und Balanceübungen
Umgang mit Sturzangst
Viele ältere Menschen haben Angst zu stürzen. Es ist wichtig, diese Angst ernst zu nehmen, aber sich nicht davon einschränken zu lassen. Wer sich aus Angst vor einem Sturz weniger bewegt, hat ein größeres Risiko zu stürzen als jemand, der körperlich aktiv bleibt.