Vegetatives Nervensystem und Hörsturz: Ursachen, Zusammenhänge und Therapieansätze

Ein plötzlicher Hörverlust, oft begleitet von einem Tinnitus, kann beängstigend sein. Ein Hörsturz, meist einseitig auftretend, zeichnet sich durch eine plötzlich einsetzende Hörminderung aus, die in der Regel länger als 30 Minuten anhält. Häufig wird er von einem Pfeifen, dem sogenannten Tinnitus, auf der betroffenen Ohrseite begleitet. Schwindel kann ebenfalls auftreten, deutet aber möglicherweise auf eine anderweitige Störung im Bereich des Innenohres oder des zentralen Nervensystems hin. Die Ursachen für einen Hörsturz sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu identifizieren. Stress, Verspannungen und andere Faktoren können eine Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Zusammenhänge zwischen dem vegetativen Nervensystem und dem Hörsturz, um ein besseres Verständnis der komplexen Ursachen und möglichen Therapieansätze zu ermöglichen.

Was ist ein Hörsturz?

Ein Hörsturz ist definiert als eine plötzlich auftretende Hörminderung, meist auf einem Ohr, die länger als 30 Minuten andauert. Betroffene beschreiben oft ein dumpfes Gefühl im Ohr, als ob Watte darin wäre. Häufig tritt gleichzeitig ein Tinnitus auf, ein Ohrgeräusch in Form von Pfeifen, Rauschen oder Brummen. Schwindel kann ebenfalls ein Begleitsymptom sein.

Ursachen eines Hörsturzes

Die genauen Ursachen eines Hörsturzes sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken können, darunter:

  • Organische Ursachen:
    • Durchblutungsstörungen des Innenohres: Eine verminderte Blutzufuhr zum Innenohr kann zu einer Unterversorgung der Hörzellen führen und einen Hörsturz auslösen.
    • Lärmschäden des Innenohres: Extreme Lärmbelastung kann die empfindlichen Strukturen des Innenohres schädigen und einen Hörverlust verursachen.
    • Trauma des Kopfes: Ein Schädel-Hirn-Trauma kann die Funktion des Innenohres beeinträchtigen und einen Hörsturz zur Folge haben.
    • Tumore des Gehirns bzw. des Hirnstammes: In seltenen Fällen können Tumore, wie z.B. Akustikusneurinome, auf den Hörnerv drücken und einen Hörsturz verursachen.
  • Funktionelle Ursachen:
    • Halswirbelblockierungen: Neuere Untersuchungen deuten auf eine nervale Verbindung zwischen den Kopfgelenken der Halswirbelsäule und den Hör- und Gleichgewichtsnervenkernen im Hirnstamm hin. Störungen in der Gelenkstellung oder muskulären Struktur der Kopfgelenke könnten somit zu Hörstürzen beitragen.
    • Muskuläre Verspannungen: Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich können die Durchblutung des Innenohres beeinträchtigen und einen Hörsturz begünstigen. Ein Beckenschiefstand kann über muskuläre Verspannungen im Nacken- und Halsbereich ebenfalls zu Beschwerden führen.
    • Zähneknirschen (Bruxismus): Zähneknirschen kann zu muskulären Verspannungen und Störungen der Mikrozirkulation führen, was möglicherweise einen Hörsturz auslösen kann.
  • Psychische Ursachen:
    • Stress: Stresssituationen können Gefäßverengungen und Muskelverspannungen verursachen, die einen Hörsturz begünstigen.
    • Psychischer Leidensdruck: Psychischer Stress kann die nervalen Reizschwellen verändern und zu Muskelverspannungen führen, was einen Hörsturz auslösen kann.

Die Rolle des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem (VNS) spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation von Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Blutdruck. Es besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Sympathikus ist für die Aktivierung des Körpers in Stresssituationen zuständig, während der Parasympathikus für Entspannung und Regeneration sorgt.

Eine Reizung des vegetativen Nervensystems kann über seine gefäßverengende Wirkung einen Hörsturz auslösen. Durch die enge anatomische Nachbarschaft zur Wirbelsäule, den Rippen und den sie begleitenden Muskeln kann es durch die oben genannten Phänomene zu einer Reizung des vegetativen Nervensystems kommen.

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Ein Ungleichgewicht im vegetativen Nervensystem, beispielsweise durch chronischen Stress, kann zu einer Fehlregulation führen und verschiedene körperliche Beschwerden verursachen, darunter auch einen Hörsturz. Anhaltender Stress kann das vegetative Nervensystem schwächen und langfristig zu einer Fehlregulation führen. Tinnitus, insbesondere im Zusammenhang mit einem chronischen Hypercortisolismus (dauerhafter Anstieg des körpereigenen Cortisol-Spiegels), ist ein häufiges Phänomen in diesem Zusammenhang.

Diagnose eines Hörsturzes

Um einen Hörsturz zu diagnostizieren und andere Ursachen für die Hörminderung auszuschließen, sind verschiedene Untersuchungen notwendig:

  • Klinische Untersuchung durch einen Hals-, Nasen- & Ohrenarzt (HNO-Arzt): Der HNO-Arzt untersucht die Ohren mikroskopisch und führt einen Hörtest (Tonaudiometrie) durch, um das Ausmaß der Beeinträchtigung zu bestimmen.
  • Weiterführende Diagnostik:
    • Hörnervenmessung (BERA): Diese Untersuchung dient dem Ausschluss zentralnervöser Ursachen.
    • MRT des Kopfes: Ein MRT kann ebenfalls zum Ausschluss zentralnervöser Ursachen durchgeführt werden.
    • Tympanoskopie: In einigen Fällen kann eine operative Untersuchung des Mittelohres (Tympanoskopie) zum Ausschluss eines Flüssigkeitsaustrittes aus dem Innenohr in Betracht gezogen werden.
  • Zusätzliche Untersuchungen:
    • Manuelle Medizin / Chirotherapie, Osteopathie, Naturheilkunde und Akupunktur: Diese Verfahren können funktionelle Störungen als Ursache eines Hörsturzes aufdecken.
    • Psychologische / psychiatrische Betreuung: Zur Aufdeckung psychischer Komponenten kann eine Betreuung durch einen Psychologen oder Psychiater sinnvoll sein.
    • Neurologische Untersuchungen: Weitere neurologische Untersuchungen können notwendig werden, um alle organischen Ursachen sicher abzuklären.

Therapieansätze bei Hörsturz

Die Therapie eines Hörsturzes richtet sich in erster Linie nach den erkannten Ursachen.

  • Klassische Therapie:
    • Hochdosis-Kortisontherapie: In der klassischen Hals-, Nasen- & Ohrenheilkunde erfolgt die Therapie entsprechend der Leitlinienempfehlung mittels Hochdosis-Kortisontherapie in Tablettenform, als Infusion oder sogar als Spritze in das Mittelohr.
  • Ergänzende Therapieansätze:
    • Manuelle Medizin / Chirotherapie, Osteopathie, Akupunktur und Neuraltherapie: Diese Therapien können bei funktionellen Störungen hilfreich sein.
    • Psychologische / psychiatrische Betreuung: Zur Behandlung innerer Anspannungen und Konfliktsituationen stehen zahlreiche Angebote von psychologischer / psychiatrischer Seite zur Verfügung.
  • Weitere Maßnahmen:
    • Hörgeräteversorgung: Bei bleibenden Hörbeeinträchtigungen besteht die Möglichkeit der Hörgeräteversorgung, um die funktionelle Störung zu mindern und die Lebensqualität wiederherzustellen.
    • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr von mindestens 1 1/2 bis 2 Litern täglich ist wichtig, sofern keine Nierenerkrankung vorliegt.
    • Lärmschutz: Die Ohren sollten zum Zeitpunkt des Hörsturzes und bis zu 6 Wochen nach Abklingen der Beschwerden vor Lärmeinwirkung geschützt werden.
    • Entspannungsverfahren: Entspannende Verfahren wie Meditation oder muskelentspannende Verfahren sowie Wärmebehandlung verspannter Muskelgruppen können wohltuend sein und ggf. auslösende Faktoren reduzieren.
    • Vermeidung von ototoxischen Medikamenten: Es ist darauf zu achten, nicht ohne Rücksprache mit einem HNO-Facharzt Medikamente einzunehmen, da einige Medikamente ototoxisch wirken und das Innenohr schädigen können.

Tinnitus als Begleiterscheinung

Häufig tritt im Zusammenhang mit einem Hörsturz ein Tinnitus auf. Tinnitus ist ein Symptom, das viele Ursachen haben kann, darunter Hörsturz, Lärmbelastung oder Verspannungen im Nackenbereich. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Tinnitus oft dann entsteht, wenn das Gehirn auf fehlende Höreindrücke reagiert und diese Lücke mit einem eigenen Ton füllt.

Therapieansätze bei Tinnitus

Die Therapie des Tinnitus ist vielfältig und zielt darauf ab, die Belastung durch das Ohrgeräusch zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern.

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  • Medizinische Behandlung:
    • Behandlung möglicher Grunderkrankungen: Wenn ein Hörsturz die Ursache war, kommen oft durchblutungsfördernde Medikamente zum Einsatz, manchmal in Form von Infusionen.
    • Hörgeräteversorgung: Bei begleitendem Hörverlust kann ein Hörgerät helfen, Umgebungsgeräusche wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
  • Physiotherapie:
    • Behandlung von Verspannungen: Besonders hilfreich bei muskulären Ursachen, insbesondere bei Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich.
    • Mobilisation der oberen HWS: Gezielte Behandlung der Halswirbelsäule, Triggerpunkttechniken oder myofasziale Anwendungen im Nacken- und Kieferbereich können den Tinnitus deutlich lindern.
  • Entspannungstechniken:
    • Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder sanftes Yoga: Diese Techniken helfen, Stress abzubauen und das Nervensystem zu beruhigen.
  • Selbsthilfe:
    • Wärmeanwendungen im Nackenbereich, entspannende Tees, regelmäßige Spaziergänge oder das Führen eines Tinnitus-Tagebuchs: Diese Maßnahmen können helfen, den Tinnitus besser zu bewältigen.
    • Hintergrundgeräusche: Leises weißes Rauschen oder Naturklänge können den Tinnitus in den Hintergrund rücken lassen.
    • Bewegung: Spaziergänge, leichtes Yoga, Feldenkrais oder einfach bewusstes Dehnen helfen, Spannung abzubauen und gleichzeitig die Durchblutung zu fördern.
    • Achtsamkeit: Achtsames Beobachten kann helfen, den Tinnitus nicht als Feind, sondern als Begleiter zu betrachten.

Vegetative Dystonie und ihre Auswirkungen

Eine vegetative Dystonie bedeutet wörtlich eine "fehlregulierte Spannung des vegetativen Nervensystems". Dieses System koordiniert viele wichtige Körperfunktionen, die sich willentlich kaum oder gar nicht beeinflussen lassen - etwa den Herzschlag, die Atmung oder die Verdauung. Entsprechend lassen sich unter dem Überbegriff der vegetativen Dystonie verschiedene Symptome zusammenfassen - von Herz-Kreislauf-Beschwerden und Kopfschmerzen bis zu zitternden Händen und Durchfall.

Symptome einer vegetativen Dystonie

Eine Vielzahl sehr verschiedener Symptome lässt sich mit dem Begriff vegetative Dystonie in Verbindung bringen. Die Beschwerden sind oft nur schwer einzuordnen.

Mögliche Symptome einer vegetativen Dystonie sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Durchfall
  • Verstopfung
  • Schlafstörungen
  • Krämpfe
  • Vermehrtes Schwitzen
  • Erhöhter oder erniedrigter Pulsschlag
  • Leichtes Zittern der Hände
  • Kribbeln in den Gliedmaßen

Behandlung der vegetativen Dystonie

Wie eine vegetative Dystonie am besten behandelt wird, hängt von ihrem jeweiligen Auslöser und ihrer Ausprägung ab. Bleibt die körperliche Diagnostik ohne Ergebnis, raten Ärzte häufig dazu, zunächst abzuwarten und den Verlauf der Beschwerden zu beobachten - somatoforme Störungen legen sich häufig nach einer Weile von alleine wieder.

Ist dies nicht der Fall, empfiehlt der Arzt meist eine Psychotherapie. Dies bedeutet keinesfalls, dass er die Beschwerden des Patienten nicht ernst nimmt. Oft haben körperliche Symptome ihre Wurzeln in der Psyche - es sind dann sogenannte psychosomatische Beschwerden. Die vegetative Dystonie lässt sich deshalb am besten mit psychotherapeutischen Maßnahmen behandeln. Sie versprechen die größte Aussicht auf Beschwerdefreiheit.

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Stress als Risikofaktor

Die Weltgesundheitsorganisation hat Stress als die größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts eingeordnet. Stress ist normalerweise nichts Negatives, sondern eine natürliche Reaktion, mit welcher der Körper gut umgehen kann. Vorausgesetzt, er bekommt zum Ausgleich ausreichend Erholungsphasen. Denn Stress versetzt den Körper in höchste Alarmbereitschaft. Und zwar vollautomatisch. Diese Vorgänge werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert.

Präventive Maßnahmen gegen Stress

  • Stressdiagnostik: Mittels modernster Stressdiagnostik kann festgestellt werden, inwieweit Beschwerden stressbedingte Ursachen aufweisen.
  • Laboruntersuchungen: Tiefergehende Labordiagnostik kann eine Vielzahl charakteristischer Befunde erkennen, die bei einem Standardlabor unauffällig wären.
  • Herzfrequenzvariabilität (HRV): Die Kontrolle der Herzfrequenzvariabilität (HRV) per VNS-Analyse liefert wertvolle Hinweise auf stressbedingte Erkrankungen.
  • Vitalstoffe: Dauerstress sowie ein permanent erhöhter Pegel des Stresshormons Cortisol zehren an den Vitalstoffreserven des Körpers. Die Zufuhr von Vitalstoffen kann den Mineralstoffhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen und zusätzlich den oxidativen Stress im Körper lindern.
  • Infusionen für den Vagusnerv: Mit speziellen Infusionen kann über den Vagusnerv der „schlafende“ Parasympathikus als Gegenspieler zu Ihrem hyperaktiven Sympathikus aktiviert werden.
  • Atemtechniken: Über die Atmung lässt sich der Vagusnerv wunderbar stimulieren. Tief durchatmen hilft enorm, die Spannung abzubauen.
  • Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, um die Folgen der hohen Stressbelastung zu reduzieren.
  • Achtsamkeitsarbeit: Mit Achtsamkeitsübungen wie Tai-Chi oder Qigong kann die notwendige geistige Distanz zu den quälenden, stresserzeugenden Gedanken gewonnen werden.

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