Die vestibuläre Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Schwindelattacken gekennzeichnet ist und eine erhebliche Belastung für die Betroffenen darstellen kann. In der Schmerzklinik Kiel wird ein umfassender Ansatz zur Diagnose und Behandlung dieser speziellen Form der Migräne verfolgt, um Patienten zu helfen, ihre Lebensqualität zurückzugewinnen.
Einführung in die vestibuläre Migräne
Vestibuläre Migräne kann eine Ursache für wiederkehrenden Schwindel sein. Schätzungsweise sind in Deutschland fast ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Betroffene erleben plötzliche Dreh- oder Schwankschwindel-Attacken, die oft von Kopfschmerzen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitet werden. Die Diagnose zu stellen ist nicht so einfach, denn Schwindel kann viele Ursachen haben. Im Gegensatz zur normalen Migräne steht bei der vestibulären Form nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel im Vordergrund. Die Begleitsymptome ähneln sich jedoch. Dazu können Licht-, Lärm- und Geruchsempfindlichkeit, ein starkes Ruhebedürfnis und sogenannte Auren wie Flimmern vor den Augen gehören.
Symptome und Diagnose
Charakteristische Symptome der vestibulären Migräne
Die Symptome der vestibulären Migräne sind vielfältig und können von Patient zu Patient variieren. Zu den häufigsten Beschwerden gehören:
- Anfallsartiger Schwindel: Dieser kann als Drehschwindel (wie in einem Karussell), Schwankschwindel (wie auf einem Schiff) oder als unspezifisches Gefühl von Benommenheit auftreten.
- Dauer der Attacken: Die Schwindelattacken können wenige Sekunden, aber auch stundenlang anhalten. In extremen Fällen kann den Erkrankten mehrere Tage lang schwindelig sein.
- Begleitsymptome: Viele Patienten leiden zusätzlich unter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Auch Kopfschmerzen können auftreten, müssen aber nicht zwingend vorhanden sein.
- Visuelle Symptome: Visuelle Auren, wie sie bei Migräne häufig vorkommen, können auch bei der vestibulären Migräne auftreten.
- Weitere Symptome: Gangunsicherheit, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit. Schwindelattacken können auch mehrfach pro Tag auftreten. Visuell-induzierter Schwindel (Betrachtung sich bewegender Objekte) und kopfbewegungsinduzierter Vertigo sind ebenfalls möglich.
Der Weg zur Diagnose
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann eine Herausforderung darstellen, da die Symptome unspezifisch sind und auch andere Erkrankungen zugrunde liegen können. Viele Betroffene durchlaufen eine Ärzte-Odyssee, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Holle-Lee rät Betroffenen, eine neurologische Praxis aufzusuchen, wenn in einer HNO-Praxis keine Erklärung für den Schwindel gefunden wird.
Die Diagnosekriterien der Bárány-Society sind maßgeblich:
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- A) Mindestens 5 Attacken mit vestibulären Symptomen von milder bis schwerer Intensität mit einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden
- B) Positive Anamnese für Migräne mit oder ohne Aura
- C) Ein oder mehr Migränesymptome bei 50% der Schwindelepisoden
- Kopfschmerz mit mind. 2 Charakteristika: Einseitiges Auftreten, pulsierender Charakter, mittlere bis schwere Schmerzintensität, Photophobie oder Phonophobie
- Visuelle Aura
- D) Symptomatik nicht besser durch andere Erkrankungen erklärbar
Bei Verdacht auf vestibuläre Migräne wird in der Regel eine Videonystagmografie (VNG) durchgeführt, um über die Augenbewegungen die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu messen.
Differenzialdiagnose: Vestibuläre Migräne vs. Morbus Menière
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen. Eine wichtige Differenzialdiagnose ist Morbus Menière, bei dem ein Flüssigkeitsstau im Innenohr zu Schwindelattacken und Hörverlust führt. Im Gegensatz dazu ist die vestibuläre Migräne eine neurologische Erkrankung, die nicht mit Hörverlust einhergeht.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Holle-Lee beschreibt sie als „eine Softwarestörung im Gehirn“, das Reize nicht mehr richtig verarbeiten kann. „Es kommt zu einer Art Entzündungsreaktion, an der vor allem jene Hirnareale beteiligt sind, die für das Gleichgewicht verantwortlich sind.“ Äußere Faktoren wie Licht, Lärm, Schlafmangel, bestimmte Gerüche oder hormonelle Schwankungen können Attacken auslösen.
Mögliche Triggerfaktoren
- Stress: Sowohl körperlicher als auch emotionaler Stress kann Migräneattacken auslösen.
- Schlafmangel: Unregelmäßiger Schlaf oder Schlafmangel können das Risiko für Attacken erhöhen.
- Hormonelle Schwankungen: Bei Frauen können hormonelle Veränderungen im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus, der Schwangerschaft oder den Wechseljahren Migräneattacken auslösen.
- Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke: Obwohl spezielle Nahrungsmittel nur selten Auslöser für Migräne sind, können bestimmte Substanzen wie Alkohol, Koffein oder künstliche Süßstoffe bei manchen Menschen Attacken provozieren.
- Umweltfaktoren: Helle oder flackernde Lichter, laute Geräusche, starke Gerüche oder Wetterveränderungen können ebenfalls Trigger sein.
Die Rolle der Genetik
Oft liegt die Erkrankung in der Familie. Eine familiäre Häufung von Migräneerkrankungen deutet auf eine genetische Komponente hin.
Behandlungsmöglichkeiten in der Schmerzklinik Kiel
Die Schmerzklinik Kiel bietet ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit vestibulärer Migräne. Ziel ist es, die Häufigkeit und Intensität der Schwindelattacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
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Akutbehandlung
Bei einer akuten Attacke rät Dr. Katja Heinze-Kuhn, Oberärztin an der Schmerzklinik Kiel, zu bestimmten Mitteln gegen Übelkeit, etwa den Wirkstoff Dimenhydrinat, der auch in Reisetabletten enthalten ist. Den Wirkstoff gibt es in Form von Tabletten, Saft (individuell dosierbar) oder Zäpfchen, was sinnvoll sein kann, wenn die Attacken mit Übelkeit und Erbrechen einhergehen. „Sie helfen auch gegen den Schwindel und lassen die Patienten zur Ruhe kommen.“ Typische Migränemedikamente wie Schmerzmittel oder Triptane seien bei der vestibulären Form mit Kopfschmerz ebenfalls sinnvoll.
Vorbeugende Maßnahmen
Da vestibuläre Migräne bisher nicht heilbar ist, liegt ein Schwerpunkt der Behandlung auf der Vorbeugung von Attacken. Oberärztin Heinze-Kuhn rät in schweren Fällen zu Medikamenten, um Anfällen und damit auch dem Schwindel vorzubeugen: „Eingesetzt werden können Betablocker wie Metoprolol, Antidepressiva wie Amitriptylin, Antiepileptika wie Topiramat und Kalziumkanalblocker wie Flunarizin, das offiziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen ist.“
Seit einigen Jahren sind bei hohem Leidensdruck auch CGRP-Antikörper zur Prophylaxe zugelassen, die sich Patienten einmal im Monat oder einmal im Quartal selbst unter die Haut spritzen können. Zu den Antikörpern gibt es eine erste erfolgreiche Pilotstudie, für eine allgemeine Empfehlung liegen noch zu wenige Daten vor.
Die Anfälle verschwinden durch vorbeugende Medikamente nicht ganz, sollten aber seltener und eventuell weniger intensiv werden. Erst in diesem Jahr ist eine neue Wirkstoffklasse zur Migräne-Prophylaxe auf den Markt gekommen, die auch die vestibuläre Form in Schach halten könnte: Die sogenannten Gepante blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Weitere Optionen zur Migräneprophylaxe:
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- Betablocker: Diese Medikamente werden häufig zur Blutdrucksenkung eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, insbesondere trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Einige Antiepileptika, wie Topiramat und Valproinsäure, haben sich ebenfalls als wirksam bei der Vorbeugung von Migräneattacken erwiesen.
- Kalziumkanalblocker: Flunarizin ist ein Kalziumkanalblocker, der speziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen ist und auch bei vestibulärer Migräne eingesetzt werden kann.
- CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Molekül, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt.
- Gepante: Diese neue Wirkstoffklasse blockiert im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Nicht-medikamentöse Therapien
Neben der medikamentösen Behandlung spielen auch nicht-medikamentöse Therapien eine wichtige Rolle bei der Behandlung der vestibulären Migräne.
- Gleichgewichtstraining: Spezielle Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts können helfen, die Symptome zu lindern und die Stabilität zu verbessern.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann Patienten helfen, mit der Erkrankung umzugehen und Strategien zur Bewältigung von Stress und anderen Triggern zu entwickeln.
Lebensstiländerungen
- Regelmäßiger Schlaf: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf.
- Stressmanagement: Finden Sie gesunde Wege, um mit Stress umzugehen, wie z.B. Sport, Entspannungstechniken oder Hobbys.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Essen Sie regelmäßig und vermeiden Sie es, Mahlzeiten auszulassen.
- Ausreichend Flüssigkeit: Trinken Sie ausreichend Wasser, um hydriert zu bleiben.
- Vermeidung von Triggern: Identifizieren Sie Ihre persönlichen Trigger und versuchen Sie, diese zu vermeiden.
Die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel
Die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel soll als „Cockpit” Ihrer Migränebehandlung dienen. Mit ihr können Sie Ihren Migräne- und Kopfschmerzverlauf dokumentieren und analysieren lassen. Auslösefaktoren wie zum Beispiel Wetterdaten werden automatisch diesem Verlauf hinzugefügt, um mögliche Zusammenhänge zu erfassen. Die Migräne-App warnt bei Überschreiten der Einnahmegrenzen von Akutmedikation und bietet Anleitungen zu Behandlungsmethoden wie der progressiven Muskelrelaxation.
Die Rolle der Selbstbeobachtung
Gerade wenn es um Vorbeugung (Migräne-Prophylaxe) und Behandlung geht, kannst du viel erreichen. Aber hierfür musst du deine Migräne sowie dich selbst in- und auswendig kennen. Dokumentiere und analysiere Erscheinungsformen, Symptome sowie mögliche Migräne-Auslöser.
Leben mit vestibulärer Migräne
Vestibuläre Migräne kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die Furcht vor dem nächsten Anfall ist oft groß. Viele trauen sich aus Angst vor dem Kontrollverlust kaum mehr vor die Tür, was die Erkrankung noch schlimmer macht. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass man mit dieser Erkrankung nicht allein ist.
Tipps für den Alltag
- Akzeptanz: Akzeptieren Sie, dass Sie an vestibulärer Migräne leiden und dass es gute und schlechte Tage geben wird.
- Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und tun Sie Dinge, die Ihnen guttun.
- Unterstützung suchen: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Familie und Freunden über Ihre Erkrankung.
- Austausch mit anderen Betroffenen: Treten Sie einer Selbsthilfegruppe bei oder suchen Sie den Austausch mit anderen Betroffenen online.
- Bewegung: Moderate Ausdauersportarten können helfen, Symptome zu verbessern.
- Gleichgewichtstraining: Regelmäßiges Gleichgewichtstraining kann Patientinnen und Patienten Sicherheit geben.
Die Neurologisch-Verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-Verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Aufnahmeformalitäten
Zur Planung Ihres Aufnahmetermins bitten wir Sie, folgende drei Punkte zu erledigen:
- Ihr behandelnder Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Bitten Sie Ihren Arzt, die Aufnahme-Checkliste auszufüllen.
- Füllen Sie den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
Senden Sie alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift.
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