Vitamin B12 und seine Bedeutung für das Nervensystem

Das menschliche Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das den gesamten Körper durchzieht und lebenswichtige Prozesse reguliert. Für eine gesunde Funktion ist der Körper auf eine ausreichende Versorgung mit B-Vitaminen angewiesen, insbesondere Vitamin B12 (Cobalamin). Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Funktionen von Vitamin B12 im Nervensystem, die Auswirkungen eines Mangels und wie man eine ausreichende Versorgung sicherstellen kann.

Aufbau und Funktion des Nervensystems

Das Nervensystem gliedert sich in zwei Hauptbereiche:

  • Zentrales Nervensystem (ZNS): Umfasst die Nerven im Rückenmark und im Gehirn, die gut geschützt im Schädel und im Wirbelkanal der Wirbelsäule liegen.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Beinhaltet alle anderen Nervenbahnen im Körper.

Zusätzlich wird das Nervensystem nach seinen Funktionen in das willkürliche (somatische) und das unwillkürliche (autonome oder vegetative) Nervensystem unterteilt.

Die Rolle der B-Vitamine für das Nervensystem

Zur Gruppe der B-Vitamine gehören insgesamt acht wasserlösliche Vitamine, die für das Nervensystem unverzichtbar sind. Sie sind an der Energiegewinnung in den Nervenzellen beteiligt, fördern die Bildung von Neurotransmittern und unterstützen die Regeneration der Nervenfasern. Besonders wichtig für die Erhaltung eines gesunden Nervensystems sind die B-Vitamine B1, B6, B9 und B12.

  • Vitamin B1 (Thiamin): Wichtig für den Energiestoffwechsel, insbesondere für die Energieversorgung der Nervenzellen. Es unterstützt die Produktion von Myelin und Neurotransmittern und wirkt antioxidativ.
  • Vitamin B6 (Pyridoxin): Spielt eine wichtige Rolle bei der Produktion von Nervenbotenstoffen wie Dopamin, Serotonin und GABA. Es unterstützt die Energieproduktion, den Abbau von Kohlenhydraten und Fetten sowie die Bildung von Myelin.
  • Vitamin B9 (Folat): Benötigt der Körper für die Bildung und Reparatur der Erbsubstanz DNA, die für das Wachstum und die Teilung von Zellen, einschließlich der Nervenzellen, unerlässlich ist. Besonders wichtig in der Schwangerschaft für die Entwicklung des Neuralrohrs.
  • Vitamin B12 (Cobalamin): Unterstützt die Myelinsynthese, fördert die Regeneration der Nervenzellen und ist wichtig für den Energiestoffwechsel, die DNA-Synthese und die Produktion von Neurotransmittern.

Vitamin B12: Wirkung und Funktion im Detail

Der Begriff Vitamin B12 bezieht sich auf eine Gruppe von Verbindungen, die Cobalt enthalten und als Cobalamine bezeichnet werden. Die für den Menschen nutzbaren Formen sind Methylcobalamin und 5-Desoxyadenosylcobalamin. In Nahrungsergänzungsmitteln findet man häufig Hydroxocobalamin und Cyanocobalamin, die im Körper in die aktiven Formen umgewandelt werden.

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Wirkung auf verschiedene Organe und Organsysteme

  • Nervensystem: Vitamin B12 ist wichtig für die Erhaltung der Myelinscheide, einer Schutzschicht um die Nervenfasern, die eine effiziente Übertragung der Nervensignale gewährleistet und Nervenschmerzen vorbeugt. Ein Mangel kann zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen und sogar dauerhaften Schäden führen.
  • Herz-Kreislauf-System: Vitamin B12 trägt zur Regulierung des Homocystein-Spiegels bei. Eine Anhäufung von Homocystein wird mit einem erhöhten Risiko für Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.
  • Leber: Beim Fett- und Eiweißstoffwechsel spielt Vitamin B12 eine entscheidende Rolle. Es gewährleistet, dass die Leber als zentrales Stoffwechselorgan gut funktioniert und beugt Erkrankungen wie einer Fettleber vor.
  • Knochenmark und Blut: Vitamin B12 ist von zentraler Bedeutung für die Erbgut-(DNA-)Synthese, wie sie bei der Neubildung von Zellen abläuft - im Knochenmark werden neue Blutzellen gebildet. Zudem trägt das Vitamin zur Bildung und Funktion roter Blutkörperchen (Erythrozyten) bei. Es unterstützt die Produktion roter Blutkörperchen und verhindert Anämien.
  • Muskel- und Skelettsystem: Über die Energieproduktion und den Eiweißstoffwechsel unterstützt Vitamin B12 die Muskelfunktion und beugt Muskelschwäche und -schwund vor.
  • Immunsystem: Vitamin B12 unterstützt die DNA-Synthese und ermöglicht so die schnelle Zellteilung und -reifung, die für Immunreaktionen erforderlich ist.

B12 unterstützt viele Stoffwechselprozesse

Die aktiven Formen von Vitamin B12 (Methylcobalamin, 5-Desoxyadenosylcobalamin) wirken als Coenzyme.

  • Regulierung des Homocystein-Spiegels: Methylcobalamin hilft einem Enzym mit dem Namen Methioninsynthase, die Aminosäure Homocystein in Methionin umzuwandeln. Ein angemessener Vitamin B12-Spiegel hilft also, den Homocysteinspiegel im Körper in Schach zu halten. Erhöhte Homocysteinwerte schädigen die Innenwände der Blutgefäße und begünstigen die Bildung von Blutgerinnseln, wodurch das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigt.
  • Energieproduktion: Das 5-Desoxyadenosylcobalamin spielt eine entscheidende Rolle bei der Energieproduktion des Körpers. Es unterstützt die Umwandlung von Methylmalonyl-CoA zu Succinyl-CoA, was für die Verstoffwechselung bestimmter Fettsäuren und Aminosäuren unerlässlich ist. Dieser Prozess fließt direkt in den zentralen Energieerzeugungszyklus der Zellen (Krebs-Zyklus) ein.

Aufnahme, Speicherung und Ausscheidung von Vitamin B12

Die Aufnahme von Vitamin B12 beginnt im Magen, wo es von Proteinen getrennt und an Haptocorrin gebunden wird. Im Zwölffingerdarm wird Haptocorrin entfernt und Vitamin B12 bindet sich an den Intrinsic Factor (IF), der von den Zellen der Magenschleimhaut produziert wird. Der IF transportiert Vitamin B12 sicher durch den Darm, bis es von den Darmzellen aufgenommen wird. In den Darmzellen wechselt Vitamin B12 zum Transporter Transcobalamin II, der das Vitamin in den Blutkreislauf bringt.

Vitamin B12 kann in verschiedenen Teilen des Körpers gespeichert werden, wobei die Leber der wichtigste Speicherort ist. Überschüssiges Vitamin B12 wird hauptsächlich über die Galle ins Darminnere ausgeschieden, wobei ein großer Teil des Vitamins wieder in den Körper aufgenommen wird (Recycling). Ein kleiner Teil wird auch über die Nieren (mit dem Urin) ausgeschieden.

Vitamin-B12-Mangel: Ursachen, Symptome und Folgen

Ein Mangel an Vitamin B12 kann verschiedene Ursachen haben:

  • Mangelnde Zufuhr: Insbesondere bei veganer oder vegetarischer Ernährung, da Vitamin B12 fast ausschließlich in tierischen Produkten vorkommt.
  • Aufnahmestörungen: Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts, wie chronische Magenschleimhautentzündung, entzündliche Darmerkrankungen oder Magenentfernung, können die Aufnahme von Vitamin B12 beeinträchtigen. Auch ältere Menschen haben häufig eine verminderte Fähigkeit, Vitamin B12 aufzunehmen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, wie Säureblocker (z.B. Omeprazol) oder Metformin, können die Aufnahme von Vitamin B12 stören.
  • Erhöhter Bedarf: In bestimmten Lebensphasen, wie Schwangerschaft, Stillzeit oder bei hoher Stressbelastung, kann der Bedarf an Vitamin B12 erhöht sein.

Symptome eines Vitamin-B12-Mangels

Die Symptome eines Vitamin-B12-Mangels können vielfältig sein und sich schleichend entwickeln. Dazu gehören:

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  • Neurologische Symptome:
    • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder brennende Schmerzen in Händen und Füßen (symmetrische Gefühlsstörungen)
    • Unsicherheit beim Gehen und Stehen (Ataxie)
    • Muskelschwäche
    • Koordinationsstörungen
    • Sehstörungen (Schädigung des Sehnervs)
    • Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen
    • Depressive Verstimmungen, Reizbarkeit, Apathie
    • Im fortgeschrittenen Fall: Demenz, funikuläre Myelose (Schädigung des Rückenmarks)
  • Weitere Symptome:
    • Müdigkeit, Erschöpfung, Schwäche
    • Blässe
    • Appetitlosigkeit
    • Anämie (Blutarmut)

Neurologische Ausfälle bei Vitamin-B12-Mangel

Ein Vitamin-B12-Mangel kann zu neurologischen Ausfällen aufgrund des gestörten Nervensystems führen. Als Folge eines schwerwiegenden Mangels können das Rückenmark (funikuläre Myelose) und das Gehirn geschädigt werden. Die Schädigungen am Rückenmark können sich durch Missempfinden um die Unterschenkel und Fußgelenke zeigen. Zudem kann die Koordination der Bewegung gestört und die Muskulatur geschwächt sein. Durch die Schädigung des Gehirns können psychiatrische Symptome die Folge sein. Dazu zählen Verwirrung, Reizbarkeit, Apathie und auch Depressionen. Und die Leistung des Gehirns kann nachlassen, was sich durch Konzentrationsschwäche, Gedächtnisstörungen bis hin zur Demenz äußern kann. Auch das sogenannte periphere Nervensystem kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Ist das periphere Nervensystem betroffen, kann es hierdurch ebenfalls zu Empfindungsstörungen an Händen und Füßen kommen.

Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels

Die Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels erfolgt in der Regel durch eine Blutuntersuchung. Dabei werden verschiedene Marker bestimmt:

  • Gesamt-Vitamin B12: Ein unspezifischer Wert, der sowohl aktives als auch inaktives Vitamin B12 erfasst.
  • Holo-Transcobalamin (Holo-TC): Ein Frühmarker, der den Status des tatsächlich aktiven Vitamins anzeigt.
  • Methylmalonsäure (MMA): Ein empfindlicher Marker, der sich bei Vitamin-B12-Mangel im Blut und Urin anreichert.
  • Homocystein: Ein weiterer Marker, der bei Vitamin-B12-Mangel ansteigen kann.

Bei Verdacht auf einen Mangel sollte ein Arzt konsultiert werden, um die Ursache abzuklären und die geeignete Behandlung einzuleiten.

Behandlung eines Vitamin-B12-Mangels

Die Behandlung eines Vitamin-B12-Mangels richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad des Mangels. Mögliche Behandlungsoptionen sind:

  • Vitamin-B12-Injektionen: Bei schweren Mangelzuständen oder Aufnahmestörungen werden Vitamin-B12-Injektionen verabreicht, um den Speicher schnell aufzufüllen.
  • Vitamin-B12-Tabletten: Bei leichteren Mangelzuständen oder zur Erhaltungstherapie können Vitamin-B12-Tabletten eingenommen werden. Hierbei ist eine Dosierung von 1000 µg Vitamin B12 am wirksamsten.
  • Anpassung der Ernährung: Bei mangelnder Zufuhr sollte die Ernährung angepasst und vermehrt Vitamin-B12-haltige Lebensmittel konsumiert werden.
  • Behandlung der Grunderkrankung: Bei Aufnahmestörungen sollte die Grunderkrankung behandelt werden, um die Vitamin-B12-Aufnahme zu verbessern.

Wann ist Vitamin B12 zu hoch?

Es gibt vier Mechanismen, die einen erhöhten Blutwert des Vitamin B12 bewirken:

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  • Übermäßige Zufuhr: Die Vitamin-B12-Spiegel steigen, wenn man mehr von dem Vitamin aufnimmt, als der Körper braucht oder speichern kann.
  • Freisetzung aus internem Speicher: Das im Körper gespeicherte Vitamin B12 kann in den Blutkreislauf abgegeben werden. Das passiert vor allem, wenn die Leber geschädigt ist.
  • Anstieg des Transportproteins Transcobalamin (TCB): Transcobalamin ist ein Protein, das Vitamin B12 im Blut bindet und beim Transport hilft.
  • Mangel oder Funktionsdefekt von TCB: Wenn Transcobalamin nicht vorhanden ist oder nicht effektiv an Vitamin B12 bindet, sind die frei zirkulierenden Spiegel des Vitamins erhöht.

Es gibt eine Reihe von verschiedenen Erkrankungen, die über diese Mechanismen das Vitamin B12 erhöhen können. In der folgenden Auflistung finden Sie die häufigsten Ursachen für ein erhöhtes B12.

  • Krebserkrankungen: Solide Tumore (wie Brust-, Magen oder Lungenkrebs) können einen erhöhten Cobalaminspiegel im Blutserum verursachen, da die Tumorzellen vermehrt Haptocorrin produzieren - das Schutzprotein, das im Magen freigesetztes Vitamin B12 vor der aggressiven Magensäure abschirmt.
  • Bluterkrankungen: Verschiedene Bluterkrankungen wie Chronische myeloische Leukämie oder Polycythemia vera können ebenfalls den Vitamin-B12-Spiegel erhöhen.
  • Lebermetastasen und Leberkrankheiten: Bei Lebererkrankungen (wie Leberzirrhose und Hepatitis) sowie Lebermetastasen kann eine große Menge gespeichertes Vitamin B12 aus geschädigten Leberzellen in den Blutkreislauf übertreten.
  • Niereninsuffizienz: Auch die Nieren scheiden überschüssiges Vitamin B12 aus (über den Urin). Das funktioniert aber bei Nierenschwäche nicht gut, wodurch ebenfalls der Vitaminspiegel im Blut ansteigt.
  • Entzündliche Erkrankungen: Erkrankungen wie Autoimmunkrankheiten oder systemische Infektionen können ebenfalls die Ursache für einen erhöhten Vitamin-B12-Serumspiegel sein.

Vitamin B12: Lebensmittel mit hohem Gehalt

Da der Körper B-Vitamine nicht selbst herstellen kann, ist es wichtig, die Nährstoffe regelmäßig über die Nahrung aufzunehmen. Vitamin B12 kommt fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor. Gute Quellen sind:

  • Leber: Enthält besonders hohe Mengen an Vitamin B12.
  • Fleisch: Insbesondere rotes Fleisch.
  • Fisch: Zum Beispiel Lachs, Thunfisch und Hering.
  • Eier:
  • Milch und Milchprodukte:

Für Veganer und Vegetarier ist es wichtig, auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B12 zu achten, entweder durch angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Einige Lebensmittel wie vegane Ersatzprodukte, Frühstückszerealien und Fruchtsäfte werden bevorzugt mit Vitamin B12 angereichert.

Ernährungstipps für eine ausreichende B-Vitamin-Versorgung

Um eine ausreichende Versorgung mit B-Vitaminen sicherzustellen, empfiehlt sich eine ausgewogene Ernährung mit einer Vielzahl von Lebensmitteln.

  • Integrieren Sie regelmäßig Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte in Ihre Ernährung.
  • Achten Sie als Veganer oder Vegetarier auf angereicherte Lebensmittel oder nehmen Sie Vitamin-B12-Präparate ein.
  • Berücksichtigen Sie individuelle Bedürfnisse und Risikofaktoren (z.B. Alter, Erkrankungen, Medikamente) und lassen Sie Ihren Vitamin-B12-Spiegel bei Bedarf überprüfen.

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