Vitamin C, auch bekannt als L-Ascorbinsäure, ist ein wasserlösliches Vitamin, das für zahlreiche biochemische Prozesse im Körper unerlässlich ist. Während die empfohlene tägliche Zufuhr über die Nahrung in der Regel ausreichend ist, um Mangelzustände zu vermeiden, werden in der Komplementär- und Alternativmedizin, insbesondere in der Onkologie, hochdosierte intravenöse Vitamin-C-Infusionen (HDIVC) eingesetzt. Diese Therapieform zielt darauf ab, durch die Umgehung der begrenzten oralen Bioverfügbarkeit von Vitamin C deutlich höhere Plasmakonzentrationen zu erreichen.
Grundlagen der Vitamin-C-Therapie
Vitamin C: Eigenschaften und Wirkungsweise
Vitamin C ist ein essenzieller Nährstoff, der vom menschlichen Körper nicht selbst produziert werden kann und daher über die Nahrung aufgenommen werden muss. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 110 mg für Männer und 95 mg für Frauen. Vitamin-C-reiche Lebensmittel sind unter anderem Kohlsorten, Zitrusfrüchte, Sanddornbeeren, Hagebutte und Petersilie.
In physiologischen Konzentrationen wirkt Vitamin C antioxidativ und spielt eine wichtige Rolle im Eisenstoffwechsel sowie als Co-Faktor für verschiedene Enzyme. Durch intravenöse Gabe von Vitamin C in hohen Dosen (ab 0,5-1 g/kg Körpergewicht pro Tag) können jedoch Plasmakonzentrationen von bis zu 25 mM erreicht werden, die oral nicht erreichbar sind. In diesen Konzentrationen kann Vitamin C pro-oxidativ wirken, indem es die Bildung freier Radikale durch Reaktion mit intrazellulärem Eisen und Sauerstoff begünstigt.
Qualitätsanforderungen und Anwendung
Vitamin-C-Produkte für Infusionszwecke basieren hauptsächlich auf der Reinsubstanz L-Ascorbinsäure. Die Qualität des Rohstoffs muss den Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs entsprechen und eine geringe Belastung mit Verunreinigungen aufweisen. Alternativ kann auch Natriumascorbat verwendet werden.
Bei Krebserkrankungen wird HDIVC in klinischen Studien meist als Bolusinfusion 1-3 Mal pro Woche in einer Dosis von 0,5-1,5 g Vitamin C pro kg Körpergewicht appliziert, oft parallel zur medikamentösen Tumortherapie. Um die Löslichkeit und Osmolarität zu gewährleisten, werden pro 1 g Vitamin C etwa 20 ml einer Trägerlösung (in der Regel Natriumchlorid 0,9 %) verwendet. Die Infusionsgeschwindigkeit beträgt in der Regel 0,5-1 g/Minute.
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Wirksamkeit von HDIVC in der Onkologie
Antitumoröse Therapie
Die Forschung zur antitumorösen Wirksamkeit von HDIVC hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Ergebnisse aus zwei randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) und einer Pilotstudie deuten darauf hin, dass HDIVC in Kombination mit Chemotherapie bei bestimmten Krebsarten eine antineoplastische Wirkung haben könnte. Dies betrifft insbesondere Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom, ältere Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (>60 Jahre), ältere Patienten mit metastasiertem kolorektalem Karzinom (>55 Jahre) und Patienten mit RAS-Mutationen.
Eine randomisierte, multizentrische Phase-III-Studie untersuchte die Wirksamkeit von HDIVC zusätzlich zu einer Chemotherapie bei Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom. Die Studie ergab keine signifikanten Unterschiede im progressionsfreien Überleben (PFS), der objektiven Ansprechrate (ORR) und dem Gesamtüberleben (OS). Allerdings zeigte sich in Subgruppen mit RAS-Mutationen und bei älteren Patienten eine signifikante Verlängerung des PFS.
Eine weitere RCT untersuchte die Wirksamkeit von intravenösem Vitamin C bei älteren Patienten mit akuter myeloischer Leukämie. Die Ergebnisse zeigten eine signifikant höhere Rate an kompletten Remissionen in der Vitamin-C-Gruppe sowie einen Trend zu einem höheren 3-Jahres-Überleben.
Supportive und palliative Therapie
Die Ergebnisse zur unterstützenden und palliativen Wirkung von HDIVC sind widersprüchlich. Eine große RCT deutete darauf hin, dass HDIVC die Krebs-bedingten oder Therapie-assoziierten Nebenwirkungen bei Patienten mit metastasiertem Kolorektalkarzinom nicht mindern kann. Im Gegensatz dazu ergab eine kleine Pilot-RCT, dass HDIVC in Kombination mit Chemotherapie die leichtgradigen Nebenwirkungen bei Patientinnen mit Ovarialkarzinom reduzieren kann, ohne jedoch einen Einfluss auf höhergradige Nebenwirkungen zu haben.
Aktuelle Leitlinienempfehlungen
Die S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie (2015) gibt keine Empfehlung für die Einnahme von Mikronährstoffpräparaten, einschließlich Vitamin C, und rät von der Gabe hochdosierter Antioxidantien während einer Chemotherapie ab. Die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin (2021) gibt aufgrund nicht ausreichender Daten keine Empfehlung für oder gegen HDIVC als antineoplastische Therapie.
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Vitamin C und Hirntumoren: Neue Erkenntnisse
Vitamin C als Strahlensensibilisator
Eine aktuelle Studie der University of Otago in Wellington, Neuseeland, hat gezeigt, dass Hirntumorzellen empfänglicher für Bestrahlung sind, wenn ihnen hochdosiertes Vitamin C verabreicht wird. Die Studie untersuchte die Wirkung von hochdosiertem Vitamin C in Verbindung mit Bestrahlung auf das Überleben von Krebszellen des Glioblastoma Multiforme (GBM), einem bösartigen Hirntumor. Dabei wurde festgestellt, dass hochdosiertes Vitamin C selbst DNA-Schäden und Zelltod verursacht.
Da GBM-Tumore äußerst strahlenresistent sind und Hirntumorpatienten schlechte Heilungschancen haben, könnte die Kombination von hochdosiertem Vitamin C und Bestrahlung eine vielversprechende Behandlungsstrategie darstellen. Die Forscher fanden heraus, dass das Abtöten der Hirntumorzellen einfacher ist, wenn zuvor hochdosiertes Vitamin C verabreicht wurde.
Wirkmechanismus und selektive Zytotoxizität
Der Wirkmechanismus von HDIVC beruht auf seiner Fähigkeit, in pharmakologischen Dosen pro-oxidativ zu wirken. Im Tumormilieu erzeugt Vitamin C aggressive freie Radikale, die die DNA der Krebszellen schädigen und zum Zelltod führen. Gesunde Zellen sind aufgrund ihrer antioxidativen Enzyme besser vor diesen Schäden geschützt.
Es wird angenommen, dass maligne Zellen aufgrund ihres erhöhten labilen Eisenpools und ihrer geringeren Menge an antioxidativen Enzymen selektiv geschädigt werden. Die klinisch gute Verträglichkeit von HDIVC untermauert diese Annahme, auch wenn der genaue Mechanismus noch nicht vollständig geklärt ist.
Kontroverse um Antioxidantien und Angiogenese
Eine Studie des Karolinska Institutet hat gezeigt, dass Antioxidantien, einschließlich Vitamin C, die Bildung neuer Blutgefäße in Lungenkrebstumoren stimulieren können. Dies könnte das Tumorwachstum und die Metastasierung fördern. Die Forscher fanden heraus, dass Antioxidantien ein Protein namens BACH1 stabilisieren, was zur Bildung neuer Blutgefäße führt.
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Diese Erkenntnisse werfen Fragen hinsichtlich des Einsatzes von Antioxidantien in der Krebstherapie auf. Während Antioxidantien in normaler Nahrung in der Regel keinen Schaden anrichten, warnen die Forscher vor zusätzlichen Mengen durch Vitaminpräparate.
Sicherheit und Nebenwirkungen
Für gesunde Menschen ist hochdosiertes Vitamin C intravenös in der Regel unproblematisch. Als Nebenwirkungen treten während der Infusion vor allem Durst und erhöhter Harnfluss auf. In Einzelfällen kann es zu Übelkeit/Erbrechen, Schüttelfrost und/oder Kopfschmerzen kommen. Nach der Infusion berichten manche Menschen über Benommenheit oder über Beinödeme, die einige Tage andauern können.
Vorsicht ist geboten bei Patientinnen und Patienten mit:
- Neigung zu Nierensteinen
- Niereninsuffizienz
- Erythrozytärem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
- Eisenspeichererkrankungen
In diesen Fällen gibt es jeweils eine empfohlene Maximaldosis für Vitamin C, die unbedingt einzuhalten ist. Patienten mit Eisenspeichererkrankungen sollten hochdosiertes Vitamin C gar nicht bekommen.