Die Anwendung von hochdosiertem Vitamin C als mögliche Therapieergänzung bei Krebserkrankungen, insbesondere beim Glioblastom, ist ein Gebiet intensiver Forschung und Debatte. Dieser Artikel beleuchtet die Studienlage, Wirkungsweisen und Kontroversen rund um Vitamin-C-Infusionen in der Onkologie, wobei der Fokus auf Glioblastom-Studien liegt.
Einführung: Vitamin C - Vom Antioxidans zum potenziellen Prooxidans
Vitamin C, auch bekannt als Ascorbinsäure, ist ein wasserlösliches Vitamin, das für seine antioxidativen Eigenschaften bekannt ist. In normalen Dosen wirkt es als Radikalfänger und schützt Zellen vor Schäden durch freie Radikale. Der Körper hält die Konzentration des lebenswichtigen Vitamins in engen Grenzen. Durch eine parenterale Gabe kann diese Kontrolle jedoch umgangen werden. Interessanterweise zeigt Vitamin C in hohen Dosen, die durch intravenöse Verabreichung erreicht werden können, eine prooxidative Wirkung.
Die prooxidative Wirkung von hochdosiertem Vitamin C
In hohen Konzentrationen wandelt sich Vitamin C von einem Antioxidans in ein Prooxidans, das Wasserstoffperoxid (H2O2) freisetzt. Diese Eigenschaft wird als potenzieller Mechanismus für die Antitumorwirkung von Vitamin C diskutiert. Krebszellen weisen oft einen erhöhten labilen Eisenpool auf und speichern mehr Eisen. Gleichzeitig mangelt es ihnen häufig an antioxidativen Enzymen wie Katalase und Glutathionperoxidase. Die Theorie besagt, dass das freigesetzte Wasserstoffperoxid selektiv Krebszellen schädigen kann, während gesunde Zellen durch ihre eigenen Schutzmechanismen widerstandsfähiger sind.
Tierexperimentelle Studien: Reduktion des Tumorwachstums
Frühe experimentelle Studien, wie die im Jahr 2008 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichte, zeigten, dass hochdosiertes Vitamin C in Tiermodellen das Wachstum von aggressiven Tumoren deutlich reduzieren kann. In diesen Studien wurden Mäuse mit Ovarial-, Pankreaskarzinom oder Glioblastom behandelt, denen die Tumoren zuvor transplantiert worden waren. Die Ergebnisse zeigten eine Reduktion von Tumorwachstum und -gewicht um 41 bis 53 Prozent bei allen drei Malignomen. Bemerkenswert war, dass beim Glioblastom auch die Metastasierung in andere Organe verhindert werden konnte, die in der Kontrollgruppe bei 30 Prozent der Tiere beobachtet wurde.
Klinische Studien am Menschen: Erste Hinweise und laufende Untersuchungen
Die vielversprechenden Ergebnisse aus den Tierexperimenten führten zu klinischen Studien am Menschen. Eine Studie von Jeanne Drisko von der Universität Kansas City rekrutierte Patientinnen mit gynäkologischen Tumoren (Ovar, Uterus, Cervix). Das Cancer Treatment Centers of America aus Zion/Illinois führte ebenfalls eine Studie durch, in der Patienten eine intravenöse Vitamin-C-Therapie erhielten.
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Eine weitere klinische Phase-2-Studie der University of Iowa zeigte eine signifikante Verbesserung der Überlebensrate bei Patienten mit Glioblastom, wenn hochdosiertes intravenöses Vitamin C zusätzlich zur Standard-Chemotherapie und Strahlentherapie verabreicht wurde.
Derzeit läuft noch eine dritte Phase-II-Studie zum nichtkleinzelligen Lungenkarzinom, deren Ergebnisse innerhalb eines Jahres erwartet werden.
Standardtherapie des Glioblastoms
Bislang war die Operation mit anschließender Bestrahlung Standard der Behandlung. Die fraktionierte Bestrahlung plus simultaner Chemotherapie mit Temozolomid - gefolgt von sechs Zyklen des Zytostatikums - gilt seit der diesjährigen 40. Professor Roger Stupp von der Universitätsklinik in Lausanne hat die Daten der Multicenter-Phase-III-Studie vorgestellt. Die Zentren haben 573 Patienten nach der Operation oder nach einer Biopsie in zwei Studienarme randomisiert: Die Kontrollgruppe wurde bestrahlt (60 Gray (Gy) in 30 täglichen Fraktionen à 2 Gy). Nach zwei Jahren lebten noch zehn Prozent der Patienten im Kontrollarm, aber 27 Prozent in der Behandlungsgruppe. Patienten, die zusätzlich zur Bestrahlung die Chemotherapie erhalten hatten, lebten im Durchschnitt 15 Monate, Probanden, die nur bestrahlt worden waren, 12 Monate. Das progressionsfreie Überleben betrug 7,2 Monate in der Behandlungsgruppe und fünf Monate im Kontrollarm. "Das Ergebnis ist ein großer Fortschritt für unsere Patienten", sagte der Onkologe.
Dosierung und Applikation: Der entscheidende Unterschied
Ein wichtiger Aspekt bei der Anwendung von Vitamin C in der Krebstherapie ist die Art der Verabreichung. Orale Einnahme führt nur zu geringen Konzentrationen im Blut, da der Körper die Aufnahme reguliert. Um die gewünschten pharmakologischen Konzentrationen zu erreichen, ist eine intravenöse Gabe erforderlich.
In klinischen Studien werden oft Dosierungen von 0,5 bis 1,5 Gramm Vitamin C pro Kilogramm Körpergewicht als Bolusinfusion 1-3-mal pro Woche appliziert. Um die Löslichkeit und Osmolarität zu gewährleisten, werden pro 1g Vitamin C ca. 20ml einer Trägerlösung (in der Regel Natrium Chlorid 0,9%) verwendet. Die Infusionsgeschwindigkeit beträgt zwischen 0,5-1g/Minute.
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Sicherheit und Verträglichkeit
Für gesunde Menschen ist hochdosiertes Vitamin C intravenös in der Regel unproblematisch. Als Nebenwirkungen treten während der Infusion vor allem Durst und erhöhter Harnfluss auf. In Einzelfällen kann es zu Übelkeit/Erbrechen, Schüttelfrost und/oder Kopfschmerzen kommen. Nach der Infusion berichten manche Menschen über Benommenheit oder über Beinödeme, die einige Tage andauern können. Vorsicht ist geboten bei Patientinnen und Patienten mit Neigung zu Nierensteinen, mit Niereninsuffizienz und mit erythrozytärem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel. Patienten mit Eisenspeichererkrankungen sollten hochdosiertes Vitamin C gar nicht bekommen.
Kontroversen und Skepsis
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auch Skepsis gegenüber der Anwendung von hochdosiertem Vitamin C in der Krebstherapie. Kritiker weisen darauf hin, dass viele Studien noch in einem frühen Stadium sind und größere, randomisierte, kontrollierte Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Vitamin C zu bestätigen.
Einige Studien deuten darauf hin, dass hochdosiertes intravenöses Vitamin C die Lebensqualität von Krebspatienten verbessern und die Nebenwirkungen einer Chemotherapie verringern könnte. Auch wenn die meisten Menschen Vitamin C, hochdosiert, in der Regel gut vertragen, ist insbesondere in den oben genannten Situationen Vorsicht geboten. Außerdem können Wechselwirkungen mit Krebstherapien und anderen Arzneimitteln nicht ausgeschlossen werden.
Die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin (2021) gibt aufgrund nicht ausreichender Daten keine Empfehlung für oder gegen HDIVC als antineoplastische Therapie.
Weitere Studien und Forschung
Eine randomisierte, multizentrischen Phase-III-Studie (n=442) untersuchten Wang und Kollegen die Wirksamkeit von HDIVC zusätzlich zu einer Chemotherapie mit FOLFOX+/-Bevacizumab auf das PFS, gemessen am radiologischen Ansprechen (RECIST), bei Pat. mit metastasiertem Kolorektalkarzinom (mCRC). [47] Die experimentelle Gruppe erhielt an den Tagen 1-3 der Chemotherapie zusätzlich intravenös 1,5 g/kg Körpergewicht Vitamin C. Der Zyklus wurde alle 2 Wochen wiederholt und nach maximal 12 Zyklen beendet. Im Vergleich zur Kontrollgruppe ergaben sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich des progressionsfreien Überlebens (PFS), objektive Ansprechrate (ORR) und Gesamtüberleben (OS) lediglich ein Trend beim PFS (8,6 vs 8,3 Monate; P = 0,1). In der Subgruppe mit RAS-Mutation sowie bei älteren Pat.>55 Jahre war die PFS-Verlängerung im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant (9,2 vs. 7,8 Monate; P=0,01 bzw. 9,2 vs. 8,1; P nicht gezeigt).
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In einer RCT untersuchten Zhao et al. bei 73 über 60jährigen Pat. mit AML die Wirksamkeit von intravenösem Vitamin C auf die Remissionsraten und auf das Gesamtüberleben. [52] Die Pat. erhielten in der Kontrollgruppe DCAG (Decitabin 15mg/m² Tag 1-5 und G-CSF 300µg Tag 0-9, 10mg/m² Cytarabin q12h Tag 3-9 und 8mg/m² Aclarubicin) und in der experimentellen Gruppe zusätzlich Vitamin C 50-80mg/kg Tag 0-9. Ein primärer Endpunkt war nicht formuliert. Die Autoren berichteten von einer signifikant höheren Rate an kompletten Remissionen in der experimentellen Gruppe nach der ersten Induktion sowie einen Trend höherer kompletter Remissionsraten nach der zweiten Induktion. Es wurde nicht angegeben, ob es sich um zytologische oder molekulare Remissionen handelte. Die Autoren berichteten auch von einem signifikant höheren 3-Jahres-Überleben in der Vitamin C-Gruppe mit 15,3 vs 9,3 …
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