Vibrationstraining wird zunehmend als Therapieoption bei verschiedenen Nervenerkrankungen, insbesondere bei Polyneuropathie, in Betracht gezogen. Es verspricht, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Allerdings ist es wichtig, die spezifischen Wirkmechanismen, Anwendungsbereiche und potenziellen Risiken zu verstehen, um das Training sicher und effektiv zu gestalten.
Was ist Vibrationstraining?
Beim Vibrationstraining steht man meist auf einer vibrierenden Platte. Es gibt verschiedene Arten der Vibration. Die beiden gängigsten sind Systeme, bei denen die Platte quasi hin und her wippt (seitenalternierend), und Systeme, bei denen sich die Platte auf und ab bewegt. Die starke Vibration stellt einen starken Reiz für den Körper dar und kann gewisse Trainingseffekte bewirken. Der im Fitnessbereich am häufigsten angestrebte Effekt ist, dass durch die Vibration Reflexe ausgelöst werden, die kleine Muskelzuckungen verursachen, wodurch die Muskelkraft steigen soll. Deshalb stellt man sich auf die Platten und macht häufig noch weitere Übungen darauf. Dadurch sollen Trainingseffekte auf Muskelkraft- und Größe ausgelöst werden.
Vibrationstraining bei Polyneuropathie: Wie es wirken kann
Vibrationstraining wird bei Polyneuropathie immer wieder empfohlen. Das Training kann helfen, allerdings müssen einige Dinge beachtet werden. Denn Training mit Polyneuropathie funktioniert anders als das in Fitnesstudios gängige Vibrationstraining. Während die Effekte auf die Muskulatur nicht sonderlich groß sind, hat die Vibration dort eine stärkere Wirkung. Die Vibration stellt einen sehr intensiven Reiz für das Nervensystem dar, was jeder der sich auf ein Vibrationsgerät stellt sofort wahrnehmen kann. Verschiedene Arten von Nervenzellen in den Extremitäten werden gereizt und senden ein Feuerwerk von Informationen an das zentrale Nervensystem. Als Folge davon werden verschiedene Botenstoffe ausgeschüttet, die im Nervensystem Anpassungen hervorrufen. Dadurch scheinen Synapsen besser zu funktionieren und ein Schutz vor Schäden des Nervensystems zu entstehen.
Mögliche Vorteile
- Schmerzlinderung: In der Forschung wurde eine Verbesserung der Schmerzen bei Patienten, die aufgrund einer Chemotherapie Polyneuropathie entwickelten, beobachtet (Verhulst et al. 2015). Auch mit Menschen mit diabetischer Polyneuropathie wurden Studien zum Vibrationstraining durchgeführt. Auch hier wurden Verbesserungen der Schmerzen nach Vibrationstraining beobachtet (Kessler et al. 2015; Robinson et al. 2018).
- Verbesserung der Nervenfunktion: Man kann aufgrund dessen vermuten, dass Vibrationstraining zu einer Verbesserung der Nervenfunktion führt, die auch bei Polyneuropathie positive Effekte hat. Dadurch wurde sogar eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten in Tierversuchen festgestellt (Cariati et al. 2022). Regtershot et al. (2014) beobachteten auch bei Menschen Verbesserungen bei verschiedenen Denkaufgaben.
- Einfluss auf die Mobilität und Gangsicherheit: Streckmann et al. (2019) verglichen die Wirkung des Vibrationstrainings mit der Wirkung von Gleichgewichtstraining. Vibrationstraining führte hier zu einer Reduktion der Schmerzen, allerdings zeigte sich auch, dass das Gleichgewichtstraining bessere Effekte für die Mobilität und die Gangsicherheit bewirkte als das Vibrationstraining. Gangunsicherheit und Missempfindungen können durch Störung der peripheren Nerven (Polyneuropathie) ausgelöst werden. Durch diese Übungen können Sie das Auftreten neuropathischer Symptome lindern oder sogar vermeiden.
Studienlage
Tatsächlich wurden (kleine) Verbesserungen der Muskelkraft beobachtet, wenn man auf Vibrationsgeräten trainiert. Allerdings sind die Effekte umso kleiner, je fitter man ist. Als reine Fitnessübung für Gesunde Sportler ist der Effekt von Vibrationstraining also sehr begrenzt und wird oft übertrieben dargestellt (Studien dazu finden Sie hier: (Rogan et al. 2015; Cochrane et al. 2004). Allerdings ist die Qualität der Studien nicht so gut, dass sich eine klare Aussage darüber treffen lässt, wie groß die Effekte tatsächlich sind. Ich gehe aufgrund der vorliegenden Studien und meiner eigenen Erfahrungen davon aus, dass Schmerzen und Missempfindungen bei Polyneuropathie durch Vibrationstraining etwas gemildert werden. Bei meinen eigenen Patienten habe ich allerdings beobachtet, dass die Wirkung nicht ausgesprochen stark ist. Die langfristigen Effekte des Vibrationstrainings bei Poylneuropathie wurden außerdem noch nicht untersucht. Bisher liegen nur Studien zum Training über einige Wochen vor.
Anwendungsempfehlungen für Polyneuropathie
In vielen Fitnesstudios wird Vibrationstraining als eine Art von Fitnesstraining angewendet. Die Form, in der es dazu angewandt wird, ist allerdings für Patienten mit Polyneuropathie nicht geeignet. Im Fitnesstraining wird meistens eine Dauer von 10-15 Minuten angewandt und auf der vibrierenden Platte Übungen gemacht. Das Ziel des Trainings ist es bei Polyneuropathie, die Nerven zu stimulieren und nicht, Muskeln zu aktivieren. Deshalb reicht es, sich einfach auf die Platte zu stellen, oder sich sogar neben die Platte auf einen Stuhl zu setzen und die Füße darauf zu stellen. Im Sitzen oder Stehen ohne zusätzliche Bewegungen scheint die Wirkung sogar größer zu sein, als wenn man gleichzeitig Übungen macht. Es ist also besser, während einer Trainingseinheit erst das Vibrationstraining abzuschließen bevor man mit Kraftübungen weitermacht. Das Training sollte außerdem immer nur kurz dauern. Die Vibration sollte immer nur 1 Minute angewandt werden, dann sollte man mindestens 1 Minute Pause machen, bevor man weiter macht. Man kann dies dann mehrmals wiederholen. Wenn man neu mit dem Vibrationstraining beginnt, sollte man mit langsamen Schwingungen beginnen und diese mit der Zeit langsam steigern. Die Vibrationsfrequenz, bei der in der vorliegenden Forschung die stärksten Effekte gemessen wurden ist 30 Hz (Shantakumari & Ahmed 2023). Leider ist es relativ schwer herauszufinden, mit welcher Frequenz eine Platte schwingt, weil die meisten Geräte keine Anzeige in Hz besitzen. Allerdings sind 30 Hz eine recht hohe Frequenz. Denn 30 Hz bedeutet, dass die Platte sich mit einer Frequenz von 30 Schwingungen pro Sekunde bewegt. Bei den meisten Geräten dürfte das im schnellsten Bereich dessen sein was die Platte schafft.
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Vibrationstraining bei Multipler Sklerose (MS)
Die Wirkungen von Training mit Vibrationsplatten bei MS-Patienten sind wissenschaftlich untersucht worden. Persönlich habe ich gute Erfahrungen gemacht und nutze das Gerät fast täglich. Aber, der Grat zwischen zu wenig (=wirkungslos) und zu viel (= etwa Spastiken) ist schmal.
Galileo Therapie kann erfolgreich bei der Behandlung von Multipler Sklerose (MS), Parkinson, inkompletter Paraplegie (inkomplette Querschnittlähmung, SCI), Muskeldystrophie, bei Schlaganfall-Patienten sowie bei chronischen Schmerzen wie beispielsweise Fibromyalgie oder Gelenkschmerz eingesetzt werden. Abhängig von der Indikation kann mit Hilfe unterschiedlicher Frequenzen ein Therapiefortschritt erreicht werden. Je nach eingestellter Frequenz können Balance, Koordination, Muskelfunktion oder Muskelleistung gesteigert, Spastik reduziert (Spastikmanagement) oder Kontrakturen reduziert werden.
Studienergebnisse
In einer Pilotstudie untersuchten Freiburger Wissenschaftler die Leistungsfähigkeit von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) bei ihrer Körperhaltung mit einem Training mit Ganzkörpervibration. Im Anschluss an eine Kontrollphase baute die Körperhaltungskontrolle der Patienten mit MS deutlich ab. Die Behandlungsphase mit Ganzkörpervibration führte dagegen nicht zu solchen Verschlechterungen aufgrund der Erkrankung. Die Wissenschaftler untersuchten die Leistungsfähigkeit der Patienten bei ihrer Körperhaltung vor und nach 6 Wochen einer Kontroll- bzw. einer Behandlungsphase mit Ganzkörper-Vibrationstraining. Die Untersuchung wurde in der Universität Freiburg und mit Training zu Hause durchgeführt. Anhand der Druckverlagerungen auf einer Trainingsplatte sowie der Aktivität verschiedener Muskeln ermittelten die Forscher, wie sich die Körperhaltung und Stabilität des Körpers nach Kontroll- und Trainingsphase unterschied. Von anfänglich 29 möglichen Teilnehmern konnten schließlich 15 Patienten mit schwerer MS in die Studie aufgenommen werden. Nach der Kontrollphase zeigten die Maße für Druckverlagerungen deutliche Anzeichen für instabilere Körperhaltung und damit mehr Problemen mit der neuromuskulären Kontrolle. Nach der Behandlungsphase mit der Ganzkörpervibration nahm dagegen die Instabilität nicht weiter zu, nach den Messungen zu urteilen. Druckverlagerungen und neuromuskuläre Kontrolle blieben vergleichbar zur Messung vor Beginn der Behandlungsphase. Über die Zeit sank allerdings die Aktivität des Fußhebermuskels (Musculus tibialis anterior). Die Wissenschaftler fassten zusammen, dass im Anschluss an die Kontrollphase die Körperhaltungskontrolle der Patienten mit MS deutlich abgebaut hatte. Die Behandlungsphase mit Ganzkörpervibration führte dagegen nicht zu solchen Verschlechterungen aufgrund der Erkrankung.
Worauf Sie bei der Anwendung achten sollten
- Individuelle Anpassung: Vibrationstraining sollte immer an die individuellen Bedürfnisse und den Gesundheitszustand des Patienten angepasst werden.
- Kurze Trainingseinheiten: Das Training sollte außerdem immer nur kurz dauern. Die Vibration sollte immer nur 1 Minute angewandt werden, dann sollte man mindestens 1 Minute Pause machen, bevor man weiter macht. Man kann dies dann mehrmals wiederholen.
- Langsame Steigerung: Wenn man neu mit dem Vibrationstraining beginnt, sollte man mit langsamen Schwingungen beginnen und diese mit der Zeit langsam steigern.
- Sicherheit: Falls während der Chemotherapie die Blutplättchen unter 20 000 sinken sollten, sollte man nur im Sitzen auf einem Stuhl trainieren und die Füße auf die Platte stellen um jede Sturzgefahr zu vermeiden.
- Kombination mit anderen Therapien: Bei Polyneuropathie sind außer Vibrationstraining auch Gleichgewichtstraining, Massage und Dehnung, sowie Krafttraining und Ausdauersport sinnvoll. Alle diese Methoden wirken auf ihre Weise und haben positive Effekte. Wenn Sie die verschiedenen Methoden kombinieren möchten, ist es wahrscheinlich am erfolgversprechendsten, zuerst mit dem Vibrationstraining das Nervensystem zu aktivieren, bevor man andere Trainingsmethoden anwendet. Wenn man aufgrund eines anderen Trainings Muskelkater hat, kann man das Vibrationstraining am Tag einer Trainingspause dennoch anwenden.
Geräteauswahl und Kosten
Die Geräte von Power Plate und Galileo kosten allerdings einige tausend Euro und benötigen viel Platz, sodass sie nur für wenige Patienten als Gerät für zu Hause in Frage kommen. Ich habe im Internet die Firma Sportstech und Skandika entdeckt. Galileo trainingsgeräte sind mir zu teuer. Falls man ein billigeres Gerät für den Hausgebrauch anschaffen will, sollte man prüfen, ob es eine ausreichende Frequenz schafft. Wenn man die Vibration wie empfohlen anwendet und immer nach einer Minute Vibration eine Pause von einer Minute macht, kann man in den meisten Fällen ein tägliches Training durchführen. Denn das Nervensystem erholt sich relativ schnell von der Belastung.
Weitere Übungen bei Polyneuropathie
Jede Übungsposition sollten Sie für 20 Sekunden halten, gefolgt von 40 Sekunden Erholung für die Seite. In der Zeit kann z.B. Nehmen Sie ein dickes Handtuch, falten es zusammen und stellen sich darauf. Der Untergrund soll dadurch etwas „wackeliger“ werden. Fixieren Sie einen Punkt in der Ferne auf Augenhöhe. Heben Sie nun ein Bein etwas an und balancieren auf dem anderen Bein. Wechseln Sie nach 20-30 Sekunden auf das andere Bein. Wenn das gut geklappt hat: Wiederholen Sie die Übung einmal mit geschlossenen Augen! Regelmäßiges Üben ist für den Erfolg besonders wichtig.
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Verantwortungsvoller Umgang mit Vibrationstraining
„Wichtig für ein verantwortungsvolles Vibrationstraining ist, dass Trainer wie Trainierende darauf achten, dass die Vibrationsplatte über eine medizinische Zulassung verfügt, denn nur so ist gewährleistet, dass die Vibration auch dort ankommt, wo sie wirken soll - in der Muskulatur, was für jeden Trainer auch versicherungstechnische Relevanz besitzt“, erläuterte Opoku-Afari.
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